Hermann Hesse
Die Leute von Gerbersau, die da auf den Straßen laufen, unter ihren Laden-türen stehen, ihr Handwerk und Geschäft besorgen und fast alle so zufrieden sind, obwohl sie beständig über die schlechten Zeiten zu klagen haben, alle die-se Leute haben den Walter Kömpff noch gut gekannt. Sie sind mit ihm in die Schule gegangen, sie sind mit ihm Soldat gewesen, sie haben Geschäfte mit ihm gehabt und früher oft abends ein Bier mit ihm getrunken. Und dann mach-te er plötzlich so viel von sich reden, eine Zeitlang!
Aber alle diese Leute sprechen nimmer von ihm und haben ihn vergessen. Es gab eine Zeit, da hätte man meinen sollen, sie würden von Walter Kömpff noch als weißhaarige Großväter zu reden haben und mit keinem auswärtigen Geschäftsfreund über den Marktplatz gehen können, ohne ihm das vormals Kömpffsche Haus zu zeigen und ihm nachher im Adler oder Hirschen die Geschichte dazu zu erzählen, der Länge und Breite nach.
Und wenn auch gar nichts zu verwundern und zu erzählen gewesen wäre, wie war es möglich, diesen Mann so ganz zu vergessen? Hätte noch vor zehn Jahren irgend ein Gerbersauer sich den Marktplatz vorstellen können ohne den Kömpffschen Laden und das Schild darüber und den mit seinem Namen bemal-ten grauen Pritschenwagen und ohne ihn selber, wie er unter der Tür stand oder über den Platz schritt oder auf dem grünen Feierabendbänklein saß? Oder hätte jemand sich einen Jahrmarkt denken können, ohne daß er in seiner Ladentüre stand und die vielen Dutzende von auswärtigen Bekannten begrüßte?
Beispielsweise gesprochen, stelle man sich jetzt einmal den jüngeren Gie-benrath vor, den Tuchhändler! Nicht wahr, da läuft er gaßauf, gaßab, ruft hier „Guten Morgen!“ und dort „Grüß Gott!“, langt da an den Hut und macht dort ein Kompliment, und dann geht er in sein Haus, und man weiß, da ist er jetzt drin und verkauft Tuch, und überm Laden steht mit Gold auf Schwarz sein Name. Es ist niemand in der Stadt, der ihn nicht kennt und der nicht weiß, wie er spricht und wie er lacht und was er im Winter für einen Mantel hat und mit wem er verwandt ist und was er für Geschäfte macht und daß er zu den De-mokraten gehört. Also, wieder beispielsweise, der jüngere Giebenrath stirbt jetzt — oder, um niemand weh zu tun, sagen wir, er geht weg, vielleicht nach Stuttgart oder nach Pforzheim.
Ja, wenn ich das nur sage, da lachen sie alle und winken mir mit dem ganzen Arm ab: „Wo denkst hin! Der bleibt, wo er ist! Der und wegziehen!“
Also gut, aber vielleicht zieht er doch weg, und niemand begreift’s, und man schüttelt den Kopf, und sein Firmenschild wird heruntergenommen und die Kinder sehen zu. Am Morgen vermißt ihn der Friseur und am Abend der An-kerwirt und untertags vermißt ihn da einer und dort einer in der Stadt, und sei-ne Nachbarn mögen gar nimmer ans Fenster, weil er doch nimmer vorbei-kommt und hereingrüßt und einen kleinen Spaß macht, oder wenn er’s eilig hatte, konnte man ihm nachsehen und sich besinnen, wohin’s ihm denn so eilig pressierte. Und ich würde dann sagen: Ihr Leute, sei’s um eine kleine Weile, so redet kein Mensch mehr vom jüngeren Giebenrath, außer er hätte Schulden. — Ja, da würde man wieder abwinken und lachen und den Kopf schütteln und mich heimschicken!
Und doch ist es mit dem Kömpff um kein Haar anders gewesen. Kaum daß man jetzt seinen Namen noch etwa einmal hört. Nun, ich erzähle, wie es mir damit gegangen ist.
Wie es die jungen Leute im Brauch haben, war ich auf der Wanderschaft, und wohin ich kam, schien mir’s kein schlechtes Leben in der Fremde; ich kam mir extra gescheit vor und wollte gar nicht begreifen, wieso man eigentlich ge-rade immer in Gerbersau leben müsse. Da war zum Beispiel Cannstatt, ein wohlhabender Ort, und dann Tübingen, auch nicht übel, und dann Basel und Zürich, und wiederum München, alles angenehme Plätze, wo auch Leute woh-nen und wo man so gut seine Batzen verdienen und wieder verjucken kann wie irgendwo in der Welt. Also kam mir, aus der Ferne gesehen, die Stadt Gerber-sau immer kleiner und unnötiger und sogar ziemlich lächerlich vor, und ich bin länger draußen geblieben, als es der Brauch ist. Zwischenein höre ich, der Kömpff am Marktplatz fange an, sonderbare Geschichten zu machen, das und jenes. Dann hör’ ich, er sei übergeschnappt, und nicht lang darauf von einem andern, er sei vortrefflich bei Verstand und überhaupt viel zu gut und edel für seinen Ort, und er werde auch wahrscheinlich fortgehen. Und so durcheinan-der, wenig Gutes und viel Böses, bis ich gar nichts mehr glaubte. Ich dachte: wenn ich zufällig einmal wieder besuchsweise heimkomme, will ich den und jenen darum fragen und etwas Sicheres zu erfahren suchen.
Die Zeit verging und ich war nachgerade nimmer ganz jung. Daheim dachten sie kaum mehr daran, daß ich am Ende auch wieder einmal heimkommen könnte, und ich selber dachte es am wenigsten.
Wie es gegangen ist, daß ich jetzt doch wieder in Gerbersau sitze, anfangs nicht ohne Unbehagen und Beschämung, und daß ich jetzt wieder hier so zu Hause bin wie nur je in den Bubenzeiten, das wäre eine lange Geschichte. Aber davon ist diesmal nicht die Rede. — Also ich komme wieder heim, lasse mich begrüßen und begutachten, anschielen und auslachen, finde die alten Gassen und Winkel und einige neue dazu, und kaum habe ich nach ein paar Tagen mir die alte Mundart wieder recht angewöhnt, so frage ich rechts und links nach dem Herrn Walter Kömpff. Ich meine, jeder müsse gleich vor lauter Geschich-ten und Erklärungen überlaufen und herzensfroh sein, daß er einen Neuen fin-det, der’s ihm abhört.
Aber wie ich den ersten frage: „Du, wie war’s denn eigentlich damit?“, da besinnt er sich ein bißchen, klopft die Zigarre ab, zieht, bläst eine Verlegen-heitswolke hinaus, und schließlich meint er: „Ja, das sind Sachen, da schwätzt jetzt kein Mensch mehr davon. Frag einmal den Köberle.“ Also abends, wie ich ihn bei der Metzelsuppe im Rößle treffe, frage ich den Köberle. Er behält den Wein ein Weilchen im Mund, macht Telleraugen, schluckt dann und runzelt, so gut er kann, die glatte Stirn und sagt: „Ja, weißt du, das ist eigentlich schon recht lang her. Liebe Zeit, der Kömpff! Ja ja, ich kann mir’s noch gut denken. Na, wir sehen uns ja bald einmal wieder, da reden wir dann. Am Donnerstag schenkt der Kronenwirt den ersten Neuen aus, du kommst doch auch?“
So allmählich ist das Nötigste ja auch zusammengetröpfelt. Ich wollte nun einmal alles wissen, da redete und fragte und horchte ich’s so zusammen, das eine bei einem Voressen im Waldhorn, das andere bei einer Kindsleiche un-terwegs zum Kirchhof, da etwas in einer Schusterwerkstatt und dort etwas im Kaufladen. Was eigentlich damals Merkwürdiges passiert sei, bekam ich denn auch allmählich heraus, aber keinerlei Schlüssel dazu, denn darum hatte sich niemand gekümmert.
Bis mir die Holderlies einfiel. Die war ja in alten Zeiten im Kömpffschen Haus Magd gewesen. Richtig lebte sie auch noch und wohnte droben in der al-lerobersten Vorstadt, wohin es ein schweißtreibendes Klettern ist und wo trotz-dem fast lauter alte, gebrechliche Leute hausen. Wenn ich an meine Bubenzeit dachte, konnte ich mir die Lies wieder vorstellen, die schon damals nimmer auffallend jung war. Ich stieg denn in die Vorstadt hinauf, und so oft ich mein-te, jetzt sei es erreicht, ging es noch ein Gäßlein und einen schmalen Gartens-teig und eine böse Mauerstiege hinauf, bis ich ganz bei den letzten Häuschen war; da lag die Stadt senkrecht mit ineinander verwirrten Dächern so versc-hoben und seltsam unter mir, als sei sie betrunken oder ich. Dann ging es noch eine steinerne Gartentreppe, für die ich fast zu breit war, und zwei hölzerne stichdunkle Stiegen hinauf. Und dann klopfte ich und es tat eine Türe sich auf, und ich stand in einem lichten, stillen Altenstübchen und hätte nie geglaubt, daß es in unserm engen Bergtal so viel Luftraum gebe, wie ich hier über die Geranien weg vor den kleinen klaren Fenstern liegen sah.
Die Holderlies kannte mich natürlich nimmer, denn ich war in den zwanzig Jahren groß und breit geworden, und ich kannte auch sie nicht mehr, die ung-laublich eingegangen und klein geworden war. Aber es gab sich schon, und wie ich nach dem langen Steigen erst wieder Atem hatte, fingen wir mit dem besten Humor von den alten Zeiten an, die für sie freilich noch lange nicht die wirk-lich alten waren.
Später kam ich wieder, fünfmal, zehnmal, und ich erfuhr alles, was die Alte von meinem Kömpff wußte und vermutete. Bald darauf starb sie, und ich ging bei dem sonderbaren Leichenzug durch die steilen Gärtchen und über alle die Steige und Treppchen mit. — Und nun will ich die Geschichte des Walter Kömpff erzählen, soweit sie mir klar geworden ist.
Über den alten Hugo Kömpff ist wenig zu sagen, als daß er in allem ein echter Gerbersauer von der guten Sorte war. Das alte, feste und große Haus am Marktplatz mit dem niedrigen und finsteren Kaufladen, der aber für eine Goldgrube galt, hatte er von Vater und Großvater überkommen und führte es im alten Sinne fort. Nur darin war er einen eignen Weg gegangen, daß er seine Braut von auswärts geholt hatte. Sie hieß Kornelie und war eine Pfarrerstochter vom oberen Schwarzwald, eine hübsche und ernste Dame ohne das geringste bare Vermögen. Das Erstaunen und Reden darüber dauerte seine Weile, und wenn man die Frau auch später noch ein wenig seltsam fand, gewöhnte man sich doch zur Not an sie oder ließ wenigstens den Mann darum ungeschoren. Der lebte auch in einer sehr stillen Ehe und bei guten Geschäftszeiten una-uffällig nach der väterlichen Art dahin, war gutmütig und wohlangesehen, da-bei ein vortrefflicher Kaufmann, so daß es ihm an nichts fehlte, was hierorts zum Glück und Wohlsein gehört. Zur rechten Zeit stellte sich ein Söhnlein ein und wurde Walter getauft; er hatte das Gesicht und den Gliederbau der Kömpf-fe, aber keine graublauen, sondern von der Mutter her braune Augen. Nun war ein Kömpff mit braunen Augen freilich noch nie gesehen worden, aber genau betrachtet schien das dem Vater kein großes Unglück, und der Bub ließ sich auch nicht an wie ein aus der Art Geschlagener. Es lief alles seinen leisen, ge-sunden Gang, das Geschäft ging vortrefflich, die Frau war zwar immer noch ein wenig anders, als man gewohnt war, aber das war kein Schade, und der Kleine wuchs und gedieh und kam in die Schule, wo er zu den Besten gehörte. Nun fehlte dem Kaufmann noch, daß er in den Gemeinderat kam, aber auch das konnte nimmer lang auf sich warten lassen, und dann wäre seine Höhe erreicht und alles wie beim Vater und Großvater gewesen.
Es kam aber nicht dazu. Ganz wider die Kömpffsche Tradition legte sich der Hausherr schon mit vierundvierzig Jahren zum Sterben nieder. Es nahm ihn ohne zu viel Schmerzen und doch langsam genug hinweg, daß er alles Notwen-dige noch in Ruhe bestimmen und ordnen konnte. Und so saß denn eines Tages die hübsche dunkle Frau an seinem Bette, und sie besprachen dies und jenes, was zu geschehen habe und was die Zukunft etwa bringen könnte. Vor allem war natürlich von dem Buben Walter die Rede, und in diesem Punkte waren sie, was sie beide nicht überraschte, keineswegs derselben Gesinnung und gerie-ten darüber in einen stillen, doch zähen Kampf. Freilich, wenn jemand an der Stubentüre gehorcht hätte, der hätte nichts von einem Streit gemerkt.
Die Frau hatte nämlich vom ersten Tag der Ehe an darauf gehalten, daß auch an unguten Tagen Höflichkeit und sanfte Rede herrsche. Mehr als einmal war der Mann, wenn er bei irgend welchem Vorschlag oder Entschlusse ihren stil-len, aber festen Widerstand spürte, in Zorn geraten. Aber dann verstand sie ihn beim ersten scharfen Wort auf eine Art anzusehen, daß er schnell einzog und seinen Groll wenn nicht abtat, so doch in den Laden oder auf die Gasse trug und die Frau damit verschonte, deren Wille dann meistens ohne weitere Worte bestehen blieb und erfüllt wurde. So ging auch jetzt, da er schon nah am Tode war und seinem letzten und stärksten Wunsch ihr ruhiges Andersmeinen ge-genüberstand, das Gespräch in Maß und Zucht seine Bahn. Doch sah das Ge-sicht des Kranken so aus, als wäre es mühsam gebändigt und könne von Au-genblick zu Augenblick die Haltung verlieren und Zorn oder Verzweiflung zei-gen.
