Ein Nachwort (1911)

Die Sammlung Tausendundeine Nacht besteht aus einer Rahmenerzählung, in welche eine Anzahl Geschichten eingefügt sind. Da diese Geschichten ein selbständiges Leben haben, so ergibt sich, daß Inhalt und Umfang des Buches im Lauf der Zeiten sich sehr verändern mußten. Die Rahmenerzählung selber ist ursprünglich indisch, ursprünglich indisch sind auch einige Geschichten. Mit großer Wahrscheinlichkeit ist anzunehmen, daß ein indisches Werk, welches die Geschichte von Schahriar und Schahrazad als Rahmen und die eine oder andere Geschichte indischen Ursprungs des jetzigen Bestandes enthielt, vielleicht auch Geschichten, die seitdem verschollen sind, in das Persische übersetzt wurde. Diese alten Übersetzungen waren Bearbeitungen, durch welche das fremde Werk nach Möglichkeit nationalisiert wurde. Vielleicht sind damals schon Erzählungen eingefügt worden, deren persischer Ursprung noch heute zu erkennen ist. Von dieser persischen Bearbeitung wissen wir aber ebensowenig wie von dem indischen Original.

Aus der Mitte und dem Ende des 10. Jahrhunderts sind uns zwei Nachrichten erhalten, die eine Übersetzung des Buches ins Arabische bezeugen. Welche Geschichten es damals enthielt, wissen wir gleichfalls nicht, da wir nur den Titel und die Rahmenerzählung erfahren. Das älteste Manuskript stammt aus dem 14. Jahrhundert. Es ist zufällig das, welches Galland benutzte, der als erster die Märchen in eine europäische Sprache übersetzte, nämlich ins Französische, von 1704 an. Das Manuskript enthielt damals vier Bände, deren letzter leider seitdem verloren gegangen ist. Durch Vergleich mit der Abschrift eines anderen Manuskriptes, das zwar jung ist, aber dieselbe Überlieferung zu haben scheint wie das Manuskript Gallands, hat man den Bestand des Werkes im 14. Jahrhundert festgestellt. In ihnen finden wir nun schon arabisches und vor allem ägyptisches Gut. Nehmen wir dazu, daß auch die Griechen haben beisteuern müssen, so finden wir recht verschiedenartige Ursprünge der Geschichten zusammen.

Unsere heutige Sammlung ruht auf einem ägyptischen Druck, der die poetische Darstellung etwa des 18. Jahrhunderts festhält; sie umfaßt außer dem alten Gut eine bunte Menge der verschiedensten Geschichten: gute, alte Erzählungen, Überarbeitungen von solchen und Neuzusammenstellungen von alten Motiven, Legenden, Liebesanekdoten, Diebsgeschichten, Schiffererzählungen und so fort.

Schon im alten Bestand ist auffällig, daß die Erzählungen auf den verschiedensten Stufen der Entwicklung stehen. Eine merkwürdige äußere Einheitlichkeit des Stils, vermutlich durch die Tatsache des mündlichen Vortrags verursacht, geht selbst durch die heutige Sammlung noch durch; aber die innere künstlerische Ausbildung der Erzählung, schon im alten Text so verschieden, ist bei den neu hinzugefügten Sachen noch verschiedener.

Man kann drei Stufen in der novellistischen Gestaltung unterscheiden. Erstens, das Motiv wird einfach erzählt, ohne daß der Erzähler an die Möglichkeiten denkt, es auszuschöpfen; etwa: ein Mensch verzaubert einen anderen Menschen in ein Tier. Zweitens, der Erzähler macht sich klar, was in dem Motiv steckt und holt nun das eine oder andere heraus; etwa: Ursache, weshalb der eine den andern verzaubert, Zustand des Verzauberten, Ursache der Entzauberung. Wenn der Erzähler alles herausholt, in klare, naturgemäße und einfache Verbindung bringt und dann das Ganze angemessen darstellt, so haben wir die Höhe der Kunst erreicht. Drittens, die Einfachheit genügt nicht mehr; die Darstellung wird überladen, die Ursachen gekünstelt; es findet die barocke Entartung statt. Am Ende kann man noch eine vierte Stufe annehmen, wenn nämlich das Bildungsniveau der Erzähler sinkt und sie die Zusammenhänge nicht mehr verstehen, dafür irgendeine Einzelheit besonders stark empfinden; es entstehen dann die Häufungen von Abenteuern, Wiederholungen und einzelnen Übertreibungen.

