Mittagszauber.

Die Geschichte von der schönen Abigail klang noch eine Weile geheimnißvoll wie eine eben verhallte Glocke in dem kleinen Kreise nach.

Der Oberst blieb, nachdem er seinen letzten Trumpf ausgespielt hatte, noch immer am Ofen stehen, das Haupt zurückgebogen, den Blick unverwandt gegen die Zimmerdecke geheftet. Alle schwiegen. Auch das muntere Fräulein war verstummt und sah wie rathlos zu ihrem Schwager hinüber, der den ganzen Abend dem Geistergespräch mit überlegenem Lächeln zugehört und nur hin und wieder durch eine sarkastische Frage die Gläubigen zu neuen Expectorationen gereizt hatte.

Jetzt wandte er sich an den Oberst und sagte: Sie werden es mir, dem hartgesottenen Naturforscher, wohl nicht übelnehmen, lieber Freund, wenn ich mich auch Ihrem merkwürdigen Abenteuer gegenüber skeptisch verhalte und, was Sie als ein reales Erlebniß ansehen, nur als eine visionäre Vorspiegelung Ihrer erregten Psyche betrachte. Wie sich’s freilich mit der handgreiflichen Reliquie, jenem Immortellensträußchen, verhalten habe, kann ich nicht sicher verbürgen. Doch bezweifle ich keinen Augenblick, auch diese unheimliche »Thatsache« würde sich natürlich erklärt haben, wenn Sie in der Stimmung gewesen wären, genauere Nachforschungen anzustellen. Es ließe sich z. B. denken –

Ich muß dich bitten, lieber Mann, was sich denken ließe, für dich zu behalten, unterbrach ihn seine Frau eifrig. Wir wollen Gespenstergeschichten hören, um, wie im Märchen, das Fürchten zu lernen; darin darfst du uns nicht stören. Ich glaube zwar nicht, daß Goethe mit seinem tiefsinnigen Wort »das Schaudern ist der Menschheit bestes Theil« eben dieses Gruseln gemeint habe. Doch hat ja auch er an allerlei Spuk, wie er in klassischen und romantischen Walpurgisnächten sein Wesen treibt, Gefallen gefunden, ohne mit naturwissenschaftlichen Protesten dazwischenzufahren. Also gieb, ohne zu murren, dein Pfand, und nun ist die Reihe an unserm verehrten Professor. Ich fürchte freilich, vor seiner historischen Methode wird das Zwischenreich keine Gnade finden.

Da sind Sie nun doch im Irrthum, liebe Freundin, versetzte der Aufgerufene, ein heiterer, grauköpfiger Hausfreund, Verfasser sehr gelehrter Bücher über dunkle Gebiete des deutschen Mittelalters. Meine Studien haben mich zu manchen räthselhaften Erscheinungen im Menschen- und Völkerleben geführt, die aller nüchternen historisch-kritischen Erklärung spotten und ohne Hülfe einer erleuchteten Seelenkunde und pathologischen Analyse nicht zu begreifen sind. Ich will Ihnen aber nicht eines der zahllosen Spukgeschichtchen auftischen, von denen die Chroniken und Protokolle der Hexenprozesse wimmeln, sondern ein eigenstes Erlebniß, das Ihnen allerdings keinen kalten Schauer über den Rücken jagen wird, doch aber ohne das Hereinragen einer übersinnlichen Welt in die unsere kaum zu erklären sein dürfte. Und zwar hat es sich ausnahmsweise nicht in der obligaten unheimlichen Gespensterstunde zugetragen, sondern am hellerlichten Tage.

Ich schicke nur noch die Versicherung vorauf, daß ich Ihnen das kleine Abenteuer ohne jede Ausschmückung berichten werde, genau so, wie ich es die langen Jahre, seit ich es erlebt, im Gedächtniß bewahrt habe.

Nicht nur das Jahr, sondern sogar den Tag, an dem sich’s ereignet, weiß ich noch anzugeben: der 16te Juli war’s des Jahres 1855. Am 10ten hatte ich in Leipzig meinen Doctor gemacht und war dann sofort zu zwei lieben alten Leuten, einem Onkel und einer Tante, gereist, um mich bei diesen Trefflichen, die nach dem frühen Tode meiner Eltern mich an Sohnes Statt angenommen hatten, von den Promotionsstrapazen zu erholen. Sie wohnten in Dresden, in einem kleinen Hause der Neustadt, und ich brauche nicht zu sagen, daß sie mich wie einen Triumphator mit allen Ehren empfingen. Ich blieb aber trotz der besten Pflege nervös, mager und blaß, so daß die Tante mir am fünften Morgen eröffnete, es müsse durchaus etwas Gründliches zur Hebung meiner gesunkenen Lebensgeister geschehen. Nichts sei ersprießlicher in solchen Fällen, als ein Aufenthalt in frischer Wald- und Bergluft, weßhalb sie mit dem Oheim übereingekommen sei, mich in die sächsische Schweiz zu schicken.

Mit einer Erholung im Freien war ich einverstanden. Nur gegen das Wo? lehnte ich mich auf. Um diese Hochsommerszeit wurden dort alle Wege und Stege schon damals von Sommerfrischlern und Touristen dermaßen unsicher gemacht, daß auf ein behagliches Ausruhen in dem Gewimmel nicht zu hoffen war.

Dagegen tauchte, sobald die Tante mit ihrem Plan herausrückte, ein näher gelegener stiller Ort in meiner Erinnerung auf, den ich als Student in früheren Dresdener Ferientagen öfters besucht hatte, ein Wirthshäuschen auf dem rechten Elbufer, etwas erhöht zwischen Gärten stehend, nicht über tausend Schritte von Loschwitz entfernt. Jetzt hat es längst einer schönen großen Villa weichen müssen, wie ich zu meinem Kummer wahrnahm, als ich unlängst einmal wieder des Weges kam. Damals aber führte ein junges Ehepaar die Wirtschaft, mit dem ich ein freundschaftliches Verhältniß hatte, da ich mich an dem wackeren Wesen des Mannes und der Anmuth seiner flinken kleinen Frau unverhohlen erfreute. Auch hatte ich ihren Wein trinkbar gefunden, vor Allem die Stille auf der über den Uferweg hinausgebauten Altane an sternhellen Nächten schätzen lernen.

Es war noch ein Gasthöfchen alten Zuschnitts, nur von soliden Bürgerfamilien, die dort den berühmten Blümchenkaffee tranken, und von gelegentlichen Spaziergängern besucht. Denn das Ehepaar war wohlhabend genug, um eine Erweiterung des schlichten Geschäfsbetriebes in dem schon damals aufkommenden eleganteren Stil verschmähen zu können.

Ob meine guten Freunde auf Logirgäste eingerichtet waren, wußte ich freilich nicht, zweifelte aber nicht, daß sie mir ein Bett in irgend einer Kammer ihres alten Hauses nicht abschlagen würden.

