(1910)

Es gibt mehrere Geschichtensammlungen aus dem Mittelalter, welche teils direkt für Erbauungszwecke zusammengestellt waren, teils für Prediger den Stoff zu Erzählungen gaben, die in die Predigten verwebt wurden, um sie interessanter zu machen. Eine der berühmtesten dieser Sammlungen sind die sogenannten Gesta Romanorum, die nicht etwa, wie man annehmen sollte, Erzählungen aus der römischen Geschichte enthalten, sondern Märchen, Legenden, Novellen und Anekdoten aus der ganzen Welt. Am Schluß einer jeden der rund hundertachtzig kurzen Erzählungen steht eine « Moralisatio», die etwa so gehalten ist wie im Neuen Testament die Auslegungen der Gleichnisse des Herrn. Die Erzählungen sind aus vielen Quellen geflossen, und einige haben ihren letzten Ursprung in Indien; einige aber sind ganz original, das heißt, ungefähr der Zeit und den Kreisen entstammend, wo das Buch zusammengestellt wurde.

Diese Zeit muß nun, wenn auch in der denkbar größten Abschwächung, eine Ähnlichkeit mit jenen ersten buddhistischen Jahrhunderten gehabt haben, in denen im indischen Volk eine merkwürdige stofferfindende Phantasie geherrscht hat, und die erzählbegabten Kreise waren hier ähnliche wie dort. Es handelte sich um das Durchdringen einer ethischen Religiosität, durch welche andere und mehr Fähigkeiten der Menschen in Anspruch genommen wurden wie bei der älteren Frömmigkeit; und die Träger der Bewegung waren freiwillig arme, predigende Mönche.

Menschen, welche ganz in einem bestimmten Kreis von Vorstellungen und Empfindungen leben, ziehen ohne Absicht und unbewußt jede Erfahrung in diesen Kreis, soweit das immer geht: entweder direkt oder indem sie die Erfahrung als Bild dessen empfinden, was sie so ganz erfüllt. Wird von solchen Leuten ein Bild gebraucht, so muß man zunächst nicht annehmen, daß sie es bewußt gesucht haben, um etwa ihre Rede zu schmücken; ästhetische Absichten liegen ihnen ganz fern, und sie sind nicht weniger rationalistisch und für das eine, das sie beherrscht, zweckbedacht wie der banale Bürger. Für Menschen, welche beständig über der Beziehung von Geist und Körper brüten und annehmen, daß der Geist ein selbständiges Wesen sei, das den Körper für seine Zwecke beherrschen und leiten müsse, und daß der Körper gegen die Herrschaft mehr oder weniger revoltiere, bietet sich etwa das Bild von Reiter und Pferd sofort dar, wie das von Herr und Knecht. Aus der täglichen Erfahrung muß das Bild damals von jedem empfunden sein.

Das Bild wird in Worte gebracht und an seiner Stelle angewendet.

Nun kann aber der praktische Verstand darüber kommen, der – nicht etwa das Bild «poetisch ausführt», eine Darstellung gibt – sondern, um den zu belehrenden Leuten gegenüber recht eindrücklich zu werden, etwas, das man sonst nur als psychologischen Vorgang, ganz unsinnlich und deshalb wenig wirksam vortragen könnte, als einen wirklichen Vorgang darstellt, der dem Reiter mit dem Pferd geschieht. Durch die Sinnlichkeit und Anschaulichkeit wird dann ein viel größerer Eindruck erzielt.

Nach diesem Gesagten lese man folgende Erzählung – die fünfundachtzigste – aus den Gesta Romanorum.

«Ein gewisser König zog einst aus einer Stadt in eine andere und kam zu einem Kreuz, welches auf allen Seiten beschrieben war. Auf der einen Seite war auf ihm geschrieben: O König, wenn du diesen Weg reitest, so wirst du für deinen Körper eine gute Herberge finden, aber dein Pferd wird übel bedient werden. Auf der anderen Seite des Kreuzes war geschrieben: Wenn du diesen Weg reitest, so wirst du eine Herberge finden, wo es deinem Pferde sehr gut gehen wird, du aber wirst übel bedient werden. Auf der dritten Seite war geschrieben: Wenn du auf diesem Wege gehest, so wirst du und dein Pferd zur Genüge haben, aber ehe du ankommst, wirst du heftig geprügelt werden. Auf der vierten Seite war geschrieben: Wenn du auf diesem Wege gehest, so wirst du wohl bedient werden, aber du mußt dein Pferd dort lassen und dann zu Fuße gehen. Wie der König das alles gelesen hatte, verwunderte er sich sehr und dachte bei sich, welchen Weg er reiten wolle. Er sprach bei sich: Den ersten Weg will ich wählen, weil es mir wohlgehen wird und dem Pferd schlecht; die eine Nacht wird schnell vorübergehen. Er stieß das Pferd mit den Sporen bis zu einer Straße, wo er eine Burg fand. In dieser war ein Ritter, der ihn gütig aufnahm und ihn wohl bediente, das Pferd aber hatte wenig oder gar nichts. Am andern Morgen aber stand er auf, ritt nach seinem Schloß, erzählte alle Geschichten, welche er gesehen hatte.»