„Ich bin an mancherlei gewöhnt, Kornelie,“ sagte er, „und du hast ja gewiß auch manchmal gegen mich recht gehabt, aber du siehst doch, daß es sich dies-mal um eine andre Sache handelt. Was ich dir sage, ist mein fester Wunsch und Wille, der mir seit Jahren feststeht, und ich muß ihn jetzt deutlich und bestimmt aussprechen und darauf bestehen. Du weißt, daß es sich hier nicht um eine La-une handelt und daß ich den Tod vor Augen habe. Wovon ich sprach, das ist ein Stück von meinem Testament, und es wäre besser, du würdest es in Güte hin-nehmen.“
„Es hilft nichts,“ erwiderte sie, „soviel drüber zu reden. Du hast mich um etwas gebeten, was ich nicht gewähren kann. Das tut mir leid, aber zu ändern ist nichts daran.“
„Kornelie, es ist die letzte Bitte eines Sterbenden. Denkst du daran nicht auch?“
„Ja, ich denke schon. Aber ich denke noch mehr daran, daß ich über das gan-ze Leben des Buben entscheiden soll, und das darf ich so wenig, wie du es darfst.“
„Warum nicht? Es ist etwas, was jeden Tag vorkommt. Wenn ich gesund geblieben wäre, hätte ich aus Walter doch auch gemacht, was mir recht geschi-enen hätte. Jetzt will ich wenigstens dafür sorgen, daß er auch ohne mich Weg und Ziel vor sich hat und zu seinem Besten kommt.“
„Du vergißt nur, daß er uns beiden gehört. Wenn du gesund geblieben wärest, hätten wir beide ihn angeleitet, und wir hätten es abgewartet, was sich als das Beste für ihn gezeigt hätte.“
Der kranke Herr verzog den Mund und schwieg. Er schloß die Augen und besann sich auf Wege, doch noch in Güte zum Ziel zu kommen. Allein er fand keine, und da er Schmerzen hatte und nicht sicher sein konnte, ob er morgen noch das Bewußtsein haben werde, entschloß er sich zum letzten.
„Sei so gut und bring ihn her,“ sagte er ruhig.
„Den Walter?“
„Ja, aber sogleich.“
Frau Kornelie ging langsam bis an die Tür. Dann kehrte sie um.
„Tu es lieber nicht!“ sagte sie bittend.
„Was denn?“
„Das, was du tun willst, Hugo. Es ist gewiß nicht das Rechte.“
Er hatte die Augen wieder zugemacht und sagte nur noch müde: „Bring ihn her!“
Da ging sie hinaus und in die große, helle Vorderstube hinüber, wo Walter über seinen Schulaufgaben saß. Er war zwischen zwölf und dreizehn, nicht sehr groß, aber gesund, ein ruhiger und gutwilliger Knabe. Im Augenblick war er freilich verscheucht und aus dem Gleichgewicht, denn man hatte für besser gehalten, ihm nicht zu verheimlichen, daß es mit dem Vater zu Ende gehe. So folgte er der Mutter verstört und mit einem inneren Widerstreben kämpfend in die Krankenstube, wo der Vater ihn einlud, neben ihm auf dem Bettrand zu sit-zen.
Der kranke Mann streichelte die warme, kleine Hand des Knaben und sah ihn gütig an.
„Ich muß etwas Wichtiges mit dir sprechen, Walter. Du bist ja schon groß genug, also hör gut zu und versteh mich recht. In der Stube da ist mein Vater und mein Großvater gestorben, im gleichen Bett, aber sie sind viel älter gewor-den als ich, und jeder hat schon einen erwachsenen Sohn gehabt, dem er das Haus und den Laden und alles hat ruhig übergeben können. Das ist nämlich ei-ne wichtige Sache, mußt du wissen. Stell dir vor, daß dein Urgroßvater und dann der Großvater und dann dein Vater jeder viele Jahre lang hier geschafft hat und Sorgen gehabt hat, damit das Geschäft auch in gutem Stand an den Sohn komme. Und jetzt soll ich sterben und weiß nicht einmal, was aus allem werden und wer nach mir der Herr im Hause sein soll. Überleg dir das einmal. Was meinst du dazu?“
Der Junge blickte verwirrt und traurig vor sich nieder; er konnte nichts sagen und konnte auch nicht nachdenken, der ganze Ernst und die feierliche Befan-genheit dieser sonderbaren Stunde in dem dämmernden Zimmer umgab ihn wie eine schwere, dicke Luft. Er schluckte, weil ihm das Weinen nahe war, und blieb in Trauer und Verlegenheit still.
„Du verstehst mich schon,“ fuhr nun der Vater fort und streichelte wieder se-ine Hand. „Mir wär’ es sehr lieb, wenn ich nun ganz gewiß wissen könnte, daß du, wenn du einmal groß genug bist, unser altes Geschäft weiterführst. Wenn du mir also versprechen würdest, daß du Kaufmann werden und später da drun-ten alles übernehmen willst, dann wäre mir eine große Sorge abgenommen und ich könnte viel leichter und froher sterben. Die Mutter meint —“
„Ja, Walter,“ fiel die Frau Kornelie ein, „du hast gehört, was der Vater gesagt hat, nicht wahr? Es kommt jetzt ganz auf dich an, was du sagen willst. Du mußt es dir nur gut überlegen. Wenn du denkst, es wäre vielleicht besser, daß du kein Kaufmann wirst, so sag es nur ruhig; es will dich niemand zwingen.“
Eine kleine Weile schwiegen alle drei.
„Wenn du willst, kannst du hinübergehen und es noch bedenken, dann ruf’ ich dich nachher,“ sagte die Mutter. Der Vater heftete die Blicke fest und fra-gend auf Walter, der Knabe war aufgestanden und wußte nichts zu sagen. Er fühlte, daß die Mutter nicht dasselbe wolle wie der Vater, dessen Bitte ihm nicht gar so groß und wichtig schien. Eben wollte er sich abwenden, um hi-nauszugehen, da griff der Leidende noch einmal nach seiner Hand, konnte sie aber nicht erreichen. Walter sah es und wandte sich ihm zu, da sah er in des Kranken Blick die Frage und die Bitte und fast eine Angst, und er fühlte plötzlich mit Mitleid und Schrecken, daß er es in der Hand habe, seinem ster-benden Vater weh oder wohl zu tun. Dies Gefühl von ungewohnter Verantwor-tung drückte ihn wie ein Schuldbewußtsein, er zögerte, und in einer plötzlichen Regung gab er dem Vater die Hand und sagte leise unter hervorbrechenden Tränen: „Ja, ich verspreche es ganz gewiß.“
Dann führte ihn die Mutter still ins große Zimmer zurück, wo es nun auch zu dunkeln begann; sie zündete die Lampe an, gab dem Knaben einen Kuß auf die Stirn und suchte ihn zu beruhigen. Darauf ging sie zu dem Kranken zurück, der nun erschöpft tief in den Kissen lag und in einen leichten Schlummer sank. Die großgewachsene, schöne Frau setzte sich in einen Armstuhl am Fenster und suchte mit müden Augen in die Dämmerung hinaus, über den Hof und die un-regelmäßigen, spitzigen Dächer der Hinterhäuser hinweg an den bleichen Himmel blickend. Sie war noch in guten Jahren und war noch eine Schönheit, nur daß an den Schläfen die blasse Haut gleichsam ermüdet war. Und nun, da sie den Kopf mit halbgeschlossenen Augen senkte und ruhend saß, erschien sie älter, als sie war.
Sie hätte wohl auch einen Schlummer nötig gehabt, doch schlief sie nicht ein, obwohl alles an ihr ruhte. Sie dachte nach. Es war ihr eigen, daß sie entschei-dende, wichtige Zeiten ungeteilt bis auf die Neige durchleben mußte, sie moch-te wollen oder nicht. So hielt es sie auch jetzt, der Ermattung zum Trotz, mit-ten in dem unheimlich stillerregten, überreizten Lebendigsein dieser Stun-den fest, in denen alles wichtig und ernst und unabsehbar war. Sie mußte an den Knaben denken und ihn in Gedanken trösten, und sie mußte auf das Atmen ihres Mannes horchen, der dort lag und schlummerte und noch da war und doch eigentlich schon nicht mehr hierher gehörte. Am meisten aber mußte sie an die-se vergangene Stunde denken.
Das war nun ihr letzter Kampf mit dem Mann gewesen, und sie hatte ihn wieder verloren, obwohl sie im Recht war und es besser wußte. Alle diese Jah-re hatte sie den Gatten überschaut und ihm ins Herz gesehen in Liebe und in Streit, und hatte es durchgeführt, daß es ein stilles und reinliches Miteinander-leben war. Sie hatte ihn lieb, heute noch wie immer, und doch war sie immer allein geblieben. Sie hatte es verstanden, in seiner Seele zu lesen, aber er hatte die ihre nicht verstehen können, auch in Liebe nicht, und war seine gewohnten Wege hingegangen, bald dankbar und bald grollend und schnell wieder ver-söhnt. Er war immer an der Oberfläche geblieben mit dem Verstand wie mit der Seele, und wenn es Dinge gab, in denen es ihr nicht erlaubt und möglich war, sich ihm zu fügen, hatte er nachgegeben und gelächelt, aber ohne sie zu verstehen.
Und nun war das Schlimmste doch geschehen. Sie hatte über das Kind mit ihm nie ernstlich reden können, und was hätte sie ihm auch sagen sollen? Er sah ja nicht ins Wesen hinein. Er war überzeugt, der Kleine habe von der Mut-ter die braunen Augen und alles andere von ihm. Und sie wußte seit Jahren je-den Tag, daß das Kind die Seele von ihr habe, und daß in dieser Seele etwas lebe, was dem väterlichen Geist und Wesen widersprach, unbewußt und mit unverstandenem Schmerze widersprach. Gewiß, er hatte viel vom Vater, er war ihm fast in allem ähnlich. Aber den innersten Nerv, dasjenige, was eines Menschen wahres Wesen ausmacht und geheimnisvoll seine Geschicke schafft, diesen feinen, schönen Lebensfunken hatte das Kind von ihr, und wer in den innersten Spiegel seines Herzens hätte sehen können, in die leise wogende, zarte Quelle des Persönlichsten und Eigensten, hätte dort die Seele der Mutter gespi-egelt gefunden.
Behutsam stand Frau Kömpff auf und trat ans Bett, sie bückte sich zu dem Schlafenden und sah ihn an mit halbem Bewußtsein, daß sein Gesicht zum letz-ten Mal unentstellt das alte sei, das sie so lang gekannt hatte. Sie hatte es lieb, wenn es auch nicht schön war. Sie wünschte sich noch einen Tag, noch ein paar gute Stunden für ihn, um ihn noch einmal recht zu sehen. Er hatte sie nie ganz verstanden, aber ohne seine Schuld, und eben die Beschränktheit seiner kräfti-gen und klaren Natur, die auch ohne inneres Verstehen sich ihr so oft gefügt hatte, erschien ihr liebenswert und ritterlich. Überschaut hatte sie ihn schon in der Brautzeit, damals nicht ohne einen feinen Schmerz. Aber er war ihr in herzlicher und mannhafter Liebe entgegengekommen, und so fein und überle-gen sie war, hatte sie nicht gezögert, mit ihm zu gehen. Es hatte ihr besser geschienen, sich einem echten und treuen Liebhaber anzuvertrauen, als auf den Auserlesenen, Unwahrscheinlichen zu warten, dem sie auch ihr Innerstes hätte zeigen und hingeben können; und sie hatte recht gehabt.
Später war der Mann in seinen Geschäften und unter seinen Kameraden frei-lich um ein weniges derber, gewöhnlicher und spießbürgerlich beschränkter geworden, als ihr lieb war, aber der Grund seiner ehrenhaft festen Natur war doch geblieben, und sie hatten ein gutes und tüchtiges Leben miteinander geführt, an dem nichts zu bereuen war. Nur hatte sie gedacht, den Knaben un-merklich seine Wege gehen zu lassen und es so zu leiten, daß er frei bleibe und seiner eingeborenen Art unbehindert folgen könne. Und jetzt ging ihr vielleicht mit dem Vater auch das Kind verloren.
Der Kranke konnte bis spät in die Nacht hinein schlafen. Dann erwachte er mit Schmerzen, und gegen den Morgen hin war es deutlich zu sehen, daß er abnahm und die letzten Kräfte rasch verlor. Doch gab es dazwischen noch einen Augenblick, wo er ruhig und klar zu reden vermochte. Die Nachtlampe brannte schwach und rot hinter der Bettstatt, vor den Fenstern war es noch nächtig und im Hause alles still. Die Frau ruhte angekleidet im niederen Liegesessel und war durch ihren leisen Schlummer hindurch beständig gegenwärtig und auf-merksam. Dann begann er zu reden.
„Du,“ sagte er. „Du hast doch gehört, daß er es mir versprochen hat?“
„Ja, freilich. Er hat es versprochen.“
„Dann kann ich darüber ganz ruhig sein?“
„Ja, das kannst du.“
„Das ist gut. — Du, Kornelie, bist du mir böse?“
„Warum?“
„Wegen Walter.“
„Nein, du, gar nicht.“
„Wirklich?“
„Ganz gewiß. Und du mir auch nicht, nicht wahr?“
„Nein, nein. O du! Ich dank’ dir auch.“
Sie war aufgestanden und hielt seine Hand. Die Schmerzen kamen und er stöhnte leise, eine Stunde um die andere, bis er am Morgen erschöpft und still mit halb offenen Augen lag.
Er starb erst zwanzig Stunden später.
Die schöne Frau trug nun schwarze Kleider und der Knabe ein schwarzes Florband um den Arm. Sie blieben im Hause wohnen, der Laden aber wurde verpachtet. Der Pächter hieß Herr Leipolt und war ein kleines, geschmeidiges Männlein von einer etwas aufdringlichen Höflichkeit. Zu Walters Vormund war ein gutmütiger Kamerad seines Vaters bestimmt, der sich selten im Hause zeigte und vor der strengen und scharfblickenden Witwe einige Angst hatte, die er unter unsicher vorgebrachten Witzen zu verbergen bestrebt war. Übrigens galt er für einen vorzüglichen Geschäftsmann. So war fürs erste alles nach Möglichkeit wohlbestellt, und das Leben im Hause Kömpff ging ohne Störun-gen weiter, nur etwas stiller als zu Lebzeiten des Herrn.