So wanderte ich eines heißen Nachmittags mit meinem Ränzel die Uferstraße entlang. In den zwei Jahren, seitdem ich mich zuletzt hier umgesehen, hatte sich Nichts verändert. Kaum daß eines der Landhäuser, die mir alle so wohlbekannt waren, eine frische Tünche erhalten hatten oder einen neuen Pavillon zwischen den hohen Gebüschen, die über den Gartenzaun ihre blühenden Zweige ausbreiteten. Auch war der Weg am Flusse noch immer wenig begangen, da der eigentliche Verkehr sich oben auf der Landstraße hinter den Häusern hinzuziehen pflegt, und in der großen Stille ringsum begleitete mich nur das sanfte Plätschern der Wellen, die an das kiesige Ufer heranspülten.

Auch in dem Hause, wo ich endlich anhielt, schien Alles beim Alten geblieben zu sein. Auf denselben verwitterten Steinstufen stieg ich zu dem Gitterthürchen hinan, das, wenn man den Vortheil wußte, auch von außen zu öffnen war. Der schmale Pfad, der durch den Wirthsgarten führte, war noch immer so verwildert und verwachsen, wie je. Nur die Hausgenossen und wenige Stammgäste kannten diesen Eingang. Das fremdere Publicum kam von oben herein. Da ich unter den Gästen, die dort saßen, doch auch einen Bekannten treffen konnte und mein Asyl nicht verrathen wollte, wandte ich mich vorsichtig nach der Hinterseite des Hauses. Da traf ich die alte Ursel, ein Inventarstück der Familie und meine besondere Gönnerin. Sie begrüßte mich freudig wie einen lange Vermißten, und da ich sagte, es sei mir zunächst nicht um Speise und Trank zu thun, sondern um ein paar Worte mit den Wirthen, führte sie mich in das Wohnzimmer im oberen Stock und lief dann eilig hinunter, den Herrn und die Frau herbeizurufen, die gerade in dem seitabgelegenen Oekonomiegebäude beschäftigt waren.

Ich hatte indessen Zeit, mich in dem Gemach, in das ich noch nie den Fuß gesetzt, ein wenig umzusehen. Es war mit alten Möbeln ausgestattet, aber sehr sauber gehalten, Blumen in Töpfen an den Fenstern, schöne Rosen in einer Vase auf dem Tisch vor dem mit schwarzem Roßhaartuch überzogenen Sopha, ein schmetternder Kanarienvogel in großem Bauer an dem einen offenen Fenster, vor dem das dunkle Laub der Kastanien sich leise im Abendwind wiegte. An der Wand über dem Sopha hingen in verblichenen Goldrahmen drei lebensgroße Familienbilder, links ein stattlicher Mann in der Tracht der zwanziger Jahre, ihm gegenüber im großen Putz jener Zeit eine behäbige Frau mit einem in gestickte Windeln eingeschnürten Wickelkinde auf dem Arm, zwischen ihnen das Bild eines eben aufgeblühten Jungfräuleins in der Kleidung der Empirezeit, das mich mehr als die beiden anderen anzog. Nicht durch sonderliche Schönheit. Das Gesicht, das dem Beschauer voll zugekehrt war, erschien etwas zu rund, auch das Stumpfnäschen und der leicht aufgeworfene Mund entsprachen nicht ganz meinem Begriff von einem reizenden Mädchenkopf, Die Augen aber, groß und schwarz und langbewimpert, hatten einen so rührend unschuldigen und doch schon ahnungsvoll schwermüthigen Ausdruck, daß sie mich völlig bezauberten. Sie war in ein weißes, an den Säumen mit einer blauen Stickerei verziertes Gewand gekleidet, das dicht unter der jungen Brust gegürtet war. Der schöne schlanke Hals war frei, ebenso die reizenden Arme, um die sie nur einen schmalen rothen Shawl geschlungen hatte. Um den Kopf krausten sich kurze braune Löckchen – ein sogenannter Tituskopf; in der Hand hielt sie eine vollaufgeblühte weiße Rose, und an ihrem schlanken Goldfinger steckte ein goldner Reif mit einem herzförmigen blauen Stein.

Ich hatte wohl zehn Minuten lang das liebe Wesen, das nun schon längst von der Welt entschwunden war, betrachtet, als die Thür sich öffnete und der Hausherr hereintrat, hinter ihm die kleine Frau, die ihre zierliche Figur inzwischen ansehnlich gerundet hatte und die Erklärung dieser Veränderung in Gestalt eines einjährigen Kindchens auf dem Arme trug.

Beide begrüßten mich aufs Herzlichste, schalten mich wegen meines langen Ausbleibens und wiesen mir mit Stolz die artige Puppe, die der Himmel ihnen inzwischen zur Krönung ihres ehelichen Glückes beschert hatte. Es war ihnen auch sonst in den zwei Jahren Alles nach Wunsch gediehen; ein kleiner Weinhandel, den sie betrieben, hatte sich einträglich vergrößert, der Besuch der Wirtschaft dermaßen zugenommen, daß sie einen geräumigen Gartensaal hatten bauen müssen, in welchem auch Hochzeiten und andere Familienfeste gefeiert zu werden pflegten.

So sehr ich dem wackeren Paar das Wachsthum seines irdischen Gutes gönnte, war mir’s doch ein Querstrich durch meinen Plan, da ich die erhoffte Stille und Abgeschiedenheit hier nicht mehr vorfand. Und als ich trotzdem die Frage that, ob ich für einige Wochen ein ruhiges Zimmer unter ihrem Dache finden könne, erklärte die Wirthin, das sei nun leider nicht zu machen. In dem Mansardenstockwerk habe sie ihre Kinderstube eingerichtet, zwei andere Stuben bewohne ein Ehepaar aus der Stadt mit einem kränklichen Knaben, der in der Landluft sich erholen solle, aber oft in der Nacht durch Husten und Weinen auch ihren Schlaf verstöre, so daß ich in dem einzigen noch verfügbaren Zimmer bei Tag und Nacht keine Ruhe haben würde. Es sei ihr ungemein leid, und wenn sie mein Kommen geahnt hätte, würde sie die Fremden nicht aufgenommen haben. Der Mann bestätigte das Alles, schien aber nachzudenken, ob nicht doch eine Auskunft zu finden wäre, und sagte endlich, da ich schon mit einem stillen Seufzer Hut und Stock ergriff: Nein, Riekchen, wir dürfen den Herrn Doctor doch nicht wieder fortlassen, damit er es irgendwo in einem fremden Hause ungemüthlich findet. Da ist ja noch das Gartenhäuschen der Tante Blandine. Es ist zwar seit vielen Jahren nicht mehr bewohnt worden; aber wenn man den Staub hinauskehrt und frische Vorhänge aufsteckt – dem Herrn Doctor ist’s ja nur um einen recht ruhigen Winkel zu thun – das Essen könnte man ihm, wenn er nicht herüberkommen will, in dem Vorderzimmer drüben auftragen, in der Kammer dahinter würde er schlafen, und den ganzen Garten hätt’ er für sich. Ich sollte meinen –

Wo denkst du hin, Mann! unterbrach ihn die kleine Frau mit einer seltsamen Geberde des Vorwurfs, indem sie ihm mit den lebhaften Augen ein Zeichen machte. Das ist ja rein unmöglich! – Sie trat dicht an ihn heran und flüsterte ihm ein paar Worte zu, den Kopf dabei schüttelnd, wie über eine unerhörte Zumuthung, Der Mann aber lachte gutmüthig, gab ihr einen kleinen Schlag auf die runde Schulter und wandte sich dann zu mir.

