(1923)

In einer Sammlung von Geschichten heißt es einmal: «Verfallt nicht in den schlimmen Fehler der Dummen, daß sie die Klugen hassen und unterdrücken wollen.» An einer andern Stelle singt eine Mutter, der man gesagt hat, ihr Sohn sei gestorben: «Mein Sohn wird kommen, ich weiß es. Mein Sohn ist nicht gestorben, ich weiß es. Es wird viel gesprochen zwischen Himmel und Erde, eine Mutter aber hört die Stimme ihres Kindes über die Wüste und durch die Nacht.» Einmal wird von einem Helden erzählt, der einen Riesen besiegt hat. Der Riese sagt: «Mein Held, ich war ein schlechter Mann, weil ich als Sklave geboren war, aber keinen fand, der stärker war, als ich bin. Nun du mich überwunden hast, bitte ich dich um mein Leben und bitte dich, mich in deinem Dienst zu verwenden. Du kannst mir glauben, daß du keinen Mann finden kannst, der treuer an dir hängt als ich.»

Diese drei Züge, die hier berichtet sind, sind Dichtungen entnommen, welche ursprünglich von großen Dichtern herrühren müssen, von Dichtern, welche die Herzen der Menschen kannten und mit Weisheit urteilten, die auch nicht in einem rohen Volk gelebt haben können, denn nur in Zeiten höchster Kultur kann ein Satz gefunden werden wie der erste, kann sich Natur ausdrücken wie im zweiten Satz, kann ein Dichter eine sittliche Aufgabe stellen wie im dritten. Die drei Sätze könnten aus der Zeit des homerischen Epos stammen oder aus der Zeit von Alkman und Sappho, oder aus der Zeit des Äschylus und Sophokles, wenn man ihre dichterische Bedeutung betrachtet; will man geschichtlich einordnen, so müßte man wohl an die homerische Zeit denken, an ein Mittelalter eines hochgesinnten und dichterisch wunderbar begabten Volkes.

Die Geschichten, denen die Sätze entnommen sind, wurden dem Forschungsreisenden Leo Frobenius in Kordofan erzählt von nackten Negern. Sie stimmen zum Teil inhaltlich mit bekannten orientalischen Märchen überein, wie sie uns in der Fassung von schreibenden Dichtern in Tausendundeiner Nacht erhalten sind, zum Teil sind sie inhaltlich neu. Die Geschichten von Tausendundeiner Nacht sind in arabischer Sprache und mit arabischer Darstellungskunst erzählt. Aber sie sind nicht von Arabern zuerst erdacht, sondern stammen aus aller Welt. Zu den bekannten Quellen hat Frobenius eine neue entdeckt: in den dichterischen Überlieferungen von Nubiervölkern. Gewiß haben die Araber manche Geschichte auch den Nubiern gebracht, aber wenn man aufmerksam lauscht, so wird man bei einer Reihe von Geschichten eine Gemeinsamkeit des letzten Erlebens finden, durch welches sie sich von den andern sondern; nach dem, was Frobenius von den alten Zuständen der Nubier erzählt, müssen sie in diesem Volk ursprünglich gedichtet sein: und wenn wir durch unendliche Überlieferung eine solche Geschichte erhalten, dann ist sie dichterisch tiefer und wahrer als die spielenden, geistreichen arabischen Fassungen; wir spüren das leidenschaftliche Erleben, das bei dem fremden Volk denn als wunderliche, sonderbare, merkwürdige Begebenheit erscheint, wie ein Gegenstand der Anbetung, ein Götterbild in einem europäischen Museum.