Nur mit den Mägden, mit denen schon zuvor eine ewige Not gewesen war, haperte es wieder mehr als je, und die feine schöne Witwe mußte zwischenhi-nein sogar einmal drei Wochen lang selber kochen und das Haus besorgen. Zwar gab sie nicht weniger Lohn als andere Leute, sparte auch am Essen der Dienstboten und an Geschenken zu Neujahr keineswegs, dennoch hatte sie sel-ten eine Magd lang im Hause. Denn während sie in vielem fast zu freundlich war und namentlich nie ein grobes Wort hören ließ, zeigte sie in manchen Kle-inigkeiten eine kaum begreifliche Strenge. Vor kurzem hatte sie ein fleißiges, anstelliges Mädchen, an der sie sehr froh gewesen war, wegen einer winzigen Notlüge entlassen. Das Mädchen bat und weinte, doch war alles umsonst. Der Frau Kömpff war die allergeringste Ausrede oder Unoffenheit unerträglicher als zwanzig zerbrochene Teller oder verbrannte Suppen.
Da fügte es sich, daß die Holderlies nach Gerbersau heimkehrte. Die war län-gere Jahre auswärts in Diensten gewesen, brachte ein ansehnliches Erspartes mit und war hauptsächlich gekommen, um sich nach einem stattlichen Vorarbeiter aus der Deckenfabrik umzusehen, mit dem sie vorzeiten ein ehrenhaftes Verhältnis gehabt und der seit langem nicht mehr geschrieben hatte. Leider kam sie zu spät und fand den Ungetreuen frisch verheiratet, was ihr so nahe ging, daß sie sogleich wieder abreisen wollte. Da fiel sie durch Zufall der Frau Kömpff in die Hände, ließ sich trösten und zum Dableiben überreden und ist von da an volle dreißig Jahre im Hause geblieben.
Ihr Verhältnis zu Frau Kornelie war etwas Merkwürdiges. Einige Monate war sie als fleißige und stille Magd in Stube und Küche tätig. Ihr Gehorsam ließ nichts zu wünschen übrig, doch scheute sie sich auch gelegentlich nicht, einen Rat unbefolgt zu lassen oder einen erhaltenen Auftrag sanft zu tadeln. Da sie es in verständiger und gebührlicher Weise und immer mit voller Offenheit tat, ließ die Frau sich darauf ein, rechtfertigte sich und ließ sich belehren, und so kam es allmählich, daß unter Wahrung der herrschaftlichen Autorität die Magd zu einer Mitsorgerin und Mitarbeiterin herangedieh. Dabei blieb es jedoch nicht. Sondern eines Abends, nach einer besonders lebhaften und ver-söhnlich abgeschlossenen Aussprache über Küchenangelegenheiten, kam es wie von selber, daß die Lies ihrer Herrin am Tisch bei der Lampe und feierabend-lichen Handarbeit ihre ganze sehr ehrbare, aber nicht sehr fröhliche Vergangen-heit erzählte, worauf Frau Kömpff eine solche Achtung und Teilnahme für das ältliche Mädchen faßte, daß sie ihre Offenherzigkeit erwiderte und ihr selber manche von ihren streng behüteten Erinnerungen mitteilte. Und bald war es beiden zur Gewohnheit geworden, miteinander über ihre Gedanken und An-sichten zu reden, und die einsame Frau sprach schließlich mit der Holderlies ohne Scheu sogar über manche Dinge, auf die einst zwischen ihr und ihrem Manne nie die Rede gekommen war.
Dabei geschah es, daß unvermerkt vieles von der Denkart der Frau auf die Magd überging. Namentlich in religiösen Dingen nahm sie viele Ansichten von ihr an, nicht durch Bekehrung, sondern unbewußt, aus Gewohnheit und Fre-undschaft. Frau Kömpff war zwar eine Pfarrerstochter, aber keine ganz ortho-doxe, wenigstens galt ihr die Bibel und ihr angeborenes Gefühl weit mehr als die Norm der Kirche. Sie wäre möglicherweise längst eine eifrige Pietistin geworden, wäre sie nicht so ungesellig und scheu gewesen. Auch waren ihr Bibelauslegung und Gebet kein sehr starkes Bedürfnis. Desto peinlicher achtete sie darauf, ihr tägliches Tun und Leben stets im Einklang mit ihrer Ehrfurcht vor Gott und den ihr gefühlsmäßig innewohnenden Gesetzen zu halten. Dabei sparte sie aber das Grübeln und auch das Reden und entzog sich den natürlichen Ergebnissen und Forderungen des Tages nicht, nur bewahrte sie sich ein stilles Gebiet im Innern, wohin Begebnisse und Worte nicht reichen durften und wo sie in sich selbst ausruhen oder in unsicheren Lagen Festigung und Gle-ichgewicht suchen konnte.
Es konnte nicht ausbleiben, daß von den beiden Frauen und der Art ihres Zusammenhausens auch der kleine Walter hier und dort beeinflußt wurde. Doch nahm ihn fürs erste die Schule zu sehr in Anspruch, als daß er viel für sonstige Gespräche und Belehrungen übrig gehabt hätte. Auch ließ ihn die Mut-ter gern in Ruhe, und je sicherer sie seines innersten Wesens war, desto unbe-fangener und froher beobachtete sie, wie viele Eigenschaften und Eigen-tümlichkeiten des Vaters nach und nach in dem Kinde zum Vorschein kamen. Namentlich in der äußeren Gestalt wurde er ihm immer ähnlicher.
Aber wenn auch keine Mißstände zutage traten und niemand etwas Besonde-res an ihm fand, war der Knabe doch von ungewöhnlicher und vielleicht allzu zwiespältiger Natur. So wenig die braunen Augen in sein Kömpffsches Famili-engesicht paßten, so unverschmelzbar schienen in seinem Gemüt väterliches und mütterliches Erbteil nebeneinander zu liegen, so daß es schien, er werde Mühe haben, es zu einem gefestigten eignen Wesen zu bringen.
Einstweilen spürte selbst die Mutter nur selten etwas davon. Doch war Wal-ter nun schon in die späteren Knabenjahre getreten, in welchen allerlei Gärun-gen und seltsame Rösselsprünge vorkommen und wo die jungen Leute sich beständig zwischen empfindlicher Schamhaftigkeit und derberem Wildtun pos-sierlich hin und wieder bewegen. Da war es immerhin gelegentlich auffallend, wie schnell oft seine Erregungen wechselten und wie leicht seine Gemütsart umschlagen konnte. Ganz wie sein Vater fühlte er nämlich das Bedürfnis, sich dem Durchschnitt und herrschenden Ton anzupassen, war also ein guter Klas-senkamerad und Mitschüler, dabei auch von den Lehrern gern gesehen. Her-zensfreunde hatte er nicht, stand aber fast mit allen vertraulich. Und doch schi-enen daneben andre Bedürfnisse in ihm mächtig zu sein. Wenigstens war es manchmal, als besänne er sich auf sich selbst und lege eine Maske ab, wenn er sich von einem tobenden Spiel beiseite schlich und sich entweder einsam in sei-ne Dachbodenkammer setzte oder mit ungewohnter, stummer Zärtlichkeit zur Mutter kam. Gab sie ihm dann gütig nach und erwiderte sein Liebkosen, so war er unknabenhaft gerührt und weinte sogar zuweilen. Auch hatte er einst an ei-ner kleinen Rachehandlung der Klasse gegen den Lehrer teilgenommen und fühlte sich, nachdem er sich zuvor laut des Streiches gerühmt hatte, nachher plötzlich so zerknirscht, daß er aus eignem Antrieb hinging und um Verzeihung bat.
Das alles war erklärlich und sah recht harmlos aus. Es zeigte sich dabei zwar eine gewisse Schwäche, aber auch das gute Herz Walters, und niemand hatte Schaden davon. So verlief die Zeit bis zu seinem fünfzehnten Jahr in Stille und Zufriedenheit für Mutter, Magd und Sohn. Auch Herr Leipolt gab sich um Walter Mühe, suchte wenigstens seine Freundschaft durch öfteres Überreichen von kleinen, für Knaben erfreulichen Ladenartikeln zu erwerben. Dennoch und obwohl Walter die Sachen annahm, liebte er den allzu höflichen Ladenmann gar nicht und wich ihm nach Kräften aus.
Am Ende des letzten Schuljahrs hatte die Mutter eine Unterredung mit dem Söhnlein, wobei sie zu erkunden suchte, ob er auch wirklich entschlossen und ohne Widerstreben damit einverstanden sei, nun Kaufmann zu werden. Sie tra-ute ihm eher Neigung zu weiteren Schul- und Studienjahren zu. Aber der Jüng-ling hatte gar nichts einzuwenden und nahm es für recht und selbstverständlich hin, daß er jetzt ein Ladenlehrling werde. So sehr sie im Grunde darüber erf-reut sein mußte und auch war, kam es ihr doch fast wie eine Art von Enttäusc-hung vor. Doch überwog das Gefühl der Beruhigung in ihr und sie sah Walters weiterer Zukunft ohne große Sorgen entgegen. Zwar gab es noch einen ganz unerwarteten Widerstand und ziemlich herben Streit, indem der Junge sich hartnäckig weigerte, seine Lehrzeit im eignen Hause unter Herrn Leipolt abzu-dienen, was das einfachste und für ihn auch weitaus das leichteste gewesen wäre und bei Mutter und Vormund längst für selbstverständlich gegolten hatte. Doch war das nur eine leichte Trübung. Die Mutter fühlte nicht ungern in die-sem festen Widerstand etwas von ihrer eignen Art, sie gab am Ende nach und es wurde in einem andern Kaufhaus eine Lehrstelle für den Knaben gefunden.
Walter begann seine neue Tätigkeit mit dem üblichen Stolz und Eifer, wußte täglich viel davon zu erzählen und gewöhnte sich schon in der ersten Zeit eini-ge bei den Gerbersauer Geschäftsleuten übliche Redensarten und Gesten an, die ihm vom Vater her im Blut lagen und zu denen die Mutter freundlich lächelte. Allein dieser fröhliche Anfang dauerte nicht sehr lange.
Schon nach kurzer Zeit wurde der Lehrling, der anfangs nur geringe Hand-langerdienste tun oder zusehen durfte, zum Bedienen und Verkaufen am Ladentisch herangezogen, was ihn zunächst sehr froh und stolz machte, bald aber in einen schweren Konflikt führte. Kaum hatte er nämlich ein paarmal selbständig einige Kunden bedient, so deutete sein Lehrherr ihm an, er möge vorsichtiger mit der Wage umgehen. Walter war sich keines Versäumnisses bewußt und bat um eine genauere Anweisung.
„Ja, weißt du denn das nicht schon von deinem Vater her?“ fragte der Kauf-mann.
„Was denn? Nein, ich weiß nichts,“ sagte Walter verwundert.
Nun zeigte ihm der Prinzipal, wie man beim Zuwägen von Salz, Kaffee, Zucker und dergleichen durch ein nachdrückliches letztes Zuschütten die Wage scheinbar zugunsten des Käufers niederdrücken müsse, indessen tatsächlich noch etwas am Gewicht fehle. Das sei schon deshalb notwendig, da man zum Beispiel am Zucker ohnehin fast nichts verdiene. Auch merke es ja niemand.
Walter war ganz bestürzt.
„Aber das ist ja unrecht,“ sagte er schüchtern.
Der Kaufmann belehrte ihn eindringlich, aber er hörte kaum zu, so überwältigend war ihm die Sache gekommen. Und plötzlich fiel ihm die vorige Frage des Prinzipals wieder ein. Mit rotem Kopf unterbrach er zornig dessen Rede und rief: „Und mein Vater hat das nie getan, ganz gewiß nicht.“
Der Herr war unangenehm erstaunt, unterdrückte aber klüglich eine heftige Zurechtweisung und sagte mit Achselzucken: „Das weiß ich besser, du Na-seweis. Es gibt keinen vernünftigen Laden, wo man das nicht tut.“
Der Junge war aber schon an der Tür und hörte nicht mehr auf den Mann, der ihn scheltend und drohend zurückrief, sondern ging im hellen Zorn und Sch-merz nach Hause, wo er durch sein Erlebnis und seine Klagen die Mutter in nicht geringe Bestürzung und Verlegenheit brachte. Sie wußte, mit welcher gewissenhaften Ehrerbietung er seinen Lehrherrn betrachtet hatte und wie sehr es seiner Art widerstrebte, Auffallendes zu tun und Szenen zu machen. Aber sie verstand Walter diesmal sehr gut und freute sich trotz aller augenblicklichen Sorge, daß sein empfindliches Gewissen stärker als Gewohnheit und Rücksicht gewesen war. Sie suchte nun zunächst selbst den Kaufmann auf und sprach be-ruhigend mit ihm, obwohl es ihr sauer wurde; dann mußte der Vormund zu Rate gezogen werden, dem nun wieder Walters Auflehnung und Entrüstung unbegreiflich war und der durchaus nicht verstand, daß ihm die Mutter auch noch recht gebe. Auch er ging zum Prinzipal und sprach mit ihm. Dann schlug er der Mutter vor, den Jungen ein paar Tage in Ruhe zu lassen, was auch gesc-hah. Doch war dieser auch nach drei und nach vier und nach acht Tagen nicht zu bewegen, wieder in jenen Laden zu gehen. Und wenn wirklich jeder Kauf-mann es nötig habe, zu betrügen, sagte er, so wolle er auch keiner werden.
Nun hatte der Vormund in einem etwas weiter talaufwärts gelegenen Städtchen einen Bekannten, der ein kleines Ladengeschäft betrieb und für einen Frömmler und Stundenbruder galt, als welchen auch er ihn gering geschätzt hatte. Diesem schrieb er in seiner Ratlosigkeit, und der Mann antwortete in Bälde, er halte zwar sonst keinen Lehrling, sei aber bereit, Walter einmal ver-suchsweise bei sich aufzunehmen. So ungern die Mutter den Jungen jetzt schon von Hause weggab, konnte sie doch nichts Ernstliches einwenden, und so wur-de Walter nach Deltingen gebracht und jenem Kaufmann übergeben.