So sind die Frauensleute alle! sagte er. Auch die vernünftigsten lassen sich von Jedwedem, der ihnen was vorfabelt, zum Narren halten. Nämlich, Herr Doctor, es soll nicht ganz geheuer sein in dem Häuschen drüben, behaupten alte Leute, und die jungen schwatzen’s ihnen nach. Gesehen aber hat Keiner was, wie das immer so geht. Na, und wenn Tante Blandine spuken ginge, was wär’s, Riekchen? Der Herr Doctor kann ja selbst urtheilen, ob’s ihm unlieb wäre, wenn ein schmuckes Frauenzimmer ihm eine Visite machte. Da hängt sie ja überm Sopha. Sieht Die aus, als ob sie sich einen Spaß daraus machte, ruhigen Leuten einen Schrecken einzujagen? Die Tante Blandine, müssen Sie nämlich wissen, Herr Doctor –

Hier unterbrach ihn die Ursel mit der Meldung, der Maurermeister verlange nach dem Wirth wegen des neuen Waschhauses. Das ging denn auch die Hausfrau an, und so ließ mich das Ehepaar mit der Alten allein, der der Wirth wegen meines Quartiers die nöthigen Weisungen gab.

Ob sie von der Tante Blondine etwas wisse, fragte ich. Nein, sie wisse nichts, als daß die junge Mamsell in dem Häuschen drüben gewohnt habe, und die Leute behaupteten, sie zeige sich noch zuweilen. Einem aber, der sie selbst gesehen, sei sie nie begegnet, könne auch nicht wohl daran glauben; das Fräulein habe ja ein so gutes, frommes Gesicht und gewiß nichts verbrochen, was ihr die Grabesruhe stören müsse.

Nun gingen wir Beide die Treppe hinunter und durch den Garten nach einem Seitenpförtchen, das auf eine schmale, vom Uferweg sacht ansteigende Gasse hinausführte und in der Regel verschlossen war. Drüben, gerade gegenüber, öffnete derselbe Schlüssel ein gleiches Pförtchen, durch das man in einen verwilderten Blumengarten gelangte. Ich hatte ihn früher nicht beachtet, da ich nie lange hier draußen verweilte. Von der unteren Straße aus konnte man auch nicht hineinblicken. Die Hecke, die ihn am Rande einsäumte, war zu hoch emporgeschossen und der untere Eingang, eine Gitterthür über einigen Stufen, von dichtem Fliedergebüsch dermaßen überwuchert, daß man achtlos daran vorüberging.

Wie ich jetzt den stillen Bezirk betrat, der, etwa hundert Fuß im Geviert, sanft ansteigend sich zur Höhe der Landstraße emporzog, bot sich mir ein überraschender Anblick.

Wie wenn seit zehn Jahren kein Mensch den Fuß hineingesetzt hätte, so blühte hier in unglaublicher Fülle ein wilder Flor der schönsten Rosen – fast lauter Centifolien –, daneben Nelken, Goldlack, Jasmin und Heliotrop durcheinander, und dazwischen, wie weiße Inseln aus dem Blütenmeer auftauchend, kleine Gruppen ungewöhnlich hochstengliger Lilien, deren starker Duft über alle anderen mir entgegenwehte. Dieser Blumenurwald war gerade von dem Schimmer der untergehenden Sonne überglüht, und da die Bäume und Büsche, die den Garten an allen vier Seiten einfaßten, so dicht verwachsen waren, daß von den Nachbarhäusern Nichts durchblicken konnte, hatte der Eindruck, den ich von dem Gärtchen empfing, etwas märchenhaft Berauschendes und zugleich Beklemmendes.

Die Frau lasse hier Alles wachsen und wuchern, wie’s Gott gefalle, berichtete die Alte, während sie die Ranken einiger hochstämmiger Rosenbäumchen bei Seite bog, um mir den Weg zu bahnen. Zu gehörigem Aufräumen und Inordnunghalten fehle es an Zeit; einen eigenen Gärtner deßhalb zu miethen, lohne sich nicht. Denn was das Grundstück so ungepflegt an Blumen aller Jahreszeiten trage, werde zweimal wöchentlich in die Stadt geschickt und dort vortheilhaft an Händler verkauft. Wüchsen die Wege gar zu dicht zu, so komme der Wirth und schaffe etwas Luft mit der Heckenscheere. Vor langen Jahren habe der Vater des jetzigen Besitzers an schönen Abenden manchmal da oben vor dem Häuschen seine Pfeife geraucht. Vielleicht sei ihm dort irgend ein Nachtspuk erschienen, der’s ihm verleidet habe. Die Jungfer Blandine werd’ es schwerlich gewesen sein.

Nun sah ich auch das unscheinbare Gartenhaus, in das ich einquartiert werden sollte: ein kleiner, grauer, viereckiger Holzbau unter einem weit vorspringenden spitzen Schindeldach, an der Vorderseite die Thür und ein einziges Fenster, durch einen Laden verschlossen, der vor Zeiten grün angestrichen gewesen sein mochte. Auch an den Nebenseiten je ein viereckiges Fenster, durch einen festen Holzladen verwahrt, Alles verregnet und verwittert, unterm Dach etliche Spatzennester, deren Insassen in heller Entrüstung mit lautem Schreien und Zanken fortschwirrten, als die Alte die rostige Thürangel aufriß und mit mir über die Schwelle trat.

Ein kühler Modergeruch schlug uns entgegen. Als wir aber alle drei Läden aufgestoßen hatten, sah es in dem niederen Raum gar nicht so unwohnlich aus. Eine Rococo-Kommode an der einen Wand, eine Gartenbank, etliche alte Stühle und ein Tisch, über den noch die verblichene buntgemusterte Decke lag, mitten im Zimmer zusammengestellt; ein zierliches Tischchen mit eingelegter Holzmosaik an dem einen Fenster, darauf noch ein Arbeitskörbchen mit einer angefangenen Straminstickerei, Das Hübscheste aber waren ein halb Dutzend großer, in flache braune Holzrahmen eingefaßter Blumenstücke, zumeist Rosen und Lilien, von einer mühsamen Hand etwas steif, aber mit ersichtlichem Formgefühl auf lichtgraues Papier gezeichnet und sorgfältig colorirt. Mitten unter diesem bescheidenen Bilderschmuck überraschte mich der Anblick einer großen Karte des mittleren Europas, auf welcher der Weg von Dresden nach Moskau durch einen blutrothen Strich bezeichnet war. Und unter diesem für ein Gartenhaus seltsamen Wandzierrath ein winziges Miniaturportrait in feinem Goldrähmchen, einen jungen Mann darstellend in einer verschollenen Uniform, das Gesicht aber so verblichen oder vielmehr verwaschen, daß außer den braunen Punkten, die an Stelle der Augen saßen, und einem feinen schwarzen Schnurrbärtchen Nichts von den Zügen zu erkennen war.

Die Alte öffnete die niedere Seitenthür, und ich trat in eine dunkle Kammer, in die erst etwas Licht drang, als ich den Laden des einzigen Fensterchens aufgestoßen hatte. Nun sah ich eine schmale Bettstatt in der Ecke, dann noch ein hochbeiniges Waschtischchen mit Meißener Porzellangeräth, an der Wand darüber einen Kupferstich nach einem Eccehomo Carlo Dolce’s.

