Menschenseelen in Afrika

(1913)

Die entlegensten Völker sind von Forschern besucht, beobachtet und beschrieben, bis zu der untersten Stufe der Zivilisation, welche überhaupt möglich erscheint; unter Fremdartigem, Lächerlichem, Grausigem und Albernem ist dann immer das Allgemeinmenschliche zum Vorschein gekommen, die Leidenschaften und die Sittlichkeit. Wenn man aber viele Reisebeschreibungen und ethnologische Werke gelesen hat, dann erscheinen von allen Menschenarten immer die Neger als die allerfremdartigsten, als die dem eigentlich Menschlichen am wenigsten verwandten. Jemand hat einmal eine Theorie aufgestellt, daß alle übrigen Menschen zusammen einen gemeinsamen Ursprung haben und daß die Neger für sich allein entstanden sind, daß sie also keine direkte Verwandtschaft mit den andern Menschen haben; und an diese Theorie, die ja an sich nicht mehr und nicht weniger Wert haben mag wie andere Theorien, muß man denken, wenn man liest, wie eigentümlich die Negervölker in den Schilderungen von den übrigen Völkern verschieden erscheinen.

Eines der größten Verdienste von Leo Frobenius scheint mir zu sein, daß er es verstanden hat, uns die Negerseele verständlich zu machen, daß wir nun einsehen: auch die Negervölker sind ebensolche Menschen wie wir.

Es sind hier nicht abstrakte Gleichheitsideen gemeint, die in törichten Reichstagsreden bei Kolonialdebatten und in einfältigen Leitartikeln ausgedrückt werden; die Rassen und Völker sind verschieden, und die weltgeschichtliche Lage von heute, die nicht von Einzelnen und willkürlich geschaffen ist, sondern ein uns noch unverständliches Schicksal bedeutet, zwingt die europäischen Nationen zu einer Ausbreitung, welche zunächst offenbar auf Kosten niedrigerer Völker geht. Wir fügen diesen Völkern Unrecht zu, oft sogar dann, wenn wir ihnen wohltun wollen. Aber wenn wir das tun, dann gerade sollen wir uns klarmachen, daß auch diese niedrigeren Völker ebensolche Menschen sind wie wir selber, daß die Ungleichheit nur in den unwichtigen Dingen besteht, daß sie im Nichtigen uns gleich sind.

Frobenius scheint nicht als bloß zünftiger Gelehrter auf seine Reisen gegangen zu sein; vielleicht werden seine Schriften bei den eigentlichen Gelehrten sogar Bedenken erregen, wie das so oft bei selbständigen Leistungen vorkommt; er hat offenbar jenen Instinkt, der einen Teil der künstlerischen Natur ausmacht. So hat er denn den Punkt gefunden, von dem aus die bis dahin für uns stumme Negerseele sich uns mitteilen kann; er hat Dichtungen der Neger gesammelt.

Man hat bis jetzt von der Negerdichtung wenig gewußt; mir selber waren nur Tiermärchen bekannt, die bloß über Verstand und Phantasie etwas aussagten; nun erzählt aber Frobenius Geschichten nach, welche ein so hoch und so sein entwickeltes Empfindungsleben beweisen, wie es nur je Menschen gehabt haben. Es ist dabei gleichgültig, ob die Geschichten sämtlich unter diesen Völkern entstanden sind: jedenfalls leben sie unter ihnen, und zwar durch Weitererzählen, also müssen doch diese Empfindungen verstanden werden.