Der hieß Leckle und wurde in der Stadt „der Schlotzer“ geheißen, weil er in nachdenklichen Augenblicken seine Gedanken und Entschlüsse aus dem linken Daumen zu saugen pflegte. Davon abgesehen, war er zwar wirklich sehr fromm und Mitglied einer kleinen Sekte, aber darum kein schlechterer Kauf-mann. Er machte sogar in seinem Lädchen vorzügliche Geschäfte und stand trotz seinem stets schäbigen Äußeren im Geruch eines sehr wohlhabenden Man-nes. Er nahm Walter ganz zu sich ins Haus, und dieser fuhr dabei nicht übel; denn war der Schlotzer etwas knapp und krittlig, so war Frau Leckle eine sanf-te Seele voll unnötigen Mitleids und suchte, soweit es in der Stille geschehen konnte, den Lehrling durch Trostworte und Tätscheln und gute Bissen nach Kräften zu verwöhnen. Vielleicht hätte er das lieber abgewiesen, aber dazu war er zu jung, auch machte ihn in der ersten Zeit das Heimweh schmiegsam und dankbar für ihre Zärtlichkeiten.
Im Leckleschen Laden ging es zwar genau und sparsam zu, aber nicht auf Kosten der Kunden, denen Zucker und Kaffee gut und vollwichtig zugewogen wurden. Walter Kömpff begann daran zu glauben, daß man auch als Kaufmann ehrlich sein und bleiben könne, und da es ihm an Geschick zu seinem Beruf nicht fehlte, kam er rasch vorwärts und war selten einem Verweis seines stren-gen Lehrpatrons ausgesetzt. Doch war die Kaufmannschaft nicht das einzige, was er in Deltingen zu lernen bekam. Der Schlotzer nahm ihn fleißig in die „Stunden“ mit, die manchmal sogar in seinem Hause stattfanden. Da saßen Ba-uern, Schneider, Bäcker, Schuster beisammen, bald mit, bald ohne Weiber, und suchten den Hunger ihres Geistes und ihrer Gemüter an Gebet, Laienpredigt und gemeinschaftlicher Bibelauslegung zu stillen. Zu diesem Treiben steckt im schwarzwälderischen Volk ein starker Zug, und es sind meistens die besseren und höher angelegten Naturen, die sich ihm anschließen. Außer gelegentlichen harmlosen Unfreundlichkeiten gegen Kirche und Pfarrer ist dabei auch noch selten etwas Schlimmes herausgekommen, und das mit den Fabriken um sich greifende moderne Übel der Verflachung und Seelenlosigkeit hat am Pietismus einen kräftigen und ehrenwerten Feind. Gerade in den Fabriken gibt es manche solche Fromme, die unter Spott und Mißachtung fest bleiben und täglich zu Helden und Märtyrern werden, wovor die aufgeklärten Großmäuler und Schwindelidealisten billig Respekt haben dürften.
Daß es unter diesen wacker strebenden Hungrigen des Geistes nicht an selt-samen und auch närrischen Brüdern fehlt, ist natürlich und schadet der Sache nichts. Immerhin gewann der junge Walter an einigen solchen Käuzen einen zweifelhaften Eindruck. Im ganzen war er, ob ihm auch das Bibelerklären manchmal zu viel wurde, diesem Wesen von Natur nicht abgeneigt und brachte es öfters zu wirklicher Andacht. Aber er war nicht nur sehr jung, sondern auch ein Gerbersauer Kömpff; als ihm daher nach und nach auch einiges Lächerliche an der Sache aufstieß und als er immer öfter Gelegenheit hatte, andre junge Leute sich über sie lustig machen zu hören, da wurde er mißtrauisch und hielt sich möglichst zurück. Wenn es auffällig und gar lächerlich war, zu den Stun-denbrüdern zu gehören, so war das nichts für ihn, dem trotz allen widerstre-benden Regungen das Verharren im Üblichen und bürgerlich Hergebrachten ein unbewußtes, aber desto tieferes Bedürfnis war. Immerhin blieb von dem Stun-denwesen und vom Geist des Leckleschen Hauses genug an ihm hängen.
Er hatte sich schließlich sogar so eingewöhnt, daß er nach Abschluß seiner Lehrzeit sich scheute, fortzugehen und trotz allen Mahnungen des Vormundes noch zwei volle Jahre bei dem Schlotzer blieb. Viel trug es auch zu seinem dor-tigen Wohlsein bei, daß er von Deltingen aus mindestens einmal im Monat für einen Sonntag heimfahren und bei der Mutter sein konnte.
Endlich nach zwei Jahren gelang es dem Vormund, ihn zu überzeugen, daß er notwendig noch ein Stück Welt und Handelschaft kennen lernen müsse, um später einmal sein eigenes Geschäft führen zu können. So ging denn Walter am Ende in die Fremde, ungern und zweifelnd, nachdem er zuvor seine Militärzeit abgedient hatte. Ohne diese rauhe Vorschule hätte er es vermutlich nicht lange im fremden Leben draußen ausgehalten. Auch so ging es ihm noch kunterbunt genug und fiel es ihm nicht leicht, sich durchzubringen. An sogenannten guten Stellen fehlte es ihm freilich nicht, da er überall mit guten Empfehlungen an-kam. Aber innerlich hatte er viel zu schlucken und zu flicken, um sich oben zu halten und nicht davonzulaufen. Zwar mutete ihm niemand mehr zu, beim Wägen zu mogeln, denn er war nun meist in den Kontors großer Geschäfte tätig, aber wenn auch keine beweisbaren Unredlichkeiten geschahen, kam ihm doch der ganze Umtrieb und Wettbewerb ums Geld oft unleidlich roh und gra-usam und nüchtern vor, besonders da er nun keinen Umgang mehr mit Leuten von des Schlotzers Art hatte und nicht wußte, wo er die unklaren Bedürfnisse seiner Phantasie befriedigen sollte.
Trotzdem biß er sich durch, arbeitete treulich und lernte viel, und fand sich allmählich mit müde gewordener Ergebung darein, daß es nun einmal so sein müsse, daß auch sein Vater es nicht besser gehabt habe und daß alles mit Gottes Willen geschehe. Die geheime, sich selber nicht verstehende Sehnsucht nach der Freiheit eines klaren, in sich begründeten und befriedigten Lebens starb aller-dings niemals ganz in ihm ab, nur wurde sie stiller und glich ganz jenem sei-nen, stetigen Schmerze, mit dem jeder tiefer veranlagte Mensch am Ende der Jünglingsjahre sich in die Ungenüge des Lebens findet und in dem die reifende Manneswürde oft ihre tiefsten Wurzeln stecken hat.
Seltsam war es nun, daß es wieder die größte Mühe kostete, ihn nach Gerber-sau zurückzubringen. Anfänglich hatte ihn zwar in Köln, wo er damals lebte, eine Verliebtheit festgehalten. Allein das Mädchen, um das er sich Mühe gab, wollte nichts von ihm wissen und hätte wohl auch schlecht zu ihm gepaßt. Sie verlobte sich mit einem Einheimischen, und Kömpff hätte allen Grund gehabt, sich jetzt zur Mutter und in die Heimat zu flüchten, da es um seine innere Fes-tigkeit und Lebensfreude übel bestellt war. Dennoch und obwohl er einsah, daß es sein Schade sei, das heimische Geschäft länger als nötig in fremder Pacht zu lassen, wollte er durchaus nicht heimkommen. Es war nämlich, je näher diese Notwendigkeit ihm rückte, eine wachsende und zuletzt fast verzweifelte Angst in ihn gefahren. Wenn er erst einmal im eignen Haus und Laden saß, sagte er sich, dann gab es vollends kein Entrinnen mehr. Es graute ihm davor, nun auf eigne Rechnung Geschäfte zu treiben, da er zu wissen glaubte, daß das die Leu-te schlecht mache. Wohl kannte er manche große und kleine Handelsleute, die durch Rechtlichkeit und edle Gesinnung ihrem Stand Ehre machten und ihm verehrte Vorbilder waren; aber das waren sämtlich kräftige, scharfe Per-sönlichkeiten, denen Achtung und Erfolg von selbst entgegenzukommen schie-nen, und soweit kannte sich Kömpff, daß er wußte, diese Kraft und Einheit-lichkeit gehe ihm völlig ab.
Fast ein Jahr lang zog er die Sache hin. Dann mußte er wohl oder übel kom-men, denn Leipolts schon einmal verlängerte Pachtzeit war nächstens wieder abgelaufen, und dieser Termin konnte ohne erheblichen Verlust nicht versäumt werden.
Er gehörte schon nicht mehr ganz zu den Jungen, als er gegen Wintersanfang mit seinem Koffer in der Heimat anlangte und das Haus seiner Väter in Besitz nahm. Äußerlich glich er nun fast ganz seinem Vater, wie derselbe zur Zeit sei-ner Verheiratung ausgesehen hatte. In Gerbersau wußte auch außer seiner Mut-ter niemand, wie es nun bei ihm aussah, und so nahm man ihn überall mit der ihm zukommenden freundlichen Achtung als den heimkehrenden Erben und Herrn eines respektabeln Hauses und Vermögens auf, und Kömpff fand sich leichter, als er gedacht hatte, in die Rolle eines wohlgeschätzten und ehrenwer-ten Jungbürgers. Die Freunde seines Vaters gönnten ihm wohlwollende Grüße und hielten darauf, daß er sich ihren Söhnen anschließe. Die ehemaligen Schul-kameraden schüttelten ihm die Hand, wünschten ihm Glück und führten ihn an die Stammtische im Hirschen und im Anker ein. Überall fand er durch das Vorbild und Gedächtnis seines Vaters nicht nur einen Platz offen, sondern auch einen unausweichlichen Weg vorgezeichnet und wunderte sich nur zuweilen, daß ihm ganz dieselbe Wertschätzung wie einst dem Vater zufiel, während er fest überzeugt war, daß jener ein ganz andrer Kerl gewesen sei und sich seiner vielleicht jetzt schämen würde.
Da Herrn Leipolts Pachtzeit schon in sechs Wochen abgelaufen war, hatte Kömpff in dieser ersten Zeit vollauf zu tun, sich mit den Büchern und dem In-ventar bekannt zu machen, mit Leipolt abzurechnen und sich bei Lieferanten und Kunden einzuführen. Er konnte nachrechnen, daß der Pächter sich in all den Jahren ein kleines Vermögen erworben habe, das er ihm aber gönnte denn er fand das Geschäft in guter Ordnung und leidlicher Blüte. Er saß oft nachts noch über den Büchern und war im stillen froh, gleich so viel Arbeit angetrof-fen zu haben, denn er vergaß darüber zunächst die tiefersitzenden Sorgen und konnte sich, ohne daß es auffiel, noch eine Zeitlang den Fragen der Mutter entziehen. Er fühlte wohl, daß für ihn wie für sie ein gründliches Aussprechen notwendig sei, und das schob er gern noch hinaus. Im übrigen begegnete er ihr mit einer ehrlichen, etwas verlegenen Zärtlichkeit, denn es war ihm plötzlich wieder klar geworden, daß sie doch der einzige Mensch in der Welt sei, der zu ihm passe und ihn verstehe und in der rechten Weise liebhabe.
Als endlich alles im Gange und der Pächter abgezogen war, als Walter die meisten Abende und auch den Tag über manche halbe Stunde bei der Mutter saß, erzählte und sich erzählen ließ, da kam ganz ungesucht und ungerufen auch die Stunde, in der Frau Kornelie sich das Herz ihres Sohnes erschloß und wie-der wie zu seinen Knabenzeiten seine etwas scheue und unstete Seele offen vor sich sah. Mit wunderlichen Empfindungen fand sie ihre alte Ahnung bestätigt: ihr Sohn war, allem Anschein zum Trotz, im Herzen kein Kömpff und kein Kaufmann geworden, er stak nur, innerlich ein Kind geblieben, in der aufge-nötigten Rolle und ließ sich verwundert treiben, ohne daß er lebendig mit dabei war. Er konnte rechnen, buchführen, einkaufen und verkaufen wie ein andrer, aber es war eine erlernte, unwesentliche Fertigkeit. Und nun hatte er die dop-pelte Angst, entweder seine Rolle schlecht zu spielen und dem väterlic-hen Namen Unehre zu machen, oder am Ende in ihr zu versinken und schlecht zu werden und seine Seele ans Geld zu verlieren.
Es kam nun eine lange Reihe von stillen Jahren. Herr Kömpff merkte allmählich, daß die ehrenvolle Aufnahme, die er in der Heimatstadt gefunden hatte, zu einem Teil auch seinem ledigen Stande galt. Daß er trotz vielen Ver-lockungen älter und älter wurde, ohne zu heiraten, war — wie er selbst mit schlechtem Gewissen fühlte — ein entschiedener Abfall von den hergebrachten Regeln der Stadt und des Hauses. Doch vermochte er nichts dawider zu tun. Auch nachdem der Schmerz um jene frühere Liebe still geworden und ein-geschlafen war, ging es nicht besser. Denn nun ergriff ihn mehr und mehr eine peinliche Scheu vor allen wichtigen Entschlüssen. Er mußte fast lachen, wenn er bedachte, daß er eigentlich nun heiraten sollte. Er hatte zu sorgen genug, wie sollte er auch noch ein Familienherr und Vater werden mögen! Wie hätte er seine Frau und gar die Kinder behandeln sollen, er, der sich selber oft wie ein Knabe vorkam mit seiner Herzensunruhe und seinem mangelnden Zutrauen zu sich selber? Manchmal, wenn er am Stammtisch in der Honoratiorenstube seine Altersgenossen sah, wie sie auftraten und sich selber und einer den andern ernst nahmen, wollte es ihn wundern, ob diese wirklich alle in ihrem Innern sich so sicher und männlich gefestigt vorkamen, wie es den Anschein hatte. Und wenn das war, warum nahmen sie ihn dann ernst und warum merkten sie nicht, daß es mit ihm ganz anders stand?