Hier wird der Herr Doctor schlafen müssen, sagte die Ursel, wenn’s ihm nicht zu eng und unheimlich ist. Der Strohsack und die Matratze sind noch ganz brauchbar, das Uebrige schaffen wir hinauf, und was sonst noch vonnöthen ist, damit ein Christenmensch seine ordentliche Abwartung hat. Von Störungen wird der Herr Doctor hier nichts zu fürchten haben, wenn er spukfest ist, was ja auch ein dummer Aberglaube ist, obschon manch Einer, den ich kenne, nicht um alles Geld der Welt hier oben nächtigen möchte, weil das Fräulein in diesem Bett geschlafen haben soll. Aber das ist schon lange her, und unser Herrgott, zu dem sie gewiß jeden Abend gebetet hat, wird so eine arme Seele nicht auf die Wanderung schicken, um friedliche Menschen zu ängstigen, nee, das wird er gewiß nicht; denn was könnte er dabei für ‘ne Absicht haben?

Die aufgeklärte Alte verließ mich, um drüben im Wirthshaus weiter für mich zu sorgen, und nach einer halben Stunde war ich vollständig eingerichtet, das Bett frisch überzogen und mit Kissen und Decken versehen, Wasser aus einem kleinen Schöpfbrunnen geholt, der nahe dem Gartenhäuschen unter einem Fliederbusch versteckt stand, und auf dem Tisch im Vorderzimmer das frugale Nachtmahl aufgetragen, um das ich gebeten hatte. Denn es gefiel mir so wohl in meinem wunderlichen Quartier, daß ich an diesem ersten Abend mich nicht entschließen konnte, in den Wirthsgarten hinüberzugehen, der noch von Gästen belebt war, wie der herüberdringende Schein der Lichter und Laternen verrieth.

Die Alte kam noch einmal, mir im Namen der Wirthsleute gute Nacht zu wünschen und sie zu entschuldigen, daß sie sich nicht in Person noch einstellten. Die Frau könne in der Küche nicht abkommen, der Herr müsse dem Kellner helfen, da so viel Zuspruch sei. Sie räumte Teller und Schüssel ab und ließ mich bei meiner Flasche Moselwein allein.

Ich durchstreifte nun zuerst das ganze kleine Revier auf den verwachsenen schmalen Pfaden zwischen den Blumenbüschen und zog mich dann zu einer Laube zurück, die oben auf gleicher Höhe mit dem Häuschen in der Ecke des Gartens stand, dicht überwuchert von Jelängerjelieber-Ranken, die jetzt freilich abgeblüht hatten, so daß drinnen tiefe Finsterniß und eine schwüle Stickluft herrschte. Ich setzte daher einen der Stühle, die ich drinnen fand, vor den Eingang, zündete meine Pfeife an und saß nun – ich weiß nicht, wie lange – in seliger Beschaulichkeit unter dem prächtig aufglänzenden Sternenhimmel, während die Nachtblumen stärker zu duften anfingen und Leuchtkäfer hie und da im Grase erglommen. Wenn ich über mein kleines Reich hinwegblickte, sah ich hinter den hohen Büschen am unteren Saum den ruhigen breiten Fluß hinströmen, auf dem dann und wann ein Schiffchen oder ein schmaler Kahn vorüberglitt, daß die dunklen Wellen flüchtig vom Schimmer einer Laterne am Bord überblitzt wurden. Auch ein Dampfschiff mit Musik zog vorbei und verschwand wie ein phantastisches Traumgebild hinter den Weidenwipfeln nach der Stadt zu. Ganz spät erst schwebte die Sichel des abnehmenden Mondes über die weite Landschaft herauf. Die Ebene drüben mit den Häusern am anderen Ufer war von Nebelduft verschleiert, und nur einzelne Lichter, die herüberblinkten, deuteten auf lebende Wesen in dieser unabsehlichen Weite.

Nun verkühlte sich auch langsam die Luft, und nach dem heißen Tage athmete ich sie mit solchem Wohlgefühl ein, daß es vom Loschwitzer Kirchthurm Elf, dann Zwölf schlug, eh’ ich mich entschließen konnte, schlafen zu gehen. Von irgend welchem Schauer der Geisterstunde spürte ich aber nicht das Mindeste, und auch als ich mich auf mein jungfräuliches Bette gestreckt hatte, blieb mir jeder Gedanke an etwas Unheimliches fern. Ich hatte das Fensterchen offen gelassen, vor dem die Zweige der hohen Gebüsche leise im Nachtwind schwankten. In einem der Nachbargärten schlug eine Nachtigall, der hörte ich eine Weile zu, dann schlief ich ein. In der Nacht fuhr ich ein paarmal aus unruhigen Träumen auf, durch allerlei Geräusche geweckt, wie sie in Sommernächten im Freien sich rühren, Nachtvögel, die auf kleineres Gethier Jagd machen, über meinem Haupt das Schleichen und Huschen einer Katze oder eines Marders, der den Spatzen unterm Dach nachstellen mochte, im grauen Morgen das Knarren von Rädern und Knallen von Peitschen auf der nahen Landstraße – doch kein Laut aus einer überirdischen Welt.

So kam es aber, daß ich erst spät am Morgen erwachte, als die Alte den Kopf in meine Kammer steckte, in Besorgniß, ob mir nicht doch über Nacht etwas Menschliches begegnet wäre. Ich versicherte sie lachend, das Fräulein habe mir keinen Besuch abgestattet, und sie könne auch die Frau Wirthin deßhalb beruhigen. Nach dem Frühstück lockte es mich freilich in den von Thau schimmernden Garten hinaus, zumal er noch im Schatten lag. Ich widerstand aber der Versuchung, um erst einige Briefe von der Seele zu wälzen, an Onkel und Tante in Dresden und ein paar Freunde in Leipzig, auch an die Druckerei, der ich meine Dissertation zum Druck übergeben hatte.

Darüber verging die Morgenkühle, und über den Blumen, die jetzt in voller Sonne standen, lagerte sich eine so schwere Glut, daß es gerathen war, das Häuschen nicht zu verlassen, sondern hinter halbgeschlossenen Läden in goldenem Zwielicht die heißesten Stunden zu verdämmern.

Ich griff nach einem Buche, das ich mitgebracht hatte, Hermann Lingg’s Gedichte. Sie waren erst vor kurzer Zeit erschienen und im nördlichen Deutschland trotz der Einführung durch Geibel noch wenig bekannt. Ein süddeutscher Studienfreund hatte sie mir empfohlen und mir sein Exemplar zum Abschiede geschenkt. Als Historiker, meinte er, dürfe ich nicht versäumen, die neue Gattung der historischen Lyrik kennen zu lernen, die der treffliche Poet in ganz eigener Weise behandle. Ich hatte das schon bestätigt gefunden, nachdem ich nur die ersten Romanzen und einige Bruchstücke des Völkerwanderungsepos gelesen hatte. Hier war mehr als die übliche Versificirung historischer Anekdoten im Balladenstil: ein wundersames Miterleben weit abliegender Völkerschicksale, eine visionäre Kunst, die Stimmungen und Leidenschaften verschollener Menschen heraufzubeschwören, mit einer so magischen Gegenwärtigkeit der Figuren und Charaktere, als wäre der Dichter überall in Person dabei gewesen, und nun stiegen alte Zeiten im wachen Traum wieder vor ihm auf.