Die Moralisatio erklärt: Der König ist der Christ, der das Heil seiner Seele sucht. Das Pferd ist sein Körper (hinzugefügt ist, offenbar von späterer Hand: «der aus den vier Elementen zusammengesetzt ist»; so unsinnig die Beziehung auf die vier «Seiten» des Kreuzes ist, so würde doch, falls die Geschichte nicht schriftlich festgelegt, sondern weiter erzählt wäre, aus dieser Beziehung sich irgendein märchenhaftes Motiv ergeben haben, gerade weil sie unsinnig ist). Das Kreuz ist dein Gewissen, welches wie ein Kreuz ausgebreitet ist, dessen einer Teil ruft dich zum Guten auf, der andere warnt dich, tapfer gegen das Böse zu kämpfen. Wenn du nun auf dem Wege wandelst, wo es dir gut und dem Pferde schlecht geht, so tust du sehr wohl. Meine Lieben, jener Weg ist der Weg der Buße, die Herberge ist die heilige Mutter Kirche, wo es dir in der Seele wohl gehen wird, indem das Pferd, das ist der Körper, Buße tut … Es geht dann weiter, daß der zweite Weg der der Weltlüstigen ist, der dritte derjenigen, welche zu wenig gute Werke tun und deshalb erst ins Fegefeuer kommen, und der vierte der der wahrhaft Frommen, welche auf alle irdische Lust verzichten.

Besonders geschickt ist weder die Erzählung noch die Erklärung des Gleichnisses. Indessen kommt es darauf hier nicht an. Denken wir uns, daß die Geschichte einem frohen Gemüt bekannt wird, welches nicht an ihren Zweck denkt und die Deutung oder Nutzanwendung unbeachtet läßt, sondern nur durch die pittoreske Situation getroffen wird: ein König, der ausreitet, kommt an einen Kreuzweg und liest die merkwürdigen Inschriften. Hier ist der Phantasie eine Aufgabe gestellt: Weshalb reitet der König aus? Was bedeuten die vier Sätze? Wer schrieb sie an? Etwa die vier Ritter, welche die Burgen in den verschiedenen Richtungen bewohnen? Weshalb behandelt der eine die Fremden so, der andere so?

Die intellektuelle Tätigkeit, welche hier geleistet wird, ist sehr ähnlich der Tätigkeit der modernen Wissenschaften: es wird eine Erklärung für eine gegebene Tatsache gesucht, eine Theorie. Nur, daß erstens heute andere gegebene Tatsachen angenommen werden, und daß man sich zweitens nicht mit der bloßen Theorie begnügt, sondern in den Naturwissenschaften experimentelle, in der Geschichte Induktionsbeweise dazu verlangt. An einer solchen Geschichte, wie die eben erzählte, arbeitet die Verstandesphantasie heute nicht mehr, denn der erste Gedanke des Hörers ist heute: Kann die Geschichte überhaupt wahr sein? Wer erzählt sie? Welchen Zweck kann der Erzähler haben? – Kurz, heute wird sofort die Kritik wachgerufen, und die Gutgläubigkeit der alten Zeit fehlt.

Daß unsere Geschichte weitergebildet ist zu einem wirklichen Märchen oder zu einer Novelle, ist nicht nachzuweisen. Es ist möglich, daß sie in der unvollkommeneren Form stehengeblieben ist aus irgendwelchen Gründen. Immerhin kommen Anklänge an die Geschichte sehr häufig in der ritterlichen Dichtung bis auf die Prosaromane und Ariost vor.

Ich habe die Geschichte aus den Gesta gewählt, weil ihre Unbehilflichkeit ganz klar zeigt, daß wir es bei ihr mit einer auf Grundlage eines natürlich sich darbietenden Bildes aufgebauten Erfindung zu tun haben, welche lediglich praktisch-pastorale Zwecke verfolgt. Als Gegenstück will ich nun eine Geschichte aus einer alten indischen Sammlung erzählen, welche bereits künstlerisch so abgerundet ist, daß der Zweck der Erfindung nicht sofort klar wird. Es ist Pantschatantra Buch 2, Erzählung 4, nach Benfeys Übersetzung: «Was ein einziger Spruch wert ist».