Solche Fragen kamen ihm zuweilen. Aber es dachte kein Mensch daran, ihn etwa nicht für voll zu nehmen und seinem bürgerlich biederen Aussehen und Auftreten irgend zu mißtrauen. Und doch war er in vielem geradezu ein Kind. Obwohl vielleicht in sechs, acht Jahren man ihn gewiß in den Gemeinderat wählen würde, schien ihm das doch unmöglich und lächerlich und kam ihm diese Ehre immer ebenso seltsam, großartig und entlegen vor wie damals, als er noch in die Schule ging und mit Ehrerbietung und Erstaunen davon reden hör-te, sein Vater käme vielleicht das nächste Jahr in den Gemeinderat — lieber Gott! Sie hätten ihn ebensogut zum Papst machen können. Es schien ihm, als spielten alle Leute Komödie.
So hätte er das seltsame Schauspiel eines geachteten, wohlhabenden Bürgers gewährt, dem auf der Welt nichts mangelt als die Hauptsache, nämlich das Zut-rauen zu sich selber. Doch sah das niemand, kein Kunde im Laden und kein Kollege und Kamerad auf dem Markt oder beim Schoppen, außer der Mutter. Diese mußte ihn freilich genau kennen, denn bei ihr saß das große Kind immer wieder, klagend, Rat haltend und fragend, und sie beruhigte ihn und beherrsch-te ihn, ohne es zu wollen. Die Holderlies aber nahm bescheiden daran teil. Die drei merkwürdigen Leute, wenn sie abends beisammen waren, sprachen un-gewöhnliche Dinge miteinander. Sein immerfort unruhiges Gewissen trieb den Kaufmann auf neue und wieder neue Fragen und Gedanken, über die man zu Rate saß und aus der Erfahrung und aus der Bibel Aufschlüsse suchte und An-merkungen machte. Der Mittelpunkt aller Fragen war der Übelstand, daß Herr Kömpff nicht glücklich war und es gern gewesen wäre.
Ja, wenn er eben geheiratet hätte, meinte die Lies seufzend. O nein, bewies aber der Herr, wenn er geheiratet hätte, wäre es eher noch schlimmer; er wußte viele Gründe dafür. Aber wenn er etwa studiert hätte, oder er wäre Sch-reiber oder ein Handwerker geworden. Da wäre es so und so gegangen. Und der Herr bewies, daß er dann wahrscheinlich erst recht im Pech wäre. Man probierte es mit dem Schreiner, Schullehrer, Pfarrer, Arzt, aber es kam auch nichts dabei heraus.
„Und wenn es auch vielleicht ganz gut gewesen wäre,“ schloß er traurig, „es ist ja doch alles anders und ich bin Kaufmann wie der Vater.“
Zuweilen erzählte Frau Kornelie vom Vater. Davon hörte er immer gern. ‚Ja, wenn ich ein Mann wäre, wie der einer gewesen ist!‘ dachte er dabei und sagte es auch bisweilen. Darauf lasen sie ein Bibelkapitel oder auch irgend eine Geschichte, die man aus der Bürgervereinsbibliothek da hatte. Und die Mutter zog Schlüsse aus dem Gelesenen und sagte: „Man sieht, die wenigsten Leute treffen es im Leben gerade so, wie es gut für sie wäre. Es muß jeder genug durchmachen und leiden, auch wenn man’s ihm nicht ansieht. Der liebe Gott wird es schon wissen, zu was es gut ist, und einstweilen muß man es eben auf sich nehmen und Geduld haben.“
Dazwischen trieb Walter Kömpff seinen Handel, rechnete und schrieb Briefe, erschien als ruhiger Gast an den regelmäßigen Wochenabenden, machte da und dort einen Besuch und ging in die Kirche, alles pünktlich und ordentlich, wie es das Herkommen erforderte. Im Lauf der Jahre schläferte ihn das auch ein wenig ein, doch niemals ganz; in seinem Gesicht stand immer etwas, das einem verwunderten und bekümmerten Sichbesinnen ähnlich sah.
Seiner Mutter war anfangs dies Wesen ein wenig beängstigend. Sie hatte ge-dacht, er würde vielleicht noch weniger zufrieden, aber mannhafter und entsc-hiedener werden. Dafür rührte sie wieder die gläubige Zuversicht, mit der er an ihr hing und nicht müde wurde, alles mit ihr zu teilen und gemeinsam zu ha-ben. Und wie die Zeiten dahinliefen und alles im Gleichen blieb, gewöhnte sie sich völlig daran und fand nicht viel Besonderes und Beunruhigendes mehr an seinem bekümmerten und ziellosen Wesen.
So stand es und so blieb es. Walter Kömpff war nun nahe an vierzig und hat-te nicht geheiratet und sich wenig verändert. In der Stadt ließ man sein etwas zurückgezogenes Leben als eine Junggesellenschrulle hingehen und wußte glücklicherweise nicht, wie eigentümlich es in der großen Vorderstube seines Hauses an den stillen Abenden aussah, an denen er mit den beiden alten Frauen seine ernsten Beratungen hielt und auf die Mutter hörte wie ein Zehnjähriger. Daß in dies resignierte Leben noch eine Änderung kommen könnte, hatte er nie gedacht.
Sie kam aber plötzlich, indem Frau Kornelie, deren langsames Altern man kaum bemerkt hatte, auf einem kurzen Krankenlager vollends ganz weiß wur-de, sich wieder aufraffte und wieder erkrankte, um nun schnell und still zu sterben. Am Totenbette, von dem der Herr Stadtpfarrer eben weggegangen war, standen der Sohn und die alte Magd.
„Lies, geh hinaus,“ sagte Herr Kömpff.
„Ach, aber lieber Herr —!“
„Geh hinaus, sei so gut!“
Sie ging hinaus und saß ratlos in der Küche. Nach einer Stunde klopfte sie, bekam keine Antwort und ging wieder. Und wieder kam sie nach einer Stunde und klopfte vergebens. Sie klopfte noch einmal.
„Herr Kömpff! O Herr!“
„Sei still, Lies!“ rief es von drinnen.
„Und mit dem Nachtessen?“
„Sei still, Lies. Iß du nur!“
„Und Sie nicht?“
„Ich nicht. Laß jetzt gut sein! Gute Nacht!“
„Ja, darf ich denn gar nimmer hinein?“
„Morgen dann, Lies.“
Sie mußte davon abstehen. Aber nach einer schlaflosen Kummernacht stand sie morgens schon um fünf Uhr wieder da.
„Herr Kömpff!“
„Ja, was ist?“
„Soll ich gleich Kaffee machen?“
„Wie du meinst.“
„Und dann, darf ich dann hinein?“
„Ja, Lies.“
Sie kochte ihr Wasser und nahm die zwei Löffel gemahlenen Kaffee und Zichorie, ließ das Wasser durchlaufen, trug Tassen auf und schenkte ein. Dann kam sie wieder.
Er schloß auf und ließ sie hereinkommen. Sie kniete ans Bett und sah die To-te an und rückte ihr die Tücher zurecht. Dann stand sie auf und sah nach dem Herrn und besann sich, wie sie ihn anreden solle. Aber wie sie ihn ansah, kannte sie ihn kaum wieder. Er war blaß und hatte ein schmales Gesicht und machte große merkwürdige Augen, als wollte er einen durch und durch scha-uen, was sonst gar nicht in seiner Art war.
„Sie sind gewiß nicht wohl, Herr —“
„Ich bin ganz wohl. Wir können ja jetzt Kaffee trinken.“
Das taten sie, ohne daß ein Wort gesprochen wurde. Aber der Lies schien es durchaus nötig, daß das große Unglück auch beredet werde, schon weil es ihr mißfiel und gefährlich vorkam, daß ihr Herr seinen ganzen Schmerz und Sch-recken in sich verschloß. Also fing sie nach einigem Warten wieder an:
„Unsere liebe, arme Frau! Ja, Herr Kömpff, das ist ein schwerer Schlag für uns.“
Sie sagte erst seit gestern „Herr Kömpff“ zu ihm, bisher hatte er für sie „Herr Walter“ geheißen.
Er gab keine Antwort.
„Lieber Gott,“ fing sie nochmals an, „und so schnell ist es gegangen, kein Mensch hat daran gedacht. Es ist ja gut für sie. Wenn sie auch noch lang hätte leiden müssen! Aber für uns ist es doch schrecklich traurig.“
„Ja, Lies.“
„Nicht wahr? Und sie war auch noch gar nicht so besonders alt. Du liebe Zeit, vierundsechzig! Das ist doch noch lang kein hohes Alter, Herr Kömpff.“
Er blickte sie mit seinen großen, veränderten Augen an.
„Jesus, was fehlt Ihnen?“ rief sie bestürzt.
„Nichts, Lies. Aber du gehst jetzt hinaus und läßt mich in Ruhe.“
Den ganzen Tag, während die Leichenfrau da war und die Tote besorgte, saß er allein in der Stube. Es kamen ein paar Trauerbesuche, die er sehr ruhig empfing und sehr bald und kühl wieder verabschiedete, ohne daß er jemand die Tote sehen ließ. Nachts wollte er wieder bei ihr wachen, schlief aber auf dem Stuhle ein und wachte erst gegen Morgen auf. Erst jetzt fiel es ihm ein, daß er sich schwarz anziehen müsse. Er holte selber den Gehrock aus dem Kasten. Abends war die Beerdigung, wobei er nicht weinte und sich sehr ruhig be-nahm. Desto aufgeregter war die Holderlies, die in ihrem weiten Staatskleid und mit rotgeweintem Gesicht den Zug der Weiber anführte. Über das nasse Sacktuch weg äugte sie fortwährend, vor Tränen blinzelnd, nach ihrem Herr-lein hinüber, um das sie Angst hatte. Sie fühlte gut, daß dieses kalte und ruhige Gebaren nicht aus seinem inneren Wesen kam und daß die trotzige Verschlos-senheit und Einsiedlerei ihn verzehren müsse.
Doch gab sie sich vergebens Mühe, ihn seiner Erstarrung zu entreißen. Er saß daheim am Fenster oder lief ruhelos durch die Zimmer. An der Ladentür ver-kündete ein Zettel, daß das Geschäft für drei Tage geschlossen sei. Es blieb aber auch am vierten und fünften Tag zu, bis einige Bekannte ihn dringend mahnten.
Kömpff stand nun wieder hinter dem Ladentisch, wog, rechnete und nahm Geld ein, aber er tat es, ohne dabei zu sein. An den Abenden der Bürgerge-sellschaft und der Hirschengäste erschien er nicht mehr und man ließ ihn gewähren, da er ja in Trauer war. In seiner Seele war es leer und still. In der ersten Verzweiflung nach dem Tod der Mutter hatte es ihn stark gelüstet, sich in einer dunkeln Bodenkammer aufzuhängen. Denn wie sollte er nun leben? Eine tödliche Ratlosigkeit hielt ihn wie ein Krampf bestrickt, er konnte nicht stehen noch fallen, sondern fühlte sich ohne Boden im Leeren schweben. Daß er die Kammer mied und den Strick unberührt ließ, geschah ohne Überlegung aus einer verborgen fortwirkenden Gewissenhaftigkeit, über die er nicht Herr war.
Nach einiger Zeit begann es ihn unruhig zu treiben; er fühlte, daß irgend etwas geschehen müsse, nicht von außen her, sondern aus ihm selbst heraus, um ihn zu befreien. Damals fingen nun auch die Leute an, etwas zu merken, und die Zeit begann, in der Walter Kömpff zum bekanntesten und meistbesproche-nen Mann in Gerbersau wurde.
Wie es scheint, hatte der sonderbare Kaufmann in diesen Zeiten, da er sein Leben erobern wollte und sein Schicksal der Reife nahe fühlte, ein starkes Be-dürfnis nach Einsamkeit und ein Mißtrauen gegen sich selbst, das ihm gebot, sich von gewohnten Einflüssen zu befreien und sich gewissermaßen eine eigne, abschließende Atmosphäre zu schaffen. Wenigstens fing er nun an, die beiden Wirtshausabende zu meiden; anfänglich entschuldigte er sich noch bei seinen Herren Freunden, dann hörte auch dieses auf, und man begann ihn für einen unfeinen Bruder zu halten. Schlimmer war, daß er um dieselbe Zeit die treue Holderlies zu entfernen suchte.
„Vielleicht kann ich dann die selige Mutter eher vergessen,“ sagte er und bot der Lies ein beträchtliches Geschenk an, daß sie in Frieden abgehe. Die alte Di-enerin lachte jedoch nur und erklärte, sie gehöre nun einmal ins Haus und wer-de auch bleiben. Sie wußte gut, daß ihm nicht daran gelegen war, seine Mutter zu vergessen, daß er vielmehr ihrem Andenken stündlich nachhing und keinen geringsten Gegenstand vermissen mochte, der ihn an sie erinnerte. Und vielle-icht verstand die Holderlies ihres Herrn Gemütszustände ahnungsweise schon damals; jedenfalls verließ sie ihn nicht, sondern sorgte mütterlich für sein verwaistes Hauswesen und half ihm auch das Gedächtnis der Hingegangenen redlich pflegen.
Es muß nicht leicht für sie gewesen sein, in jenen Tagen bei dem Sonderling auszuharren. Walter Kömpff begann damals zu fühlen, daß er zu lange das Kind seiner Mutter geblieben war. Stürme, die ihn nun bedrängten, waren schon jahrelang in ihm gewesen, und er hatte sie dankbar von der Mutterhand beschwören und besänftigen lassen. Jetzt schien ihm aber, es wäre besser gewesen, beizeiten zu scheitern und neu zu beginnen, statt erst jetzt, da er nicht mehr bei Jugendkräften und durch jahrelange Gewohnheit hundertfach gefesselt und gelähmt war. Seine Seele verlangte so leidenschaftlich wie jemals nach Freiheit und Gleichgewicht, aber sein Kopf war der eines Kaufmanns und sein ganzes Leben lief eine feste, glatte Bahn abwärts und er wußte keinen Weg, aus diesem sicheren Gleiten sich auf neue, bergan führende Pfade zu retten.
