‘s Lisabethle.

Nun bitt’ ich mir’s aber aus, rief das muntere Fräulein, nachdem der Professor seine Erzählung beendet hatte, daß an dieser schönen Geschichte nicht auch herumkritisirt wird, wie mein theurer Schwager gute Lust hatte mit Frau Abigail zu thun. Es macht mich ungefähr so wild, wie wenn wir aus dem Theater kommen, noch wie berauscht von allem Gehörten und Geschauten, und einer der klugen Herren gießt uns ein kritisches Sturzbad über den Kopf, daß wir eilig wieder nüchtern werden. So will ich mir auch mit dem nüchternen Gerede von »subjectiv« und »objectiv« die Freude an Fräulein Blandine nicht verderben lassen, daß du’s nur weißt, Schwager! Und der Professor soll schönen Dank haben, gleichviel ob es Wahrheit oder Dichtung war, ich meine ein Gebilde des dichtenden Traumes, wofür man es sonst halten könnte. Denn wie sollte der Spuk – aber ich merke, ich selbst fange an, an dem Schleier des Geheimnisses zu zupfen. So wird man vom Aufklärungsfieber unseres klugen Jahrhunderts angesteckt, man mag sich noch so sehr dagegen wehren. Sputen wir uns, eh’ die Geisterstunde vollends verstrichen ist. Nun ist Tante Julie an der Reihe.

Die liebenswürdige alte Dame, der die Tantenwürde in diesem Hause nicht nach dem Recht der Geburt, sondern nach dem der Eroberung zu Theil geworden war, hatte sich trotz ihrer sonstigen Lebhaftigkeit während aller Debatten und Historien dieses Abends ziemlich schweigsam verhalten. Nur wenn ein Wort zu Gunsten des Hereinragens einer übersinnlichen Welt gefallen war, hatte sie durch Kopfnicken oder eine beifällige Geberde ihre Zustimmung zu erkennen gegeben.

Jetzt sagte sie, da sie ausdrücklich aufgerufen wurde: Es ist mir ganz einerlei, ob man mich für schwachsinnig oder köhlergläubig halten wird, aber ich glaub’ nun einmal steif und fest, daß ein abgeschiedener Geist wieder erscheinen kann, wenn er was Wichtiges auf der Erde zu thun oder zu bestellen vergessen hat. Das läßt ja auch einen lebendigen Menschen nicht ruhen, und wie oft bin ich mitten aus dem Schlaf aufgefahren, nicht bloß als ein junges Ding, sondern noch jetzt mit weißen Haaren, wenn ich über Tag irgend eine Pflicht versäumt hatte, die nachgeholt werden mußte, sollt’ nicht Aerger oder Unheil daraus entstehen.

Ich hab’ aber auch was erlebt, was meinen Glauben bestätigt hat, und daß ich’s nicht bloß geträumt, sondern mit meinen beiden weit offenen Augen gesehen hab’, darauf lass ich mich kreuzigen.

Sie wissen, ich bin eine Pfarrerstochter, aus dem Badischen, die sechste von vierzehn Geschwistern, Büble und Mädle bunt durcheinander. Obwohl ich aber im eigenen Haus an lebendigem Spielzeug genug hätt’ haben können, hatte ich mir doch ein fremd Kind zu meiner liebsten Puppe erwählt, das Töchterle von unserm Küster, ein klein winzig Ding zwischen fünf und sechs Jahren – ich aber war schon dreizehn –, das weder sehr hübsch noch sehr gescheidt war, mir aber hatt’s das Geschöpfle nun einmal angethan. Tagelang, wenn ich nichts Anderes zu thun gehabt hätte, hätt’ ich mich mit ihm abgeben mögen, es spazieren führen, mit ihm spielen, Puppenkleider für es schneidern und ihm alle guten Bissen zustecken, die ich mir vom eignen Mund absparen konnt’. Viele waren’s nicht, denn in einem so kinderreichen Pfarrhaus ist Schmalhans Küchenmeister. Aber es kommen doch Geburts- und hohe Feiertage, und was mir irgend Guts beschert wurde, ‘s Lisabethle – so hieß mein Herzblatt – mußt’ die größere Hälfte davon haben.

