Gorch Fock

Auf meiner dritten Reise.

Acht Tage waren wir schon mit unserm Ewer draußen, aber wir hatten noch nicht ein einziges Mal die Kurre aussetzen und noch keinen einzigen Streek tun können. Drei Tage hatte es für toll gebriest, nun war es zu still zum Fischen.

Das heißt, nur die Luft lag still, die See war noch in hoher Dünung und warf unser Fahrzeug wie einen kleinen Kahn hin und her. Und das Donnern und Klappern der Segel, das Quieken und Knarren der Gaffeln, das Klirren und Hämmern der Schoten hörte sich unheimlich genug an.

Wir drei Fahrensleute waren just mit dem Abendbrot fertig und standen an Deck. Und wie Kolumbus einst nach Indien suchte, so guckten wir jetzt nach Wind aus.

»Vunobend kummt ok noch keen Käulns,« verkündete der Knecht, und der Schiffer ließ sich vernehmen: »Ick gläuf, dat ward dick van Dook,« und deutete nach Süden, wo eine blaue Wolkenwand auf dem Meere stand. Dann sagte er, daß er die Wache nehmen wollte, – und er hatte es noch nicht ganz gesagt, da war von unserm Knecht auch schon nichts mehr zu hören und zu sehen. Ich blieb oben, fühlte mich noch nicht müde, war bange – um es ehrlich zu sagen – bange vor dem »Dook«. Vor Wind und Regen fürchtete ich mich nicht, aber Nebel hatte ich noch nicht mitgemacht. Der schlich und kroch, tückisch und trugvoll.

»To! Man rup’n Bitt,« mahnte der Schiffer rauh.

»Schall ick ne leber up Deck blieben?« fragte ich und sah an ihm vorbei.

»Worüm?«

»Jä, wenn ‘t dick van Dook ward,« sagte ich.

Nun lachte er.

»Pannkoken, ick hebb doch ok noch Ogen.«

Der Spott tröstete mich, und ich kletterte langsam hinunter, maß meine Koje aus und stellte wieder einmal fest, daß die Diagonale die längste Linie war. Nur daß das diesmal meine schweren Gedanken nicht verscheuchen konnte. Das dunkle Angstgefühl wollte nicht gehen. Und immer wieder überkam es mich, als stünde mir ein Unglück bevor. Obgleich ich in voller Kleidung war und die Decke bis an den Hals gezogen hatte, fror mich, und ich vermochte lange Zeit nicht einzuschlafen.

Da – – – ich weiß nicht, hatte ich schon geschlafen oder wachte ich noch halb, ertönte ganz nahe der schrille Ton eines Dampfers. Wie ein menschlicher Angstruf klang er. In demselben Augenblicke ein Krachen und Donnern und Brechen, als ginge die Welt unter. Zugleich fühlte ich einen furchtbaren Druck. Meine Beine – saßen sie fest? In jähem Schreck schnellte ich auf … da neigt sich der Ewer zur Seite … und ich stürze kopfüber aus der Koje auf die Kajütenbohlen. Stöhnend will ich mich wieder aufrichten, da fliegt der Knecht aus dem gegenüberliegenden Hock und fällt mir auf den Rücken, daß ich abermals zusammenbreche … Herr Gott, wo waren wir? … Ich wollte schreien und konnte nicht … nur ein banges Stöhnen brachte ich heraus. Ich wollte aufstehen und konnte nicht … wie Blei waren meine Glieder. Endlich sah ich, wie der Knecht sich aufraffte und nach oben hastete. Das gab mir soviel Kraft, daß ich ihm nachkriechen konnte. Da stand ich nun an Deck und erbebte.

Stickendüster war die Nacht, meilenweit schienen unsere Lichter entfernt zu sein, so dunkel glommen sie. Wildes, verworrene Rufen und Schreien. Da – – – eben hinter dem Großmast saß das Ungeheuer, ein schwarzer, steil aufsteigender Dampfersteven. Bis zur Mitte des Ewers war er hereingebrochen und schob ihn immer noch vor sich her, so daß er sich gurgelnd seitwärts senkte.

»Stopp doch! Stopp doch!« hörte ich meinen Schiffer wie wahnsinnig rufen, immer wieder rufen. In schrecklicher Angst versuchte ich, an der glatten Bordwand des Dampfers hinaufzuklettern, aber vergeblich, immer wieder rutschte ich hinunter.

Mit einem Mal ging der Dampfer rückwärts und machte sich langsam von unserm Fahrzeug frei. Ich hatte eben einige Platten erklommen, nun mußte ich zurück und fiel schwer auf den Setzbord nieder.

»Wi sinkt jo! Wi sinkt!« ächzte ich.

»Hol dien Flapp!« gröhlte der Schiffer mich an. »Klau inne Boot, dat wi weg kommt.«

Das half. Hastig kletterte ich zu ihnen in das Boot und eilends machten wir uns daran, alles überflüssige Gerümpel über Bord zu werfen. Immer mehr sank der Ewer weg … das Wasser spülte über das Deck … unser Boot wurde flott. Wir griffen nach den Riemen, um aus dem Bereich der drohenden Segel zu kommen, die uns erdrücken wollten. Unser großes, stolzes Schiff gurgelte tiefer und tiefer …

Kamen wir denn nicht von der Stelle? … Ein Ruck im Steven … warum bloß? … Die Bootsleine! Die …

Der Schiffer hatte mich am Tage vorher geneckt und gemeint, ich könne noch nicht einmal einen richtigen Fischerknoten machen. Das ihm zu beweisen, hatte ich die Leine an den Mast befestigt, und er war mit meiner Sache zufrieden gewesen. Und nun – saßen wir fest, fest an dem untergehenden Ewer.