Und während er mit zärtlicher Trauer jede Erinnerung an die gestorbene Mutter wach erhielt und innig am Herzen hegte, schämte er sich dieser Treue und hielt sich täglich vor, wie notwendig es ihm sei, von heute an ein eignes Leben zu führen und keine Stimme mehr zu lieben und zu hören als das Sch-reien seines vereinsamten Herzens nach Rast und Erlösung.
In seiner Not besuchte er mehrmals die abendlichen Versammlungen der Pie-tisten. Eine Ahnung des Trostes und der Erbauung wachte dort zwar in ihm auf, doch mißtraute er heimlich der inneren Wahrhaftigkeit dieser Männer, die oft ganze Abende mit unendlich kleinlichen Versuchen einer untheologischen Bibelauslegung verbrachten, viel verbissenen Autodidaktenstolz an den Tag legten und selten recht einig untereinander waren. Es mußte eine Quelle des Vertrauens und der Gottesfreude geben, eine Möglichkeit der Heimkehr zur Kindeseinfalt und in Gottes Arme; aber hier, meinte er, war sie nicht. Die Red-ner und Gäste dieser Versammlungen waren alle ehrenwerte, redliche Mensc-hen, aber sie hatten doch alle, schien ihm, irgend einmal einen Kompromiß geschlossen und hielten in ihrem Leben eine irgend einmal angenommene Grenze zwischen Geistlichem und Weltlichem inne. Eben das hatte Kömpff selber sein Leben lang getan, und eben das hatte ihn müde und traurig gemacht und ohne Trost gelassen.
Das Leben, das er sich dachte, müßte in allen kleinsten Regungen Gott hinge-geben und von herzlichem Vertrauen erleuchtet sein. Er wollte keine noch so geringe Tätigkeit mehr verrichten, ohne dabei mit sich und mit Gott einig zu sein. Und er wußte genau, daß dies süße und heilige Gefühl ihm bei Rech-nungsbuch und Ladenkasse niemals zuteil werden könne. In seinem Sonn-tagsblättlein las er zuweilen von großen Laienpredigern und gewaltigen Erweckungen in Amerika, in Schweden oder Schottland, von Versammlungen, in denen Dutzende und Hunderte, vom Blitz der Erkenntnis getroffen, sich ge-lobten, fortan ein neues Leben im Geist und in der Wahrheit zu führen. Bei solchen Berichten, die er mit Sehnsucht verschlang, hatte Kömpff ein Gefühl, als steige Gott selber zuzeiten auf die Erde herab und wandle unter den Mensc-hen, da oder dort, in manchen Ländern, aber niemals hier, aber niemals in sei-ner Nähe.
Die Holderlies erzählte, er habe damals jämmerlich ausgesehen. Sein gutes, ein wenig kindliches Gesicht wurde mager und scharf, die Falten tiefer und härter. Auch ließ er, der bisher das Gesicht glatt getragen hatte, jetzt den Bart ohne Pflege stehen, einen dünnen, farblos blonden Bart, um den ihn die Buben auslachten. Nicht weniger vernachlässigte er seine Kleidung, und ohne die zähe Fürsorge der bekümmerten Magd wäre er schnell vollends zum Kindergespött geworden. Den ölfleckigen alten Ladenrock trug er meistens auch bei Tisch und auch abends, wenn er auf seine langen Spaziergänge ausging, von denen er oft erst gegen Mitternacht heimkam.
Nur den Laden ließ er nicht verkommen. Das war das letzte, was ihn mit der früheren Zeit und mit dem Althergebrachten verband, und er führte seine Bücher peinlich weiter, stand selber den ganzen Tag im Geschäft und bediente. Freude hatte er nicht daran, obwohl die Geschäfte erfreulich gingen. Aber er mußte eine Arbeit haben, er mußte sein Gewissen und seine Kraft an eine feste, immerwährende Pflicht binden, sonst hätte ihn das planlose Suchen und Sehnsuchtleiden verzehrt. Auch wußte er genau, daß mit dem Aufgeben seiner gewohnten Tätigkeit ihm die letzte Stütze entgleiten und er rettungslos den Mächten verfallen würde, die er nicht weniger fürchtete als verehrte.
In kleinen Städtlein gibt es immer irgendeinen armen, entgleisten Bettler und Tunichtgut, einen alten Säufer oder entlassenen Zuchthäusler, der jedermann zum Spott und Ärgernis dient und als Entgelt für die spärliche Wohltätigkeit der Stadt den Kinderschreck und verachteten Auswürfling abgeben muß. Als solcher diente zu jenen Zeiten ein Alois Beckeler, genannt Göckeler, ein sch-nurriger, alter Taugenichts und weltkundiger Herumtreiber, der nach langen Landstreicherjahren hier hängen geblieben war. Sobald er etwas zu beißen und zu trinken hatte, tat er großartig und gab in den Kneipen eine drollige Faul-pelzphilosophie zum besten, nannte sich Fürst von Ohnegeld und Erbprinz von Schlaraffia, bemitleidete jedermann, der von seiner Hände Arbeit lebte, und fand immer ein paar Zuhörer, die ihn halb heimlich bewunderten, halb verach-tend protegierten und ihm manchen Schoppen zahlten.
Eines Abends, als Herr Walter Kömpff einen seiner langen, einsamen und hoffnungslosen Spaziergänge unternahm, stieß er auf diesen Göckeler, welcher der Quere nach in der Straße lag und einen kleinen Nachmittagsrausch soeben ausgeschlafen hatte.
Kömpff erschrak zuerst, als er unvermutet den Daliegenden zu Gesicht be-kam, auf den er im Halbdunkel beinahe getreten wäre. Doch erkannte er rasch den Vagabunden und rief ihn vorwurfsvoll an:
„He, Beckeler, was machet Ihr da?“
Der Alte richtete sich halb auf, blinzelte vergnügt und meinte: „Ja, und Ihr, Kömpff, was machet denn Ihr da, he?“
Dem so Angeredeten wollte es mißfallen, daß der Lump ihn weder mit Herr noch mit Sie titulierte.
„Könnet Ihr nicht höflicher sein, Beckeler?“ fragte er gekränkt.
„Nein, Kömpff,“ grinste der Alte, „das kann ich nicht, so leid mir’s tut.“
„Und warum denn nicht?“
„Weil mir niemand was dafür gibt, und umsonst ist der Tod. Hat mir vielle-icht der hochgeehrte Herr von Kömpff irgend einmal was geschenkt oder zugewendet? O nein, der reiche Herr von Kömpff hat das noch nie getan, der ist viel zu fein und zu stolz, als daß er ein Aug’ auf einen armen Teufel könnte haben. Ist’s so oder ist’s nicht so?“
„Ihr wisset gut, warum. Was fanget Ihr an mit einem Almosen? Vertrinken, weiter nichts, und zum Vertrinken hab’ ich kein Geld und geb’ auch keins.“
„So, so. Na, denn gute Nacht und angenehme Ruhe, Bruderherz.“
„Wieso Bruderherz?“
„Sind nicht alle Menschen Brüder, Kömpff? He? Ist vielleicht der Heiland für dich gestorben und für mich nicht?“
„Redet nicht so, mit diesen Sachen treibt man keinen Spaß.“
„Hab’ ich Spaß getrieben?“
Kömpff besann sich. Die Worte des Lumpen trafen mit seinen grüblerischen Gedanken zusammen und regten ihn wunderlich auf.
„Gut denn,“ sagte er freundlich, „stehet einmal auf. Ich will Euch gern etwas geben.“
„Ei, schau!“
„Ja, aber Ihr müsset mir versprechen, daß Ihr’s nicht vertrinket. Ja?“
Beckeler zuckte die Achseln. Er war heute in seiner freimütigen Laune.
„Versprechen kann ich’s schon, aber Halten steht auf einem andern Blatt. Geld, wenn ich’s nicht verbrauchen darf, wie ich will, ist so gut wie kein Geld.“
„Es ist zu Eurem Besten, was ich sage, Ihr dürft mir glauben!“
Der Trinker lachte.
„Ich bin jetzt vierundsechzig Jahre alt. Glaubt Ihr wirklich, daß Ihr besser wißt, was mir gut ist, als ich selber? Glaubt Ihr?“
Mit dem schon hervorgezogenen Geldbeutel in der Hand stand Kömpff verle-gen da. Er war im Reden und Antwortenkönnen nie stark gewesen und fühlte sich diesem vogelfreien Menschen gegenüber, der ihn Bruderherz nannte und sein Wohlwollen verschmähte, hilflos und unterlegen. Schnell und fast ängst-lich nahm er einen Taler heraus und streckte ihn dem Beckeler hin.
„Nehmet also …“
Erstaunt nahm Alois Beckeler das große Geldstück hin, hielt es vors Auge und schüttelte den struppigen Kopf. Dann begann er, sich demütig, umständlich und beredt zu bedanken. Kömpff war über die Höflichkeit und Selbsterniedri-gung, zu der ein Stück Geld den Philosophen vermocht hatte, beschämt und traurig und lief schnell davon.
Dennoch empfand er eine heimliche Erleichterung und kam sich vor, als hätte er eine Tat vollbracht. Daß er dem Beckeler einen Taler zum Vertrinken gesc-henkt hatte, war für ihn eine abenteuerliche Extravaganz, mindestens so kühn und unerhört, als wenn er selber das Geld verlüdert hätte. Er kehrte an diesem Abend so zeitig und zufrieden heim wie seit Wochen nicht mehr.
Für den Göckeler brach jetzt eine gesegnete Zeit an. Alle paar Tage gab ihm Walter Kömpff ein Stück Geld, bald eine Mark, bald einen Fünfziger, so daß das Wohlleben kein Ende nahm. Einmal, als er am Kömpffschen Laden vorü-berkam, rief ihn der Herr herein und schenkte ihm ein Dutzend gute Zigarren. Die Holderlies war zufällig dabei und trat dazwischen.
„Aber Sie werden doch dem Lump nicht von den teuren Zigarren geben!“
„Sei ruhig,“ sagte der Herr, „warum soll er’s nicht auch einmal gut haben?“
Und der alte Taugenichts blieb nicht der einzige Beschenkte. Den einsamen Grübler befiel eine zunehmende Lust am Weggeben und Freudemachen. Armen Weibern gab er im Laden das doppelte Gewicht oder nahm kein Geld von ih-nen, den Fuhrleuten gab er am Markttag überreiche Trinkgelder und den Bau-ernfrauen legte er gern bei ihren Einkäufen ein Extrapäckchen Zichorie oder eine gute Handvoll Korinthen in den Korb.
Das konnte nicht lange dauern, ohne aufzufallen. Zuerst bemerkte es die Hol-derlies, und sie machte dem Herrn schwere, unablässige Vorwürfe, die zwar erfolglos blieben, ihn aber nicht wenig beschämten und quälten, so daß er allmählich seine Verschwendungslust vor ihr verstecken lernte. Darüber wurde die treue Seele mißtrauisch und begann sich aufs Spionieren zu legen, und das alles brachte in Bälde den Hausfrieden bedenklich ins Wanken.
Nächst der Lies und dem Göckeler waren es die Kinder, denen des Kauf-manns sonderbare Freigebigkeit auffiel. Sie kamen immer öfter mit ei-nem Pfennig daher, verlangten Zucker, Süßholz oder Johannisbrot und beka-men davon soviel sie wollten. Und wenn die Lies aus Scham und der Beckeler aus Klugheit schwiegen, die Kinder taten es nicht, sondern verbreiteten die Kunde von Kömpffs großartiger Laune bald in der ganzen Stadt.
Merkwürdig war es, daß er selber wider diese Freigebigkeit kämpfte und sich vor ihr fürchtete. Nachdem er tagsüber Pfunde verschenkt und verschwendet hatte, befiel ihn abends beim Geldzählen und beim Buchführen Entsetzen über diese liederliche, unkaufmännische Wirtschaft. Angstvoll rechnete er nach und versuchte seinen Schaden zu berechnen, sparte beim Bestellen und Einkaufen, forschte nach wohlfeilen Quellen, und alles nur, um andern Tages von neuem zu geuden und seine Freude am Geben zu haben. Die Kinder jagte er bald scheltend fort, bald belud er sie mit guten Sachen. Nur sich selber gönnte er nichts, er sparte am Haushalte und an der Kleidung, gewöhnte sich den Nach-mittagskaffee ab und ließ das Weinfäßchen im Keller, als es leer war, nimmer füllen.
Die mißlichen Folgen ließen nicht lange auf sich warten. Kaufleute beschwerten sich mündlich und in groben Briefen bei ihm, daß er ihnen mit seinem sinnlosen Dreingeben und Schenken die Kunden weglocke. Manche solide Bürger und auch schon mehrere seiner Kunden vom Lande, die an sei-nem veränderten Wesen Anstoß nahmen, mieden seinen Laden und begegneten ihm, wo sie ihm nicht ausweichen konnten, mit unverhohlenem Mißtrauen. Auch stellten ihn die Eltern einiger Kinder, denen er Leckereien und Feu-erwerk gegeben hatte, ärgerlich zur Rede. Sein Ansehen unter den Honoratio-ren, mit dem es schon einige Zeit her nicht glänzend mehr ausgesehen hatte, schwand dahin und ward ihm durch eine zweifelhafte Beliebtheit bei den Ge-ringen und Armen doch nicht ersetzt. Ohne diese Veränderungen im einzelnen allzu schwer zu nehmen, hatte Kömpff doch das Gefühl eines unaufhaltsamen Gleitens ins Ungewisse. Es kam immer häufiger vor, daß er von Bekannten mit spöttischer oder mitleidiger Gebärde begrüßt wurde, daß auf der Straße hinter ihm gesprochen und gelacht ward, daß Spaßvögel ihm mit umständlicher Herz-lichkeit die Hand drückten und ernste Leute ihm mit Unbehagen auswichen. Die paar alten Herren, die zur Freundschaft seines Vaters gehört hatten und ei-nigemal mit Vorwürfen, Rat und Zuspruch zu ihm gekommen waren, blieben bald aus und wandten sich ärgerlich von ihm ab. Und immer mehr verbreitete sich in der Stadt die Ansicht, Walter Kömpff sei im Kopf nimmer recht und gehöre bald ins Narrenhaus.