Es stand mir fest, daß hier wieder einmal eines der großen lyrischen Genies erschienen sei, die nicht häufiger sind, als schwarze Diamanten, und unschätzbarer als diese.

An jenem Vormittage jedoch schlug ich das Büchlein aufs Gerathewohl auf und fand eine Reihe der innigsten Bekenntnisse persönlicher Stimmungen und ein so intimes Mitempfinden des geheimnißvollen Naturlebens, wie es nur echten Lyrikern gegeben ist.

Wieder und wieder las ich die in ihrer Einfachheit so unwiderstehlichen Lieder: »Immer leiser wird mein Schlummer« – »Kalt und schneidend weht der Wind« – »Lied der Schifferfrau« – »O Frühling, holder fahrender Schüler« – »Alte Träume kommen wieder« »An meine pompejanische Lampe« und wie diese rührend schönen und innigen Offenbarungen einer dichterisch bewegten Menschenseele sonst noch überschrieben sein mögen – und sie hafteten gleich so fest in mir, daß ich das halbe Büchlein noch heute auswendig weiß und oft auf einsamen Spaziergängen mir Lied um Lied hersage. In meiner damaligen Lage berührte mich mit besonderem Reiz das folgende Sonett, »Mittagszauber« überschrieben. Sie müssen mir erlauben, es zu recitiren, obwohl es auch Ihnen wohl bekannt ist, da es so ganz meine damalige Stimmung ausspricht:

Vor Wonne zitternd hat die Mittagsschwüle

Auf Thal und Höh’ in Stille sich gebreitet.

Man hört nur, wie der Specht im Tannicht scheitet,

Und wie durchs Tobel rauscht die Sägemühle.

Und schneller fließt der Bach, als such’ er Kühle;

Die Blume schaut ihm durstig nach und spreitet

Die Blätter sehnend aus, und trunken gleitet

Der Schmetterling vom seidnen Blütenpfühle.

Am Ufer sucht der Fährmann sich im Nachen

Aus Weidenlaub ein Sommerdach zu zimmern

Und sieht ins Wasser, was die Wolken machen.

Jetzt ist die Zeit, wo oft im Schilf ein Wimmern

Den Fischer weckt, der Jäger hört ein Lachen,

Und golden sieht der Hirt die Felsen schimmern.

Als ich das gelesen hatte, schloß ich die Augen und überließ mich eine Weile dem süßen Gefühl einer Art lyrischer Bezauberung, die wie ein starker Wein mir alle Adern schwellte. Dann erhob ich mich und trat auf die Schwelle meines Häuschens. Da lag die Welt, meine eigene grünumfriedete Welt, vor mir in demselben vor Wonne zitternden schwülen Glanz, der in diesen Versen webt. Die Schmetterlinge, die wie trunken an den Rosen- und Lilienkelchen hingen, die leisen Vogelstimmen ringsum, unten im Fluß die hastig hineilenden Wellen, als ob sie aus dem Bereich der Sonnenstrahlen in den Schatten zu fliehen suchten – es war in der That zauberhaft. Zuletzt, als der Kopf mich zu schmerzen anfing, ging ich langsam, immer die Verse mir wiederholend, nach der Geißblattlaube.

Ein Bänkchen stand darin, darauf ließ ich mich nieder, das Gedichtbuch noch in der Hand, doch ohne weiter darin zu lesen, was schon die Dunkelheit drinnen verwehrte.

Nun entsinne ich mich noch ganz deutlich, wie wunderlich mir geschah, als ich aus meinem dunkelgrünen Versteck in den flimmernden Mittagsglanz hinaussah: als wäre der Aether über mir ein krystallklares Meer und ich säße tief im Grunde, so daß die leichtbewegten Wellen über mir wogten und wirbelten und in hellen Perlen über die Gewächse des Meergrundes niederrieselten; ich selbst aber wäre in einer tiefen Grotte gefangen, in der zu athmen so beschwerlich war wie in einer Taucherglocke. Und doch verursachte diese Gefangenschaft keine Qual, vielmehr durchdrang mich ein heimliches Wohlgefühl, wie ich es als Kind empfunden, wenn wir Versteckens spielten und ich hatte mich in irgend einen Winkel geduckt, wo ich sicher war, nicht so bald gefunden zu werden.

Nur die Augen thaten mir weh, nachdem ich zu lange in das Gewoge der ätherischen Lichtatome hineingestarrt hatte. Ich mußte sie ein paar Minuten schließen und horchte nun in der purpurnen Finsterniß um mich her auf die summenden, schwirrenden Geräusche, die durch das Gerank der Laube an mein Ohr drangen, das Rispeln und Raunen der Blätter an den Heckensträuchern, das Knirren und Knistern der Insecten und die andern geheimnißvollen Stimmen, die nur vernehmbar werden, wenn alle Menschenlaute verstummen und der Tag auf seiner Höhe einen Augenblick still zu stehen und den Athem anzuhalten scheint.

Als ich dann aber die Augen wieder öffnete, hatte ich einen seltsamen Anblick.

Am anderen Ende des Gartens, als wäre sie eben aus dem unteren Pförtchen getreten, wandelte eine helle, schlanke Frauengestalt, langsam und ganz in sich vertieft, das Gesicht unter einem großen Strohhut von altmodischer Form verborgen. Sie mußte hier Bescheid wissen, denn sie fand die schmalen Pfade, obwohl sie von den dicht verschlungenen Blumenbüschen überwachsen waren, und durchschritt sie, leicht die Ranken zurückbiegend, ohne Müh und Eile. Zuweilen neigte sie sich nach rechts und links leise zu den Blüten hinab, als prüfe sie sorgfältig, wie es mit dem Gedeihen der verschiedenen Pflanzen stehe. War sie ans Ende eines Weges gelangt, so bog sie in den parallel laufenden nächsten ein, immer von mir abgewendet, so daß ich nur hin und wieder ein wenig von ihrem Profil sehen konnte und eine Locke ihres braunen Haars, die über den Rand des Strohhuts vorwehte. Das Bild dieser jugendlichen Gartenfreundin zwischen dem üppigen Rosen- und Lilienflor war so lieblich, daß ich mich ganz still verhielt, um nicht etwa durch mein plötzliches Hervortreten den reizenden Besuch zu verscheuchen.

Vor einem Centifolienstrauch stand die Gestalt eine Weile still. Ich sah, wie sie sich bückte und das Gesicht in die vollen Blüten tauchte. Dann hob sie den Kopf wieder und brach eine halb aufgeblühte Knospe mit einer kleinen Hand, die zur Hälfte in einem schwarzen Filethandschuh steckte. Ich konnte, da dies schon in ziemlicher Nähe von meiner Laube geschah, jetzt auch ihren übrigen Anzug genauer betrachten. Nein, ich täuschte mich nicht, es war ein ganz ähnliches, hoch unter dem Busen gegürtetes Kleid, wie ich es auf dem Bilde des jungen Mädchens gestern im Wohnzimmer meiner Wirthe gesehen hatte, am Saum unter dem weit entblößten Halse die blaue Verzierung, der nämliche schmale rothe Shawl um die Schultern gelegt, die Arme nur bis zu den Ellenbogen von den luftigen weißen Aermeln bedeckt. Und jetzt, da sie sich wandte und nach dem Gartenhause hinaufblickte – ich gestehe, daß mich einen Augenblick ein leichter Schauer überlief – das war dasselbe etwas volle Gesicht unter der runden, von braunen Locken umhangenen Stirn, jene schwarzen großen Augen, die mit demselben schwermüthig gespannten Blick umherspähten.

