(Übertragen von Karl Nötzel)

Nikolai Ljesskow

Was man vom Tulaer schieläugigen Linkser erzählt und von einem stählernen

Floh

I

Als Kaiser Alexander Pawlowitsch die Wiener Plauderei beendet hatte, wollte er in Europa herumfahren und sich in den einzelnen Ländern die Wunderdinge anschauen. Er bereiste alle Staaten, und überall hatte er seiner Freundlichkeit wegen die vertraulichsten Gespräche mit allen Leuten, und alle wollten ihn durch irgend etwas in Staunen setzen und für sich gewinnen. Mit ihm war aber der Donsche Kosak Platow, der solche Neigungen nicht liebte, sich ständig nach seiner Häuslichkeit sehnte und deshalb den Kaiser immer antrieb, zurückzukehren. Und kaum merkte Platow, daß der Kaiser sich für irgend etwas Ausländisches interessierte, das ganze Gefolge aber schwieg, so sagte er auch schon alsogleich: »So und so, auch bei uns zu Hause ist das Unsrige nicht schlechter« — und lenkte irgendwie den Kaiser ab.

Die Engländer wußten das und dachten sich zur Ankunft des Kaisers allerlei Listen aus, um ihn für das Ausländische zu gewinnen und den Russen zu entfremden. In vielen Fällen erreichten sie das auch, besonders auf großen Versammlungen, wo Platow nicht perfekt französisch sprechen konnte. Er interessierte sich indes auch wenig dafür: er war ein verheirateter Mann, und alle französischen Gespräche hielt er für Nichtigkeiten, die der Aufmerksamkeit nicht wert seien. Als aber die Engländer den Kaiser in ihre mannigfaltigen Zeughäuser, Waffen-, Seifen- und Sägewerke einluden, um ihm zu zeigen, wie überlegen sie uns in allen diesen Dingen seien und um sich dessen zu rühmen — da sagte Platow zu sich selber:

— »Nein, damit aber Schluß. Bis jetzt habe ich noch ruhig zugesehen, weiter geht das aber nicht mehr. Ob ich zu sprechen verstehe oder nicht, die Meinigen werde ich nicht preisgeben!«

Und kaum hatte er zu sich selber ein solches Wort gesagt, da sprach auch der Kaiser zu ihm:

»So und so, morgen werde ich mit dir fahren, ihre Waffenkunstkammer zu besichtigen. Dort,« spricht er, »sind solche Vollkommenheiten der Natur, daß, wenn du nur hinschaust, du weiter nicht mehr bestreiten wirst, daß wir Russen mit unserm Wissen gar nichts taugen.«

Platow antwortete dem Kaiser gar nichts. Er senkte nur seine gekrümmte Nase auf seinen zottigen Überwurf; als er aber in seine Wohnung kam, befahl er seinem Burschen, ihm aus dem Keller eine Flasche kaukasischen Branntwein zu bringen, goß ein schönes Glas davon hinter die Binde, betete vor seinem Reiseheiligenbilde zu Gott, hüllte sich in seinen Überwurf und fing derart zu schnarchen an, daß in dem ganzen Hause kein Engländer schlafen konnte.

Er dachte: »Morgenstund’ hat Gold im Mund’«.

 

II

Am andern Tage fuhr der Kaiser mit Platow in die Kunstkammern. Sonst hatte der Kaiser niemanden von den Russen mitgenommen, weil man ihm nur einen zweisitzigen Wagen geschickt hatte.

Sie langten bei einem nicht allzu großen Gebäude an — die Auffahrt ist unbeschreiblich, Korridore ins Unendliche, die Zimmer gehen eines in das andere, und endlich in dem hauptsächlichsten Saale stehen verschiedene gewaltige Büsten, und in der Mitte unter einem Baldachin steht »Abolon von Polwedere«.

Der Kaiser blickt auf Platow, ob er wohl sehr erstaunt sei, und worauf er schaue. Der aber geht, die Augen zu Boden gesenkt, so dahin, als sehe er gar nichts — und dreht nur Ringe aus seinem Schnurrbart.

Die Engländer begannen alsogleich, verschiedene Wunder zu zeigen und zu erklären, was bei ihnen für kriegerische Zwecke eingerichtet ist. »Sturmmesser« für die Marine, »Pontonen« für das Fußvolk und geteerte Segeltücher für die Reiterei. Der Kaiser hat an dem allen seine Freude, alles kommt ihm sehr schön vor, Platow aber bleibt dabei, daß für ihn das alles gar nichts bedeute.

Der Kaiser spricht: »Wie ist denn das möglich? — Weshalb ist in dir eine solche Gefühllosigkeit? Gibt es denn wirklich hier gar nichts für dich zu bewundern?«

Platow antwortet: »Mir ist hier nur das Eine erstaunlich, daß meine forschen Kerle vom Don ohne dies alles Krieg führten und zwölf Heidenvölker davonjagten!«

Der Kaiser spricht: »Das ist Unsinn!«

Platow antwortet: »Ich weiß nicht, worauf ich das beziehen soll, zu streiten wage ich aber nicht und muß schweigen.«

Als aber die Engländer eine solche Auseinandersetzung zwischen ihnen wahrnahmen, führten sie ihn sogleich gerade zu dem »Abolon von Polwedere« und nahmen dem aus der einen Hand ein Mortimergewehr, aus der andern eine Pistole.

»Sehen Sie« — sprachen sie — »wie bei uns gearbeitet wird« und zeigten ihm das Gewehr.

Der Kaiser schaute ruhig auf das Mortimergewehr, weil er solche in Zarskoje Ssjelo selber besitzt, jene aber geben ihm darauf die Pistole und sagen:

»Diese Pistole ist von unbekannter, unnachahmlicher Meisterschaft. Unser Admiral zog sie einem Räuberhauptmann in ‚Kandelabrien‘ aus dem Gürtel.«

Der Kaiser schaut auf die Pistole und kann sich nicht satt sehen. Er seufzt furchtbar.

»Ach, ach, ach …« — spricht er — »wie kann man nur so, wie kann man das denn überhaupt so fein machen!« — Und er wendet sich zu Platow und spricht zu ihm auf russisch: »Siehst du, wenn bei mir in Rußland auch nur ein solcher Meister wäre, würde ich darüber äußerst glücklich und stolz sein und diesen Meister sogleich in den Adelstand erheben!«

Platow aber versenkte auf diese Worte hin sofort seine rechte Hand in seine weiten Pluderhosen und zog von dort einen Gewehrschraubenzieher heraus. Die Engländer sagen: »Das läßt sich nicht öffnen!« Er aber gibt gar nicht darauf acht und beginnt das Schloß aufzudrehen. Er dreht einmal um, zweimal — das Schloß ist herausgefallen. Platow zeigt dem Kaiser den Drücker und grade auf der Rundung die russische Aufschrift: »Iwan Moskwin aus der Stadt Tula«.

Die Engländer erstaunen, und einer stößt den andern an:

»O je, da sind wir hereingefallen!«

Der Kaiser aber spricht kummervoll:

»Weshalb hast du sie so in Verlegenheit gebracht, mir tun sie jetzt sehr leid. Laßt uns abfahren.«

Sie setzten sich wiederum in denselben zweisitzigen Wagen und fuhren ab; und der Kaiser war an diesem Tage auf einem Ball. Platow aber goß ein noch größeres Glas Branntwein hinter die Binde und entschlummerte eines festen Kosakenschlafes.

Es war ihm froh zumute, daß er die Engländer in Verlegenheit gebracht und ihnen den Tulaer Meister zum Vorbild gegeben hatte. Dabei war es ihm aber auch verdrießlich: Weshalb hatte der Kaiser bei einer solchen Gelegenheit die Engländer bemitleidet!

»Worüber hat sich denn da der Kaiser gegrämt« — dachte Platow — »ich verstehe das ganz und gar nicht« — und in solchen Gedanken stand er zweimal auf, bekreuzte sich und trank Schnaps, bis er sich gewaltsam einen starken Schlaf zugezogen hatte.

Die Engländer aber konnten zu dieser selben Zeit gleichfalls nicht schlafen, weil es auch ihnen »wirbelte«. Während der Kaiser sich auf dem Ball vergnügte, bereiteten sie ihm ein derartiges neues Wunderwerk vor, daß diesmal auch Platow alle Phantasie ausging.

 

III

Am andern Tage, als Platow beim Kaiser erschien, um ihm einen guten Morgen zu wünschen, spricht er zu ihm:

»Laß sogleich den zweisitzigen Wagen anspannen, um die neuen Kunstkammern anzusehen!«

Platow erkühnte sich sogar, zu bemerken, ob es nicht etwa genug sei, die fremdländischen Erzeugnisse anzuschauen und ob es nicht besser wäre, sich auf den Weg nach Rußland zu machen.

Der Kaiser aber spricht:

»Nein, ich wünsche noch andere Neuigkeiten zu sehen: man hat sich vor mir gebrüstet, daß man bei ihnen die erste Sorte Zucker bereite.«

Sie fuhren ab.

Die Engländer zeigten dem Kaiser, was sie für verschiedene erste Sorten haben, Platow aber schaut und schaut und spricht plötzlich:

»Aber zeigt uns doch aus Euern Fabriken den Zucker ‚Chalva‘!«

Die Engländer wissen nicht, was das bedeutet »Chalva«. Sie flüstern untereinander, zwinkern einander zu und wiederholen »Chalva?« »Chalva?«, können aber nicht verstehen, daß bei uns ein solcher Zucker hergestellt wird, und müssen zugeben, daß es bei ihnen alle Arten Zucker gibt, »Chalva« aber nicht.

Platow spricht:

»Nun, so ist auch kein Grund, zu prahlen. Kommt zu uns, wir werden Euch Tee zu trinken geben mit echtem ‚Chalva‘ aus der Bobrinskijschen Fabrik.«

Aber der Kaiser zupfte ihn am Ärmel und sprach leise zu ihm: »Bitte, verdirb mir nicht die Politik!«

Da riefen die Engländer den Kaiser in die allerletzte Kunstkammer, wo in der ganzen Welt gesammelte Mineralien und »Nymphusorien« lagen, von der allergrößten ägyptischen Pyramide bis zu einem »unterhäutigen« Floh, den man mit bloßem Auge selber gar nicht wahrnehmen, wohl aber seine Bisse zwischen Haut und Körper verspüren konnte.

Der Kaiser fuhr dorthin.