Mit der Kaufmannschaft war es jetzt zu Ende, das sah der gequälte Mann selber am besten ein. Aber ehe er die Bude endgültig zumachte, beging er noch eine Tat unkluger Großmut, die ihm viele Feinde machte.
Eines Montags verkündigte er durch eine Anzeige im Wochenblatt, von heute an gebe er jede Ware zu dem Preis, den sie ihn selber koste.
Einen Tag lang war sein Laden voll wie noch nie. Die feinen Leute blieben aus, sonst aber kam jedermann, um von dem offenbar übergeschnappten Händ-ler seinen Vorteil zu ziehen. Die Wage kam den ganzen Tag nicht zum Stillste-hen und das Ladenglöcklein schellte sich heiser. Körbe und Säcke voll spottbil-lig erworbener Sachen wurden fortgetragen. Die Holderlies war außer sich. Da ihr Herr nicht auf sie hörte und sie aus dem Laden verwies, stellte sie sich in der Haustür auf und sagte jedem Käufer, der aus dem Laden kam, ihre Meinung. Es gab einen Skandal über den andern, aber die verbitterte Alte hielt aus und suchte jedem, der nicht ganz dickfellig war, seinen wohlfeilen Einkauf ordentlich zu versalzen.
„Willst nicht auch noch zwei Pfennig geschenkt haben?“ fragte sie den einen, und zum andern sagte sie: „Das ist nett, daß Ihr wenigstens den Ladentisch habt stehen lassen.“
Aber zwei Stunden vor Feierabend erschien der Bürgermeister in Begleitung des Amtsdieners und befahl, daß der Laden geschlossen werde. Kömpff wei-gerte sich nicht und machte sogleich die Fensterläden zu. Tags darauf mußte er aufs Rathaus und wurde nur auf seine schriftliche Erklärung, daß er sein Geschäft aufzugeben entschlossen sei, mit Kopfschütteln wieder laufen gelas-sen.
Den Laden war er nun los. Er ließ seine Firma aus dem Handelsregister stre-ichen, da er sein Geschäft weder verpachten noch verkaufen wollte. Die noch vorhandenen Vorräte, soweit sie dazu paßten, verschenkte er wahllos an arme Leute. Die Lies wehrte sich um jedes Stück und brachte Kaffeesäcke und Zuc-kerhüte und alles, wofür sie irgend Raum fand, für den Haushalt beiseite.
Ein entfernter Verwandter stellte den Antrag, Walter Kömpff zu entmündi-gen, doch sah man nach längeren Verhandlungen davon ab, teils weil nah-verwandte, namentlich minderjährige Erbberechtigte nicht vorhanden waren, teils weil Kömpff nach der Aufgabe seines Geschäfts unschädlich und der Be-vogtung nicht bedürftig erschien.
Es sah aus, als kümmere sich keine Seele um den entgleisten Mann. Zwar re-dete man in der ganzen Gegend von ihm, meistens mit Hohn und Mißfallen, manchmal auch mit Bedauern; in sein Haus aber kam niemand, etwa nach ihm zu sehen, einen Rat zu geben, oder ein wenig Gesellschaft zu leisten. Es kamen nur mit großer Schnelligkeit alle Rechnungen, die noch offen standen, denn man fürchtete, hinter der ganzen Geschichte stecke am Ende ein ungeschickt eingeleiteter Bankrott. Doch brachte Kömpff seine Bücher richtig und notariell zum Abschluß, zahlte alle baren Schulden ohne Abzüge und wurde, als alles erledigt war, amtlich entlastet. Freilich nahm dieses übereilte Abschließen nicht nur seine Börse, sondern noch mehr seine Kräfte unmäßig in Anspruch, und als er fertig war, fühlte er sich elend und dem Zusammenbrechen nahe.
In diesen bösen Tagen, als er nach einer überhitzten Arbeitszeit plötzlich ve-reinsamt und unbeschäftigt sich selber überlassen blieb, kam wenigstens einer, um ihm zuzusprechen, das war der Schlotzer, Kömpffs ehemaliger Lehrherr aus Deltingen. Der fromme Handelsmann, den Walter früher noch einigemal besucht, nun aber seit Jahren nicht mehr gesehen hatte, war alt und weiß geworden und es war eine Heldentat von ihm, daß er noch die Reise nach Ger-bersau gemacht hatte.
Er trug einen langschößigen braunen Gehrock und führte ein ungeheures, blau und gelb gemustertes Schnupftuch bei sich, auf dessen breitem Saum Landschaften, Häuser und Tiere abgebildet waren.
„Darf man einmal reinsehen?“ fragte er beim Eintritt in die Wohnstube, wo der Einsame gerade müd und ratlos in der großen Bibel blätterte. Dann nahm er Platz, legte den Hut und das Schnupftuch auf den Tisch, zog die Rockschöße über den Knieen zusammen und schaute seinem alten Lehrling prüfend in das blasse, unsichere Gesicht.
„Also Sie sind jetzt Privatier, hört man sagen?“
„Ich habe das Geschäft aufgegeben, ja.“
„So, so. Und darf man fragen, was Sie jetzt vorhaben? Sie sind ja, vergle-ichsweise gesprochen, noch ein junger Mann.“
„Ich wär’ froh, wenn ich’s wüßte. Ich weiß nur, daß ich nie ein rechter Ka-ufmann gewesen bin, drum hab’ ich aufgehört. Ich will jetzt sehen, was sich noch gut machen läßt an mir.“
„Wenn ich sagen darf, was ich meine, so scheint mir, das sei zu spät.“
„Kann es zum Guten auch zu spät sein?“
„Wenn man das Gute kennt, nicht. Aber so ins Ungewisse den Beruf aufge-ben, den man gelernt hat, ohne daß man weiß, was nun anfangen, das ist un-recht. Ja, wenn Sie das als junger Bursch getan hätten!“
„Es hat eben lang gebraucht, bis ich zum Entschluß gekommen bin.“
„Es scheint so. Aber ich meine, für so langsame Entschlüsse ist das Leben zu kurz. Sehen Sie, ich kenne Sie doch ein wenig und ich weiß gut, daß Sie es schwer gehabt haben und nicht ganz ins Leben hinein passen. Es gibt mehr solche Naturen. Sie sind Kaufmann geworden Ihrem Vater zulieb, nicht wahr? Jetzt haben Sie Ihr Leben verpfuscht und haben das, was Ihr Vater wollte, doch nicht getan.“
„Was wollte ich machen?“
„Was? Auf die Zähne beißen und aufrecht bleiben. Ihr Leben schien Ihnen verfehlt und war es vielleicht, aber ist es jetzt im Gleis? Sie haben ein Schick-sal, das Sie auf sich genommen hatten, von sich geworfen, und das war feig und unklug. Sie sind unglücklich gewesen, aber Ihr Unglück war anständig und hat Ihnen Ehre gemacht. Auf das haben Sie verzichtet, nicht etwas Besserem zulieb, sondern bloß, weil Sie es müde waren. Ist es nicht so?“
„Vielleicht wohl.“
„Also. Und darum bin ich hergereist und sage Ihnen: Sie sind untreu gewor-den. Aber bloß zum Schelten hätte ich mit meinen alten Beinen den Weg hier-her doch nicht gemacht. Drum sage ich, machen Sie’s wieder gut so bald wie möglich.“
„Wie soll ich das?“
„Hier in Gerbersau können Sie nicht wieder anfangen, das sehe ich ein. Aber anderswo, warum nicht? Übernehmen Sie wieder ein Geschäft, es braucht ja kein großes zu sein, und machen Sie Ihres Vaters Namen wieder Ehre. Von he-ut auf morgen geht’s ja nicht, aber wenn Sie wollen, helfe ich suchen. Soll ich?“
„Danke vielmal, Herr Leckle. Ich will mir’s bedenken.“
„Aber bald, nicht? Und dann kommen Sie oder schreiben mir gleich?“
„Ja, gern. Und schönen Dank! Sie sind so gut gewesen.“
Der Schlotzer nahm weder Trank noch Essen an und fuhr mit dem nächsten Zug wieder heim.
Kömpff war ihm dankbar, aber er konnte seinen Rat nicht annehmen.
In einer Muße, an die er nicht gewöhnt war und die er nur schwer ertrug, machte der Exkaufmann zuweilen melancholische Gänge durch die Stadt. Da-bei war es ihm jedesmal wunderlich und bedrückend zu sehen, wie Handwer-ker und Kaufleute, Arbeiter und Dienstboten ihren Geschäften nachgingen, wie jeder seinen Platz und seine Geltung und jeder sein Ziel hatte, während er allein ziellos und unberechtigt umherging.
Der Arzt, den er wegen Schlafmangels um Rat fragte, fand seine Untätigkeit verhängnisvoll. Er riet ihm, sich ein Stückchen Land vor der Stadt draußen zu kaufen und dort Gartenarbeit zu tun. Der Vorschlag gefiel ihm und er erwarb an der Leimengrube ein kleines Gut, schaffte sich Geräte an und begann eifrig zu graben und zu hacken. Treulich stach er seinen Spaten in die Erde und fühlte, während er sich in Schweiß und Ermüdung arbeitete, seinen verwirrten Kopf leichter werden. Aber bei schlechtem Wetter und an den langen Abenden saß er wieder grübelnd daheim, las in der Bibel und gab sich erfolglosen Ge-danken über die unbegreiflich eingerichtete Welt und über sein elendes Leben hin. Daß er mit der Aufgabe seiner Geschäfte Gott nicht näher gekommen sei, spürte er wohl, und in verzweifelten Stunden kam es ihm vor, als sei Gott unerreichbar fern und sehe auf sein törichtes Gebaren mit Strenge und Spott herab.
Bei seiner Gartenarbeit fand er meistens einen zuschauenden Gesellschafter. Das war Alois Beckeler. Der alte Taugenichts hatte seine Freude daran, wie ein so reicher Mann sich plagte und abschaffte, während er, der Bettler, zuschaute und nichts tat. Zwischenein, wenn Kömpff ausruhte, hatten sie Diskurs über alle möglichen Dinge miteinander. Dabei spielte Beckeler je nach Umständen bald den Großartigen und Alleswisser, bald war er kriechend höflich.
„Wollt Ihr nicht mithelfen?“ fragte Kömpff etwa.
„Nein, Herr, lieber nicht. Sehen Sie, ich vertrage das nicht gut. Es macht ei-nen dummen Kopf.“
„Mir nicht, Beckeler.“
„Freilich, Ihnen nicht. Und warum? Weil Sie zu Ihrem Vergnügen arbeiten. Das ist Herrengeschäft und tut nicht weh. Außerdem sind Sie noch in guten Jahren und ich bin ein Siebziger. Da hat man seine Ruhe wohl verdient.“
„Aber neulich habt Ihr gesagt, Ihr wäret vierundsechzig, nicht siebzig.“
„Hab’ ich vierundsechzig gesagt? Ja, das war im Dusel gesprochen. Wenn ich ordentlich getrunken hab’, komm’ ich mir immer viel jünger vor.“
„Also seid Ihr wirklich siebzig?“
„Wenn ich’s nicht bin, so kann wenig daran fehlen. Nachgezählt hab’ ich nicht.“
„Daß Ihr auch das Trinken nicht lassen könnt! Liegt’s Euch denn nicht auf dem Gewissen?“
„Nein. Was das Gewissen anlangt, das ist bei mir gesund und mag was aus-halten. Wenn mir sonst nichts fehlte, möcht’ ich leicht nochmal so alt werden.“
Kömpff hatte einen Widerwillen gegen diesen leichtfertigen Ton, bewunderte und beneidete aber im geheimen den Strolch um seine ungebeugte Lebensfreu-de. Auch war Beckeler jetzt sein einziger Umgang, und wenn er einmal zwei Tage ausblieb, konnte er sicher auf ein kleines Geschenk rechnen. Und er rech-nete auch darauf.
Es gab auch Tage, an denen Kömpff finster, elend und ungesprächig war. Der Göckeler hatte dafür eine feine Witterung und merkte schon beim Heran-kommen, wie es mit dem närrischen Lustgärtner stehe. Dann blieb er, ohne he-reinzutreten, am Zaune stehen und wartete etwa eine halbe Stunde, eine Art schweigender Anstandsvisite. Er lehnte stillvergnügt am Gartenzaun, sprach keinen Ton und betrachtete sich seinen sonderbaren Gönner, der seufzend hackte, grub, Wasser schleppte oder junge Bäume pflanzte. Und schweigend ging er wieder, spuckte aus, steckte die Hände in die Hosensäcke und grinste und zwinkerte lustig vor sich hin.
Schwere Zeiten hatte jetzt die Holderlies. Sie war allein in dem unbehaglich gewordenen Hause geblieben, besorgte die Stuben, wusch und kochte. Anfangs hatte sie dem neuen Wesen ihres Herrn böse Gesichter und grobe Worte entge-gengesetzt. Dann war sie davon abgekommen und hatte beschlossen, den übel Beratenen eine Weile machen und laufen zu lassen, bis er müde wäre und wie-der auf sie hören würde. So war es ein paar Wochen gegangen.
Am meisten ärgerte sie sein kameradschaftlicher Umgang mit dem Göckeler, dem sie die feinen Zigarren von damals nicht vergessen hatte. Aber gegen den Herbst hin, als wochenlang Regenwetter war und Kömpff nicht in den Garten konnte, kam ihre Stunde. Ihr Herr war trübsinniger als je.
Da kam sie eines Abends in die Stube, hatte ihren Flickkorb mit und setzte sich unten an den Tisch, an dem der Hausherr beim Lampenlicht seine Mo-natsrechnung studierte.
„Was willst, Lies?“ fragte er erstaunt.
