Gorch Fock

Es war wieder still in dem kleinen, dämmerdunklen Zimmer mit den dicht verhängten Fenstern und der eben glimmenden Lampe, die dem Erlöschen nahe war. Der Kranke war ruhig geworden. Er hatte die Augen geschlossen und schien zu schlafen, denn sein Atem ging tiefer und gleichmäßiger, und der Mund war nicht mehr so schmerzhaft verzogen. Schwere Schatten lagen unter den Augen, und das Gesicht war fahl und eingefallen: nur das volle, blonde Haar ließ erkennen, daß er jung war.

Heinrich, der Konfirmand, saß am Tische und hielt die Wache bei dem Bruder. Erst hatte er gelesen, nun war er damit fertig und guckte nach dem bunten Schnitzwerk der mächtigen eichenen Truhe und tastete mit den Fingern über den Namen und über den Spruch und die Blumen.

Keine Uhr tickte, die Zeit war stehen geblieben.

Plötzlich rührte Gorch sich.

»Mutter!« sagte er leise.

Heinrich erschrak wie einer, der sich ertappt weiß, und zog die Hand zurück und ließ Truhe Truhe sein.

»Mutter schläft, Gorch. Ich bin bei dir.«

Der Bruder öffnete die Augen und richtete sich mühsam im Bette auf.

»Was ist, Heinrich, Abend oder Morgen?«

»Die Klock muß so bei Zehn herum sein.«

»Ist das Wetter sichtig?«

Heinrich bog die Vorhänge etwas auseinander.

»Es ist heller Mondschein, Gorch.«

»Laß mich sehen!« bat der Kranke, und als der Junge zögerte, verlangte er dringender: »Laß mich sehen!«

Da schob Heinrich die weißen Laken zurück. Und Gorch starrte unverwandt hinaus und sah den dunklen Deich und die weite, graue Elbe und die vielen Lichter, wie sie blinkten, wie sie kamen und gingen, und die hohen, schwarzen Segel der Fischerjollen. Und sah den Mondschein, der den Schatten der kahlen Linden auf die Steine warf, und den gelben Mond, der groß und kalt am Heben stand.

Was in ihm vorging, was er sann und grübelte, was für Gedanken ihn überkamen, ließ sich nicht sagen. Er sprach kein Wort und verzog keine Miene. So blickte er lange in die Nacht, bis ihm die Augen zufielen und er schwer in die Kissen zurücksank.

Da stand Heinrich leise auf und verhängte das Fenster wieder, und wieder blieb die Zeit stehen.

Bis Gorch abermals erwachte.

»Mein Seefahrtsbuch, Heinrich!«

»Was willst du damit?«

»Mein Seefahrtsbuch!«

Er griff erregt in die Decken.

»Ich weiß nicht, wo es ist.«

»Mein Seefahrtsbuch!«

Heinrich zog den Mund schief, es blieb ihm aber doch nichts übrig, als hinzugehen und es aus dem Schrank herauszusuchen. Hastig griff Gorch danach, legte das abgegriffene Buch vor sich hin und blätterte darin und sah nicht mehr, daß er es auf dem Kopfe hielt, und fing an zu erzählen:

»Sieh her, Heinrich!… als Leichtmatrose mit der ‚Pisagua‘ von Hamburg nach Iquique und zurück. Salpeter geladen, Junge. Um Kap Horn. Zweimal. Und zweimal über die Linie. Sieh her, Heinrich!… Als Matrose mit der ‚Lesum‘ von Bremen nach Ostindien. Um Afrika herum. Einhundertfünf Tage. In Kalkutta von Bord. Mit dem englischen Steamer ‚Crawford‘ nach London. Durch den Suezkanal, Heinrich. Mit einer norwegischen Bark… der Deubel mag den Namen behalten haben… in Ballast nach Frederikstad, zurück mit Holz nach Emden. Stille Leute, diese Norweger, haben es aber hinter den Ohren, Heinrich. Mit der Jacht ‚Nebelung‘ in der Levante herumgekreuzt. Feines Essen und nichts zu tun. Bloß putzen und scheuern, rein als ‘n Köksch. Mit dem Fischdampfer ‚Poseidon‘ neun Monate bei Spitzbergen im Eise gedonnert. Eisbären gefangen, Heinrich. Waren aber nicht zahm zu kriegen. Mit dem Viermaster ‚Marie‘ sechshundert Polacken nach Honolulu geschafft. Böse Fracht, Junge. Sechshundert Seekranke. Dann von Rangoon mit Reis nach Liverpool. Mit der ‚Columbia‘ von Hamburg nach Neuyork, dreimal hin und her. Eine Notreise mit Harm Focks Ewer. Es war gerade in der Schollenzeit, Heinrich. Ich weiß es noch wie heute…« Er brach ab, seine Gedanken verwirrten sich auf ihrer Weltenwanderung. Mit schwächerer Stimme gab er drein: »Kanton… Singapore… Aden… Gibraltar… Lissabon… Bordeaux… Reval… Stockholm… New Orleans… Kingstown… Maracaibo…« Hier schwieg er ganz: das Fieber war gekommen und hatte einen dicken Strich über sein Seefahrtsbuch gemacht.