Es war freilich auch ein sonderbar Kind, anders als meine wilden Rangen von großen und kleinen Brüdern und die gutartigen, aber ruscheligen Schwestern, deren Arten und Unarten ich auswendig wußte.

Drei Jahr’ war’s erst alt, als mein Vater nach dem Pfarrdorf versetzt wurde, wo dem Lisabethle sein Vater Küster war. Aber gleich fiel mir’s auf, weil’s so große braune Augen hatt’ und gar nicht lachte, auch nicht weinte, sondern nur so still und nachdenklich um sich her schaute wie ein Großes. Dabei war’s frisch und flink wie ein Wiesel, wenn’s in seinem dürftigen kurzen Röckle mit bloßen Füßen durch die Wiesen lief, Schmetterlinge zu haschen; wenn’s aber einen gefangen hatte, hielt es ihn behutsam in dem kleinen Händle und ließ ihn nach einer Weile wieder fliegen. Es konnt’ auch stundenlang auf der Schwelle der Hausthür sitzen und den Hühnern zuschauen, die um es her wuselten und die Brodkrumen aufpickten, die es ihnen hinwarf, oder den Schwalben, die um das Kirchendach schossen, daß ihre Flügel in der Sonne blitzten. Geschwister hatt’s nicht, mit denen es hätt’ spielen können, und anderem als lebendigem Spielzeug fragt’ es nicht nach. Ich hatt’ gleich einen Narren an dem lieben Närrle gefressen, wie ich nur ein paar Tag’ mit ihm bekannt geworden war, und es jammerte mich, die ich mit elf und zwölf Jahren noch nicht ohne Puppen leben konnte, daß es selbst keine hatte. Ich schenkte ihm also eine von den meinen, der ich ein neues Kleid gemacht und Gesicht und Hände sauber gewaschen hatte. Ich seh’s noch, wie es die hübsche Docke verwundert betrachtete, mir zunickte und ein bisle roth wurde. Mein Präsent aber legte es neben sich und gab sich gar nicht damit ab. Das kränkte mich, da ich mir auf meine Großmuth und Gönnerschaft nicht wenig zu Gute that, aber ich dachte, es sei nur Verlegenheit. Vielleicht hab’ ihr auch das Kleid nicht gefallen, das nicht gerade ein großer Staat war. Aber auch mit einem andern, an das ich eine alte Goldlitze genäht hatte, ging mir’s nicht besser. Ich mußt’ mich schon drein finden, daß ‘s Lisabethle keine Puppenfreundin war, und das verleidete mir auch meine eignen. Nun wurde das Kind meine Puppe, und ich war nicht glücklich, wenn ich’s nicht auf den Arm nehmen, oder am Handle fassen und mit ihm herumspringen konnte.

Es ließ sich das auch gutwillig gefallen, zumal sonst kein Mensch sich viel um es kümmerte. Seine Mutter hatte alle Hände voll zu thun, den ärmlichen Haushalt ohne Magd zu versehen, und der Vater, das Krautgärtle zu bestellen und die magere Kuh zu füttern und zu melken. Die war dem Kinde auch eine gute Freundin, aber viel wußte es nicht mit dem großen stummen Thier anzufangen und hielt sich lieber zu den kleineren im Hof und Garten und auf der Dorfgasse.

Es war merkwürdig mitanzusehen, wie vertraut es mit Allem war, ordentlich als verständ’ es ihre Sprache. Ich betraf es auch zuweilen dabei, wie es die verschiedenen Thierlaute nachahmte, ganz leise, das Gurren der Tauben, Gackeln der Hühner, Summen der Bienen und die mancherlei Vogelstimmen. Wenn es aber gewahr wurde, daß ich es belauschte, verstummt’ es.

Die Menschensprache lernte es später als andere Kinder und machte auch nur wenig Gebrauch davon, während meine kleinsten Schwestern den lieben langen Tag pappelten, was sie nur wußten und konnten. Keins von meinen Leuten begriff, warum ich mich mit Vorliebe zu dem Küsterskinde schlich, sobald ich ein wenig freie Zeit hatte. Aber ein kleines Anlachen des Lisabethle, wenn es mich kommen sah, oder gar einmal eine scheue Liebkosung war mir köstlicher als Zuckerwerk oder eine gute Censur in der Schule.

