Wenn Sie zu einem Diner eingeladen werden, müssen Sie nicht unbedingt alle Freunde, die keine Einladung erhalten haben, mit sich nehmen und ihnen sagen: »Das sind sehr liebe Menschen, die werden euch sicher auch bewirten!«
Es dürfen nur solche Gäste erscheinen, die ausdrücklich aufgefordert worden sind, und zwar frühestens eine Viertelstunde vor der Tageszeit, zu der man sie gebeten hat. Ich kannte einmal einen jungen Mann, der am Abend des vorhergehenden Tages bei einem Gastgeber anklingelte und sagte: »Ich habe mich entschlossen, schon heute zu kommen, meinen Schlafrock, die Hausschuhe und das Hemd hab’ ich mit. Ich bleibe über Nacht, denn ich kenne Ihren Vater – wenn man fünf Minuten zu spät kommt, hat er das Mittagessen schon allein verzehrt.«
Zum Diner müssen Sie im dunklen Anzug erscheinen. Ein Pyjama, wenn er auch aus feinster Seide ist, wird auf die Gesellschaft keinen Eindruck machen. Sie müssen vornehm und ruhig ins Zimmer treten, auch wenn Sie im Vorzimmer bereits erregt gefragt haben: »Komme ich zu spät?«
Sie brauchen nicht zu erwähnen, daß Sie die Straßenbahn benützt haben; in der sogenannten guten Gesellschaft spricht man nicht von der Straßenbahn. Am vernünftigsten ist es, wenn Sie daheim Ihre Hose mit Benzin putzen und dann sagen: »Ich habe heute meinen neuen Wagen ausprobiert.«
Im Vorzimmer können Sie die hübsche Zofe in die Wange kneifen. Einen Diener, und wenn er noch so rosige Wänglein hat, brauchen Sie nicht zu zwicken.
Wenn Sie eintreten, müssen Sie nicht neugierig fragen: »Gnädige Frau, was bekommen wir denn heute?« Am besten ist es, ein mondänes Gespräch zu beginnen oder die Kinder der Hausfrau zu loben, die gewöhnlich auf dem Teppich im Salon herumkriechen.
Über Kinder soll man mit einer gewissen Vorsicht sprechen.
Seien Sie jedenfalls entzückt von ihnen. Das kostet nichts und macht der Mutter Freude. Man sagt einfach:
»Ihr Söhnchen? Entzückend – die ganze Mama! Spricht er schon?«
»Aber woher? Er ist doch noch zu klein.«
Dieses Gespräch ist zwar sinnlos, aber es entspricht dem guten Ton.
Wenn dann die hübsche Zofe auf der Schwelle erscheint und meldet, es sei serviert, brauchen Sie nicht über den Sessel zu springen und ins Speisezimmer zu eilen, sondern Sie müssen ein gleichgültiges Gesicht machen und der Hausfrau sagen: »Aber, Gnädigste, wozu diese Mühe?«
Dann reichen Sie Ihrer Nachbarin liebenswürdig die Hand und sagen, wenn sie auch noch so häßlich ist: »Darf ich heute das Glück haben, Ihr Tischnachbar zu sein?«
Während des Essens darf man die Hausfrau nicht mit merkantilen Fragen belästigen:
»Gnädigste, was kostet dieser Fisch?«
Und wenn die Hausfrau selbst erwidert: »Fünf Rubel«, darf man nicht sagen: »Bitte, schneiden Sie mir noch ein Stück für fünfzig Kopeken ab.«
Wenn das Dessert gereicht wird, soll man alles eher als enttäuscht sagen: »Was? Schon das Dessert? Das ist das ganze Diner? Wenn ich das gewußt hätte, wäre ich lieber in ein Restaurant gegangen!«
Ich kannte einen zerstreuten Gast, der nach einem solchen Essen auf den Teller klopfte und rief: »Zahlen, bitte!«
Vielleicht wäre diese Lösung nicht einmal unangenehm für die Hausfrau, aber wie die Dinge liegen, wirkt es eben verletzend.
Nach dem Diner dürfen Sie nicht aufstehen und sich empfehlen. Für gewöhnlich sitzt man noch eine Weile und raucht, dann blickt man plötzlich auf die Uhr und ruft: »Was? Schon so spät? Ich muß doch in eine Versammlung.«
Wenn Sie gehen, vergessen Sie nicht der Hausfrau die Hand zu küssen und der schönen Zofe ein Trinkgeld zu geben. Irren Sie sich bitte nicht, und verwechseln Sie es nicht – es wäre der Hausfrau und der Zofe sehr peinlich . . .
Zuletzt noch ein Wink für die Gastgeberin: ihr wird empfohlen, den Gast ins Vorzimmer zu begleiten. Erstens ist es nun einmal so Sitte, und zweitens kann er dann keinen fremden Mantel mitnehmen . . .