Man beschaute die Pyramiden und allerhand ausgestopfte Tiere und ging weg. Platow aber denkt bei sich:

»Nun, Gott sei Dank, alles steht gut — der Kaiser staunt über gar nichts.«

Kaum aber waren sie in die allerletzte Kammer getreten, so stehen dort ihre Arbeiter in Arbeitskleidung und Schürzen und halten eine »Tablette«, auf der gar nichts liegt.

Der Kaiser erstaunte sich plötzlich — daß man ihm eine leere »Tablette« hinhält.

»Was bedeutet das?« fragte er; die englischen Meister aber antworten: »Das ist unser untertäniges Geschenk an Eure Majestät!«

»Was ist es denn?«

»Aber« — sprechen sie — »geruhen Sie dort ein Körnchen zu sehen?«

Der Kaiser schaute hin und sieht, auf der silbernen »Tablette« liegt wirklich das allerwinzigste Körnchen.

Die Arbeiter sprechen:

»Geruhen Sie Ihre Fingerchen anzuspeicheln und es aufs Händchen zu nehmen.«

»Was soll mir aber denn das Körnchen?«

»Dies« — antworten sie — »ist kein Körnchen, vielmehr ein ‚Nymphusorium‘.«

»Ist es lebendig?«

»Keineswegs« — antworten sie — »es ist nicht lebendig, vielmehr ganz aus englischem Stahl in Gestalt eines Flohs von uns ausgeschmiedet, und in seiner Mitte ist ein Uhrwerk und eine Feder. Geruhen Sie es mit dem Schlüssel aufzuziehen: es wird sogleich zu tanzen beginnen!« Der Kaiser ward neugierig und fragt: »Wo ist denn aber das Schlüsselchen?«

Die Engländer sagen:

»Hier ist auch der Schlüssel, vor Ihren Augen.«

»Weshalb aber« — spricht der Kaiser — »sehe ich ihn nicht?«

»Deshalb« — antworten sie — »weil man dazu ein ‚Winzigglas‘ braucht.«

Man reichte ein »Winzigglas«, und der Kaiser sah, daß tatsächlich neben dem Floh ein Schlüsselchen auf der »Tablette« lag.

»Geruhen Sie« — sprachen sie — »es ins Händchen zu nehmen. Bei ihm im Bäuchelchen ist ein Aufziehlöchelchen, der Schlüssel macht sieben Umdrehungen, und dann wird es zu tanzen anfangen …«

Mit Mühe erfaßte der Kaiser dieses Schlüsselchen und kaum vermochte er es mit den Fingerspitzen zu halten. Mit der anderen Hand aber nahm er das Flöhchen, und kaum hatte er das Schlüsselchen hineingesteckt, als er fühlte, wie der Floh sein Schnurrbärtchen zu bewegen begann, dann mit den Füßchen zu trippeln und endlich zu springen und in einem Flug gleich ein »Dansé« und zwei »Variationen« nach der einen Seite zu machen, dann nach der anderen, und so tanzte er in drei »Variationen« die ganze Quadrille.

Der Kaiser befahl sogleich, den Engländern eine Million zu geben, in was für Geld sie selber wollten — sei es in silbernen Fünfkopekenstücken, sei es in kleinen Assignaten.

Die Engländer baten, man möchte es ihnen in Silber auszahlen, weil sie sich in den Papierchen nicht auskennten; dabei aber offenbarten sie aufs neue ihre Schlauheit: den Floh gaben sie zum Geschenk, ein Futteral für ihn hatten sie indes nicht mitgebracht. Ohne Futteral konnte man aber weder ihn noch das Schlüsselchen halten, weil sie sich sonst verlieren, und man sie dann mit dem Kehricht hinauswirft. Das Futteral zu ihm bestand aber in einer Diamantnuß, aus einem Stück gemacht — dem Floh war ein Plätzchen in der Mitte ausgeschliffen. Dies Futteral gaben sie nicht, weil es, so sagen sie, dem Staate gehöre, und in dieser Beziehung sei es bei ihnen streng: nicht einmal für den Kaiser dürfe man es opfern.

Platow wollte sich schon sehr erzürnen. »Wozu«, so spricht er, »ein solcher Betrug! Das Geschenk haben sie dargebracht und eine Million dafür erhalten, und immer noch nicht genug! Ein Futteral«, spricht er, »gehört immer zu jeder Sache.«

Der Kaiser aber spricht:

»Hör’ bitte auf, das ist nicht deine Sache — verdirb’ mir nicht die Politik. Sie haben ihre Gebräuche« — und er fragt: »Wieviel kostet diese Nuß, in die der Floh hineingeht?«

Die Engländer setzen dafür noch Fünftausend fest.

Kaiser Alexander Pawlowitsch sagt:

»Man soll es ihnen auszahlen«, selber aber steckt er den Floh in dies Nüßchen, und mit ihm zugleich auch das Schlüsselchen. Um aber nicht die Nuß zu verlieren, legte er sie in seine goldene Tabaksdose; die Tabaksdose aber befahl er in seine Reiseschatulle zu legen, die ganz ausgelegt war mit Perlmutter und Fischbein. Die englischen Meister entließ der Kaiser in Ehren und sagte ihnen: »Ihr seid die ersten Meister in der ganzen Welt, und meine Leute verstehen im Vergleich zu Euch gar nichts.«

Jene blieben sehr zufrieden, Platow aber konnte den Worten des Kaisers nichts widersprechen. Er nahm nur das »Winzigglas«, ja, und ohne ein Wort zu sagen, steckte er es in seine Tasche. »Weil« — spricht er — »es auch dazu gehört, und ihr so schon viel Geld von uns genommen habt!«

Der Kaiser wußte das gar nicht bis ganz zu seiner Ankunft in Rußland. Sie reisten aber sehr bald ab, weil der Kaiser von allen diesen »Militärangelegenheiten« in Melancholie verfiel, und er eine geistige Beichte haben wollte in Taganrog beim Popen Fjedot. Unterwegs hatten er und Platow sehr wenig angenehme Unterhaltung, weil sie völlig verschiedene Gedanken hegten: der Kaiser glaubte, den Engländern sei niemand an Kunstfertigkeit gleich, Platow hingegen bestand darauf, daß auch die Unsrigen alles machen können, was sie anschauen, nur fehle es ihnen an nützlicher Lehre. Und er hielt dem Kaiser vor, daß bei den englischen Meistern durchaus in allem andere Regeln des Lebens, der Wissenschaft und der »Verpflegung« gelten und jeder Mensch bei ihnen alle »absoluten« Möglichkeiten für sich habe, und deshalb sei in ihm auch ein ganz anderer Geist.

Der Kaiser wollte das nicht lange anhören, Platow aber steigt auf jeder Station aus und trinkt vor Verdruß ein Wasserglas Schnaps, beißt gesalzene Bretzel zu, raucht seine Weichselpfeife, in die ein ganzes Pfund Schukowscher Tabak hineinging, setzt sich dann hin und sitzt so schweigend neben dem Kaiser im Wagen. Der Kaiser schaut auf eine Seite, Platow steckt durch das andere Fenster seine Pfeife hinaus und läßt den Rauch in die Luft. So reisten sie bis Petersburg; zum Popen Fjedot nahm aber der Kaiser den Platow schon gar nicht mehr mit.

»Du« — spricht er — »bist in geistlicher Unterhaltung unenthaltsam und rauchst so viel, daß sich von deinem Qualm nur Ruß im Kopfe ansetzt!« Platow blieb gekränkt zurück und legte sich zu Hause auf sein »Verdrußsofa«, und er lag dort immerfort und rauchte ohne Unterlaß Schukowschen Tabak.

 

IV

Der erstaunliche Floh aus gehärtetem Stahl blieb bei Alexander Pawlowitsch in der Schatulle unter dem Fischbein, bis der Kaiser in Taganrog starb, nachdem er ihn dem Popen Fjedot gegeben hatte, damit der ihn später der Kaiserin gebe, wenn sie sich getröstet habe. Die Kaiserin Jelisaweta Alexejewna schaute die Variationen des Flohs an und lächelte, beschäftigte sich aber weiter nicht mehr mit ihm.

»Meine Sache,« spricht sie, »ist die einer Witwe, und mir sind keinerlei Unterhaltungen verführerisch,« und als sie nach Petersburg zurückgekehrt war, übergab sie dies Wunderding mit allen andern Kostbarkeiten dem neuen Kaiser zum Erbe.

Kaiser Nikolai Pawlowitsch schenkte gleichfalls anfangs dem Floh nicht die geringste Aufmerksamkeit, weil bei seiner Thronbesteigung eine »Verwirrung« war, später aber begann er einmal die ihm von seinem Bruder hinterlassene Schatulle durchzusehen und nahm aus ihr die Tabaksdose heraus, aus der Tabaksdose die Brillantnuß, und in ihr fand er den stählernen Floh, der schon lange nicht mehr aufgezogen war, und sich deshalb nicht bewegte, vielmehr friedlich dalag, als ob er versteinert wäre.

Der Kaiser schaute hin und staunte.

»Was ist denn da noch für eine Nichtigkeit, und wozu ward sie dort von meinem Bruder so aufbewahrt?«

Die Hofleute wollten es wegwerfen, der Kaiser aber spricht:

»Nein — das bedeutet irgend etwas!«

Man rief von der Anitschkin-Brücke aus der gegenüberliegenden Apotheke einen Chemiker, der auf der allerkleinsten Wage Gift abzuwiegen pflegte, und zeigte ihm das Ding; der aber nahm sogleich den Floh, legte ihn auf die Zunge und spricht: »Ich empfinde Kälte wie von einem festen Metall«. Darauf drückte er es leicht mit den Zähnen und erklärte:

»Wie es Ihnen beliebt, dies ist aber kein wirklicher Floh, vielmehr ein »Nymphusorium«, und es ist aus Metall gemacht, und die Arbeit ist nicht die unsrige, nicht russische.«

Der Kaiser befahl zu erkunden, woher dies stamme, und was es bedeute. Man stürzte sich sogleich in die Akten, um Verzeichnisse einzusehen — in den Akten aber war nichts eingetragen. Man begann diesen und jenen auszufragen — niemand wußte etwas. Zum Glück weilte aber damals noch der Donsche Kosak Platow unter den Lebenden und lag sogar immer noch auf seinem Verdrußsofa und rauchte seine Pfeife. Als der nun vernahm, daß bei Hof eine solche Unruhe sei, erhob er sich sogleich von seiner Kouschette, warf die Pfeife fort und erschien beim Kaiser in allen seinen Orden. Der Kaiser spricht: »Was willst du von mir, tapferer Greis?«