Wie hat man sich nun die Entstehung der Erzählungen zu denken?

Die Motive sind gegeben: entweder sind sie aus den fremden Literaturen herübergenommen oder aus alten Volksvorstellungen geschöpft, die sich überall finden, oder endlich – besonders bei den Liebesgeschichten und den Erzählungen von Taten der Großmacht – sie sind unbewußt idealisierende Anekdoten, die im Volk umlaufen. Wenn es nach dem Vorhergehenden scheint, daß eigentlich die Araber nicht viel an dem Werk getan haben, so muß man bedenken, daß das Erfinden von Motiven und das Dichten einer Erzählung aus einem vorhandenen Motiv zwei ganz verschiedene Dinge sind. Im ersten sind die Araber freilich nicht stark gewesen, dafür aber um so bedeutender im zweiten. Das erste aber ist durchaus keine an sich poetische Tätigkeit; Motive für Dichter entstehen und sind entstanden auf die verschiedenste Weise und fast stets ohne poetische Absicht; der Dichter und der Künstler treten erst in Tätigkeit, wenn ein Mann ein Motiv in sein Gemüt aufnimmt, es durchempfindet und durchdenkt, so daß aus dem trockenen Vorgang eine lebendige Geschichte wird; sich klarmacht, was nötig ist, um die Geschichte in sich abzurunden und durch sie das Motiv ganz auszuschöpfen; die handelnden Personen und die Lokalität sich so lebhaft vorstellt, bis er alles mit seinem geistigen Auge sieht und mit dem Kunstverstand sich überlegt, welche Züge er für seine Darstellung auswählt, um sie anschaulich und doch nicht mit Detail überladen zu machen; und endlich den Punkt ausdenkt, von dem aus die Erzählung begonnen werden muß, um zu interessieren. Geht man ohne Vorurteil für irgendwelche zufällige Modernisierung der Literatur an die Erzählungen von Tausendundeiner Nacht, so findet man, daß eine große Menge zu den vorzüglichsten Meisterwerken der Erzählungskunst gehört. Vom Standpunkt der reinen Kunst aus betrachtet, kann man von den modernen Literaturen ihnen nichts an die Seite stellen; das letzte, was ihnen ebenbürtig sein konnte, waren etwa die vorzüglichsten der alten italienischen Novellen.

Ausbildung einer guten Erzählungskunst hat den mündlichen Vortrag des Erzählers zur Voraussetzung. Ebenso wie das Drama entartet, wenn es von der Bühne ferngehalten wird und zum ästhetisch unberechtigten Buchdrama wird, so entartet die Erzählung durch Schrift und Druck. Durch das Vorhandensein des Theaters, das heute immerhin ausnahmsweise einmal ein Dichtwerk veranschaulicht, wird im Drama die Entartung immer wieder zurückgehalten; in der Erzählung aber sind wir schon längst so weit, daß die eigentliche Kunst der Erzählung gar nicht ohne weiteres verstanden wird und sicher nicht die Schätzung genießt, die sie verdient, ja, daß man aus unserem Wildwuchs die Maßstäbe für die eigentliche Erzählungskunst nimmt.

Wie der Schauspieler und Redner steht der Erzähler in einer ganz festen Beziehung zu den Zuhörern; es spinnt sich ein Band zwischen ihm und ihnen, das er ganz deutlich empfindet, vermittels dessen er die seelischen Bewegungen der Zuhörer leitet. Aus dieser Notwendigkeit des Bandes ergeben sich zuletzt alle künstlerischen Gesetze der Erzählung wie des Dramas, natürlich unter der Voraussetzung der dichterischen Begabung des Erzählers.