Die sonderbare Empfindung währte aber nicht lange. Ich weiß nicht, wie es kam, doch obwohl die Unbekannte in schönster Blüte gesunder Jugend erschien, regte sich doch in mir ein tiefes Mitleiden. Zugleich die Neugier, was es für eine Bewandtniß mit dem jungen Wesen haben möchte, das wie aus einer Maskerade weggelaufen im Kostüm der Großmütterzeit am lichten Tage herumspazierte. Und die Aehnlichkeit mit dem Bilde? Und wie war sie in den Garten eingedrungen durch die Uferpforte, zu der, wie mir die alte Ursel gesagt, der Schlüssel verloren war?

Ich hatte nicht viel Zeit, diesen Räthseln nachzusinnen, denn schon war das schlanke Fräulein auf die Höhe des Gartens gelangt und kam, immer mit zögernden Schritten, den oberen Weg daher, gerade auf meine Laube zu. Nun dacht’ ich, es wäre doch schicklich, hinauszutreten und mich als den zeitigen Herrn des kleinen Gebietes ihr vorzustellen. Als ich aber eben von meinem Bänkchen aufstand, sah ich, wie sie plötzlich zusammenfuhr, einen Augenblick ins Dunkel der Laube hineinstarrte und dann mit dem halberstickten Ausruf: Eduard! bist du endlich gekommen! – mir entgegenflog.

Sie hatte die Arme ausgebreitet, ihre Locken wehten, ihre junge Brust wallte ungestüm – gleich darauf stand sie wie versteinert still, die Arme sanken herab, ein unsäglich trauriger Ausdruck erschien auf ihrem entfärbten Gesicht, und ein paar große Tropfen traten unter den langen Wimpern hervor.

Verzeihen Sie, mein Herr! hauchte sie kaum vernehmbar – ich glaubte, ein Anderer habe hier gesessen, ich habe mich durch das ungewisse Licht täuschen lassen – nochmals, ich bitte um Entschuldigung und will nicht weiter stören.

Ich war an den Eingang der Laube getreten, während sie unwillkürlich einen Schritt zurückthat.

Nicht Sie, mein Fräulein, sondern ich habe um Entschuldigung zu bitten, sagte ich. Ich bin nur als Gast seit gestern hier einquartiert, Sie aber gehören ohne Zweifel zum Hause, und wenn Sie im Garten keine Gesellschaft zu haben wünschen, werde ich mich sofort entfernen.

Sie sah mich, während ich sprach, unverwandt an. Ihre Züge waren wieder ruhig geworden, aber ein seltsam unstäter Blick ihrer Augen ließ den Verdacht in mir aufsteigen, das anmuthige Wesen möchte nicht bei vollem Verstande sein, was mir auch ihre wunderliche Verkleidung wahrscheinlich machte.

Wie dürfte ich Sie verdrängen, erwiderte sie, jetzt mit einer sehr lieblichen, nur gar zu leisen Stimme. Ich habe kein Recht mehr auf diese Stätte, ich muß zufrieden sein, wenn man mir erlaubt, dann und wann wiederzukommen und nach den Blumen zu sehen, die ich so geliebt habe. Aber ich habe mir’s selbst verscherzt, sie pflegen zu dürfen. Sie brauchen meine Pflege auch nicht. Sehen Sie nur, wie sie auch ohne mich alle so üppig blühen. Der Himmel sorgt schon für sie.

Sie seufzte dabei und hielt die Rosenknospe dicht an ihr Stumpfnäschen. Dann, nach einer kleinen Pause:

Sie also wohnen jetzt hier. Nicht wahr, es ist ein hübscher Ort? Auch ich habe gern hier gelebt, bis ich nicht mehr durfte. Aber davon wollen wir nicht sprechen. Jeder hat sein Schicksal, und Jedem kommt sein Schicksal aus dem eigenen Herzen.

Wir verstummten dann ein wenig. Immer befremdlicher wurde mir der Besuch, und obwohl Alles Sinn und Verstand hatte, was sie sagte, fuhr mir’s doch wieder durch den Kopf: es ist nicht richtig mit ihr.

Wollen Sie nicht in die Laube treten, mein Fräulein? sagt’ ich endlich. Aber mit einer hastigen Handbewegung wehrte sie sich dagegen. Nicht, nicht! flüsterte sie. Da drinnen hausen Erinnerungen – es ist nicht gut, sie aufzuwecken. Einmal wird das anders werden, wenn ich nicht mehr allein dort sitzen muß, da werde ich lachen und weinen in der schönen Dämmerung drinnen, und es kann nicht mehr lange dauern, es hat ja schon allzu lange gewährt, und manchmal meine ich, ich hätte umsonst gewartet. Aber nicht wahr, das meinen Sie doch auch: die Treue, sie ist kein leerer Wahn, der Mensch kann sie üben im Leben – und wenn ich sie geübt habe, warum soll ein Anderer ihrer müde geworden sein? Ach ja, müde, das bin ich freilich auch oft, das wird man vom langen Schlafen und traurigen Träumen – wenn Sie erlauben, so setz’ ich mich hier einen Augenblick, ich muß dann gleich wieder fort.

Der Stuhl, auf dem ich gestern Nacht vor der Laube gesessen, stand noch auf demselben Fleck. Auf dem ließ die junge Gestalt sich nieder, kreuzte die kleinen Füße, die in weißen Atlasschuhen unter dem gefältelten Saum des kurzen Batistkleides vorsahen, und athmete tief auf, als habe ihr Spaziergang sie erschöpft. Dabei schien sie meine Gegenwart völlig zu vergessen, denn sie machte sich mit ihrer Toilette zu schaffen, nahm den Hut ab, schob die Aermel bis an die Achsel zurück und roch dazwischen mit einem Ausdruck sehnsüchtigen Verlangens an ihrer Rose.

Um nur etwas zu sagen, da mich die Stille beklemmte, fragte ich, ob die Blumenstücke in dem Gartenhäuschen von ihr herrührten. Sie nickte wie zerstreut, und plötzlich sah sie mich wieder an und fragte: Waren Sie jemals in Rußland?

Ich verneinte.

Schade! sagte sie. Ich wüßte gern, ob es dort so kalt ist, wie die Leute sagen. Oh, Wärme, Wärme! Nicht wahr, in die Wärme sehnt sich Jeder zurück? Und sich nun gar an ein warmes Herz zu schmiegen – aber das sind keine Gespräche für ein junges Mädchen, die soll immer eine kühle Temperatur in ihrem Betragen an den Tag legen. Nun, es kann mir gleich sein. Ich bin alt genug, um mich von Niemand hofmeistern zu lassen. Auch Sie, mein Herr, merk’ ich wohl, finden diese meine Kleidung auffallend. Was liegt daran, wie der Mensch sich kleidet, wenn er nur seine heimlichsten Gedanken verhüllt? Nein, fragen Sie mich nicht! Wenn Jemand wiederkommt, der es mir fest versprochen hat, dann werde ich vor die neidischen und kleingläubigen Menschen hintreten und sie Alle beschämen. Und nun – Dieu vous bénisse!