Platow aber antwortet:

»Mir, Eure Majestät, ist nichts für mich selber nötig, da ich esse und trinke, wozu ich Lust habe, und mit allem zufrieden bin; ich bin aber« — spricht er — »gekommen, wegen dieses ‚Nymphusoriums‘ zu berichten, das man ausfindig machte; das« — spricht er — »war so und so, und folgendermaßen hat es sich vor meinen Augen in England zugetragen — und dort bei ihm liegt ein Schlüsselchen, ich aber besitze ihren ‚Winzigseher‘, in dem man es sehen kann; und mit diesem Schlüssel durch das Löchelchen in seinem Bäuchelchen kann man dies ‚Nymphusorium‘ aufziehen, und es wird hüpfen, wo und wann man es wünscht und zur Seite Variationen machen.«

Man zog den Floh auf, er begann zu springen. Platow aber spricht:

»Dies,« — spricht er — »Eure Majestät, ist wirklich eine sehr feine und interessante Arbeit; nur ziemt es sich nicht, daß wir uns darüber lediglich wundern mit entzücktem Gefühl, vielmehr muß man sie russischen Meistern in Tula oder in Sesterbek (damals nannte man noch Sestrorezk — Sesterbek) zeigen — ob nicht unsere Meister erreichen können, daß die Engländer sich nicht mehr über die Russen überheben.«

Kaiser Nikolai Pawlowitsch hegte großes Zutrauen zu seinen Leuten und liebte es nicht, sie irgend einem Ausländer hintanzusetzen, er antwortete denn auch Platow:

»Das sprichst du gut, wackerer Greis! Und ich übertrage dir diese Sache. Ich brauche sowieso dieses Schächtelchen nicht, bei meinen vielen Sorgen. Du aber nimm es mit dir und lege dich nicht mehr auf dein ‚Verdrußsofa‘, fahre vielmehr zum stillen Don und führe dort mit meinen Donzern vertrauliche Gespräche über ihr Leben, ihre Ergebenheit und was ihnen beliebt. Wenn du aber durch Tula kommen wirst, so zeige meinen Tulaer Meistern dieses ‚Nymphusorium‘, dann mögen sie darüber nachdenken. Sage ihnen von mir, daß mein Bruder sich über dies Ding erstaunte und die Fremdländer, die das ‚Nymphusorium‘ machten, über alles lobte; daß ich aber auf die Meinen baue, daß sie durchaus nicht schlechter sind. Sie werden mein Wort nicht zuschanden werden lassen und irgend etwas erfinden.«

 

V

Platow nahm den stählernen Floh, und als er durch Tula zum Don fuhr, zeigte er ihn den Tulaer Waffenschmieden, überbrachte ihnen das Wort des Kaisers und fragte sie dann:

»Wie soll es jetzt mit uns sein, Rechtgläubige?«

Die Waffenschmiede antworteten:

»Wir, Väterchen, fühlen das gnädige Wort des Zaren und können es niemals vergessen, deshalb, weil er auf seine Leute hofft. Wie es aber im vorliegenden Falle sein wird, das können wir in einem Augenblick nicht entscheiden, weil die englische Nation gleichfalls nicht dumm ist, vielmehr sogar ziemlich schlau, und die Kunst in ihr mit großem Verstande betrieben wird. Ihr gegenüber,« sprechen sie, »muß man sich nach reiflicher Überlegung und mit Gottes Segen ans Werk machen. Du aber, wenn deine Gnaden zu uns ebensolches Vertrauen hegt, wie unser Zar, so fahre in deine Heimat nach dem stillen Don, uns aber hinterlasse das Flöhchen, wie es ist, im Futteral und in der goldenen zarischen Tabaksdose. Lustwandle am Don und heile die Wunden, die du fürs Vaterland erhieltest. Wenn du aber durch Tula zurückkehren wirst — so mache Halt und laß uns rufen: Wir werden bis zu dieser Zeit, wenn Gott es will, irgend etwas ausdenken«.

Platow war nicht völlig damit zufrieden, daß die Tulaer so viel Zeit verlangten und dabei noch nicht einmal deutlich aussprachen, was sie eigentlich zu tun gedächten. Er frug sie so und anders und sprach auf jede Weise mit ihnen, schlau, auf Donsche Art. Die Tulaer gaben ihm aber an Schläue nicht das Geringste nach, weil sie sogleich schon einen solchen Gedanken hegten, von dem sie nicht einmal hofften, daß sogar Platow ihnen glauben werde. Sie wollten vielmehr unmittelbar ihren Gedanken ausführen, und dann auch die Sache übergeben.

Sie sprechen:

»Wir wissen selber noch nicht, was wir tun werden. Wir hoffen nur auf Gott, und das Wort des Zaren wird wohl nicht durch uns zuschanden werden.«

So versuchte es denn Platow mit Kniffen, die Tulaer aber gleichfalls.

Platow verstellte sich, verstellte sich lange und sah, daß er die Tulaer nicht überlisten werde. Er gab ihnen endlich die Tabaksdose mit dem »Nymphusorium« und sprach:

»Nun, da ist nichts zu machen; möge es«, spricht er, »nach eurem Willen gehen. Ich kenne euch, was ihr für Leute seid, nun, gleichwohl, da ist nichts zu machen. Ich vertraue euch, schaut nur zu, daß ihr den Brillanten nicht umtauscht und verderbt nicht die feine englische Arbeit und braucht auch nicht zulange Zeit, weil ich rasch reise; es werden nicht zwei Wochen vergangen sein, so werde ich vom stillen Don wiederum nach Petersburg zurückkehren — daß dann unbedingt etwas dem Kaiser zu zeigen da sei.«

Die Waffenschmiede beruhigten ihn vollauf:

»Der feinen Arbeit werden wir« — sprechen sie — »keinen Schaden tun, und den Brillanten werden wir nicht umtauschen. Zwei Wochen ist uns aber Zeit genug, und wann du zurückkehren wirst, wird dir irgend etwas dargeboten, was würdig ist der Herrlichkeit des Zaren vorgelegt zu werden!«

Aber was eigentlich, das haben sie nicht gesagt!

 

VI

Platow reiste aus Tula ab, die Waffenschmiede aber, drei Mann, die allerkunstfertigsten — einer von ihnen schieläugig und linkshändig, trägt auf der Backe ein Muttermal, und an den Schläfen sind ihm die

Haare schon in seiner Lehrzeit ausgerissen worden — verabschiedeten sich von ihren Kameraden und Familienangehörigen, und ohne irgend wem irgend etwas zu sagen, nahmen sie eine Tasche, legten da hinein, was zu essen nötig ist, und verschwanden aus der Stadt.

Man hatte nur bemerkt, daß sie nicht nach dem Moskauer Stadttor gingen, vielmehr auf die entgegengesetzte Kiewer Seite, und man glaubte, sie seien nach Kiew gegangen: die verstorbenen Wundertäter anzubeten oder sich dort mit irgend einem von den noch lebenden heiligen Männern zu beraten, die es immer im Überfluß in Kiew gab.

Das war alles nur der Wahrheit nahe, nicht aber die Wahrheit selber. Weder die Zeit noch die Entfernung erlaubten es den Tulaer Meistern, in drei Wochen zu Fuß nach Kiew zu ziehen, und dazu noch eine für die englische Nation beschämende Arbeit zu verrichten. Eher hätten sie noch nach Moskau beten gehen können, wohin es im ganzen zweimal 90 Werst sind, und heilige Wundertäter gibt es auch dort zu verehren nicht weniger. Nach der anderen Seite — bis Orjol, sind es ebensolche zweimal 90 Werst, und über Orjol hinaus bis Kiew sind es wiederum noch gute 500 Werst. Einen solchen Weg wirst du nicht rasch zurücklegen, und wenn du ihn zurückgelegt hast, wirst du nicht so rasch ausruhen — lange noch werden dir die Beine steif sein und die Hände zittern.

Einigen kam es sogar so vor, als ob die Meister sich vor Platow nur gebrüstet hätten, nachher aber, nachdem sie sich die Sache überlegt hatten, bange geworden und ganz davongelaufen wären, sowohl die goldene Tabaksdose mit sich fortnehmend, wie den Brillanten und den englischen stählernen Floh im Futteral, der ihnen soviel Aufregung verursacht hatte.

Indes war eine solche Annahme gleichfalls völlig unbegründet und kunstfertiger Leute, auf denen nunmehr die Hoffnung der Nation beruhte, unwürdig.

 

VII

Die Tulaer, gescheite Leute und erfahren in Metallarbeiten, sind gleichfalls berühmt als erstklassige Kenner in der Religion. Ihres Ruhmes in dieser Hinsicht ist sowohl die heimische Erde voll wie sogar der heilige Athos: sie sind nicht nur Meister im Singen mit Variationen, sie wissen vielmehr auch, wie das Bild »Der abendliche Klang« gemalt wird. Und wenn jemand von ihnen sich größere Opfer auferlegt und ins Mönchstum übertritt, so werden aus ihnen die allerbesten Klosterökonomen und gehen aus ihnen die allerfähigsten Gabeneinsammler hervor. Auf dem heiligen Athos aber weiß man, daß die Tulaer — das allergewinnbringendste Volk sind, und wenn sie nicht wären, so hätten die dunklen Winkel Rußlands wahrscheinlich nicht sehr viele Heiligtümer des fernen Ostens gesehen, und der Athos hätte viele nützliche Darbringungen russischer Freigebigkeit und Frömmigkeit entbehren müssen. Jetzt aber fahren die Tulaer vom Athos Heiligtümer in unserm ganzen Vaterlande umher und sammeln meisterhaft milde Gaben auch dort, wo eigentlich gar nichts zu holen ist. Der Tulaer ist erfüllt von kirchlicher Frömmigkeit und dabei ein großer Praktiker in dieser Sache, und deshalb begingen auch die drei Meister, die es auf sich genommen hatten, Platow zu unterstützen und mit ihm ganz Rußland, durchaus keinen Fehler, als sie sich nicht nach Moskau, vielmehr nach dem Süden aufmachten. Sie gingen aber nicht nach Kiew, vielmehr nach Mzensk, einer Kreisstadt im Orlowschen Gouvernement, in der ein altes steingemeißeltes Heiligenbild des heiligen Nikolai steht, das in den allerältesten Zeiten auf einem großen, gleichfalls steinernen Kreuz auf dem Fluß Suscha dahergeschwommen kam. Dies Heiligenbild ist von strengem und schrecklichem Aussehen, der Heilige ist auf ihm in Lebensgröße dargestellt, ganz angetan mit einem vergoldeten Silbergewand, dunkel von Angesicht, und in einer Hand hält er einen Tempel, in der andern — das Schwert, das Zeichen des Sieges. Und grade in diesem »Zeichen des Sieges« war auch der Sinn der Sache beschlossen: der heilige Nikolai ist überhaupt der Beschützer in Handels- und Kriegsangelegenheiten, und der Nikolai von Mzensk ganz im Besondern, und grade vor ihm sich zu verneigen, waren auch die Tulaer gekommen. Sie ließen einen Bittgottesdienst unmittelbar beim Heiligenbilde halten, dann beim steinernen Kreuz, endlich kehrten sie bei Nacht nach Hause zurück, und ohne irgendwem irgend etwas zu sagen, machten sie sich in furchtbarer Heimlichkeit ans Werk. Sie gingen alle drei in ein und dasselbe Häuschen zum Linkser, schlossen die Türen und die Fensterläden, entzündeten vor dem Heiligenbild des Nikolai das Lämpchen und begannen zu arbeiten.