Der Zweck des Erfinders war: deutlich zu Gemüt zu führen, was wir Fatalismus nennen; in der Sprache des Erzählers: «Was ihm bestimmt, wird auch zuteil dem Menschen; ein Gott sogar vermag das nicht zu hindern; drum klag’ ich nicht, staune darum auch nimmer; denn das, was uns höret, gehöret nicht andern».

Aufgabe des Erfinders wird sein, durch seine Erzählung zu zeigen: Der Mensch denkt, das Fatum lenkt; in der wirksameren, zugespitzten Form: gerade die auf einen ganz andern Zweck gerichteten Veranstaltungen von Menschen werden vom Fatum für seine Absichten benutzt.

Zunächst hat der Erfinder aber eine Einleitung gedichtet, um den hohen Wert seines Satzes ganz anschaulich zu machen. Der Sohn eines Kaufmanns kauft ein Buch für hundert Rupien, das nur jenen einen Satz allein enthält. Also so wertvoll ist der Satz. Der Vater wird deshalb zum Kaufmann gemacht, damit man einen Mann von weltlicher Gemütsstimmung hat. Er verstößt seinen Sohn, weil dieser gezeigt habe, daß er nie Geld verdienen könne, wenn er so dumm sei, für einen einzigen solchen Satz hundert Rupien zu bezahlen. Dieser Vater wird also durch den Verlauf der Geschichte widerlegt werden müssen. Der Sohn geht in eine andere Stadt. Zweites Moment, den Wert des Satzes hervorzuheben: Er antwortet auf jede Frage nichts wie diesen Satz, so daß er den Namen bekommt Was-ihm-bestimmt. Eine offenbar dichterisch ungeschickte Erfindung, die aber geeignet ist, den Satz dem Zuhörer recht einzuprägen.

Hier ist die Einleitung zu Ende. Die Erzählung enthält in dreifacher, leicht abgewandelter Wiederholung, gleichfalls um den Satz des Fatalismus recht einzuprägen, wie ein Mädchen eine Zusammenkunft mit ihrem Geliebten verabredet, durch einen Zufall statt des Erwarteten der Held kommt und an die Stelle des Geliebten tritt. Erst hat die Königstochter für ihren Liebhaber einen Strick aus ihrem Fenster gehängt. Der zufällig vorbeigehende Was-ihm-bestimmt klettert an ihm hoch, wird in der Dunkelheit in das Bett der Prinzessin aufgenommen; nachher fragt ihn die Geliebte, weshalb er nicht spreche, und er sagt seinen Spruch: «Was ihm bestimmt, wird auch zuteil dem Menschen.» An der Sprache erkennt sie, daß er ein Fremder ist, und er klettert wieder zurück. Ermüdet legt er sich in einem Tempel schlafen; ein Mann, der hier ein Stelldichein hat, trifft ihn hier, und um den Störenden zu entfernen, bietet er ihm an, in seinem Hause zu nächtigen. Er geht dahin, verfehlt aber das Zimmer und kommt zu der Tochter des Mannes, die gleichfalls einen Liebhaber erwartete und ihn für den Ersehnten hält. Nachher dieselbe Frage, dieselbe Antwort wie vorhin. Inzwischen wird es Tag, er geht auf die Hauptstraße, schließt sich einem Hochzeitszug an, kommt zufällig neben die Braut zu stehen, ein wütender Elefant jagt die Gesellschaft in Schrecken, so daß alle entfliehen, er beruhigt den Elefanten, und die Braut erklärt den Zurückgekehrten, nie werde sie einen andern heiraten als ihren Retter. Die Sache verursacht einen großen Auflauf, und die Königstochter und das andere Mädchen befinden sich unter den Zuschauern. Der König erscheint und befiehlt dem Helden, seine Geschichte zu erzählen. Dieser sagt seinen Satz:

«Was ihm bestimmt, wird auch zuteil dem Menschen.»

Die Königstochter erkennt ihn und sagt den zweiten Vers:

«Ein Gott sogar vermag das nicht zu hindern.»

Das andere Mädchen fügt den dritten Vers hinzu:

«Drum klag’ ich nicht, staune darum auch nimmer»,

und die Braut schließt:

«Denn das, was uns höret, gehöret nicht andern.»

Hierauf erhält denn Was-ihm-bestimmt die Königstochter und die beiden andern Mädchen als Frauen nebst der entsprechenden Mitgift.