Man beachte etwa die fast typische Art, wie bei den guten Erzählungen unseres Buches eingeleitet wird: es wird eine sonderbare Tatsache oder Handlungsweise mitgeteilt, welche die Neugier erregt; deren Erklärung ist dann die Geschichte. Etwa ganz einfach und noch altertümlich: der Lastträger Sindbad erstaunt über den Reichtum des Seefahrers Sindbad, und dieser erzählt ihm nun, wie er durch seine Reisen zu dem Reichtum gekommen ist. Oder auf dem Höhepunkt klassischer Erzählungskunst: der Fischer Khalifah zieht in seinem Netz die traurigsten Dinge herauf statt der Fische, bis er die Affen fängt und durch sie die Erklärung seines bisherigen Mißgeschicks zugleich mit dem Anfang seines späteren Glücks erhält. Oder endlich schon etwas barock auf Effekt berechnet und locker gefügt: Harun al-Raschid lernt einen Jüngling kennen, der als Kalif verkleidet nachts auf dem Flusse fährt und ihm dann seine Geschichte erzählt, die freilich seine nächtlichen Fahrten nur mangelhaft erklärt. Wie ein Motiv ausgeschöpft wird, ist an der wunderschönen Geschichte von Aziz und Azizah zu studieren. Das Motiv ist: eine Liebende ist so hochherzig, dem Geliebten zu verhelfen, daß er eine andere, die er liebt, erlangt; es ist das wohl ein Motiv arabischen Ursprunges; es muß einmal eine dichterische Schule oder eine dichterisch geneigte Gesellschaft im alten Arabien gegeben haben, welche Probleme stellte und löste, ähnlich denen unserer mittelalterlichen Liebeshöfe; auf ein solches, zunächst wahrscheinlich recht spitzfindiges Problem geht vielleicht unser Motiv zurück. Was hat aber der Dichter daraus gemacht! Der Jüngling darf nicht unsympathisch wirken, er muß also ganz ahnungslos geschildert werden; er muß aber eine Strafe erhalten, deshalb wird noch ein drittes Weib eingeführt; die drei Frauen sind wundervoll gegeneinander abgesetzt: die erste rein und entsagend liebend, von solchem Edelmut, daß sie sogar ein gutes Wort hat, als er sie blutig schlägt; die zweite leidenschaftlich und stolz, voll tiefer Empfindung für die edle Liebe der ersten; die dritte gemein sinnlich; noch als sie schon längst tot ist, rettet die erste ihm das Leben; seine Bestrafung aber ist seinem Vergehen durchaus angemessen. Von welcher Poesie und Wahrheit ist die Art, wie die Liebende ihm hilft; wie schön ist es, daß er nach seiner Bestrafung erst zum Bewußtsein jener Liebe kommt! Da, wo die Verbindung der Geschichten noch in der guten Zeit erfolgt ist, zeigt auch sie oft die höchste Feinheit, wie hier, wo der unglückliche Held in die Geschichte von Tadsch al-Muluk hineinkommt, der durch seine bloße Erzählung sich in Dunja verliebt und sie gewinnt, indem er die Fabel, welche sie geträumt hat, weiterdichtet: hier ist der reine Vorgang in leichteste Poesie gewendet, und kontrastiert ähnlich anmutig, wie die Empfindung mit der Empfindung der andern Geschichte kontrastiert.

Man achte auch auf die große Kunst, mit der überall nur das Nötige gegeben ist. Die Geschichten sind wirkliche Geschichten, das heißt, sie enthalten im bloßen Vorgang schon die Erklärung, so daß etwa psychologische oder sonstige Erklärungen nie nötig sind und immer nur die großen menschlichen Typen dargestellt werden müssen. Was moderne Erzähler als ihre größere Differenziertheit preisen, ist im Grunde nur künstlerische Schwäche: es ist ihnen nicht gelungen, alles bereits in den Vorgang zu bringen, das heißt, bloß darzustellen, statt zu erklären und zu berichten. Da nun so bei den Figuren kein allzu charakterisierendes Detail nötig ist, welches sie in eine zu große Nähe zu dem Leser bringen würde, so kann der Dichter auch beim Schildern der Räumlichkeiten und Dinge idealisierend verfahren. Das Verschönern, das genau so sich bei Homer findet, ist ein dichterisches Kunstmittel; die naiven europäischen Leser pflegen ihre Vorstellungen von orientalischer Pracht aus diesen Schilderungen zu schöpfen: genau so wie die eingestreuten Verse dienen sie nur dazu, das Ganze im Reich des Poetischen zu halten.