Einen Tag, zwei, drei sitzen sie und gehen nicht aus, immer klopfen sie nur mit den Hämmerchen. Sie schmieden irgend etwas, was sie aber schmieden — ist unbekannt.

Alle sind neugierig, aber niemand kann etwas erfahren, weil die Arbeitenden gar nichts erzählen und sich nach außen nicht zeigen. Verschiedene Leute gingen zum Häuschen, klopften unter mannigfachen Vorwänden an die Türe, um Feuer oder um Salz zu bitten. Die drei Meister öffneten aber auf gar keine Bitte, und sogar womit sie sich nährten — war unbekannt. Man versuchte sie zu erschrecken: man tat so, als brenne in der Nachbarschaft ein Haus — ob sie nicht vor Schrecken herausspringen würden, und es sich dann offenbaren werde, was von ihnen geschmiedet sei. Nichts aber verführte diese schlauen Meister: einmal nur streckte sich der Linkser bis zur Schulter aus dem Fenster heraus und schrie:

»Brennt ihr nur für euch, wir aber haben keine Zeit« — und wiederum verbarg er seinen zerrupften Kopf, warf den Laden zu und machte sich an seine Arbeit.

Nur durch die kleinen Spalten war zu sehen, wie im Innern des Hauses das Feuerchen leuchtete, es war auch zu hören, daß feine Hämmerchen auf feinen Amboßen pochten.

Mit einem Worte, die ganze Sache ward in so furchtbarem Geheimnis ausgeführt, daß es unmöglich war, irgend etwas zu erfahren, und dabei zog sie sich hin bis gerade zur Rückkehr des Kosaken Platow vom stillen Don zum Kaiser; und in dieser ganzen Zeit sahen und sprachen die Meister niemanden.

 

VIII

Platow fuhr sehr rasch und mit »Zeremonie«: selber saß er im Wagen, auf dem Bock aber befanden sich zwei Kosaken mit Knuten zu beiden Seiten des Fuhrmanns und schlugen ihn erbarmungslos, damit er galoppieren lasse. Wenn aber einer der Kosaken einschlafen wollte, so stieß ihn Platow selber aus dem Wagen heraus mit dem Fuß, und noch böser jagten sie dahin. Die Maßnahmen zur Ermunterung wirkten derart erfolgreich, daß man auf keiner Station die Pferde anhalten konnte, sie vielmehr hundert Sprünge an dem Anhaltsorte vorbeigaloppierten. Dann »wirkte« wiederum der Kosak auf den Fuhrmann in umgekehrter Richtung, und sie kehrten zur Auffahrt zurück.

So kamen sie auch in Tula an — sie flogen um hundert Galoppsprünge an dem Moskauer Schlagbaum vorüber, darauf aber wirkte der Kosak auf den Fuhrmann nach der entgegengesetzten Richtung ein, und sie begannen dann bei dem Haustor frische Pferde anzuspannen.

Platow stieg gar nicht aus, er befahl nur einem Kurier, möglichst rasch die Handwerker zu ihm zu führen, denen er den Floh hinterlassen hatte.

Der Kurier kam herbeigelaufen: sie möchten möglichst rasch kommen und seinem Herrn die Arbeit bringen, durch die sie die Engländer zuschanden machen sollten; und kaum war dieser Kurier fortgelaufen, als Platow ihm noch neue Boten nachsandte, damit es möglichst rasch gehe.

Alle seine Leute hatte er ausgeschickt und begann bereits einfache Leute aus dem neugierigen Publikum auszusenden, ja sogar selber streckt er vor Ungeduld seinen Fuß aus dem Wagen und selber will er vor Ungeduld hinlaufen und mit den Zähnen knirscht er nur so — immer scheint es ihm noch nicht rasch genug.

So ward in damaliger Zeit alles genau und rasch verlangt, damit auch keine Minute für den Nutzen Rußlands verloren gehe.

 

IX

Die Tulaer Meister, die ein erstaunliches Werk verrichtet hatten, beendeten in dieser Zeit grade nur eben ihre Arbeit. Die Boten kamen keuchend zu ihnen gelaufen, die einfachen Leute aber aus dem neugierigen Publikum kamen überhaupt nicht bis ans Ziel, weil sie aus Ungewohntheit unterwegs ihre Beine verloren hatten und hingestürzt waren, und dann auch aus Furcht, um Platow nicht vor die Augen zu treten, sich nach Hause geschlichen, ja, und wo es sich grade traf, sich versteckt hatten.

Als aber die Kuriere herbeigaloppiert kamen, fingen sie sogleich zu schreien an, und wie sie sahen, daß die Meister nicht öffneten, begannen sie sofort ohne Zeremonie die Riegel an den Läden abzureißen; die Bolzen saßen aber so fest, daß sie nicht im Geringsten nachgaben; sie rissen an den Türen, die Türen waren aber von innen zugeriegelt mit eichenen Riegeln. Da nahmen die Boten einen Balken von der Straße, stemmten ihn nach Art der Feuerwehrleute unter den Dachsattel und schoben das Dach von dem kleinen Hause auf einmal weg. Sie nahmen das Dach ab und selber stürzten sie sogleich zu Boden, weil von den Meistern im engen Häuschen von der ununterbrochenen Arbeit in der Luft eine solche »Schweißspirale« entstanden war, daß der Ungewohnte, der aus der frischen Luft kommt, kein einziges Mal atmen kann.

Die Boten schreien:

»Was macht ihr denn, ihr, so und so, ihr Pack, daß ihr uns auch noch mit einer solchen ‚Spirale‘ zu betäuben wagt! Habt ihr etwa keinen Gott mehr?«

Die aber antworten:

»Wir sind ja sogleich fertig. Wir schlagen soeben noch das letzte Nägelchen ein, und wenn wir es eingeschlagen haben, dann werden wir unsere Arbeit selber hinaustragen.«

Die Boten aber sprechen:

»Er wird uns bis dahin lebendig auffressen und nichts zum Gedächtnis der Seele zurücklassen.«

Die Meister aber sagen:

»Er wird nicht Zeit haben, euch zu verschlucken, weil, bis ihr gesprochen habt, bei uns auch schon dieser letzte Nagel eingeschlagen ist. Lauft und sagt, daß wir die Sache sogleich bringen.«

Die Boten liefen, waren aber nicht überzeugt — sie glaubten, daß die Meister sie betrügen würden; und deshalb liefen sie zwar so rasch sie konnten, sie schauten sich aber ständig um; die Meister kamen aber hinter ihnen her und eilten so sehr, daß sie sich sogar nicht völlig angekleidet hatten, wie es sich gehört, um vor einer wichtigen Persönlichkeit zu erscheinen, sie schlossen vielmehr noch im Gehen die Haken an ihren Röcken. Zwei von ihnen trugen überhaupt nichts in Händen, der dritte aber, der Linkser, hielt im grünen Futteral die zarische Schatulle mit dem englischen stählernen Floh.

 

X

Die Boten laufen zu Platow und sprechen:

»Da sind sie jetzt selber hier!«

Platow spricht sogleich zu den Meistern:

»Ist es fertig?«

»Alles«, antworten sie, »ist fertig!«

»Gebt her!«

Sie gaben es.

Die Equipage war aber bereits angespannt, und Fuhrmann und Vorreiter an ihrem Platz. Die Kosaken setzten sich sogleich schon neben den Fuhrmann und erhoben die Nagaiken über ihn, und so ausholend halten sie sie auch.

Platow riß das grüne Futteral ab, öffnete die Schatulle, nahm aus der Watte die goldene Tabaksdose heraus, aus der Tabaksdose die brillantene Nuß — und sieht: der englische Floh liegt dort wie er war, aber außer ihm ist nichts weiter da.

Platow spricht:

»Was ist denn das? Wo ist denn eure Arbeit, mit der ihr den Kaiser erfreuen wolltet?«

Die Waffenschmiede antworten:

»Da ist auch unsere Arbeit!«

Platow spricht:

»Worin ist sie denn beschlossen?«

Die Waffenschmiede antworten:

»Wozu das erklären? Alles ist hier vor Eurem Blick — schaut nur selber zu!«

Platow zuckt die Achseln und schreit:

»Wo ist aber der Schlüssel zum Floh?«

»Aber da« — antworten sie — »wo der Floh ist, da ist auch der Schlüssel, in derselben Nuß!«

Platow wollte den Schlüssel fassen, die Finger waren aber bei ihm zu kurz und zu dick; er bemühte sich lange Zeit — konnte aber auf keine Weise weder den Floh erfassen, noch das Schlüsselchen zu dem Uhrwerk in seinem Bauch. Plötzlich erzürnte er sich und begann zu schimpfen auf kosakische Art.

Er schrie:

»Was habt ihr denn, ihr Halunken, gar nichts getan, ja dazu noch am Ende gar die ganze Sache verdorben! Ich werde euch den Kopf abreißen!«

Die Tulaer geben ihm zur Antwort:

»Ganz umsonst beleidigen Sie uns so — wir müssen von Ihnen, als dem Abgesandten des Kaisers, alle Beleidigungen erdulden. Deswegen aber, weil Sie an uns zweifelten und glaubten, daß wir sogar den kaiserlichen Namen zu betrügen fähig seien — werden wir Ihnen jetzt das Geheimnis unserer Arbeit nicht eröffnen. Geruhen Sie doch dieses Ding zum Kaiser zu bringen — er wird erkennen, was für Leute er an uns hat, und ob er sich unserer zu schämen braucht!«

Platow schrie:

»Nun, so lügt ihr denn, ihr Schufte! Ich werde mich aber von euch nicht so trennen, vielmehr wird einer von euch mit mir nach Petersburg fahren, und ich werde schon von ihm herausbekommen, was eure Schlauheiten sind!«

Damit streckte er die Hand aus, faßte mit seinen kurzen Fingern den schieläugigen Linkser am Kragen, so daß bei ihm alle Haken vom Rock abflogen, und stieß ihn zu sich in den Wagen, zu seinen Füßen.