Der erbauliche Zweck der Erfindung ist ebenso klar wie bei der ersten Geschichte; aber weil sie abgerundet ist, wirkt sie schon als wirkliche Geschichte, und der zu erhärtende Satz ist so anmutig hervorgehoben und durch die Erzählung verschlungen, daß das schon allein ein ästhetisches Vergnügen bereitet. Von der Wirkung auf fromme Gemüter mögen sich die Leser eine Vorstellung machen, wenn sie an die Predigten unseres Abraham a Santa Clara denken.

Wer einige Kenntnis der Märchen und Novellen hat, wird eine zahlreiche Nachkommenschaft dieser Geschichte kennen. Einer der reizendsten Abkömmlinge ist die Novelle II, 2 beim Boccaccio. Der Italiener ist nichts weniger als Fatalist, für ihn handelt es sich also lediglich um lustige Zufälle. Deren novellistischer Reiz würde durch die Häufung gleichförmiger Erlebnisse schwinden, deshalb hat er bloß ein einziges, und indem er dieses schalkhaft an die Verehrung eines Heiligen knüpft, gibt er ihm noch den besonderen Reiz, den viele seiner Novellen haben, für seine Zeit noch stärker hatten. Ein Kaufmann hat die Gewohnheit, auf seinen Reisen jeden Morgen zum heiligen Julian zu beten, daß der ihm ein gutes Nachtlager verschaffe; Räuber überfallen ihn und ziehen ihn, bei winterlicher Kälte, nackt aus; aber er kommt an ein Kastell und wird hier von einer liebenswürdigen Dame so freundlich aufgenommen wie sein indischer Vorgänger, und so zeigt sich denn der heilige Julian für die treue Verehrung dankbar.

Ein recht abenteuerliches Element in der indischen Erzählung ist das beständige Wiederholen des Spruches durch den Helden. An solche auffälligen Dinge knüpfen sich Weiterbildungen durch die Phantasie. Es stößt jemandem auf, wie ein solcher Mann ganz hilflos sein müßte, wenn er in eine gefährliche Situation kommen sollte, und nun erfindet er eine solche Situation. Da der Grund für das beständige Wiederholen des Satzes mit dessen Bedeutsamkeit bei andersgearteten Völkern verschwindet, so muß auch eine neue Ursache gefunden werden. Hier gibt es nun manche Märchen, die mehr oder weniger geschickt eine solche Ursache, einen solchen Satz und eine schwierige Situation kombinieren; das bei uns bekannteste ist das bei Grimm von den drei Handwerksburschen (Nr. 120). Es möge zum Schluß kurz erzählt werden: Der Teufel verlangt von den dreien, daß sie immer nur sagen sollen: der erste: «wir alle drei», der zweite: «um Geld», der dritte: «und das war recht», dann würde er ihnen so viel Geld geben, wie sie haben wollten. Ein Wirt ermordet einen reichen Kaufmann und verdächtigt die drei, die vor Gericht, indem sie nach der Reihe ihren Spruch sagen, einzugestehen scheinen. Wie sie hingerichtet werden sollen, kommt der Teufel verkleidet und erlaubt ihnen, daß sie die Wahrheit, die sie gesehen haben, erzählen; da entdecken sie die Schandtat des Wirtes, der nun hingerichtet wird und dem Teufel verfallen ist.

Auch diese Erzählung ist nicht besonders geschickt, zeigt aber gerade dadurch ihren Ursprung aus den Kombinationen über das gegebene Thema: Ein Mann spricht immer denselben Satz.

Je einleuchtender eine Erzählung ist, desto weniger gibt sie zu solchen Kombinationen und Erklärungen Anlaß, die ihrerseits wieder neue Ausgangspunkte für Geschichten werden. So erklärt sich zum Teil die merkwürdig erfinderische Phantasie jener oben geschilderten Zeiten. Heute werden Erfindungen von Geschichten nur noch von Dichtern gemacht, denen daran liegen muß, daß ihre Geschichten recht einleuchtend sind; und zugleich sind sie, der künstlerischen Absicht wegen, geschlossen. Regen sie stark an, so können sie deshalb nur Nachahmungen erzeugen, nicht Weiterbildungen und neue Kombinationen. Damals wurden die Geschichten erfunden von Moralisten für erbauliche Zwecke: nicht mit dem Ziel, einen Anschein der Wahrheit zu erwecken, sondern um einen moralischen Satz recht eindringlich zu machen, durch Übertreibungen, Unmöglichkeiten, Wiederholungen usf. Diese Geschichten wurden dann späterhin gutgläubig als wahr angenommen, und indem man Erklärungen, Motive und Konsequenzen ausdachte, wurde bei durchaus rationalistischer Absicht, die im Grunde nicht von der Absicht der modernen Wissenschaften verschieden ist, ein Werk der Phantasie geschaffen.