»Een Messer, een Biel, een Messer!« so pochten wir gegeneinander auf und wühlten in den Taschen und rissen die Lohnen aus und tasteten unter den Duchten, aber kein Messer, kein Beil gab sich an. Unter uns ein Kochen und Gurgeln und Brodeln, die letzten Lebenszeichen unseres armen Ewers. Und nun kamen wir an die Reihe. Wir drängten wild nach hinten, als unser Steven sich immer weiter duckte. Dann strömte die See schäumend um unsere Füße … das Boot tauchte unter und mit ihm ging der Knecht zugrunde. Sein Fuß mußte sich irgendwie festgeklemmt haben.

»Greut Finkwarder,« flüsterte er, dann stiegen Luftblasen auf.

»Helpt uns!« rief ich, und »Helpt uns!« antwortete der Schiffer, der dicht bei mir trieb. Wer sollte uns helfen? Allein mit der Nacht und der See und den aufschießenden Blasen.

Schwimmen hatte ich schon von jeher gut können, und so hielt ich mich auch jetzt oben. Ja, ich wurde ruhiger und dachte nach, während ich mich mit der Dünung abmühte. Ich hatte geglaubt, das Leben finge erst an – und nun war es zu Ende. Nun sah ich den grünen Deich und unser kleines, weißes Elternhaus niemals wieder. Und die Sonne schien niemals mehr. Und Mutter guckte sich umsonst die Augen nach mir aus.

Meine Kräfte ließen nach, auch fing mein Bein wieder an zu schmerzen. Lange konnte ich es nicht mehr machen, das fühlte ich. Da kam mir der Gedanke, umzubiegen und zurückzuschwimmen. Vielleicht, daß ich ein Stück vom Ewer antraf. Bald stieß ich mit der Schulter an einen harten Gegenstand. Es war unser Kurrbaum. Ich langte nach ihm. Nun war ich fürs erste geborgen, aber noch lange nicht gerettet, denn wie oft ich auch versuchte, mich quer über ihn zu legen, es gelang mir nicht – jedesmal rollte er herum und ich glitt wieder ab und mußte wieder und wieder Salzwasser schlucken. Todesmatt gab ich endlich das Ringen auf und ließ den Baum los, um weiter zu suchen. Von meinem Schiffer hörte und vernahm ich nichts mehr, auch dann nicht, als ich nach ihm rief: die schweren Seestiefel hatten wohl schon das Nötige getan. Die See wurde nun auch noch gröber. Alle Augenblicke lief mir eine Woge über den Kopf – und doch war ich immer noch bei klarem Bewußtsein. Wieder blinkte die Elbe, wieder grüßte unser Haus, wieder stand Mutter vor der Tür, wieder lachten und schwatzten die Mädchen auf dem Deiche …

Nun ruderte ich kaum noch mit den Armen. Dann schlug mir die See über dem Kopfe zusammen … ich sank. Tiefer und tiefer. Und konnte doch noch denken. War erstaunt, daß ich noch nicht ertrunken war, und wunderte mich, daß ich den Grund noch nicht erreicht hatte, sagte mir dann aber auch wieder, daß wir dwars vom Weserfeuerschiff in 22 Faden waren.

Und 22 Faden … nun war ich unten. Weicher Schlick. Bis über die Enkel sank ich ein, dann blieb ich schräg im Wasser stehen und wurde leise hin- und hergespült. Nun ging es auch mit meinen Gedanken durcheinander, und ich wußte nichts mehr zu denken und zu erkennen.

War ich mit dem Kopfe an einen Stein gestoßen oder war mir etwas Hartes auf den Schädel gefallen, ich wußte es nicht, aber ich fühlte, wie mir ein Tau über das Gesicht scheuerte. War das nicht ein Lot, ein Senkblei? Ja es mußte ein Lot sein! Mit allerletzter Kraft griff ich danach, mit beiden Händen, und hielt es fest.

Im Schweiße gebadet lag ich in meiner Koje und starrte auf das vermeintliche Senkblei in meinen Händen. Es war – einer meiner sonntäglichen Schnürschuhe, der mich dadurch, daß er zur rechten Zeit vom Bord auf meinen Kopf fiel, zwar nicht vom Ertrinken, aber doch von meinem bösen Traum errettete. Denn: ich hatte geträumt. Ich lebte, lebte, so gut, wie nur ein Fischermann leben kann, saß hoch und trocken in meinem Bett, während mein Gegenüber derart schnarchte, daß er das Knarren der Gaffeln übertönte.

Noch nicht eins mit mir kletterte ich an Deck.

Schön und sternenklar war die Nacht.

Der Schiffer ging summend auf und ab. Als er mich erblickte, wunderte er sich und fragte:

»Na, wat is er los?«

»Is dat ne dick van Dook worden?« fragte ich, um etwas zu sagen.

»Ne, mien Jung,« lachte er, »büs woll wedder bang?«

»Ne, bang bün ick ne,« gab ich langsam zurück und verschwand wieder in der Koje.