Sie stand ruhig auf, grüßte mich mit einem leisen Neigen des Kopfes und wollte gehen.

Darf ich Sie noch um eine Gunst bitten, mein Fräulein? rief ich. Schenken Sie mir die Blume, die Sie da in der Hand haben. Ich will sie zum Andenken an die liebenswürdige Bekanntschaft aufbewahren.

Ein rascher, argwöhnischer Blick aus den schwarzen Augen traf mich. Ich bedaure, sagte sie, ich kann Ihnen das nicht gewähren. Es ist nicht ohne Bedeutung, eine Rose zu verschenken. Kennen Sie die Blumensprache? Gleichviel, man muß sich in Acht nehmen. Denn so fängt es an, und wer weiß, wohin es führt. Erst die Blume, dann den Kranz. Und auch wenn Sie Niemand davon sagten, Er würde es doch erfahren, denn ich könnte ihm nichts verschweigen, wenn er wiederkommt. Und Sie glauben doch auch, daß er kommen wird, wie weit der Weg auch sein mag?

Gewiß, versicherte ich, nun völlig überzeugt, daß mein Verdacht das Richtige getroffen. Wieder überkam mich ein schmerzliches Mitgefühl mit dem armen jungen Geschöpf, in dessen Gesicht ich eine rührende Freude aufglühen sah, als ich meinen Glauben an die Wiederkehr eines entschwundenen Glücks so nachdrücklich betheuerte.

Ich danke Ihnen, sagte sie herzlich. Sie haben mir sehr wohlgethan. Die Anderen weichen mir aus, sie meinen, es sei hinter meiner Stirn nicht ganz richtig. Aber das ist nur das Fieber der Sehnsucht, das mich zuweilen phantasieren macht. Ich muß meinen Kopf nur kühlen, dann bin ich ganz verständig. Leben Sie wohl!

Nein! fügte sie rasch hinzu, als ich Miene machte, sie zu begleiten. Sie sollen nicht mit mir gehen. Wenn man uns beisammen sähe, möchte man Unrechtes von mir denken. Bleiben Sie noch eine Zeitlang hier? Vielleicht kann ich wiederkommen, dann wieder um diese Zeit, wenn es mir erlaubt wird. Oh, die Welt ist schön für die Glücklichen! Aber ich werd’ es einmal wieder sein, darum ist mir nicht bange. Wer ausharret, wird gekrönt.

Sie nickte mir freundlich zu, setzte dann den Hut wieder auf und ging sacht von mir hinweg, wieder die geschlängelten Pfade durch die hohen Blumenbeete. Ich sah ihren weißen Nacken über den Rosenbüschen vorglänzen, wollte ihr trotz des Verbotes folgen, aber eine unerklärliche Gewalt bannte mich an die Stelle fest. Einen Augenblick zog meine Aufmerksamkeit ein Geräusch ab, das nahe bei der Laube durch die hohle Gasse zwischen meinem Garten und dem Wirthshause heraufklang. Als ich dann die Augen wieder nach der Stelle lenkte, wo sich das seltsame Fräulein zwischen den Rosen durchgewunden hatte, war nichts mehr von ihrer hellen Gestalt zu sehen. Nur die hohen Lilien schwankten, als hätte ein vorbeihuschender Vogel sie mit den Flügeln gestreift.

Ich kann nicht schildern, wie eigen mir zu Muthe war. Ich fühlte mich plötzlich so einsam, als hätte ich etwas sehr Theures verloren. Die leise Stimme klang mir noch immer im Ohr; wohin ich schaute, glaubte ich dem Blick der sanften schwarzen Augen zu begegnen, die sich schüchtern und zutraulich zugleich auf mich richteten. Ich setzte mich auf den Stuhl, auf dem sie ausgeruht hatte, und sah nach der Stelle hin, wo sie mir verschwunden war. Da vergingen mir nach und nach die Gedanken, und ich versank in einen traumhaften Zustand, der unbeschreiblich wonnevoll war. – –

Ein fester männlicher Schritt auf dem Kies des Gartenweges riß mich aus meiner Versonnenheit auf. Mein guter Freund, der Wirth, stand vor mir.

Guten Tag, Herr Doctor! rief er und streckte mir die Hand entgegen. Ich wollte nur einmal nachsehen, wie’s Ihnen geht, wie Sie mit Wohnung, Kost und Bedienung zufrieden sind, ob Ihnen der viele Blumenduft nicht Kopfweh gemacht und keine Spukgeister Ihnen den Schlaf gestört haben. Meine Frau hätte Sie auch schon besucht, aber sie konnte noch nicht von der Wirtschaft und dem Kinde weg. Sie wird nach Tische sich erlauben, Ihnen ihre Aufwartung zu machen.

Ich versicherte, daß es mir vortrefflich gegangen sei und ich mir nichts Besseres wünschen könnte, als in dieser blühenden Einsiedelei ein paar Wochen zu verträumen. Von dem eben Erlebten sagte ich kein Wort.

Sehen Sie nun, daß ich Recht hatte? rief der treuherzige Mensch mit vergnügtem Lachen. Es ist Alles Altweibergewäsche, was von dem Gespenst erzählt wird. Ja, wie sie noch lebte, die arme Tante Blandine, da mochte sie schreckhaften Seelen wohl wie eine abgeschiedene Seele vorkommen, die noch eine Weile herumgeistert, ehe sie die ewige Ruhe findet. Sie hatte schon in ihren glücklichen Tagen so was Apartes, anders als wie frische junge Mädchen sonst auszusehen pflegen, obwohl sie nie krank war und auch lustig sein konnte und gern singen und tanzen mochte. Die Großmutter, die uralt geworden ist, die Frau mit dem Wickelkinde, die sie drüben gemalt gesehen haben, und die ihre rechte Tante war, ich aber bin Tante Blandinens Großcousin – nun, die hat mir oft von ihr erzählt. Sie war immer ein eigenes Kind gewesen, und als sie heranwuchs, hat sie nichts lieber gethan als gelesen oder Blumen gemalt oder zum Klavier gesungen. Und alle Menschen haben sie gern gehabt. Nun, da konnt’s nicht fehlen, daß sie auch viele Bewerber hatte; aber erst als sie neunzehn Jahre alt geworden war, erhörte sie Einen von ihnen, einen jungen Offizier, und da er auch etwas Vermögen hatte und sie selbst aus einer wohlhabenden Familie war, stand nichts im Wege, daß sie sich heirathen konnten. Da kam der Krieg des Kaisers Napoleon gegen Rußland in die Quere. An einem Abend soll es gewesen sein, wo die junge Braut sich eben zu einem Ball geputzt hatte und ihren Verlobten erwartete, der sie zum Tanz führen sollte. Statt dessen kam er mit der Nachricht, morgen in aller Frühe müsse er fort mit seinem Regiment, das der französischen Armee sich anschließen sollte. Daß es nun mit Spiel und Tanz vorbei war, kann man sich denken. Das Liebespaar ist, statt auf den Ball, hier in den Garten hinübergegangen und hat da den letzten Abend vor der Trennung unter vier Augen zugebracht. Man hat sie bis an die Mitternacht, die Arme um einander geschlungen, zwischen den Beeten auf und ab spazieren sehen, und dort in der Laube hat der Bräutigam einen herzbrechenden Abschied genommen. Denn die Eltern, als sie endlich nach ihrer Tochter sahen, fanden das arme Ding wie in einer Ohnmacht auf der Bank zusammengesunken und hatten Mühe, sie wieder zu sich zu bringen.