Als die Intimität ein paar Jahre gedauert hatte und mein Liebling fünf Jahre alt geworden war, kaufte der Vater Küster ein Kaninchenpaar, für das er am Ende des Krautgartens einen kleinen Stall zimmerte. Zu seinem Kohl- und Rübengericht wollt’ er auch gern einen wohlfeilen Braten haben, jeden zweiten Sonntag einmal, denn sonst kam wenig Fleisch auf ihren Tisch.

Das war nun eine große Bescherung für das Lisabethle. Denn all die anderen Thiere erwiderten seine Zärtlichkeit ohne sonderliche Herzenswärme und suchten sich den kleinen Händen alsbald wieder zu entziehen, wenn kein Futter dabei zu erschnappen war. Katzen und Hunde, die gefräßige Kostgänger sind, dafür aber caressant und für Menschenumgang empfänglich, wurden in dem kleinen Haushalt nicht geduldet. Aber die kleinen glatten, seidenweichen Fresser, weil sie selbst einen Braten gaben und noch dazu an Kindersegen Ueberfluß hatten, erfreuten sich von Seiten der Küsterseheleute einer sorgsamen Pflege, und mit ihrer Fütterung wurde sogleich das Lisabethle betraut, das ja noch nicht in die Schule ging und sich nichts Besseres wünschen konnte. Davon zu essen aber, wenn als einmal ein Kaninchenbraten auf den Tisch kam, war’s auf keine Weise zu bewegen.

Denn bald war’s auch mit diesen neuen Hausgenossen auf so vertrauten Fuß gekommen wie mit allem Andern, was da kreucht und fleugt. Nichts Artigeres konnte man sehen, als wenn die kleine Person das Gitter des Ställchens öffnete und die ganze flinke Schaar – denn es hatte sich bald ein halb Dutzend Junge dazu gefunden – sich drängend und überkugelnd ihr entgegenstürzte, an ihrem Röckle zerrend, über ihre kleinen nackten Füße stolpernd, mit jenen piependen, quiekenden Tönen, die diesen Geschöpfen, wenn es sie hungert, eigen sind. Ihre kleine Pflegemutter hielt dann eine Gerte in der Hand, mit der sie die Zudringlichen abwehrte, indem sie ihnen einen sanften Klaps auf die glatten Köpfe gab. Sie ging dann voran zu einem niederen Pferch zwischen Haus und Garten, wo allerlei Küchenabfall auf einen Haufen geworfen lag, Kohlstrünke, Salatblätter und was sie sonst aus den Bauernhäusern für ihre Häsle zusammengetragen hatte. Denn die Bäuerinnen gaben ihr willig, was sie an Ueberfluß solcher Futtersachen hatten, da sie Alle das artige Kind in seinem stillen Wesen gern hatten und seine dürftigen Eltern bemitleideten.

Nun setzte sich das ernsthafte Persönchen auf einen Hauklotz, immer die Gerte in der Hand, und sah stundenlang zu, wie seine Pfleglinge sich nährten, und dann und wann, wenn eins verkürzt und von seinen keckeren Geschwistern weggedrängt wurde, stellte es durch einen leichten Schlag die Gerechtigkeit wieder her. Von diesem Geschäft war es durch nichts wegzulocken und vergaß als sein eigen Essen und Trinken darüber.

Hatten sich die knuspernden Mäuler endlich für einmal gesättigt, so griff ihre kleine Nährmutter eines aus der Schaar bei den weichen Ohren heraus, den Papa oder das Nesthäkchen, setzt’ es auf seinen Schooß und fuhr ihm mit streichelnder Hand über den Rücken, oder kraute es am Hinterhaupt, und so nach der Reihe auch die andern, daß keins zu kurz kommen sollte. Worauf es dann seine Heerde mit Lockruf und Gertenschlag zusammenholte und langsam in das vergitterte Ställchen zurücktrieb. Da hinein schob es noch etliche saftige Kohlblätter pour la bonne bouche, und dann stand es und konnte sich noch eine gute Weile von dem Anblick der vergnüglich naschenden jungen Gesellschaft nicht trennen.

