Gorch Fock
Hans Banidt las in der Bibel.
Er war grad vom Feld gekommen. Und vom Pflügen. Der dicke Schlick saß noch an seinen Schuhen. Die wollene Mütze hatte er abgesetzt. Mit aufgestützten Armen saß er an dem schweren Eichentisch und war mit allen Gedanken bei Johannes, dem vierten Evangelisten.
Auf dem Hof und um die Wurt wurde es still. Die Knechte ließen das laute Erzählen, und die Mägde gaben das Juchen auf. Das Vieh in den Ställen verhielt sich sinniger. Die Hühner kletterten schlaftrunken auf den Wiemen. Der Hund lag müde an der Kette und rührte sich nicht. Sogar die Sperlinge verlegten ihre Abendschule von den Lindenzweigen nach dem Katendeich.
Die Uhr tickte langsam und leise.
Peter, der alte Knecht, saß am Fenster. Der sah die Sonne größer und roter werden, und tiefer und tiefer sinken. Bis sie mitten auf der Elbe stand. Bis sie unterging. Dann guckte er um die Ecke nach dem jungen Bauern, der so alt und gelehrt aussah und doch nichts von der Welt gesehen hatte, kaum vom Hof hinuntergewesen war. Er sagte aber kein Wort, der alte Peter.
Still war es. Überall.
Nur in der Küche nicht. Da klapperten Pütt und Pann und Teller und Tassen. Da war jemand, der es hild hatte. Da sang jemand. Helle Lieder, neue und alte. Bunt aus der Reihe. Und ließ nicht nach.
Peter freute sich heimlich.
Der Junge hatte es aber doch spitz gekriegt.
»Mok de Kökendör mol to,« sagte er, ohne aufzusehen.
Peter ging und tat es. Aber das half nichts. Der Gesang frischte auf wie der Wind bei der Flut und wurde nur umso lauter.
Es dauerte nicht lange, da ließ Hans sich wieder vernehmen:
»De Diern schall dat Singen nolaten.«
Wieder ging der Knecht die halbe Diele entlang und unterhandelte mit dem Feinde. Aber die Deern ließ das Singen nicht sein.
»Wenn se ne singen schall, kann se ok ne arbein, segg se.«
Damit kam Peter zurück.
Hans las Kapitel sechs noch zu Ende. Dann wurde es ihm über und er stieß die Tür auf.
»De Heidenlarm schall uphürn,« scholl es laut und herrisch über den Flur.
Das half auf dem Stutz. Ein paar Teller klapperten noch nach, dann flog die Tür knallend zu, und es wurde still.
Hans Banidt konnte geruhig weiter lesen. Er tat es auch: aber lag es nun daran, daß das siebente Kapitel ihm nicht recht in den Kram paßte, oder daß die Schummerei schon zu hoch vor dem Fenster stand, oder daß da sonst eine kleine Käulnis über die Schallen gelaufen war: – genug, er kam nicht weiter als bis zum dritten Vers. Eine Weile sah er es noch mit an, wie die Reihen durcheinander liefen, dann stand er auf und ging hinaus.
Er wollte nach der Scheune und nach den Kälbern gucken. Aber als er niemand auf der Diele sah, dünkte ihn das nicht mehr so wichtig. Er blieb bei der Küchentür stehen. Ob die auch innen so braunrot gestrichen war? Das ging ihn wohl was an. Ganz gewiß. Er hatte die Klinke schon in der Hand – aber die Küche war leer. Der Singvogel war ausgeflogen. Die Schüsseln standen noch da, und die Schürze lag groß und breit am Boden. So unklug, die feine Schürze so hinzuwerfen. Er mußte sich doch wohl bücken und sie aufheben. Glatt strich er sie auch mit den großen braunen Händen. Und die Spitzen und Fransen am Hals betrachtete er lange mit besonderer Sachkenntnis. Behutsam hängte er sie an den Nagel, und wieder hallte sein schwerer Schritt über die lange, dämmerdunkle Diele. Niemand war zu erblicken. Die Leute waren wohl alle nach dem Deich gegangen und klönten mit den Fahrensleuten.
Die Fülltür stand noch sperrweit offen. Er machte sie zu und spähte wie zufällig über die Wurt.
Dann ging er langsam auf die Bodentreppe zu. Das war keine Art von der Deern, einfach alles stehen und liegen zu lassen. Mir nichts, dir nichts fortzulaufen. Er wollte es ihr sagen. Morgen. Denn heute kam sie ja doch zu spät. Oben in ihrer Stube konnte sie nicht sein. Das war gewiß. Er brauchte gar nicht zuzusehen oder hinzuhören. Nur, damit er seiner Sache gewiß war, stieg er hinauf.
