Gorch Fock
Drei Skalden waren mit ihren Drachenschiffen angekommen, hoch aus dem Norden, von Drontheims Fjorden. Ihre Harfen klangen in der Königshalle.
Aber es erging ihnen wunderlich.
Der erste wollte von der blauen See singen und sagen: aber als er Schön-Helgas blaue Augen sah, die so viel blauer waren, vergaß er der See und sang von ihren Augen.
Der zweite wollte von der goldenen Sonne singen und sagen: aber als er Schön-Helgas helles Haar sah, das so viel heller leuchtete, vergaß er der Sonne und sang von ihrem Haar.
Der dritte wollte von den weißen Möwen singen und sagen: aber als er Schön-Helgas weiße Hände sah, die so viel weißer waren, vergaß er der Möwen und sang von ihren Händen.
Als die Töne verklungen waren, ward es still ringsum, wie im tiefen Wald um Mittag.
Da legte die Königin die Hände auf den jungen Scheitel und fragte leise und versonnen:
»Dein Haar ist weich und lockig. Ist es blond und ist dein Auge blau?«
»Ja, Ahne.«
»Blond und blau … so war auch ich … als ich die Sonne noch sehen konnte.«
»Du siehst sie wieder und strahlender als je.«
»Das ist mein Glaube.«
Da reichte die blinde, gute Frau den Sängern die Hände und dankte ihnen.
Und vom Strand herauf drang das Lachen der spielenden Wellen.
Blauer Heben und blaue See, so weit das Auge trug. Mitten darin sonnte sich der riesige, hohe Felsen mit dem grünen Scheitel und dem weißen Fuß.
Kein Schiff und kein Segel, kein Mast und keine Ra gaben sich an.
Eine kleine Kühlung aus Osten kräuselte das Wasser und ließ den Sonnenschein in tausend blitzende Sternlein zerrinnen.
Die greise Königin saß gen Westen gewendet, wie sie immer zu tun pflegte.
Schön-Helga stand neben ihr und ließ sich das Haar vom Winde kämmen.
Auf der Bank saß Herr Dietrich von Juist und schlief. Frühmorgens war er mit seinen Schaluppen herübergekreuzt, um Schön-Helga zu freien. Aber ehe er in das rechte Fahrwasser kam, waren das gute Essen und der gute Wein ihm vor den Bug gekommen und hatten ihn über Stag gehen lassen. Nun war er eingeschlafen.
»Ahne, schläfst du?«
Sie schüttelte leis den Kopf.
»Ich träume, Kind. Es tut mir wohl, wenn die Sonnenstrahlen mir das Gesicht wärmen. Ein Gruß von dort ist es, eine milde Mahnung: Komm bald. Sonnenbeschienen: so will ich einst hinüberschlummern in das Sonnenland.«
»Du bist so gut und heilig, daß ich zu dir beten könnte.«
»Du bist mein Auge, Kind. Mein sonnenfreudiges Auge. Was sieht mein Auge?«
»Die helle Sonne auf dem grünen Gras und den Wind, der durch die Halme geht.«
»Das sieht es und die blaue See, die weißen Möwen, die helle Sonne. – Die ganze Welt ist voller Licht und Freude.«
»Das ist sie, Ahne.«
»Blinken und schimmern unsere geschnäbelten Schiffe groß und frei auf dem Wasser?«
»Die sind nicht da. Klaas fischt damit.«
»Mit meinen leuchtenden Königsschiffen? Klaas ist ein jämmerlicher Grundkriecher. Statt zu jagen, zu erobern, zu gewinnen, statt sich mit dem Schwert zu gürten, fiert er die Leine ab und wartet, bis ein magerer Schellfisch oder eine armselige Makreel anbeißt. Wartet geduldig – und ist doch aus altem Wikingstamm. Sein Ohm hat in meinem Kielwasser gesteuert, als wir südwärts segelten. Er fischt … morgen geht er hin und bettelt.«
»Ahne, der fremde Priester kommt.«
»Wieder, willst du sagen.«
Mit feierlichen Schritten kam er daher.