Es gab bereits Prosaerzähler in den Zeiten vor Mohammed; in unserer Sammlung sind noch Spuren von ihren Werken zu finden; eine Vorstellung von der Art möge die Geschichte der Liebenden vom Stamme Usrah geben; sie entspricht dem, was oben die erste Stufe der Erzählung genannt ist. Durch die Eroberungen kamen die Araber mit einem Schlage in ganz neue Verhältnisse, aus der Armut der Wüste als Herren in den Reichtum und die Pracht der großen Städte und Reiche. Unter diesen neuen Verhältnissen, wo das Volk mit merkwürdiger Begabung sich die alten Kulturen aneignete und weiterbildete, wurde auch die Prosaerzählung weitergepflegt, zunächst in Damaskus unter den Omaijaden, dann in Bagdad unter den Abbasiden. Man kann sich vorstellen, daß dem Sprung aus dem Zelt des Beduinenhäuptlings an den Hof des Herrschers eines Weltreichs auch eine Veränderung in der Erzählungsart entsprach. In diesen Zeiten mag die klassische Erzählungskunst ausgebildet worden sein; man kann glauben, daß es damals so war, wie oft in Tausendundeiner Nacht erzählt wird: Harun al-Raschid, auf den sich im Laufe der Zeiten das meiste vereinigt hat, liegt schlaflos und fragt: «Welcher Dichter wartet draußen vor der Tür?» Der Dichter tritt ein und fragt: «Willst du eine Geschichte hören, die ich selbst erlebt habe oder die mir nur erzählt worden ist?» Natürlich gab es gewiß Erzähler auch an den Höfen der Unterfürsten. Bedeutend für unsere Sammlung wurde der Hof der Mameluckenfürsten in Kairo.

Die alten Erzähler, welche damals einzelnen Geschichten ihre Form gaben, erzählten also den gebildetsten und vornehmsten Personen ihrer Zeit; aus deren geistigem Bedürfnis ist unsere Sammlung zu erklären: sie enthält reine Kunstpoesie, bewußte dichterische Schöpfungen. Das schließt nicht aus, daß nicht auch das übrige Volk sich an diesen Geschichten erfreut hat und daß es schon damals öffentliche Geschichtenerzähler gab.

Dadurch, daß die schöpferischen Geister mit dem allgemeinen Sinken der Kultur abnahmen und das Anhören der Geschichten mehr auf das Volk überging, hat sich natürlich die Ausdrucksweise im Lauf der Zeit stark verändert. Zunächst wurde noch erzählt, später nur noch vorgelesen, erst aus Handschriften, nachher aus Drucken. Wie gesagt, ist unsere Tausendundeine Nacht das moderne ägyptische Buch, das den Bedürfnissen der Zuhörer in den Kaffeehäusern entspricht. Selbst in der Übersetzung wird man einen merkwürdigen Gegensatz zwischen vulgärer und poetischer Ausdrucksweise spüren; und wenn in manchen Geschichten gewöhnliche Ausdrücke auch durch die komische Absicht, den Wunsch, zu charakterisieren oder ein schlagendes Bild zu erhalten, der Gegensätze wegen und aus noch anderen Gründen nötig sind, so ist das doch nicht in dem Maße der Fall, wie wir es in unseren Geschichten sehen. Manche plumpen Worte, die oft an den Haaren herbeigezogene Ausmalung grobsinnlicher Momente waren sicher nicht in den alten Texten, sondern sind durch die Rücksichten auf das niedrigere Publikum hineingekommen. Die Orientalen haben ja andere Schicklichkeitsbegriffe wie wir, und für prüde Leute sind die Märchen sicher keine Lektüre; aber auch bei ihnen gibt es guten und schlechten Ton und Geschmack. Wenn einmal Ausgaben nach den alten Handschriften des 14. Jahrhunderts vorliegen, wird gewiß manches viel graziöser erscheinen, wie es heute ist.