Im Fenster glomm das Abendrot. Und am Fenster stand die Deern. Zwischen den Truhen. Nicht in ihrer Kammer, im langen, braungetäfelten Saal, wo bei den großen Hochzeiten getanzt worden war. Da stand sie, nur im kurzen, roten Röckchen und im Hemd und kämmte sich ihr Haar, das dunkel und schwer auf den Schultern lag. Der Nacken schimmerte weiß aus den Spitzen, und die runden Arme waren rosig vom Schein des Abends. Sie guckte hinaus.
»Uuch, de Bur,« fuhr sie plötzlich herum und lachte ihn an. Aber sie schrie nicht auf wie die andern Mädchen, und lief nicht weg. Sie kämmte ruhig weiter.
Er zog die Stirn in Falten.
»Schamst di gornix?«
Sie schüttelte übermütig den Kopf.
»Schamen? Weil ick lange Hoor un runne Arms hebb? Nee, Bur!«
Da holte er aber lang aus:
»Weil du jümmer rümjuchs und springs un lachs. Lachen schimpt, Diern. Un mit jedereen geihs los und frees mit em und les di von Hans und Franz no Hus bringen.«
So viel hatte er manche Woche nicht gesprochen.
Sie lachte.
»Ick bün jung, Buer.«
»Dat bün ick ok.«
»Du? Du? Mann, goh af! Du un jung? Du büs jo’n olen Knast, olen Kirl in ‘n Löhnstohl. Lachs ne un spricks ne! Gott schall mi bewohrn!«
Sie sah ihn spöttisch an.
Da trat er einen Schritt näher und vergaß viel. Noch mehr aber lernte er hinzu. Sein Atem ging schwer.
Sie fühlte es wohl, und eine wilde Freude kam über sie. Das Weib in ihr stand auf. Wie im Traume drehte sie sich herum.
»Jung bün ick, Hans Banidt. Un den ick mag, den nehm ick.«
Es war etwas Heiseres in ihrer Stimme, denn sie war zu weit gegangen.
Da riß es auch den ernsten Bauern mit.
»Nämst du mi ok?« fragte er schwer.
So spricht kein Herr zu seiner Magd.
Sie sah ihn von der Seite an, so seltsam –
»Wenn du jung würs.«
»Ick bün jung,« brach es da jach bei ihm los, wie im Sommer der erste Donner über das stille Land hallt. Dann riß er sie in seine Arme und drückte sein Gesicht in ihr weiches Haar und fühlte den warmen Leib und wußte nichts mehr als:
»Du … Du …«
Am Heben leuchteten die Sterne, und wache Träume woben um die Pferdeköpfe am First.
Den andern Morgen aber schirrwerkte Hans finster und unzufrieden auf dem Hof und knurrte mit den Knechten und schalt, daß es zu hören war. Über die ganze Wurt hallte seine harte Stimme. Nichts war ihm recht. Die Knechte sahen ihn schief von der Seite an.
Geeschen stand am offenen Fenster. Die Sonne schien ihr ins Gesicht. Und die Deern lachte in sich hinein und summte vor sich hin und freute sich über das Geschimpfe des großen Bauern und dachte: »Ji schull’n ‘t man weeten.«
Als sie zum Melken über die Diele ging, begegneten sie einander.
»Morgen, Hans Banidt,« raunte sie leise.
Er nickte nur und sah in eine Ecke.
»Du denkst der woll aber no, wanehr du no’n Pasturn hinwullt, wat?« neckte sie.
Da ging er batz aus der Tür.
Sie aber blickte ihm sinnend nach und strich sich das Haar zurück.
Als der Heben wieder mit Sternen besät war, gingen wieder junge Träume unter dem riesigen Strohdach um. Und die Nacht hatte flüsternde Stimmen.
Peter brachte das Mehl von der Mühle und die Nachricht, daß Angk, die Katenalte, krank war und sich hingelegt hatte.
Das war Geeschens Großmutter.
Hans schickte die Deern denselben Tag noch zur Pflege hin.
Dann schwieg der greise Pastor.
Der junge Bauer war aufgestanden.
»Die Bibel weiß nichts davon, Herr Pastor. Wenn die alte Frau selbst Hand an sich gelegt hat und nicht in der Reihe liegen kann und keine Rede kriegen kann, Herr Pastor, dann muß ich sie auf meinem eigenen Lande beerdigen und ihr selbst ein Gebet mitgeben.«
Und seine schweren Schritte verklangen auf der Treppe.