Ja, es war ein goldig Kind, ‘s Lisabethle!

Herzle, sagt’ ich einmal zu ihm, was willst du denn anfangen, wenn du in die Schule mußt? Da wird man dir den Hannesle – so hieß ihr besonderer Liebling, ein schwarzes Kaninchen mit weißen Ohren – im Schultäschle mitgeben müssen, daß du ihn in den Zwischenstunden von deinem Wecken füttern kannst.

Da sah mich das Kind mit großen, ernsthaften Augen an und sagte: Lieber will ich nichts lernen, als von ihnen weggehen!

Armes Närrle! Als hätt’s ihm geahnt, daß es auf keiner irdischen Schulbank was lernen sollte.

Aber ich bitte um Entschuldigung, daß ich so weitläufig von meinen Kindererinnerungen erzähle. Es soll nun um so rascher zum Ende kommen.

Eines Montags in der Früh bin ich mit dem Vater zu einem seiner Amtsbrüder gefahren, der ein Studienfreund von ihm war und eine Tochter hatte, ungefähr in meinem Alter. Mit der war ich früher gut Freund gewesen, hatt’ sie aber ein paar Jahre lang nicht wiedergesehen. Da durft’ ich nun wieder einmal einen ganzen Tag mit ihr zusammen sein, aber es machte mir nicht mehr so viel Vergnügen wie sonst. Meine Freundin hatte inzwischen allerlei gelesen und trug in Folge dessen das Backfischnäsle hoch, da sie sich einbildete, wunder wie gebildet zu sein, und ich selbst, mit meinem bisle Robinson und Lienhart und Gertrud, kam mir wie ein dummer Dorfteufel neben ihr vor. Auch lag mir immer das Lisabethle im Sinn, das ich zum ersten Mal einen ganzen Tag lang nicht sehen sollte; es war wie eine Ahnung und beklemmte mir das Herz, So war ich froh, als die Zeit zum Heimkutschieren kam und ich meiner gebildeten Freundin Adieu sagen durfte.

Schon dunkle Nacht war’s, als wir unser Dorf wieder erreichten, und gleich fiel mir’s auf, daß im Küstershause, wo sie sonst mit den Hühnern zu Bett gingen, um das Oel zu sparen, noch Licht brannte. Bei uns war’s auch noch lebendiger, als sonst; die Mutter kam uns mit einem ganz verstörten Gesicht entgegen, tuschelte mit dem Vater, wobei sie einen mitleidigen Blick auf mich warf, und schickte mich gleich zu Bett.

Es half ihr aber nichts, daß sie mich schonen wollte, um mir die Nachtruhe nicht zu rauben; ich fragt’ es von unsrer alten Kathrin’ heraus, und da war’s um den Schlaf geschehn.

Denken Sie: am Vormittag, da so schön Wetter war, hatte das Lisabethle ihre kleine Heerde auf einen Anger nah bei ihrem Hause laufen lassen, wo allerlei saftige Unkräuter wuchsen. Da saß sie mit ihrer Gerte und sah zu, wie’s ihnen schmeckte. Auf einmal kommt ein fremder Metzgergesell mit einem großen Hund des Weges daher, bleibt einen Augenblick stehn, sich das Gewusel zu betrachten, und da will’s das Unglück, daß eins der dummen, tappigen jungen Thierle dem Hund zwischen die Beine springt. Der grobe Tölpel aber versteht keinen Spaß, schnappt wüthend zu und kriegt das Armsünderle beim Genick.

Mein Lisabethle das sehen und hinzuspringen, schreiend und die Gerte schwingend, war Eins. Der Hund aber läßt das Kaninchen fahren, und wie er die Gerte fühlt, bellt er los und packt das Kind, beißt’s in den Arm und hätt’s gar todtgebissen, wenn sein Herr nicht noch zur rechten Zeit ihn am Halsband gepackt und zurückgerissen hätte.