»Königin, der Herr sendet mich wieder zu dir.«
Sie verwandte das Gesicht nicht von der Sonne.
»Ein Herr? Hast du nicht von Jesus erzählt, einem milden, freundlichen Menschen, der still und verträumt im Morgenlande ging und segnete?«
»Er ist der Herr des Himmels und der Erden. Er nahm alle Sünde auf sich, auch deine, er öffnet dir den Himmel: du sollst an ihn glauben und dich taufen lassen.«
Ganz leise kamen Worte von ihren Lippen.
»Er wäre anders geworden, wenn er das Meer an die Felsen donnern gehört hätte. Aber so ist er nicht für Helgoland. Hier lebt Odin, hier walten die Nornen. Hast du schon all die Länder bekehrt, die im Osten und Süden und Westen aus der See steigen, daß du das heilige Land betrittst?«
»Überall wenden sie sich von den Götzen ab, überall richten sie das Kreuz auf. Kapellen werden gebaut und Glocken geläutet. Wenn du nicht blind wärst, Königin …«
»Ich bin nicht blind, ich sehe, seit mein Auge sich trübte. Sieh: wenn unsere Skalden singen, springt der reisige Held auf, streicht das Haar aus der Stirn und stürmt nach den Schiffen. Eure Lieder sind süß und lind, sie hören sich gut an, sie schläfern ein. Wer weiß, ob Ihr nicht die ganze Welt in Traum und Schlaf singt. Wie lange aber, Winfried? Dann stehen eherne Sänger auf und wecken sie mit Riesenharfen, daß sie wieder nach Waffen und Feinden verlangt … Höre, wie die Sperlinge durcheinander schreien. Gewiß schlagen sie eine Schlacht.«
»Wer achtet dessen?«
»Das eben ist es. Du kennst deinen Gott nur aus Büchern. Tu deine Augen auf, und du siehst ihn vor dir und neben dir und über dir. Sogar ein Sperling weiß von ihm zu erzählen. Und die Sonne: ist er’s nicht selbst, so licht, daß du ihn nicht anschauen kannst? Nimm dir ein Kind und schau ihm in die Augen. Dann hast du wieder Gott, und was du dem Kinde tust, das tust du ihm.«
Er gab keine Antwort.
»Hast du dich jemals gefreut? Einmal nur gelacht? Ich habe es nie gehört. Seligkeit, Friede, Vergebung der Sünden: einem jungen, sonnenstarken Volk? Ja, wenn du Sonne brächtest, Sonne und Kampf und Freude! Aber auch dann sagt’ ich noch: Nein! Wir haben genug Sonne um uns, genug Kampf vor uns, genug Freude in uns … Damit du nun nicht wieder zu kommen brauchst: auf diesen Felsen kommt kein Christentum. Ich laß es allen sagen. Wer sich taufen lassen will, mag’s tun, ich will es keinem wehren, aber den Felsen muß er verlassen. Der bleibt Odin geweiht, und heute Nacht leuchtet ein riesiges, rotes Feuer über das dunkle, schweigende Meer … Geh, du stehst mir in der Sonne.«
Mittlerweile war auch der Juister munter geworden und rieb sich die Augen. Und als er sah, daß da einer nicht recht wollte, wie er sollte, rasselte er mit dem Schwert und knurrte.
Wohl richtete der Priester sich hoch auf, aber nur, um feierlich zu gehen.
Dietrich lachte aus voller Kehle, weil er wußte, daß die Königin so viel von Lachen und Freuen sprach.
Schön-Helga bekam er aber doch nicht.
»Eine Freude mußt du mir machen können, eine große Freude.«
Das schrieb er sich hinter die Ohren, als er im Korbe saß und sich hinunterfahren ließ. Das Gehen wurde ihm zu sauer.