Am Staket stand der Schimmel. Er schwang sich hinauf und ritt davon.
Den Abend vor Ostern war es.
Da brannten zwei lange, dünne Kerzen in der verräucherten Kate zu Häupten der alten, toten Frau, deren spitzes, weißes Gesicht aus dem Sarg guckte.
In den Ecken steckte schon die Nacht.
Hans saß neben der Leiche und hatte den Kopf in die Hand gestützt und blickte unverwandt nach der Toten. Ein tiefer, grüblerischer Zug lag um seinen Mund.
Geeschen streifte ihn ab und zu mit scheuen Blicken. Sie war fast bange vor dem starren Bauer, der sich nicht rührte und nicht regte. Sie lehnte am Fenster und sah nach den Lichtern auf dem Wasser. Sie hatte ein feines, schwarzes Kleid an, das Hans ihr aus der Truhe gesucht hatte. Es stand ihr wunderfein. In dicken Flechten lag das Haar um den Kopf. Und die Augen hatten nichts von ihrem Glanz verloren. An ihnen war kein Weinen zu sehen.
Aber Hans sah davon nichts.
Die Kerzen flackerten auf, als die Tür ging und Peter eintrat.
Der Bauer stand müde auf.
»Ward Tied,« sagte er dumpf und sah Geeschen an. Fragend begegnete sie seinem Blick. Dann begriff sie, preßte die Lippen aufeinander und ging an den Schrein. Sie drückte die kalte Hand zum letzten Male und ging wieder nach dem Fenster.
Peter sagte treuherzig: »Adjüst, Angk.«
Dann legte Hans das weiße Kleid zurecht, klappte leise den Deckel zu und verschloß den Sarg.
Die beiden Männer trugen ihn langsam den Deich hinunter und setzten ihn in den grünen Kahn, der am Bollwerk lag.
Es war eben Hochwasser gewesen.
»Du bruks ne mit. Ick kann alleen klor warn,« sagte Hans und nahm die Riemen zur Hand.
»Wenn du ‘t meens,« gab Peter zur Antwort und steckte die Hände in die Taschen und drehte bei. Unterwegs dachte er an die hundert Pülle grünen Kohls, die er für Angk noch auf dem Felde stehen hatte. Die kriegte sie nun nicht mehr und sie hätte sich so sehr darüber gefreut. Nun konnten sich die Hasen freuen.
Geeschen hatte ein wollenes Tuch um den Kopf gebunden und den Kranz in die Hand genommen. Auf der Achterducht nahm sie Platz und legte den Kranz auf den Sarg.
Sie band das Tuch fester. Es fror sie. Der Nachtwind kam kalt von Osten.
Hans ruderte schweigend ab.
Aus dem Sielgraben waren sie bald hinaus.
Es war tiefe Nacht geworden. Tiefe, stille, feierliche Nacht. Am Heben ging der Mond durch die weißen Wolken wie ein König durch sein Volk. Auf dem Wasser blinkte und leuchtete er. Die Elbe war ruhig. Kaum daß die Lichter von der andern Seite, von Nienstedten und Teufelsbrücke, herüberglitten und -schwankten. Nur das Knarren der Riemen war zu hören, das Surren der wilden Enten, das Tropfen und Lecken der Riemen.
Auf dem Perlenkranz stand der Mondschein starr und kalt, und über das düstere Gesicht des Bauern huschte er fast ängstlich.
Geeschen guckte bald hierhin, bald dorthin.
»Lot dat Kieken no,« sagte er.
Da sah sie den Mond auf dem Wasser und griff mit den Händen danach. Er zerging in Stücke und wurde wieder gelb und rund. Vollmond und Halbmond hatte sie schon gemacht. Nun sollte das erste Viertel an die Reihe kommen.
Da fragte Hans: »Wat heß du dor?«
»Ick griep den Mon.«
»Leß em sitten, hürs?«
Sie hatte die Hand zurückgezogen, aber es dauerte nicht lange, da hatte sie sie wieder heimlich über Bord gestreckt und ließ sich das Wasser durch die Finger strömen.
Er hörte es.
»Nolaten!«
»Warüm?«
Da guckte er ernst auf den Sarg und tauchte die Riemen tiefer ein.
Sie saß da mit ihrem raschen Herzen, mit ihrem warmen Leibe, mit ihrer köstlichen, goldenen Jugend und ihrer neuen, tauigen Freiheit. Wie Blumen und Sonne war es in ihr. Und sie mußte sich ducken, konnte nicht singen. Mußte frieren.