Eine solche Geschichte lautet: Ein Mann hat zwei legitime und einen illegitimen Sohn, die er in die Fremde schickt. Die Mutter der beiden älteren Söhne sagt ihnen zum Abschied: «Einer von euch wird später der Erbe eures Vaters; streitet euch nicht darum, sondern lernt euch frühzeitig vertragen. Kommt mit schönen Mädchen aus den andern Ländern zurück, damit die Leute euch gleich als die Söhne angesehener Eltern erkennen.» Die Mutter des illegitimen Sohnes sagt: «Die Söhne der Beischläferin sollen klüger sein als die der Ehefrau. Sei du aber nicht nur klug, sondern handle vor allen Dingen ehrenhaft. Es ist besser, ehrenhaft zu unterliegen, als aus Klugheit der Schande gegenüber blind zu sein. Geh, mein Sohn, und denke stets an die Liebe deiner Eltern.» Die älteren Brüder kommen in eine Stadt, wo ein Mädchen mit Namen Fatma wohnt; diese spielt mit allen Männern ein Brettspiel und setzt ihren ganzen Besitz gegen den ganzen Besitz der Männer, und immer verlieren die Männer. Die beiden Brüder spielen auch; sie fragt jeden vorher: «Spielst du meinetwegen oder des Geldes wegen?» Jeder Bruder antwortet: ‹Deinetwegen›, und dann verlieren sie gleichfalls; sie sind gezwungen, niedere Dienste in der Stadt für ihren Unterhalt zu tun. Der jüngere Bruder hat inzwischen sein Geld verständig vermehrt, kommt gleichfalls in die Stadt, spielt gleichfalls mit Fatma, nachdem er eine Vorsichtsmaßregel ergriffen hat; als sie ihn fragt, erwidert er: «Du hast selbst deinen Besitz gegen meinen Besitz gesetzt, wir spielen also um Geld.» Er gewinnt, und sie fordert ihn auf, noch einmal zu spielen, indem sie sich selber einsetzt; er antwortet: «Erst habe ich um Geld gespielt, wollen wir nun um uns selbst spielen?» Da wirft sie sich in seine Arme und ruft: «Nein, wir wollen nicht um uns spielen, nimm mich als deine Gattin.» Es folgt dann die bekannte Geschichte von den undankbaren Brüdern, welche den guten und klugen Jüngsten, der ihnen geholfen, ins Unglück stoßen, ihm das Mädchen abnehmen, bis endlich auf märchenhafte Weise der Jüngste doch wieder zu allem kommt, was sie ihm geraubt haben; Fatma sagt: «Klugheit und Güte haben ihm zu seinem Glück geholfen, das seine Brüder von Anfang an verspielten.»

Von allen Fassungen der bekannten Geschichte, die mir vorgekommen sind, ist diese die schönste und edelste; und eine solche Noblesse der Empfindung zeigt sich in einer Geschichte, die sich Neger erzählen: in nur wie kleinen Kreisen der heutigen Kulturvölker würde man die Geschichte in dieser Fassung berichten; man denke an die heute einflußreiche Dichtung und frage sich, wie tief eigentlich deren Empfindung unter dieser Empfindung steht! Der Vergleich ist ja überall da sehr leicht zu machen, wo moderne Dichter Stoffe behandelt haben, die schon von alten Dichtern behandelt sind.

Wenn eine so hochstehende Dichtung unter diesen Völkern heimisch ist, so wäre schon von vornherein anzunehmen, daß die Ansicht von Frobenius sich bewahrheiten müßte, daß diese Völker nicht, wie man gewöhnlich annimmt, geschichtslos gelebt haben. Nun hat Frobenius auch wirklich Zeugnisse für eine merkwürdige Geschichte dieser Völker entdeckt.

Hier muß man bei Frobenius wie bei jedem solcher Entdecker natürlich unterscheiden zwischen den objektiven Tatsachen, welche er zu unserer Kenntnis bringt, und seinen wissenschaftlichen Deutungsversuchen dieser Tatsachen. Daß die letzteren bestreitbar sein werden, ist wohl selbstverständlich; wer Neues entdeckt, ist ein Mann von besonderer Kraft der Phantasie, von Energie, Selbständigkeit, Aufopferungskraft und ähnlichen Eigenschaften; eine sehr große kritische Begabung aber braucht er nicht, ja, kann er nicht brauchen. Man soll nicht die verschiedenen menschlichen Typen verwechseln. Wer erinnert sich nicht des Hohns, mit welchem seiner Zeit Schliemann von den Gelehrten überschüttet wurde, weil er Homer für einen historischen Quellenschriftsteller hielt: und doch war der Dilettant Schliemann genial, die Gelehrten sagten nur, was eben jeder Gelehrte sagen kann, und der Arbeit des Dilettanten Schliemann verdanken wir heute eine Kenntnis der griechischen Geschichte, von der sich vorher kein Gelehrter etwas träumen ließ. Der ganze Irrtum Schliemanns hatte darin bestanden, daß Homer nicht eine Quelle für Tatsachen sein kann, sondern, was viel wichtiger ist, für eine Kulturperiode; daß Homer eine vor der damals bekannten Zeit liegende Zeit voraussetzte, hatte Schliemann eben gemerkt und die Gelehrten nicht. Man muß die Entdeckungen von Frobenius ähnlich betrachten wie die Schliemanns: ob seine Erklärungen richtig sind oder nicht, das zu erkunden wird Sache der weiteren gelehrten Nachforschung sein; sollten sie sich, was niemand jetzt wissen kann, als unrichtig erweisen, so hüte man sich, in den gewöhnlichen Fehler zu verfallen und zu vergessen, daß das Entdecken doch immerhin das erste sein muß, und daß die Entdeckungen von Frobenius doch jedenfalls gemacht sind …