Frauen und Kinder standen um den Fremden herum, der auf dem Sande stand und von Gott erzählte. Die Fischer und Schiffer hielten sich abseits. Was ging sie der Kram an: sie machten sich aus Göttern verdammt wenig, mochten sie heißen, wie sie wollten. Wie’s kam, war’s recht: war das Wetter gut, so fischten sie, war es schlecht, so strandete wohl ein Schiff auf den Bänken.
Nur Klaas hörte mit halbem Ohr hin und sah den Priester dunkel fragend an. Er war der Baas der Fischer; er hatte die Drachen von den Schiffen geschlagen und mit dem Fischen angefangen. Er war für das Neue – und da war etwas Neues. Er mußte der erste sein. Aber da rief Kai Rickmers: »Richtig: dein Gott kann aber keinen Wind machen. Der läßt es immer totstill werden. Da hört das Segeln auf: wir können rudern und schwitzen!«
Oben auf dem Felsen stand Schön-Helga und winkte. Klaas gewahrte sie.
Als sie einander begegneten, sagte sie ihm, daß jeder den Felsen verlassen müsse, der Christ werde.
»Habt ihr’s gehört, Leute?« sagte Klaas laut.
»Was die Königin sagt, das gilt. Wer Christ wird, muß von Helgoland!« rief Kai.
»Muß von Helgoland!« hieß es ringsum.
Da mit einem Male sagte der Priester:
»Muß den Felsen verlassen. Ich stehe auf dem Unterland, auf dem Sand. Der ist für das Christentum. ‚Der Felsen‘ hat sie gesagt!«
Und er blickte frei um sich.
»Gesagt, aber nicht gemeint!« sagte Kai; aber die andern waren doch still. Daran hatte keiner gedacht.
»Sie will oben allein bleiben. Siedle dich hier an, kleine Gemeinde. Es ist Gottes Finger, der dich leitet,« mahnte der Fremde.
Klaas hatte große Augen gemacht, aber er bezwang sich und sah finster drein.
Solchen Kunststücken fühlte er sich nicht gewachsen.
»Onne Jansen ist krank?« fragte die Königin eines Tages, als sie wieder in der Sonne saß. »Ich höre seinen Schritt nicht mehr.«
Kai Rickmers räusperte sich verlegen.
»Er hat sich taufen lassen.«
»Ja so: ich gebot. Er ist wohl nach Dithmarschen gesegelt?«
Kai hustete noch mehr.
»Er wohnt auf dem Sand.«
»Auf dem Sand?«
»Dem Unterland. Den Felsen mußt’ er ja verlassen.«
»Den Felsen? Nur den Felsen? Ist dies nicht Helgoland?«
»Der Priester hat es anders ausgelegt.«
»Ausgelegt.« Sie sann eine Weile. Dann sagte sie ernst: »Es hilft uns nicht, Kai. Er gewinnt. Nun weiß ich es. Wer das kann, kann alles.«
Es kam so.
Von Tag zu Tag mußte sie bekannte Schritte vermissen. Die Holzschuhe, die Filzpantoffeln, die Seestiefel: aller Klang ging nach und nach verloren.
Es wurde oben stiller und stiller.
Die Königin saß immer noch im Sonnenschein, aber sie hörte kaum noch hin und fragte selten.
Eines Morgens aber horchte sie hoch auf. Da stieß einer hart mit dem Schwert auf die Bohlen und lachte. Der von Juist war es.
»Da hab ich gesucht und gegrübelt, Königin, dir eine Freude zu machen, bin gefahren von Amsterdam nach London und von Bremen nach Köln und hab gefragt und getan – und war doch alles nichts Rechtes. Erst eben unten am Strand kam es mir zupaß. Stand er da breitbeinig, der Mann im Weiberrock. Erzählt in einem fort, ich weiß nicht was. Aber als ich hinzukomme, wird er dreist, guckt mich frech an und will mir das Eiland verwehren, sagt, ich solle umkehren, und ich wäre auf falschem Wege gewesen. Grad, als wenn er was von Seefahrt wüßte. Er gibt nicht nach, – umkehren, umkehren; da mußt’ ich ihn still machen. Der sagt kein Wort mehr.«
Und er lachte.