»Sitze hier« — spricht er — »bis nach Petersburg, wie ein Pudel. Du wirst mir alle verantworten. Ihr aber«, spricht er zu den Boten, »jetzt heida! Sperrt nicht das Maul auf, damit ich übermorgen in Petersburg beim Zaren bin!«

Die Meister wagten nur für ihren Kameraden einzutreten: »Wie denn, Sie werden ihn von uns so ohne ein ‚Tugament‘ wegführen? Ihm wird es unmöglich sein, zurückzukommen!« Platow aber zeigte ihnen statt der Antwort nur die Faust, eine so furchtbare — sie ist rotbraun, ganz mit Narben bedeckt, und irgendwie zusammengewachsen — und drohend spricht er: »Da habt ihr das ‚Tugament‘!« Den Kosaken aber schrie er zu:

»Heida, Kinder!«

Die Kosaken, die Fuhrleute und die Pferde — alles begann gleichzeitig zu arbeiten, und man entführte den Linkser ohne Dokument; und einen Tag später, wie Platow befohlen hatte, fuhr man auch schon beim Palast des Zaren vor, und sogar galoppierend, wie es sich gehörte, fuhren sie bei den Säulen vorbei.

Platow stand auf, hing die Orden an und ging zum Kaiser, befahl aber den ihn begleitenden Kosaken, den schieläugigen Linkser beim Eingang zu bewachen.

 

XI

Platow fürchtete sich, dem Kaiser vor Augen zu treten, weil Nikolai Pawlowitsch alles bemerkte und im Gedächtnis behielt; nichts pflegte er zu vergessen. Platow wußte, daß er ihn unbedingt nach dem Floh fragen werde. Und wenn er auch keinen Feind auf der ganzen Welt fürchtete, so fürchtete er sich in diesem Falle doch: er ging ins Schloß mit der kleinen Schatulle und stellte sie ganz leise im Saal hinter den Ofen.

Nachdem er die Schatulle verborgen hatte, ging Platow zum Kaiser ins Kabinett und begann rasch zu berichten, was die Kosaken am stillen Don für Gespräche unter einander führen. Er beschloß so: hiermit den Kaiser zu beschäftigen und dann, wenn der Kaiser sich selber entsinnen und von dem Floh beginnen werde, werde es nötig sein, ihn herzugeben und Rede zu stehen; wenn er aber davon nicht anfange, dann zu schweigen, die Schatulle dem Kammerdiener zu verstecken befehlen und den Tulaer Linkser auf unbestimmte Zeit in eine Festungskasematte zu stecken, damit er dort sitze bis zu der Zeit, daß man seiner bedürfen werde.

Kaiser Nikolai Pawlowitsch hatte aber gar nichts vergessen, und kaum hatte Platow seinen Bericht über die Gespräche der Kosaken untereinander geendet, so fragte er ihn auch schon sogleich:

»Aber wie denn, wie haben meine Tulaer Meister sich gerechtfertigt gegenüber dem englischen ‚Nymphusorium‘?«

Platow antwortete in der Weise, wie ihm die Sache zu sein schien.

»Das ‚Nymphusorium‘« — spricht er — »Eure Majestät, ist immer noch auf der Welt, und ich habe es zurückgebracht, die Tulaer Meister haben aber nichts Erstaunliches zu tun vermocht.«

Der Kaiser antwortet:

»Du bist ein tapferer Greis, doch das, was du mir da vorbringst, kann nicht so sein.«

Platow begann ihn zu überzeugen und erzählte, wie die ganze Sache verlief, und als er bis dahin gelangt war, daß die Tulaer ihn baten, den Floh dem Kaiser zu zeigen, da klopfte ihm Nikolai Pawlowitsch auf die Schulter und sagte:

»Bring her. Ich weiß, daß die Meinigen mich nicht betrügen können. Da ist irgend etwas über das Verstehen hinaus geschehen!«

 

XII

Man brachte die Schatulle hinter dem Ofen hervor, nahm von ihr die Decke, enthüllte die goldene Tabaksdose und die brillantene Nuß — in ihr aber liegt der Floh, wie er vordem gewesen war und wie er früher gelegen hatte.

Der Kaiser schaute hin und sprach:

»Das ist eine List!« — Aber von seinem Glauben an die russischen Meister verlor er gar nichts. Er befahl, seine Lieblingstochter Alexandra Nikolajewna zu rufen und sagte ihr:

»An deinen Händen hast du feine Finger! Nimm das kleine Schlüsselchen und ziehe rasch in diesem ‚Nymphusorium‘ die Bauchmaschine auf!«

Die Prinzessin begann mit dem Schlüsselchen zu drehen, und der Floh bewegte sogleich seinen Schnurrbart, aber mit den Füßen rührte er sich nicht. Alexandra Nikolajewna zog das ganze Uhrwerk auf, aber das »Nymphusorium« tanzte trotzdem kein »Dansé« und ließ keine einzige »Variation« los wie vordem.

Platow ward ganz grün und schrie:

»Ach, das sind hündische Schelme! Jetzt verstehe ich, weshalb sie mir dort nichts sagen wollten. Es ist noch gut, daß ich einen Dummkopf von ihnen mit mir nahm!«

Mit diesen Worten lief er zur Auffahrt, packte den Linkser an den Haaren und begann ihn dahin und dorthin zu zausen, so, daß die Haarbüschel nur so flogen. Jener aber, als Platow aufhörte, ihn zu schlagen, machte sich nur zurecht und spricht:

»Man hat mir so schon in der Lehre alle Schopfhaare ausgerissen, ich weiß nur nicht wegen welcher Notwendigkeit man eine solche Wiederholung vornimmt?«

»Das ist deshalb« — spricht Platow — »weil ich auf euch hoffte und mich verpflichtete. Ihr aber habt diese seltene Sache verdorben!«

Der Linkser antwortet:

»Gar sehr sind wir zufrieden, daß du dich für uns verpflichtetest, verdorben haben wir aber gar nichts: Nehmt und schaut durch das allerstärkste ‚Winzigglas‘.«

Platow lief zurück, um von dem ‚Winzigschauer‘ zu erzählen, dem Linkser aber drohte er nur:

»Ich werde dir« — spricht er — »du … so und so … noch etwas geben …«

Und er befiehlt seinen Leuten, dem Linkser noch stärker die Ellenbogen zurückzubinden, selber aber steigt er die Stufen hinauf, keucht und spricht sein Gebet: »Gesegnete Mutter des gesegneten Königs, Allerreinste und Reine …« usw., wie es sich gehört. Die zarischen Hofdiener, die auf den Stufen stehen, wenden sich alle von ihm ab und denken: Platow ist hineingefallen, und sogleich wird man ihn aus dem Schloß wegjagen — denn sie konnten ihn nicht ausstehen wegen seiner Tapferkeit.

XIII

Als Platow dem Kaiser die Worte des Linksers hinterbrachte, spricht der sogleich mit Freuden:

»Ich weiß, daß meine Russen mich nicht betrügen werden« — und befahl, den »Winzigschauer« auf einem Kissen zu reichen.

In einem Augenblick ward der ‚Winzigschauer‘ gebracht, und der Kaiser nahm den Floh und legte ihn unter das Glas: zuerst mit dem Rücken nach oben, dann mit der Seite, dann mit dem Bäuchelchen — mit einem Worte, man drehte ihn nach allen Seiten, sah aber garnichts. Der Kaiser verlor aber auch da nicht seinen Glauben, er sagte nur:

»Man führe jenen Waffenschmied, der sich unten befindet, sogleich hierher zu mir.«

Platow berichtet:

»Man müßte ihn umkleiden — er ward genommen wie er war und ist jetzt gar sehr in schlechtem Aussehen.«

Der Kaiser aber antwortet:

»Das tut nichts, man bringe ihn so, wie er ist.«

Platow spricht:

»Nun gehe jetzt selber, du, so und so, vor den Augen des Kaisers zu antworten.«

Der Linkser aber sagt:

»Was ist denn dabei, ich werde gehen, und werde auch antworten!«

Er kommt so, wie er war: in abgetretenen Stiefeln, ein Hosenbein im Stiefel, das andere baumelt herum, sein breiter Rock ist ältlich, die Haken schließen nicht, sie fehlen sogar, und der Kragen ist zerrissen; er geniert sich aber garnicht.

»Wie denn« — denkt er — »wenn es dem Zaren gefällig ist, mich zu sehen — so muß ich eben kommen; wenn ich aber kein ‚Tugament‘ habe — so bin ich daran unschuldig und werde erzählen, wie sich die Sache zutrug.«

Als der Linkser eintrat und sich verneigte, spricht der Kaiser sogleich schon zu ihm:

»Was bedeutet das denn, Brüderchen, daß wir so und so zuschauten und den Floh unter den ‚Winzigschauer‘ legten, aber nichts Bemerkenswertes erschauten.«

Der Linkser aber antwortet:

»Haben Sie, Euer Majestät, denn richtig zu schauen geruht?«

Die Höflinge geben ihm ein Zeichen: »Du sprichst nicht so, wie ’s sich gehört!« Er aber versteht nicht, wie es nötig ist auf Höflingsart mit Schmeichelei oder mit List, er antwortet vielmehr ganz einfach. Der Kaiser spricht:

»Hört doch auf, ihn zu schulmeistern — er soll antworten, wie er es versteht.«

Und sogleich erklärte er ihm:

»Wir,« spricht er, »haben ihn so hingelegt« — und er legte den Floh unter den Winzigschauer. »Schau nur selber«; spricht er — »es ist nichts zu sehen.«

Der Linkser antwortet:

»Euer Majestät, so ist es auch gar nicht möglich, irgend etwas zu sehen, weil nämlich unsere Arbeit gegenüber einem solchen Maßstab bei weitem geheimnisvoller ist.«

Der Kaiser fragte:

»Wie soll man dann aber?«

»Man muß« — spricht er — »nur sein einzelnes Füßchen unter den ganzen ‚Winzigschauer‘ führen und im einzelnen auf jedes Ferschen schauen, womit er auftritt.«

»Erbarme dich, sag’ einmal« — spricht der Kaiser — »dies ist schon allzufein.«

»Aber was soll man denn machen« — antwortet der Linkser — »wenn man nur so unsere Arbeit bemerken kann: dann wird sich auch das ganze Staunen offenbaren.«

Sie legten den Floh so hin, wie der Linkser gesagt hatte, und als der Kaiser nur eben in das obere Glas schaute, so strahlte er auch nur so — er nahm den Linkser, so wie er war, unfrisiert und ungewaschen, voll Staub — umarmte ihn und küßte ihn, darauf aber wandte er sich an alle Hofleute und sagte:

»Seht ihr, ich wußte besser als ihr alle, daß meine Russen nicht versagen werden. Schaut bitte hin, die Schelme haben dem englischen Floh Hufeisen angeschmiedet!«

XIV

Alle begannen heranzutreten und zu schauen: der Floh trug tatsächlich an allen seinen Füßen wirkliche Hufeisen, der Linkser aber bemerkte, daß auch dies nicht das ganze Erstaunliche sei.