Vor einigen Jahren wurde die Negerplastik Mode. Es lief da viel Lächerlichkeit mit unter; aber der Mode lag doch ein richtiges Gefühl zugrunde: daß diese Plastik eben wirkliche Plastik war. Im 18. Jahrhundert hatte man die Anschauung, daß die Menschen von einer früheren Kulturhöhe herabgeglitten seien. Dieser Anschauung begegnet man heute nicht mehr; sie ist aber unbedingt richtig für manche Gebiete, so für das nubische, und es wäre wohl zu denken, daß der Stoff, den die Negerkünstler verwenden, keine lange Haltbarkeit ihrer Werke ermöglicht, daß sie deshalb immer neu wieder geschnitzt werden müssen mit den ständig sinkenden Fähigkeiten, daß aber trotzdem sich der allgemeine Geist der Kunst, welcher von der Fähigkeit der Bildner unabhängig ist, erhalten hat, wie das bei uns in der sogenannten Volkskunst auch der Fall zu sein pflegt. So müßte man diese Geschichten auch auffassen. Nur hat man hier den Vorteil, daß bei der wunderbaren Gedächtnistreue solcher Völker tausendjährige Erzählungen sich ohne Entstellung gehalten haben können.

Die europäischen Völker unterliegen heute einer rasch fortschreitenden Barbarisierung, die sich im Verfall der Sprachen, im Verfall des Denkens (Assoziation eintretend für den logischen Schluß, emotionale Elemente an Stelle von Begründungen), im Verfall des künstlerischen Formgefühls und in zunehmender Irreligiosität zeigt. Die Erscheinung eines Volkes, das einmal eine sehr hohe Kulturstufe eingenommen haben muß und heute völlig leer ist, dürfte uns zu denken geben und einmal die Frage stellen lassen: was kann denn von unserer Kultur für spätere Zeiten übrigbleiben?

Das Buch ist für den, der es zu lesen versteht, ein ganz wunderbares Werk. Ich weiß, daß Frobenius von Seiten der Fachgelehrten vielen Anfechtungen ausgesetzt ist, und ich nehme an, daß die Fachgelehrten im Recht sind. Aber Frobenius ist noch mehr im Recht, auch wenn alle seine Behauptungen sich als falsch erweisen sollten; er hat eine geschichtliche Welt zum Vorschein gebracht, von der früher niemand etwas ahnte.

Es ist längst bei den Völkerkundigen ein Brauch von sogenannten primitiven Völkern bekannt, daß der König gewählt wird, eine bestimmte Reihe von Jahren herrscht und dann geopfert wird, um im Jenseits für Regen und Fruchtbarkeit des Landes zu sorgen. Wir haben aus dem Altertum sagenhafte Berichte von solchen Völkern, und heutige Reisende haben diese Berichte als wahr bezeugt. Wie, wenn ein Volk mit Vorstellungen solcher Art zu einer Kulturblüte kommt? Wir müssen uns klarmachen, was das bedeuten kann: Etwas, das dem mittelalterlichen Christentum ähnlich ist, nur viel stärker dadurch, daß der Messias nicht vor langer Zeit einmal gestorben ist, sondern noch heute lebt und morgen sterben wird, daß nicht ein Glauben an ein Ereignis in geschichtlicher Vergangenheit verlangt wird, sondern ein regelmäßiger Vorgang angeschaut werden kann, der durch die Verbundenheit der Beteiligten mit dem gesamten Volksleben den tiefsten Eindruck auf das ganze Volk und die Form seines Daseins machen muß. Kultur ist immer Ergebnis der Religion, wie innerlich muß eine Kultur sein, welche den Opfertod des Königs als ständige Einrichtung hat, welche nicht durch Symbol und Mythus wirkt, sondern durch die Wirklichkeit!

Wir müssen uns nur von der Verknüpfung unserer Vorstellungen von Kultur mit den zivilisatorischen Errungenschaften freimachen. Auch Barbaren können die Elektrizität gebrauchen und in der Luft schiffen; aber nur der Gebildete hat tiefe Gefühle und hohe Gedanken. Auch die Wissenschaft steht heute unter dem Bann der wirtschaftlichen Auffassung. Aber nicht der Mann der Wirtschaft hat zu entscheiden, ob ein Volk Kultur hat oder nicht, sondern der Dichter und Priester.