Frieren? Es fror sie nicht. Nicht mehr. Das Tuch fiel ihr von den Schultern. Der Mond spielte mit ihrem Haar und floß um ihr junges Angesicht.
Sie hielt das Schweigen nicht mehr aus.
»Hans Banidt?«
Er sah kaum auf.
»Sitt dor ne so benüßt. Kiek mi an un snack ‘n Wurd. Wi levt jo doch, Hans Banidt. Segg doch wat. Mi ward jo rein angs un bangen.«
Er schüttelte den Kopf.
»Wi hebbt Beerdigung.«
»Hans Banidt, di deit dat leid, dat’t so kamen is, ne? Du wulls, dat du mi ne sehn hars, wat?«
Er unterbrach sie schroff.
»Wees still, Diern.«
Da gab sie es auf und schwieg.
Auf dem Neß und am Süllberg flammten Feuer auf, große, rote Feuer.
Sie wies mit der Hand hin.
»Kiek, kiek, Hans Banidt! De Ostermonen! Wo grot, wo fein! Dat is Ostern! Ostern, Hans Banidt!«
Er knurrte. Das Gespreche störte ihn. Er wollte nichts wissen.
Sie sah ihn groß und fragend an, bis das kleine Eiland erreicht war. Es war der Swiensand, der verlorne Posten zwischen Blankenese und dem Alten Land, hundert Schritt im Umkreis Sand und Schlick, in der Mitte Weidenbüsche.
Scharrend stieß der Kahn auf den Sand und saß fest. Hans stand auf und zog ihn hoch aufs Trockene.
Da konnte Geeschen ausspringen und lief behend nach den Weiden.
»Kiek, Bur! De feinen, weeken Katten!« Und riß gleich an einem Zweig. Aber der war zäh. Sie mußte ihn zuletzt durchbeißen.
Der Bauer hörte nicht darauf.
Er hatte den Sarg auf den weißen Sand gesetzt und war mit Schaufeln und Äxten dabei, das Grab zu machen. Durch die Wurzeln mußte er sich hauen, mußte graben und graben fast eine Stunde lang.
Geeschen umkreiste das kleine Land und lief in Sprüngen über den Sand. Sie ahmte das Schreien der Möwen nach und machte sich ein Erdbeben in dem feuchten Sand.
Von Zeit zu Zeit wischte Hans sich die Tropfen von der Stirn und schalt:
»Lot dat Speelen no.«
»Ans frier ick.« rief sie.
Dann schlich sie sich behutsam hinter ihn und strich ihm mit den Weidenkätzchen die Backen und war wie ein Iltis davon.
Von den bunten Muscheln suchte sie einen ganzen Berg zusammen. Sie baute aus ihnen ein Haus mit geschickten Händen.
Ordentlich warm wurde ihr dabei.
Hans kam.
»Ick mok ‘n Gruft un du?«
»Ick mok ‘n Hus,« sagte sie wichtig. »Kiek mol, Hans, wat för ‘n Hof.«
»Du bis ‘n Kind.«
Dann mußte sie mit ihm gehen.
Der Sarg stand schon in der Tiefe.
Geeschen ließ den Kranz hineinfallen, und es schauderte sie. Hans nahm die Mütze ab und betete laut ein Vaterunser und setzte hinzu:
»Du ligs hier eensom, Angk, bi Meben und Kreien, ober still un geruhig – un mihr wulls du jo ne. Amen.«
Dann rauschte der Sand hinab, und Sarg und Kranz verschwanden. Als der Hügel sich wölbte, steckte er die Schaufel beiseite und sah Geeschen an.
Langsam streckte er ihr die Hand hin.
»De Dode is versorgt. Nu kommt de Lebendigen wedder anne Reh.«
Ein fester Lebenswille stand in seinen Augen. Da legte sie ihre kleine Hand in seine große und sah ihn lange an. Und in beider Augen glomm es auf.
Dann lief sie fort, und als er ihr noch verwundert nachsah, da hatte sie schon einen Haufen Feeks zusammengeworfen und zündete ihn an. Und eine helle, rote Flamme prasselte auf.
»Wat schall dat denn nu?« fragte er.
»Is doch Ostern!« rief sie, »smiet man Feek up!«
Und er tat es. Ihm war wunderlich geworden. Größer und größer wurde das Feuer.
Der Schein wallte auf dem Wasser, als sie heimfuhren. Da sagte er es:
»Wullt du mien Fro warn?«
Sie sah ihn groß und schweigend an, – und schweigend fuhren sie ans Ufer.
Fern auf dem Swiensand leuchtete noch das Osterfeuer durch die Nacht.
Aber die Hähne krähten schon, und Ostern wollte es werden.