„Dasitzen will ich und flicken, jetzt wo man wieder die Lampe braucht. Oder darf ich nicht?“
„Du darfst schon.“
„So, ich darf? Früher, wie die Frau selig noch da war, hab’ ich immer mei-nen Platz hier gehabt, ungefragt.“
„Ja, ja.“
„Freilich, es ist ja seither manches anders worden. Mit den Fingern zeigen die Leute auf einen.“
„Wieso, Lies?“
„Soll ich Ihnen was erzählen?“
„Ja, also.“
„Gut. Der Göckeler, wissen Sie, was der tut? Am Abend sitzt er in den Wirtshäusern herum und verschwätzt Sie.“
„Mich? Wie denn?“
„Er macht Sie nach, wie Sie im Garten schaffen, und macht sich lustig darü-ber und erzählt, was Sie allemal mit ihm für Gespräche führen.“
„Ist das auch wahr, Lies?“
„Ob’s wahr ist! Mit Lügen geb’ ich mich nicht ab, ich nicht. So macht’s der Göckeler also, und dann gibt es Leute, die sitzen dabei und lachen und stacheln ihn an und zahlen ihm Bier dafür, daß er so von Ihnen redet.“
Kömpff hatte aufmerksam und traurig zugehört. Dann hatte er die Lampe von sich weggeschoben, so weit sein Arm reichte, und als die Lies nun aufsc-haute und auf eine Antwort wartete, sah sie mit wunderlichem Schrecken, daß er die Augen voll Tränen hatte.
Sie wußte, daß ihr Herr krank war, aber diese widerstandslose Schwäche hätte sie ihm nicht zugetraut. Sie sah nun auch plötzlich, wie gealtert und elend er aussah. Schweigend machte sie an ihrer Flickarbeit weiter und wagte, gerührt und bestürzt, nicht mehr aufzublicken, und er saß da und die Tränen liefen ihm über die Wangen und durch den dünnen Bart. Die Magd mußte sel-ber schlucken, um Herr über ihre Bewegung zu bleiben. Bisher hatte sie den Herrn für ein wenig überarbeitet, für launisch und kurios gehalten. Jetzt sah sie, daß er hilflos, seelenkrank und im Herzen wund war.
Die beiden sprachen an diesem Abend nicht weiter. Kömpff nahm nach einer Weile seine Rechnung wieder vor, die Holderlies strickte und stopfte, schraubte ein paar Mal am Lampendocht und ging zeitig mit leisem Gruß hinaus.
Seit sie wußte, daß er so elend und hilflos war, verschwand der ganze eifer-süchtige Groll aus ihrem guten Herzen. Sie war froh, ihn pflegen und sanft an-fassen zu dürfen, sie sah ihn auf einmal wieder wie ein Kind an, sorgte für ihn und nahm ihm nichts mehr übel.
Als Walter bei schönem Wetter wieder einmal in seinem Garten herumbossel-te, erschien mit freudigem Gruß Alois Beckeler. Er kam durch die Einfahrt he-rein, grüßte nochmals und stellte sich am Rand der Beete auf.
„Grüß Gott,“ sagte Kömpff, „was wollet Ihr?“
„Nichts, nur einen Besuch machen. Man hat Sie lang nimmer draußen gese-hen.“
„Wollet Ihr sonst etwas von mir?“
„Nein. Ja, wie meinen Sie das? Ich bin doch sonst auch schon dagewesen.“
„Es ist aber nicht nötig, daß Ihr wiederkommt.“
„Ja, Herr Kömpff, warum denn aber?“
„Es ist besser, wir reden darüber nicht. Gehet nur, Beckeler, und laßt mir meine Ruhe.“
Der Göckeler nahm eine beleidigte Miene an.
„So, dann kann ich ja gehen, wenn ich nimmer gut genug bin. Das wird wohl auch in der Bibel stehen, daß man so mit alten Freunden umgehen soll.“
Kömpff war betrübt.
„Nicht so, Beckeler!“ sagte er freundlich. „Wir wollen im Guten voneinan-der, ’s ist immer besser. Nehmt das noch mit, gelt.“
Er gab ihm einen Taler, den jener verwundert nahm und einsteckte.
„Also meinen Dank, und nichts für ungut! Ich bedank mich schön. Adieu denn, Herr Kömpff, adieu denn!“
Damit ging er fort, vergnügter als je. Als er jedoch nach wenigen Tagen wie-derkam und diesmal entschieden verabschiedet wurde, ohne ein Geschenk zu bekommen, ging er zornig weg und schimpfte draußen noch über den Zaun he-rein: „Sie großer Herr, Sie, wissen Sie, wo Sie hingehören? Nach Tübingen gehören Sie, dort steht das Narrenhaus, damit Sie’s wissen.“
Leider hatte der Göckeler nicht unrecht. Kömpff, der schon jahrelang in un-gesundem Grüblertum lebte, war in den Monaten seiner Vereinsamung immer weiter in die Sackgasse seiner selbstquälerischen religiösen Spekulationen hi-neingeraten und hatte sich in seiner Verlassenheit in fruchtlosem Nachdenken aufgerieben. Als nun mit dem Einbrechen des Winters seine einzige gesunde Arbeit und Ablenkung, das Gartengeschäft, ein Ende hatte, kam er vollends nicht mehr aus dem engen, trostlosen Kreislauf seiner kränkelnden Gedanken heraus. Von jetzt an ging es schnell mit ihm bergab, wenn auch seine Krankheit noch Sprünge machte und mit ihm spielte.
Zunächst brachte das Müßigsein und Alleinleben ihn darauf, daß er immer wieder sein vergangenes Leben durchstöberte. Er verzehrte sich in Reue über vermeintliche Sünden früherer Jahre. Dann wieder klagte er sich verzweifelnd an, seinem Vater nicht Wort gehalten zu haben. Oft stieß er in der Bibel auf Stellen, von denen er sich wie ein Verbrecher getroffen fühlte.
In dieser qualvollen Zeit war er gegen die Holderlies weich und fügsam wie ein schuldbewußtes Kind. Er gewöhnte sich an, sie wegen Kleinigkeiten fle-hentlich um Verzeihung zu bitten, und brachte sie damit nicht wenig in Angst. Sie fühlte, daß sein Verstand am Erlöschen sei, und doch wagte sie es nicht, jemand davon zu sagen.
Eine Weile hielt sich Kömpff ganz zu Hause. Gegen Weihnachten hin wurde er unruhig, erzählte viel aus alten Zeiten und von seiner Mutter, und da die in-nere Ruhelosigkeit ihn wieder oft aus dem Hause trieb, fingen jetzt manche Unzuträglichkeiten an. Denn inzwischen hatte der arme Mann seine Unbefan-genheit den Menschen gegenüber verloren. Er merkte, daß er auffiel, daß man von ihm sprach und auf ihn zeigte, daß Kinder ihm nachliefen und ernste Leute ihm auswichen.
Nun fing er an, sich unsicher zu fühlen. Manchmal zog er vor Leuten, denen er begegnete, den Hut übertrieben tief. Auf andre trat er zu, bot ihnen die Hand und bat herzlich um Entschuldigung, ohne zu sagen wofür. Und einem Knaben, der ihn durch Nachahmung seines Ganges verhöhnte, schenkte er seinen schönen Spazierstock mit elfenbeinernem Griff.
Einem seiner früheren Bekannten und Kunden, der damals auf seine ersten kaufmännischen Torheiten hin sich von ihm entfernt hatte, machte er einen Be-such und sagte, es tue ihm leid, bitter leid, er möge ihm doch vergeben und ihn wieder freundlich ansehen.
Eines Abends, kurz vor Neujahr, ging er — seit mehr als einem Jahr zum ersten Mal — in den Hirschen und setzte sich an den Honoratiorentisch. Er war früh gekommen und der erste Abendgast. Allmählich trafen die andern ein, und jeder sah ihn mit Erstaunen an und nickte verlegen, und einer um den andern kam und mehrere Tische wurden besetzt. Nur der Tisch, an dem Kömpff saß, blieb leer, obwohl es der Stammtisch war. Da bezahlte er den Wein, den er nicht getrunken hatte, grüßte traurig und ging heim.
Ein tiefes Schuldbewußtsein machte ihn gegen jedermann unterwürfig. Er nahm jetzt sogar vor Alois Beckeler den Hut ab, und wenn Kinder ihn aus Mutwillen anstießen, sagte er Pardon. Viele hatten jetzt Mitleid mit ihm, aber er war der Narr und das Kindergespött der Stadt.
Man hatte Kömpff vom Arzt untersuchen lassen. Der hatte seinen Zustand als primäre Verrücktheit bezeichnet, ihn übrigens für harmlos erklärt und befürwortet, daß man den Kranken daheim und bei seinem gewohnten Leben lasse.
Seit dieser Untersuchung war der arme Kerl mißtrauisch geworden. Auch hatte er sich gegen die Entmündigung, die nun doch über ihn verfügt werden mußte, verzweifelt gesträubt. Von da an nahm seine Krankheit eine andre Form an.
„Lies,“ sagte er eines Tages zur Haushälterin, „Lies, ich bin doch ein Esel gewesen. Aber jetzt weiß ich, wo ich dran bin.“
„Ja, und wie denn auf einmal?“ fragte sie ängstlich, denn sein Ton gefiel ihr nicht.
„Paß auf, Lies, du kannst was lernen. Also nicht wahr, ein Esel hab’ ich ge-sagt. Da bin ich mein Leben lang gelaufen und hab’ mich abgehetzt und mein Glück versäumt um etwas, was es gar nicht gibt!“
„Das versteh’ ich nun wieder nicht.“
„Stell dir vor, einer hat von einer schönen, prächtigen Stadt in der Ferne ge-hört. Er hat ein großes Verlangen, dorthin zu kommen, wenn es auch noch so weit und teuer ist. Schließlich läßt er alles liegen, gibt weg, was er hat, sagt allen guten Freunden Adieu und geht fort, immer fort und fort, tagelang und monatelang, durch dick und dünn, so lang er noch Kräfte hat. Und dann, wie er so weit ist, daß er nimmer zurück kann, da fängt er an zu merken, daß das von der prächtigen Stadt in der Ferne ein Lug und Märchen war. Die Stadt ist gar nicht da und ist niemals da gewesen.“
„Das ist traurig. Aber das tut ja niemand, so was.“
„Ich, Lies, ich doch! Ich bin so einer gewesen, das kannst du sagen, wem du willst. Mein Leben lang, Lies.“
„Ist nicht möglich, Herr! Was ist denn das für eine Stadt?“
„Keine Stadt, das war nur so ein Vergleich, weißt du. Ich bin ja immer hier geblieben. Aber ich habe auch ein Verlangen gehabt und darüber alles versäumt und verloren. Ich habe ein Verlangen nach Gott gehabt — nach dem Herrgott, Lies. Den hab’ ich finden wollen, dem bin ich nachgelaufen, und jetzt bin ich so weit, daß ich nimmer zurück kann — verstehst du? Nimmer zurück. Und alles ist ein Lug gewesen.“
„Was denn? Was ist ein Lug gewesen?“
„Der liebe Gott, du. Er ist nirgends, es gibt keinen.“
„Herr, Herr, sagen Sie keine solchen Sachen! Das darf man nicht, wissen Sie. Das ist Todsünde.“
„Laß mich reden. — Nein, still! Oder bist du dein Leben lang ihm nachge-laufen? Hast du hundert und hundert Nächte in der Bibel gelesen? Hast du Gott tausendmal auf den Knieen gebeten, daß er dich höre, daß er deine Opfer an-nehme und dir ein klein wenig Licht und Frieden dafür gebe? Hast du das? Und hast du deine Freunde verloren — um Gott näher zu kommen, und deinen Be-ruf und deine Ehre hingeworfen, um Gott zu sehen? — Ich habe das getan, al-les das und viel mehr, und wenn Gott lebendig wäre und hätte auch nur so viel Herz und Gerechtigkeit wie der alte Beckeler, so hätte er mich angeblickt.“
„Er hat Sie prüfen wollen.“
„Das hat er getan, das hat er. Und dann hätte er sehen müssen, daß ich nichts wollte als ihn. Aber er hat nichts gesehen. Nicht er hat mich geprüft, sondern ich ihn, und ich habe gefunden, daß er ein Märlein ist. Eine Kinderfabel, weißt du.“
Von diesem Thema kam Walter Kömpff nicht mehr los. Er fand beinahe ei-nen Trost darin, daß er nun eine Erklärung für sein verunglücktes Leben hatte. Und doch war er seiner neuen Erkenntnis keineswegs sicher. So oft er Gott leugnete, empfand er ebensoviel Hoffnung wie Furcht bei dem Gedanken, der Geleugnete könnte gerade jetzt ins Zimmer treten und seine Allgegenwart beweisen. Und manchmal lästerte er sogar, nur um vielleicht Gott antworten zu hören, wie ein Kind vor dem Hoftor Wauwau ruft, um zu erfahren, ob drinnen ein Hund ist oder nicht.
Das war die letzte Entwicklung in seinem Leben. Sein Gott war ihm zum Götzen geworden, den er reizte und dem er fluchte, um ihn zum Reden zu zwingen. Damit war der Sinn seines Daseins verloren und in seiner kranken Seele trieben zwar noch schillernde Blasen und Traumgebilde, aber keine le-bendigen Keime mehr. Sein Licht war ausgebrannt und es erlosch schnell und traurig.
Eines Nachts hörte ihn die Holderlies noch spät reden und hin und wieder gehen, ehe es in seiner Schlafstube ruhig wurde. Am Morgen blieb er viel län-ger als sonst liegen und gab auf kein Klopfen Antwort. Und als die Magd end-lich leis die Tür aufmachte und auf den Zehen in sein Zimmer schlich, schrie sie plötzlich auf und rannte verstört davon, denn sie hatte ihren Herrn an einem Kofferriemen erhängt gefunden.
Eine Zeitlang machte sein Ende die Leute noch viel reden. Daß es verbrec-herisch war, verzieh man seinem Irrsinn. Aber wenige empfanden etwas von dem, was sein Schicksal gewesen war. Und wenige dachten daran, wie nahe wir alle bei dem Dunkel wohnen, in dessen Schatten der arme Walter Kömpff sich verirrt hatte.