Frobenius gibt eine Rahmenerzählung zu seinen Märchen, die ein großes dichterisches Bild aufrollt vom Untergang dieser Kultur. Der Erzähler ist ein alter Kupferschmied aus Dar-fur. Vielleicht ist seine Überlieferung nicht ganz zuverlässig; vielleicht hat Frobenius hier und da stückeln und ergänzen müssen oder, noch wahrscheinlicher, haben die ursprünglichen Worte eine andere Bedeutung gehabt als die, welche der Erzähler und gar der deutsche Aufzeichner ausdrücken konnten. Dadurch kommt etwas Modernes in die Geschichte, daß es aussehen könnte, als ob ein Mann, welcher die dichterische Ausdrucksweise dieser Menschen beherrscht, nun aus heutigem Gefühl die Geschichte zusammensetzt. Ich habe aber den bestimmten Eindruck, daß das eine Täuschung ist. Man kann in solchen Fällen nie die wissenschaftliche Genauigkeit verlangen, die man bei schriftlicher Überlieferung beansprucht, und selbst absichtliche Täuschungen von Märchenerzählern können doch echte Überlieferung ergeben, da der Täuschende ja eben im Bann seiner Überlieferung steht.

Der König wird gewählt und regiert eine bestimmte Reihe von Jahren bis zu seinem Opfertod, die Priester beobachten jeden Abend die Sterne und bringen Opfer, sonst wissen sie nicht, wann nach der Vorschrift der König getötet werden muß. Ein König Akaf wird gewählt. Er hat eine Schwester Sali, welche als Priesterin ein Feuer hütet, keusch bleiben muß und gleichfalls geopfert werden muß. Akaf wählt als Freund für sein Leben und Genossen seines Todes einen Märchenerzähler Far-li-mas. Far-li-mas erzählt so wunderbar, daß die Gäste alles vergessen und wie von einer Ohnmacht umfangen werden. Auch Sali hört ihn, die beiden entbrennen in Liebe zueinander und sind die einzig Wachen, indessen die andern durch die Kunst des Erzählers in Schlaf versenkt sind. Sali bestimmt die Priester, zu hören. Auch sie werden bezaubert und vergessen ihre Sterne zu beobachten; nun können sie nicht mehr die Zeit des Opfers angeben. Sie verlangen, daß Far-li-mas getötet wird, weil er die Ordnung zerreißt. Gott soll darüber vor allem Volk entscheiden. Das Volk versammelt sich, Far-li-mas erzählt die ganze Nacht durch, und am Morgen sieht das Volk die Priester tot am Boden liegen. Nun wurde das alte Gesetz abgeschafft und kein König mehr getötet. Das Reich erhob sich unter Akaf und Far-li-mas, der ihm folgte, zu seinem höchsten Glück; aber dann kamen die Feinde und vernichteten es.

Es ist nur ein dürftiger Bericht, den ich geben kann, alles Dichterische der Ausführung fehlt. Aber schon aus dem Bericht geht die hohe dichterische Auffassung hervor; die Zerstörung der alten Befangenheit und frommen Ordnung durch den Lebenswillen der Einzelnen und die berauschende Wirkung der Dichtung; die Freiheit und Blüte, welche folgt, und die Vernichtung, welche die notwendige Folge von Freiheit und äußerem Glück ist; der große geschichtliche Vorgang ist in eine ewige Form gefaßt, daß ein Kind ihn aufnehmen kann.

Wir stehen in einer Wende der Welt. Solche Weltwenden kündigen sich im Bewußtsein der Menschen viel früher an, als die Wirklichkeit eintritt. Es ist sehr merkwürdig, wie in den letzten Jahrzehnten in unserm Bewußtsein Europa seinen früheren Charakter als Mittelpunkt der Kultur und der Geschichte verloren hat; vor allem zeigt sich das in der Kunstbetrachtung; wie lange ist es noch her, daß selbst die ägyptische Kunst nur als bloße Wunderlichkeit galt! Heute sind wir schon so weit, daß wir selbst chinesische Malerei mit tiefem Eindruck auffassen können, die doch auf ganz andern Voraussetzungen ruht wie die unserige. Es wird auch noch geschehen, daß wir indische oder chinesische Musik in uns aufnehmen. Sollte das eine Vorbereitung sein auf eine neue Ordnung in der Welt, in welcher nun nicht mehr der Europäer der Herr wäre, sondern alle Völker mit gleichem Recht nebeneinander stehen?