Sie verzog keine Miene.
»Nein – es macht mir keine Freude. Er hatte kein Schwert.«
»Ich hab ihn wahrhaftig erschlagen, um dir eine Freude zu machen,« sagte er. »Sonst hätt’ er meinetwegen leben bleiben können.«
Aber sie schüttelte den Kopf.
Da knirschte der Sand, und Klaas trat ein.
Dietrich von Juist riß sein Schwert heraus.
»Versuch es mit mir,« rief Klaas. »Einen Unbewaffneten schlachten, ist keine Kunst.«
Schön-Helga schrie laut auf, aber die Königin riß sie hastig an sich.
»Still – hier ist lange nicht gekämpft worden,« sagte sie mit verhaltener Freude und beugte sich weit vor und horchte dem Klirren und Schwirren.
Der Juister mußte dran glauben. Ächzend brach er zusammen und verröchelte auf dem Estrich.
Klaas ließ die Arme sinken und starrte düster zu Boden.
Eine tiefe Stille ging durch die Halle.
Endlich sagte die Königin:
»Du kannst also doch ein Schwert führen, Klaas! Ich hätt’ es nicht gedacht.«
Da ging er mit hastigen Schritten hinaus.
Den dritten Tag war er es, der unter den Helgoländern stand und predigte. Es lag kein Friede auf seinem Gesicht, aber sein Mahnen war so dringend und drohend, und er sprach so eindringlich, daß sie sich um ihn drängten und taten, was er wollte. Sie ließen sich taufen.
Und Klaas vergaß des Schwertes, das in einer Felsenspalte rostete. Er fand den Frieden.
Auch die letzten kamen vom Felsen.
Die Königin mußte alles hergeben, zuletzt ihre Augen. Vergeblich rief sie nach Schön-Helga. Die kam nicht wieder. Sie stand Klaas zur Seite und hörte ihm zu.
Da wurde es ganz still um die greise Frau.
Nur Kai Rickmers blieb bei ihr.
Am Abend kam ein Wetter auf, große, graue Wolken schoben sich ineinander, Wind und Meer brausten auf. Die Seen donnerten gegen den Felsen. In Nacht und Sturm stand die Königin auf der Höhe und horchte auf die Rufe. Da erscholl Gesang. Dann wieder laute Rufe. Die Drachenschiffe leuchteten in der Sonne, die Waffen klirrten, die Segel blähten sich auf. Und Schön-Helga war es, die im Königsboot am Mast stand und lachte. Ihr langes Haar wehte im Winde. Und als Klaas sah, wie sie lachte, sprang er vom Steuer auf, nahm sie in die Arme und küßte sie. Und die Fahrgesellen schlugen an die Schilde …
Als aber die Sonne schien, saß die Königin wieder still in den Strahlen. Die Sperlinge hüpften um sie her, und sie nickte ihnen freundlich zu. Und sie hört, wie am Strand die Möwen lärmen, und wie der Wind durch das Gras geht, und wie die Wellen über die Muscheln und Steine glucksen.
Immer ist ihr Gesicht der Sonne zugewandt. Sie fragt nicht mehr nach den Helgoländern, nicht mehr nach Klaas, auch nicht einmal mehr nach Schön-Helga. Nur von der Sonne und von der Freude spricht sie noch.
Manchmal klingt ein Glockenton zu ihr herauf, aber sie weiß ihn nicht zu deuten.
Im hellen Sonnenschein schläft sie ein.
Trübe, graue Nebel sind gekommen. Sturm und Regen hat es gegeben. Da haben sie es gewagt und sind wieder hinaufgezogen, die Helgoländer, als erste Klaas und Schön-Helga. Und haben alles vergessen, haben gelebt und gelacht.
Aber an stillen, sonnigen Tagen ist es mitunter wie ein wunderliche Grauen über sie gekommen, und sie haben gemeint, die alte, weise Königin säße im Sonnenschein und erzähle leise ihr Märchen von Freude und Licht und Sonne.