Das Blut sei dem Kind gleich über den Aermel seines Kleidchens gelaufen, es hab’s aber nicht geachtet, sondern sich nach dem Thiere gebückt – grad der Hannesle mußt’ es sein – und es aufgehoben und gestreichelt und in sein Schürzle gethan und damit nach dem Haus zurückgelaufen, die kleine Heerde hinterdrein. Drinnen hab’ sich’s auch nicht um seine Wunde bekümmert, sondern gleich an den Brunnen mit dem Thierle, das aber keinen Tropfen Bluts verloren habe, nur betäubt sei’s gewesen von dem Schrecken. Erst als die Mutter dazu kam und laut zu jammern anfing, wie sie ihr Kind so zugerichtet sah, da habe auch das Lisabethle gesagt, der Arm thu’ ihm weh, und sei gleich darauf ohnmächtig umgefallen.

Dann hat man es zu Bett gebracht und den Bader gerufen; der hat die Wunde untersucht und ein bedenklich Gesicht gemacht, da man nicht wissen könne, ob der Hund nicht gar toll gewesen sei. Nein, das war er nicht, der Metzgergesell stand dafür ein. Aber der Biß war tief gegangen, und eine Ader war verletzt, und obwohl der Verband die Blutung stillte, war’s doch ein schwerer Fall, hatte der Bader gesagt, und sie sollten fleißig kalte Umschläge machen, bis aus der nächsten kleinen Stadt Eis herbeigeschafft werden konnte.

Ich wollt’ gleich hinüber, selbst nachschauen und bei der Kleinen wachen, aber die Mutter erlaubt’ es nicht. Erst am frühen Morgen durft’ ich zu ihr, fand sie im Fieber in ihrem Bettchen aufsitzend, und den Hannesle hatte sie auf der wollenen Decke vor sich und streichelte ihn zuweilen mit dem heißen Händle, kannte aber Niemand außer ihm und mir. Es war ein herzbrechender Anblick, ich mußt’ mich zusammennehmen, daß ich nicht laut in Weinen ausbrach, aber weder mit Bitten noch mit Befehlen war ich aus der Kammer wegzubringen, den ganzen Tag und die nächste Nacht. Nur gegen Morgen fielen mir die Augen eine Stunde lang zu. Als ich sie wieder aufschlug, hatte mein armer Liebling die seinen für immer geschlossen.

Der Doctor, den mein Vater auf mein Bitten aus der nächsten Stadt hatte holen lassen, erklärte, der Verband sei nicht sorgsam und sauber genug angelegt gewesen, ein Fetzen von dem Rockärmel in der Wunde geblieben, das habe eine Blutvergiftung herbeigeführt.

Das war der erste Schmerz meines jungen Lebens, und er machte mich starr und steinern, daß ich wie abwesenden Geistes war und an nichts Theil nahm. Ich weiß noch, wie ich am dritten Tage der kleinen Leiche nach dem Friedhof folgte; zwei meiner Schwestern führten mich; von der Grabrede des Vaters verstand ich kein Wort, und erst als das Särgle mit den Kränzen bedeckt und die Erdschollen draufgeworfen wurden, brach ich in Thränen aus und ließ mich willenlos von der Mutter wieder nach Haus und zu Bett bringen. Da überfiel mich nach dem langen Wachen und Trauern ein bleierner Schlaf. Ich hörte nichts davon, wie meine drei jüngeren Schwestern, die mit mir in dem Mansardenzimmer schliefen, sich auskleideten und zu Bette gingen.

Nun war’s mitten im Sommer, und die heiße Luft in der Stub’, wo die vier Betten standen, wurde immer schwüler und dumpfer, daß sich mir endlich ein Alp centnerschwer auf die Brust legte und ich mit Stöhnen in die Höhe fuhr, ihn abzuschütteln. Da schien der Vollmond so taghell herein, daß ich die Gesichter meiner Schwestern deutlich erkennen konnte und sehn, wie auch sie schwer athmeten. Also stand ich auf und ging das Fenster zu öffnen. Wie ich mich aber umwende, thut sich die Thür, die dem Fenster gegenüber war, sacht auf, und herein tritt das Kind, das wir am Nachmittag begraben hatten, bleibt aber an der Schwelle stehn und sieht mich mit weit offenen Augen an. Es war in dem weißen Kleid, wie es im Sarg gelegen, das Kränzle ein wenig schief auf dem braunen Haar, ganz blaß, aber nicht todtenfarb, auch sonst nichts Unheimlichs an ihm. Und nur einen Augenblick erschrak ich, dann aber konnt’ ich’s furchtlos anschauen und nickte ihm zu und sagte: Bist du’s wirklich, Lisabethle? Und wie kommst du her, und was willst du von mir?