Heinrich hatte genau zugehört. Wie sie sich in seinem vierzehnjährigen Kopfe abmalten, so sah er all die fremden Häfen und Küsten vor sich: mit hohen Leuchttürmen, mit runden Kuppeln, mit Palmen und Zedern, mit gelben Mongolen und schwarzen Negern.

Gorch ermunterte sich wieder.

»Das alles habe ich gesehen, Heinrich. Die ganze Erde, die ganze Welt. Im Osten und Westen, im Süden und Norden. Und nun ich krank zurückgekommen bin und keinen Sack voll Geld mitgebracht habe, bedauern sie mich bei Euch am Deich und sagen, mein Leben sei umsonst gewesen, und ich hätte nichts davon gehabt. Sind große Hansnarren, Junge! Große Hansnarren! Mein Leben ist nicht umsonst gewesen, und ich habe was davon gehabt. Mehr, als sie denken können, und mehr, als ich selbst glaubte. Ich habe gelebt und gelacht und gekämpft und bin immer weiter gesteuert, immer weiter… aber, weißt du, Heinrich, immer gerade aus.«

»Hattest du kein Heimweh?« fragte der Junge.

Der Weltumsegler schüttelte den Kopf.

»Nein, Heinrich. Da war der Heimatswimpel schon, er lag nur ganz zu unterst in meiner Teakholzkiste. Einmal hätte ich ihn schon aufgeholt, aber erst wollte ich noch mehr sehen, immer mehr. Die Welt war ja so groß und wurde immer größer. Junge, du weißt ja nicht, wie es auf dem Kai von Singapore wimmelt von Menschen, braun, schwarz, gelb und weiß, wie schön die Sonne auf dem Golf von Neapel blinkt, wie eigen einem das Nordlicht vorkommt, wie viel klarer im Süden die Sterne sind, wie im Atlantik der Sturm rast, wie es tut, wenn man hundert Tage auf dem Wasser gewesen ist und dann einen dunklen Streifen vor sich sieht. Wie Kolumbus begrüßt du dein Indien. Und glücklich habe ich gefahren, immer gute Reisen, kein Schiffbruch, keine Havereien, keine Krankheit … bis Maracaibo. Ich tausche mit denen nicht, die bis Altona oder Helgoland gekommen sind. Ich habe gelebt.«

Er verpustete sich einen Augenblick und schob sich das Kopfkissen unter den Rücken.

»Nun bin ich krank. Auf den Tod krank. Und kann nicht den kleinen Finger rühren, ohne mir weh zu tun. Und habe keinen Willen mehr, als den: nur erst still zu sein, nur erst unter der Erde zu liegen. Ich kann kaum sitzen und habe bei Sturm und Nacht auf der Ra gestanden. Wäre ich hinuntergeweht. Aber so hinzuschmelzen, wie der Schnee im Frühjahr, der auch wochenlang liegen bleibt. Und so schwach und klein zu werden, das ist bös, Heinrich! So zu liegen und zu jammern.«

Der Fieberfrost schüttelte ihn.

»Lach mich aus, Heinrich! Du bist gesund und die Gesunden tun am besten, wenn sie über die Kranken lachen… Und hör’ nicht auf mein Klagen, Heinrich. Wenn es zu weh tut, jammere ich mitunter, daß es schlecht gewesen und verkehrt von mir zu fahren. Es war nicht verkehrt, Junge! Es war recht, war schön, schön und gut. Windstille, Regen, Nebel, Sturm: alles war schön.«

»Sprich nicht so viel, Gorch. Es tut dir weh.«

»Nicht lange mehr, Heinrich… Heinrich! Du kommst nun Ostern aus der Schule und willst zur See. Aber du sollst nicht, weil es mit mir schief gegangen ist, und weil Vater und Jan geblieben sind. Sie raten dir alle ab, ich höre es ja jeden Tag. Und ich soll dir auch abraten. Aber ich rate dir zu, Heinrich! Glaube mir, es ist draußen doch schöner als binnen, und auf See weht die reinste Luft und am besten schläft es sich, wenn die Seen an der Schiffswand plätschern und glucksen. Die Welt ist nicht so fremd, Heinrich, wie sie erzählen, wenn sie um den Ofen sitzen. Sie ist bloß groß. Sie wollen dich Jungen dumm schnacken, dich breitschlagen… hör’ nicht darauf … sie sind jung gewesen und können die Jungen nicht mehr verstehen.«

Heinrich sah ihn fest an.

»Ich tu auch doch, was ich will, Gorch.«

»Tu es, Junge! Begucke dir die Welt und denke an deinen Bruder, wenn du um Kap Horn kreuzest. Und singe mit, wenn die andern Matrosen singen, und bleibe nicht an Bord, wenn sie abends an Land gehen. Geh zur See, Heinrich … Und nun … ruf’ die Mutter … ich fühle, daß ich zu Ende bin … ich möchte ihr gern noch einmal die Hand …«

Damit fiel der wilde, ruhelose Weltumsegler zurück und verschied, um höheren Ortes Verklarung abzulegen.