»Wenn« — spricht er — »ein besserer ‚Winzigschauer‘ da wäre, der fünfmillionenmal vergrößert, so würden Sie,« spricht er, »geruhen zu erschauen, daß auf jedem Hufeisenchen der Name steht: welcher russische Meister dieses Hufeisen schmiedete.«

»Ist auch dein Name dabei?«

»Keineswegs« — antwortet der Linkser — »eben mein Name fehlt nur.«

»Weshalb denn?«

»Aber deshalb« — spricht er — »weil ich noch feinere Arbeit leistete: Ich schmiedete die Nägelchen, mit denen die Hufeisen angeschlagen sind — die vermag schon kein ‚Winzigschauer‘ zu erfassen.«

Der Kaiser fragte:

»Wo ist dann aber euer ‚Winzigschauer‘, mit dem ihr dieses Wunder vollbringen konntet?«

Der Linkser antwortet:

»Wir sind arme Leute und haben wegen unserer Armut keinen ‚Winzigschauer‘, bei uns ist vielmehr unser Auge so gewöhnt.«

Da begannen auch die übrigen Höflinge, sehend, daß die Sache des Linksers gewonnen war, ihn zu küssen. Platow aber gab ihm hundert Rubel und sprach:

»Verzeih’ mir, Brüderchen, daß ich dich an den Haaren zog!«

Der Linkser antwortet:

»Gott wird dir verzeihen — da ist uns nicht zum ersten Male ein solcher Schnee auf den Kopf gefallen!«

Mehr aber sprach er nicht, und er hatte auch keine Zeit mit irgendwem zu sprechen, weil der Kaiser befahl, schon sogleich dieses behufte »Nymphusorium« einzupacken und nach England zurückzuschicken — in der Art eines Geschenkes, damit man dort verstehe, daß uns dies nicht erstaunlich sei. Und es befahl der Kaiser, daß ein besonderer Kurier, der alle Sprachen versteht, den Floh bringen, und daß sich der Linkser bei ihm befinden solle, damit er selber den Engländern die Arbeit zeigen könne, und was es für Meister bei uns in Tula gibt.

Platow bekreuzte ihn:

»Möge« — spricht er — »über dir Segen sein, auf den Weg aber werde ich dir meinen eigenen Bittern senden. Trinke nicht viel und nicht wenig, trinke vielmehr mittelmäßig!«

So tat er auch — er schickte ihm seinen Bittern.

Graf Kiselwrode aber befahl, daß man den Linkser in den Tuljakowschen öffentlichen Bädern bade, ihm beim Barbier die Haare schneide und ihm einen Paradekaftan von einem Hofsänger anziehe, damit es so aussehe, als habe er irgend einen besondern Rang.

Als sie ihn auf diese Weise umgebildet und zur Reise mit Tee und Platowschem Bittern getränkt hatten, zogen sie ihm den Gürtelriemen möglichst eng, damit die Därme nicht schlotterten, und führten ihn nach London. Von daher bekam der Linkser auch ausländische »Ansichten« zu schauen.

 

XV

Die Kuriere mit dem Linkser reisten sehr rasch, so daß sie von Petersburg bis London nirgends Rast machten, vielmehr zogen sie auf jeder Station den Gürtel noch um ein Loch enger, damit sich die Gedärme nicht mit den Lungen vermengen sollten. Da aber dem Linkser nach der Vorstellung beim Kaiser auf Befehl Platows auf Kronskosten eine Schnapsportion nach Gutdünken bewilligt war, so hielt er sich ohne zu essen damit allein aufrecht und sang durch ganz Europa hindurch russische Lieder, nur den Kehrreim sang er auf ausländische Weise: — »ai — ljuli — ssee tree schuli.«

Der Kurier brachte ihn nach London, zeigte sich, bei wem es nötig war, gab die Schatulle ab, führte den Linkser in ein Gasthaus und mietete für ihn ein Zimmer. Dem aber ward es dort bald langweilig, und ihn verlangte es zu essen. Er pochte an die Türe und deutete sich vor dem Aufwartenden auf den Mund. Der aber führte ihn sogleich schon in das Speisenempfangszimmer.

Der Linkser setzt sich dort an den Tisch und sitzt da. Irgend etwas auf englisch zu fragen — versteht er aber nicht. Darauf erriet er es: wiederum pocht er einfach mit dem Finger auf den Tisch und zeigt sich auf den Mund — die Engländer erraten und tragen auf, nur nicht immer das, was nötig ist. Er nimmt aber das nicht an, was ihm nicht paßt. Man gab nach ihrer Zubereitung heißen Pudding »im Feuer«. Er spricht: »ich weiß nicht, daß man so etwas essen kann« — und aß auch nicht. Sie tauschten es ihm um und gaben ihm ein anderes Gericht. Ebenso wollte er nicht ihren Schnaps trinken, weil er grün war — als sei er mit Grünspan angesetzt. Er wählte vielmehr das Allernatürlichste und erwartete den Kurier gemütlich hinter einem Fläschchen.

Die Leute aber, denen der Kurier das »Nymphusorium« gegeben hatte, beschauten es alsogleich durch den allerstärksten »Winzigschauer« und sogleich schickten sie auch eine Beschreibung in die öffentlichen Nachrichten, damit morgen schon zur allgemeinen Kunde ein »Kleveton« erscheine.

»Diesen Meister aber« — sagen sie — »wollen wir sogleich sehen.«

Der Kurier geleitete sie in das Gasthauszimmer und von dort in den »Speisenempfangsraum«, wo sich unser Linkser bereits gehörig gerötet hatte und spricht: »Da ist er!«

Die Engländer schlagen sogleich den Linkser auf die Schulter und wie einem ihnen Gleichen reichen sie ihm die Hand: »Kamerad«, sprechen sie, »du bist ein guter Meister, sprechen werden wir mit dir erst später, jetzt aber laßt uns auf dein Wohl trinken!«

Sie bestellten viel Wein und dem Linkser den ersten Becher. Er aber wollte aus »Höflichkeit« nicht zuerst trinken. Er dachte: vielleicht wollt ihr mich aus Verdruß vergiften.

»Nein,« spricht er, »das ist nicht in Ordnung; auch in Polen geht der Herr voran — trinkt selber zuerst!«

Die Engländer kosteten alle Weine vor ihm und dann begannen sie ihm einzuschütten. Er stand auf, bekreuzte sich mit der linken Hand und trank auf ihrer aller Gesundheit.

Sie bemerken, daß er sich mit der linken Hand bekreuzte und fragen den Kurier:

»Was ist er denn: Lutheraner oder Protestantist?«

Der Kurier antwortet:

»Nein, er ist kein Lutheraner und kein Protestantist, vielmehr von russischem Glauben.«

»Aber weshalb bekreuzt er sich denn mit der linken Hand?«

Der Kurier spricht:

»Er ist — ein Linkser und macht alles mit der linken Hand.«

Die Engländer verwunderten sich noch mehr und begannen dem Linkser und dem Kurier Wein einzupumpen, und so taten sie volle drei Tage nacheinander, und dann sprachen sie: »Jetzt ist es genug!« Jeder trank einen »Symphon« Wasser mit »Jerphiks«, sie wurden danach völlig frisch und begannen den Linkser auszufragen: Wo und was er gelernt habe und wie weit er die Arithmetik verstehe?

Der Linkser antwortet:

»Unsere Wissenschaft ist eine einfache: der Psalter ja und der Traumdeuter; von der Arithmetik wissen wir aber ganz und gar nichts.«

Die Engländer schauen einander an und sprechen:

»Das ist erstaunlich!«

Der Linkser antwortet:

»Bei uns ist das überall so.«

»Was ist das aber« — fragen sie — »für ein Buch in Rußland ‚der Traumdeuter‘?«

»Das« spricht er — »ist ein Buch, das sich darauf bezieht, daß, wenn König David im Psalter irgend etwas hinsichtlich des Wahrsagens nicht deutlich genug erklärte, dann erraten sie im Traumdeuter die Ergänzung.«

»Das ist schade, besser wäre es, ihr wüßtet etwas aus der Arithmetik, wenn auch nur die vier Spezies, — das wäre euch bei weitem nützlicher als den ganzen Traumdeuter zu kennen. Dann könntet ihr euch vorstellen, daß in jeder Maschine die Kraft berechnet ist, aber sonst, wenn ihr auch sehr kunstvoll mit den Händen seid, habt ihr nicht wissen können, daß ein so kleines Maschinchen, wie in dem ‚Nymphusorium‘, auf die allergenaueste Genauigkeit berechnet ist und eure Hufeisen nicht tragen kann. Deshalb springt auch jetzt das ‚Nymphusorium‘ nicht und tanzt kein ‚Dansé‘.«

Der Linkser stimmte bei.

»Darüber« — spricht er — »gibt es keinen Streit, daß wir in den Wissenschaften nicht kundig sind, nur sind wir unserm Vaterlande treu ergeben.«

Die Engländer aber sagen ihm:

»Bleibt bei uns; wir werden Euch eine große Gebildetheit beibringen, und aus Euch wird ein erstaunlicher Meister werden.«

Damit war aber der Linkser nicht einverstanden.

»Ich« — spricht er — »habe zu Hause Eltern.«

Die Engländer erklärten sich bereit, seinen Eltern Geld zu schicken, der Linkser nahm aber nicht an.