Das arme Kind aber gab keine Antwort, sondern hob nur den einen Arm gegen mich und winkte mir.

Was meinst du? fragt’ ich wieder. Willst du dich nicht wieder schlafen legen? Und soll ich dich etwa begleiten?

Es redete auch jetzt nichts, sondern machte nur eine schmerzlich bittende Miene und winkte wieder.

Nun denn, sagt’ ich – denn ich hatt’ ihm schon im Leben nichts abschlagen können – wart’, ich komm’ gleich. Und so schlupft’ ich nur in mein Unterröckle und zog die Strümpf’ an – die Schwestern schliefen ruhig fort –, und wie das Kind jetzt auf seinen kleinen bloßen Füßen sich umdrehte und mir voranging, seine Tritte waren unvernehmbar, schlich ich ihm nach und die Stiege hinunter, ohne daß eine Stufe knarrte. So glitten wir Zwei zur hinteren Thür hinaus, die nie verschlossen war, und durch den Pfarrgarten, wo im Mondschein jedes Laub wie Silber glänzte, und in das Sträßle hinein, das unsern Garten vom Friedhof trennte.

Ich dacht’ nicht anders, als nun würde mich das Kind nach seinem frischen Grabhügel führen, und so lieb ich’s hatte und ihm noch an viel gräßlichere Stätten gefolgt wär’, überlief mich’s doch eisig kalt, und ich wollt’ schon wieder fragen, was es denn vorhabe. Da aber bog’s um die Mauer des Friedhofs außen herum und huschte, so schwebend wie eine kleine weiße Wolke, vor mir her nach dem Hause seiner Eltern, das auf der anderen Seite vom Friedhof lag. Was will es nur da? wundert’ ich mich im Stillen. Ob es seine arme Mutter noch einmal sehen will? Nein, es ging nicht ins Haus. Am Zaun entlang, der den Küstersgarten einfaßte, wanderte es rascher und rascher und jetzt durch die Gitterthür und geradewegs nach dem kleinen Stall im Winkel, wo seine Lieblinge eingesperrt waren. Da stand es still und sah sich zum ersten Mal nach mir um und hob die beiden Händle, wie wenn es bitten wollte, und als ich ihm zunickte, nickte es wieder und trat zwischen die Kohlbeete zurück, wie um mich vorbeizulassen. Ich verstand nicht gleich, was es wollte, ging aber aufs Gerathewohl nach dem Ställchen und schob den Riegel der Gitterthür zurück. Da sah ich’s freilich, um was das todte Kind mich hatte bitten wollen. Die größten unter dem kleinen Volk lagen halb verschmachtet herum und regten nur matt die Ohren, wie sie mich erblickten. Von den kleineren lebte nur noch eins, der Hannesle, der war aber so schwach, daß er nur mit den rothen Augen mir zublinzeln konnte. Kein noch so kleiner Rest von einem Futter in allen Winkeln, der Wassertrog leer – wer hatte auch in dem Jammer um den Tod des Kindes an seine Pfleglinge denken können! Da hatte es selbst keine Ruhe im Grabe gehabt, war aufgestanden, eh’ Alle verhungert waren, und hatte seine beste Freundin zu Hülfe gerufen.

Wie ich mich aber nach ihm umsah und ihm sagen wollte, es könne ruhig wieder schlafen gehen, ich würde jetzt schon sorgen, war der liebe Spuk verschwunden. Der Mond schien breit in die Beete herein, an jedem Kohlhäuptlein konnt’ ich die Blätter zählen, vom Lisabethle aber war nichts mehr zu erblicken.