Am andern Tage aber verlangte sie mit Gewalt, wieder in den Garten gelassen zu werden, und da sie so eine Art hatte, daß man ihr nichts abschlagen konnte, haben die Alten es auch nicht hindern können, daß sie sich in dem Gartenhäuschen zum Wohnen einrichtete, und man mochte bitten oder befehlen, sie war nicht zu bewegen, wieder unter Menschen zu gehen. Hier oben wolle sie bleiben und die Rückkehr ihres Bräutigams erwarten.

Hier hat sie auch dem Maler gesessen, zu dem Portrait, das Sie oben gesehen haben, in ihrem Ballstaat, den sie am Abend der Trennung getragen hatte. Eine Copie des Bildes in Miniatur hat er dann machen müssen; die schickte sie ihrem Liebsten nach, wie Der ihr schon vorher sein Bild verehrt hatte. Sie werden es in dem Häuschen an der Wand bemerkt haben. Und dann saß sie und las und malte und stickte und lebte nur von den wenigen Briefen, die er ihr vom Marsch aus zukommen lassen konnte. Man hatte ihr einen kleinen Ofen ins Zimmer setzen lassen, und das Essen trug man ihr hinauf; da war sie ganz still zufrieden und beklagte sich über nichts, lebte nur von einem Brief zum andern.

Der letzte kam aus Moskau, und dann keiner mehr. Aber so hart es für das einsame Bräutchen war, man merkte ihr ‘s doch nicht an, wie sie Tag und Nacht in Angst und Pein lebte. Vielmehr tröstete sie die Eltern, die Wege seien so weit, die Posten wahrscheinlich eingeschneit, sie wisse, daß er ihr treu geblieben sei und wiederkommen werde, sobald der Krieg zu Ende, was ja nicht lange anstehen könne, da die Hauptstadt des Feindes von den Siegern eingenommen sei.

Auch die Nachricht von dem schrecklichen Brande beunruhigte sie nicht. Sie hatte ja erfahren, daß die französische Armee mit allen Bundestruppen Moskau verlassen und den Rückmarsch angetreten habe. Und nun erwartete sie von Tag zu Tag die Heimkehr ihres Geliebten, und jeden Abend zog sie das weiße Kleid wieder an. In dem gleichen Anzug, wie er sie zuletzt gesehen, sollte er sie wiederfinden.

Und dann kamen in den Zeitungen die entsetzlichen Berichte von dem Rückzug durch das verheerte eisige Land und dem schauerlichen Uebergang über die Beresina. Davon ließ man sie nichts erfahren, und da sie so ganz abgeschieden von den Andern lebte, konnte sie auch eine lange Zeit hingehalten und im Dunkel gelassen werden. Aber eines Tages, als die Mutter zu ihr herüberkam, was sie täglich ein paar Mal that, fand sie das unselige Kind lang ausgestreckt auf dem Fußboden neben ihrem Arbeitstischchen, ein Stück Zeitung in der Hand, in das irgend etwas eingewickelt gewesen war. Und gerade die Beschreibung stand darin, wie das sächsische Regiment, bei dem der Bräutigam stand, zum größten Theil in den reißenden Strom versunken und von den Eisschollen fortgerissen worden war. Es war mit so starken Farben ausgemalt, die Noth und Verzweiflung des Untergangs nach den furchtbaren Strapazen und Hungerqualen des Marsches, daß auch einen Andern als eine zärtliche Braut ein Todesgrausen anwandeln mußte.

Sie ist hernach aus der schweren Krankheit, in die sie fiel, wieder zum Leben zurückgebracht worden, aber es war kein richtiges Leben mehr. Wie ein Schatten ist sie herumgegangen, hat kein Wort gesprochen, als Ja und Nein, und man hat sie nie mehr lachen hören. Daß ihr Liebster unter den Verunglückten war, hat man ihr natürlich verschwiegen; es scheint aber, sie hat es doch gewußt, oder nur gemuthmaßt, weil er nicht zu ihr zurückkehrte. Denn Nachts hörte die Mutter sie oft herzbrechend weinen und seinen Namen rufen. Uebrigens ließ man ihr, obwohl sie nicht ganz bei Verstande war, ihre Freiheit. Da konnte sie stundenlang hier im Garten auf und abgehen, die Blumen begießen, die welken Blüten abschneiden, oder in der Laube sitzen und auf den Fluß hinuntersehen.

So ist der Sommer vergangen. Sie schien sich etwas zu beruhigen, und die Eltern hofften schon, mit der Zeit würde sie wieder ganz gesund werden und den schweren Schlag verwinden. Aber sie hatten sich getäuscht. Im nächsten November, als ein starker Frost eingefallen war und die Elbe mit Eis trieb, kam eine sonderbare Unruhe über das arme Mädchen. Sie wohnte jetzt natürlich wieder im Hause drüben. In einer Nacht aber hörte die Mutter, die einen leisen Schlaf hatte, die Hausthür gehen und stand eilig auf, zog nur das Nothdürftigste an und rannte die Treppe hinunter. Da kam sie nun noch gerade recht, um zu sehen, wie eine weiße Gestalt das Gitterthürchen unten öffnete und die Stufen hinunterhuschte. Blandine! schrie sie, vor Schrecken fast ohnmächtig, raffte sich aber doch auf und stürzte durch den Garten nach. Es war aber zu spät. Der Fluß, über dem ein gräuliches Unwetter tobte, hatte das arme Leben schon verschlungen. Erst am anderen Mittag wurde die Leiche, unter einer Eisscholle treibend, an der Brücke in Dresden hervorgezogen, in dem weißen Kleide und sonstigen Ballstaat, wie sie ihren Geliebten hatte empfangen wollen. Sein Bild hatte sie um den Hals gehängt. Es war vom Wasser fast weggewaschen worden.

Sie können denken, Herr Doctor, wie ungeheures Aufsehen die jammervolle Geschichte machte. Und daß es seitdem nicht an abergläubischen Gemüthern gefehlt hat, die meinten, das gute Wesen hier oben herumgeistern zu sehen, ist auch kein Wunder. Verständige Menschen aber, wie wir Beide, zucken die Achseln über solche Einbildungen.

Ich hütete mich wohl, ihm zu widersprechen. Nicht um die Welt hätte ich das wundersame Erlebniß entweiht durch ein profanes Hin- und Herreden. Im Stillen war ich der Hoffnung, der Besuch würde sich wiederholen. Am Abend dieses Tages aber ging ein starkes Gewitter nieder, auf das am nächsten Morgen ein grauer, öder Landregen folgte. Und auch als die Luft sich wieder aufhellte, blieb die Witterung rauh und unbehaglich. Während der vierzehn Tage, die ich noch in meinem Gartenhäuschen zubrachte, hat der Mittagszauber sich nicht wieder blicken lassen.