»Wir« — spricht er — »hängen an unserer Heimat, und mein Väterchen oben ist schon ein alter Mann, meine Mutter ein altes Frauchen und gewohnt in ihrer Gemeinde zur Kirche zu gehen; und auch mir wird es hier in der Einsamkeit langweilig sein, weil ich noch unverheiratet bin.«

»Ihr« — sprechen sie — »werdet Euch gewöhnen. Ihr werdet unsern Glauben annehmen, und wir werden Euch verheiraten.«

»Dies« antwortet der Linkser »wird niemals sein können.«

»Weshalb denn?«

»Weil« — antwortet er — »unser russischer Glaube der allerrichtigste ist, und wie unsere Vorväter glaubten, genau so sollen auch die Nachkommen glauben.«

»Ihr« — sprechen die Engländer — »kennt nicht unsern Glauben: wir sind von demselben christlichen Gesetz und haben dasselbe Evangelium.«

»Das Evangelium« — antwortet der Linkser — »ist tatsächlich bei allen eines, nur sind unsere Bücher dicker als eure, und auch der Glaube ist bei uns ‚voller‘«.

»Weshalb könnt Ihr das so beurteilen?«

»Wir haben dafür« — antwortet er — »alle augenscheinlichen Beweise.«

»Welche?«

»Aber solche:« — antwortet er — »bei uns gibt es sowohl wundertätige Heiligenbilder, öltropfende Schädel und Reliquien, bei euch aber gibt es gar nichts, und sogar außer dem einen Sonntag keinerlei außerordentliche Feiertage; aber auch aus einer zweiten Ursache wird es mir mit einer Engländerin zu leben, mögen wir auch nach dem Gesetze getraut sein, konfus sein.«

»Weshalb denn das?« — fragen sie. — »Ihr braucht die unsrigen nicht gering zu schätzen — sie kleiden sich gleichfalls sehr sauber und sind wirtschaftlich.«

Der Linkser aber spricht:

»Ich kenne sie nicht!«

Die Engländer antworten:

»Das ist nicht wichtig — Ihr werdet sie kennen lernen können. Wir werden euch ein ‚Grandewu‘ bereiten.«

Der Linkser ward verschämt.

»Weshalb« spricht er »umsonst die Mädchen irreführen,« und er bedankte sich. »Ein ‚Grandewu‘« spricht er — »das ist eine Sache für Herrschaften, uns aber ziemt es nicht, und wenn man davon zu Hause, in Tula, erfahren wird, wird man über mich ein großes Gelächter anstimmen.«

Die Engländer wurden neugierig.

»Wenn aber« — sprechen sie — »ohne ‚Grandewu‘, wie verfährt man dann bei euch in solchen Fällen, um eine angenehme Wahl zu treffen?«

Der Linkser erklärte ihnen unsere Lage:

»Bei uns« — spricht er — »wenn ein Mann hinsichtlich eines Mädchens eine ernsthafte Absicht eröffnen will, so sendet er ein ‚redsames‘ Weib, und nachdem sie den Vorschlag machte, kommt man höflich ins Haus, und das Mädchen schaut man an, nicht sich heimlich versteckend, vielmehr in Gegenwart der ganzen Verwandtschaft.«

Sie verstanden, antworteten aber, bei ihnen gäbe es keine »redsamen« Weiber, und eine solche Gewohnheit sei nicht eingeführt.

Der Linkser aber spricht:

»Desto angenehmer ist es auch. Wenn man sich mit solchen Dingen befaßt, so muß man das mit wirklicher Absicht tun; da ich aber dies zu einer fremden Nation nicht empfinde, weshalb soll man dann die Mädchen irreführen?«

Er gefiel den Engländern auch in diesen seinen Urteilen, so daß sie wiederum anfingen, ihm freundschaftlich auf Schulter und Knie mit der Hand zu schlagen, selber aber fragen sie:

»Wir« — sprechen sie — »wünschten einzig und allein aus Neugierde zu wissen: welche fehlerhaften Kennzeichen Ihr bei unsern Mädchen bemerkt habt, und weshalb Ihr sie meidet?«

Da antwortete ihnen der Linkser schon ganz offen:

»Ich tadle sie nicht, mir gefällt nur nicht, daß die Kleidung um sie herumschlottert, und man nicht herausbekommt, was da eigentlich angezogen ist und für welche Notwendigkeit; da ist irgend etwas, und weiter unten ist noch irgend etwas anderes angesteckt, an den Händen aber so eine Art Strümpfe. Ganz genau wie ein Affe — ‚sapajou‘ — ‚Plüschtalma‘!«

Die Engländer brachen in Lachen aus und sprechen:

»Was für ein Hindernis liegt denn für Euch darin?«

»Ein Hindernis« — antwortet der Linkser — »ist das nicht, ich fürchte nur, daß es schamvoll sein wird, zuzuschauen und zu erwarten, wie sie sich aus dem allen herausschälen wird!«

»Ist denn wirklich« — sprechen sie — »euere ‚Fasson‘ besser?«

»Unsere Fasson« — antwortet er — »ist in Tula einfach: jede geht in ihren selbstgefertigten Spitzen, und unsere Spitzen tragen sogar auch die großen Damen!«

Sie stellten ihn auch ihren Damen vor, und dort goß man ihm Tee ein und fragte:

»Weshalb verzieht Ihr Euer Gesicht?«

»Weil wir« — spricht er — »nicht gewohnt sind süß zu trinken!« Darauf gaben sie ihm auf russische Weise Zucker zum Zubeißen. Ihnen scheint es, daß es so schlechter sei, er aber spricht: »Nach unserm Geschmack ist es so wohlschmeckender.«

Durch gar nichts vermochten die Engländer ihn zu bestimmen, daß er sich an ihr Leben fessele; sie überredeten ihn nur, kurze Zeit bei ihnen als Gast zu bleiben, sie würden ihn in dieser Zeit durch verschiedene Werkstätten führen und ihm ihre Kunst zeigen.

»Darauf aber« — sprechen sie — »werden wir ihn auf unserm eigenem Schiff fahren und lebendig nach Petersburg bringen.«

Damit war er einverstanden.

 

XVI

Die Engländer nahmen den Linkser bei sich auf, den russischen Kurier aber schafften sie zurück nach Rußland. Obgleich der Kurier einen Rang hatte und mehrere Sprachen verstand, interessierten sie sich nicht für ihn, für den Linkser interessierten sie sich aber; und sie begannen ihn zu führen und ihm alles zu zeigen. Er beschaute ihre ganze Produktion, sowohl die Metallfabriken wie die Seifen- und Sägewerke, und alle ihre wirtschaftlichen Einrichtungen gefielen ihm sehr, besonders hinsichtlich der Lage der Arbeiter. Jeder Arbeiter ist bei ihnen ständig satt und nicht in Lumpen angezogen, vielmehr jeder trägt geeignete Kleidung und ist beschuht mit dicken benagelten Stiefeln, damit man sich nirgends den Fuß verletzen kann, er arbeitet nicht mit irgend einem Brecheisen, vielmehr mit einem Werkzeug, und er hat Verständnis. Jedem hängt eine Rechentabelle vor Augen, und unter der Hand hat er eine Abwischtafel: bei allem, was nur ein Meister macht — schaut er auf die Tabelle und vergleicht mit Verständnis, darauf aber schreibt er etwas auf dem Täfelchen, anderes streicht er aus und führt es akkurat aus: Was mit Zahlen geschrieben steht, das kommt auch in der Tat heraus. Ist es aber Feiertag, so nimmt jeder sein Liebchen und in die Hand ein Stöckchen, und dann gehen sie spazieren, ehrsam, wohlanständig, wie es sich gehört.

Der Linkser schaut auf ihr ganzes Leben, und auf alle ihre Arbeiten, aber am allermeisten Aufmerksamkeit verwandte er auf einen solchen Gegenstand, daß die Engländer sehr staunten. Nicht so sehr interessiert es ihn, wie man neue Gewehre macht, als in welchem Zustand sich die alten befinden. Überall geht er umher, lobt und spricht:

»Das können auch wir so.«

Wenn er aber zu einem alten Gewehr kommt — steckt er den Finger in den Lauf, fährt mit ihm an der Innenwand herum und seufzt:

»Das« — spricht er — »ist unvergleichlich besser als bei uns.«

Die Engländer vermochten durchaus nicht zu erraten, was da der Linkser bemerkt, er aber fragt:

»Kann ich nicht« — spricht er — »wissen, ob unsere Generäle dies irgendwann anschauten oder nicht?«

Man sagte ihm:

»Die hier waren, die müssen es wohl gesehen haben.«

»Wie aber« — spricht er »waren sie: in Handschuhen oder ohne?«

»Eure Generäle« — sprechen sie — »sind ausgeputzt, sie gehen immer in Handschuhen, so sind sie wohl auch hier so gewesen.«

Der Linkser sagte gar nichts. Plötzlich aber begann er unruhig zu werden und sich zu grämen und spricht zu den Engländern:

»Ergebenst danke ich euch für alle Bewirtung, und ich bin mit allem bei euch sehr zufrieden, und alles, was mir nötig war zu schauen, habe ich schon erschaut, jetzt aber möchte ich möglichst rasch nach Hause!«

Auf keine Weise vermochten sie ihn weiter zurückzuhalten. Zu Lande konnte man ihn nicht ziehen lassen, weil er keine Sprache kannte, auf dem Wasser zu schwimmen war aber nicht gut, weil es Herbstzeit war und stürmisch; er aber bestand darauf: »Laßt mich ziehen!«

»Wir« — sprechen sie — »haben auf den Sturmmesser geschaut: es wird Sturm geben, du kannst ertrinken: das ist ja nicht das, was bei euch der finnische Meerbusen ist, vielmehr ist da das wirkliche ‚festländische‘ Meer.«

»Dies ist alles einerlei« — antwortete er — »weshalb sterben — alles ist der Wille Gottes, ich aber wünsche möglichst rasch nach der Heimat zurückzukehren, weil ich mir sonst eine Art Geistesstörung holen kann.«

Man hielt ihn nicht mit Gewalt zurück: man fütterte ihn, belohnte ihn mit Geld, schenkte ihm zum Andenken eine goldene Uhr mit »Trepetir«, gegen die Frische des Meeres einen Friesmantel mit »Windkapuze« auf den Kopf. Sehr warm kleideten sie den Linkser und führten ihn auf das Schiff, das nach Rußland fuhr. Dort brachten sie den Linkser am besten Platz unter, wie einen wirklichen Herrn; er aber liebte es nicht, mit den übrigen Herrschaften in der Kajüte zu sitzen, und es war ihm peinlich. Er ging vielmehr auf das Deck, setzte sich unter das »Present« und fragte:

»Wo ist unser Rußland?«

Der Engländer, den er fragt, deutet ihm mit der Hand oder zeigt ihm mit dem Kopf, er aber wendet sich mit dem Gesicht dahin und schaut ungeduldig nach der heimatlichen Seite.

Als sie aus der Bucht ins »festländische« Meer kamen, da überkam ihn eine solche Sehnsucht nach Rußland, daß man ihn auf keine Weise beruhigen konnte. Die Wasserströmung war furchtbar, aber der Linkser geht immer nicht hinunter in die Kajüte — er sitzt unter dem ‚Present‘, hat die Kapuze vorgerückt und schaut nach dem Vaterland.

Oftmals kamen die Engländer, um ihn in den warmen Raum nach unten zu rufen, er aber, damit sie ihn nicht langweilen, begann sogar drauflos zu schimpfen.

»Nein« — antwortet er — »mir ist es besser hier draußen, sonst wird aus mir unter dem Dach von dem Schwanken noch ein Meerschweinchen werden.«

So ging er denn die ganze Zeit bis zu einem ganz besonderen Fall nicht hinunter, und dadurch gefiel er sehr einem Bootsmann, der zum Unglück unseres Linksers russisch zu sprechen verstand. Dieser Bootsmann konnte nicht genug darüber staunen, daß ein russischer Landmensch auch so alle Unwetter aushalte.

»Ein forscher Kerl« — spricht er — »der Russe. Laßt uns trinken!«

Der Linkser trank.

Der Bootsmann sagt:

»Noch!«

Der Linkser trank noch, und sie betranken sich.

Der Bootsmann fragt ihn auch:

»Was für ein Geheimnis bringst du von unserm Reich nach Rußland?«

Der Linkser antwortet: »Das ist meine Sache!«

»Aber wenn so« — antwortet der Bootsmann — »so laß uns eine englische Wette eingehen.«

Der Linkser fragt:

»Was für eine?«

»Eine solche: nichts allein zu trinken, vielmehr alles in gleicher Weise — was der eine, das unbedingt auch der andere, und wer den andern übertrinkt, der ist auch obenauf.«

Der Linkser denkt: »der Himmel bewölkt sich, den Bauch treibt es auf — die Langeweile ist groß, der Weg ist lang, und die Heimat hinter der Welle nicht sichtbar — die Wette zu halten wird gleichwohl lustiger sein.«

»Schön« — spricht er — »es gilt!«

»Nur, daß es ehrlich zugehe!«

»Ja, schon darüber,« spricht er, »beunruhigt Euch nicht!«

Sie wurden einig und gaben einander die Hand.

 

XVII

Die Wette begann noch im »festländischen« Meere, und sie tranken bis zur Rigaschen Dünamünde, aber sie tranken immer gleich und gaben einer dem andern nicht nach, und bis dahin tat es einer dem andern gleich, daß, wenn der eine ins Meer blickte und sah, wie aus dem Wasser der Teufel hervorkriecht, sich sogleich auch dem andern ganz dasselbe offenbarte. Nur, daß der Bootsmann einen rothaarigen Teufel sieht, während der Linkser sagt, er sei dunkelhaarig, wie ein Mohr.

Der Linkser spricht:

»Bekreuze dich und drehe dich weg — das ist der Teufel aus der Meerestiefe.«

Der Engländer aber streitet:

»Das ist ein Taucher.«

»Willst du« — spricht er — »so will ich dich ins Meer schleudern, aber fürchte dich nur nicht, er wird dich mir sogleich zurückgeben.«

Der Linkser aber antwortet:

»Wenn das so ist, so wirf mich nur ins Wasser.«

Der Bootsmann nahm ihn auf den Rücken und trug ihn zum Bord.

Die Matrosen sahen dies, hielten sie an und teilten das dem Kapitän mit; der aber befahl, sie beide unten einzuschließen und ihnen Rum und Wein zu geben und kalte Speisen, damit sie essen und trinken und ihre Wette ausrichten könnten. Aber den heißen »Studing« ihnen brennend zu geben verbot er, damit bei ihnen im Innern der Spiritus sich nicht entzünden könne.

So brachten sie sie eingesperrt bis nach Petersburg, und jene Wette hatte keiner an den andern verloren, dort aber legte man sie auf gleiche Tragbahren und brachte den Engländer ins Gesandtenhaus auf dem »Englischen Quai«, den Linkser aber ins Polizeirevier.

Von da an begann ihr Schicksal sich gar sehr zu unterscheiden.

 

XVIII

Als man den Engländer ins Gesandtenhaus gebracht hatte, rief man sogleich einen Arzt und einen Apotheker zu ihm. — Der Arzt befahl, ihn in seiner Gegenwart in eine warme Wanne zu setzen, der Apotheker aber drehte sogleich eine Guttaperchapille und steckte sie ihm in den Mund, darauf aber legten sie ihn beide zusammen auf ein Federbett, bedeckten ihn mit einem Pelz und ließen ihn schwitzen, damit ihn aber niemand störe, ward in der ganzen Gesandtschaft der Befehl gegeben, daß niemand zu niesen wage. Es warteten der Arzt und der Apotheker, bis der Bootsmann eingeschlafen war, und dann bereiteten sie ihm eine zweite Guttaperchapille, legten sie neben das Kopfende auf ein Tischchen und gingen hinaus.

Den Linkser dagegen legte man im Polizeihaus auf den Fußboden und man fragte ihn: Wer er ist, und von woher, und ob er einen Paß, oder ein anderes »Tugament« besitze?

Er aber war von der Krankheit, vom Trinken und vom langen Schwanken so schwach geworden, daß er kein Wort antwortet, vielmehr nur stöhnt.

Darauf suchten sie ihn sogleich aus, nahmen ihm sein Kleid ab, nahmen ihm auch die Trepetiruhr und das Geld, und ihn selber befahl der Polizeimeister in der ersten besten Droschke kostenlos ins Krankenhaus abzuliefern.

Der Schutzmann führte den Linkser hinaus, um ihn auf einen Schlitten zu setzen, lange konnte er aber keinen einzigen Kutscher festkriegen, weil sie alle vor dem Polizisten davonlaufen. Der Linkser aber lag diese ganze Zeit über auf dem kalten Boden der Auffahrt; alsdann erwischte der Schutzmann einen Fuhrmann, nur ohne die warme Pelzdecke, weil sie sie in solchem Falle unter sich zu verstecken pflegen, damit dem Polizisten möglichst rasch die Füße kalt werden sollen. Man fuhr den Linkser so, unbedeckt; wie sie ihn von einer Droschke auf die andere übersetzen, lassen sie ihn immer fallen, wenn sie ihn aber aufheben, dann reißen sie ihn an den Ohren, damit er zur Besinnung komme. Man brachte ihn in ein Krankenhaus, man nimmt ihn nicht an ohne Tugament; man bringt ihn in ein anderes — auch dort nimmt man ihn nicht auf, und so in ein drittes und in ein viertes — bis ganz zum Morgen schleppten sie ihn über alle entfernten Krummwege und setzten ihn immer so von einem Schlitten auf einen andern, daß er sich völlig zerschlug. Da sagte ein Unterarzt dem Schutzmann, man solle ihn in das Obuchowsche Armenkrankenhaus bringen — wo man alle von unbekanntem Stande zum Sterben aufnimmt.

Dort befahl man eine Quittung zu geben, den Linkser aber bis zur Aufnahme auf den Boden im Korridor hinzulegen.

Der englische Bootsmann stand aber um diese selbe Zeit am andern Tage auf, verschluckte die andere Guttaperchapille, aß zum leichten Frühstück ein Huhn mit Reis, trank Schnaps und sprach:

»Wo ist mein russischer Kamerad? Ich werde ihn suchen gehen!«

Er zog sich an und lief davon.

 

XIX

Wunderbarerweise fand der Bootsmann sehr rasch den Linkser, man hatte ihn nur noch nicht ins Bett gelegt, er lag vielmehr im Korridor auf dem Fußboden und beklagte sich vor dem Engländer:

»Ich müßte« — spricht er — »unbedingt zwei Worte dem Kaiser sagen.«

Der Engländer lief zum Grafen Kleinmichel und machte Lärm.

»Kann man denn so! Wenn er auch einen Schafpelz trägt, so hat er doch eine Menschenseele.«

Den Engländer jagte man sogleich wegen dieser Bemerkung fort — damit er nur nicht wage, an die Menschenseele zu erinnern. Darauf aber sagte ihm irgend jemand:

»Geh’ du lieber zum Kosak Platow — er hat einfache Gefühle.«

Der Engländer traf Platow an, der jetzt wiederum auf der Kouschette lag. Platow hörte ihm zu und erinnerte sich des Linksers.

»Wie denn, Brüderchen« — spricht er — »ich bin sehr nahe mit ihm bekannt; ich habe ihn sogar an den Haaren gezogen; ich weiß nur nicht, wie ich ihm in einer so unglücklichen Lage helfen kann, weil ich schon ausgedient habe und völlige Entlassung erhielt. Jetzt achtet man nicht mehr auf mich. Du aber laufe möglichst rasch zum Kommandanten Skobelew, er ist in der Macht und gleichfalls auf diesem Gebiet erfahren — er wird irgend etwas tun.«

Der Bootsmann ging auch zu Skobelew und erzählte alles: was für eine Krankheit der Linkser hat und woher sie stammt. Skobelew spricht:

»Ich verstehe diese Krankheit, nur können sie die Deutschen nicht heilen, da braucht man vielmehr einen Arzt aus dem geistlichen Stande, weil die in diesen Sachen heranwachsen und zu helfen vermögen; ich werde sogleich den russischen Arzt Martyn-Solskij dahin schicken.«

Als aber Martyn-Solskij nur eben ankam, war der Linkser schon am Sterben, weil sein Nacken an der Eingangstreppe zerschlagen worden war. Und er vermochte nur eines vernehmlich zu sprechen:

»Sagt dem Kaiser, daß man bei den Engländern die Gewehre nicht mit Ziegel reinigt. Mögen sie auch bei uns sie nicht so reinigen, sonst, behüte Gott, sollte ein Krieg werden, so taugen sie nicht zum Schießen.«

Und mit dieser Wahrheit bekreuzte sich der Linkser und starb.

Martyn-Solskij ging sogleich, dies dem Grafen Tschernyschow zu berichten, damit der es dem Kaiser hinterbringe. Graf Tschernyschow aber schrie ihn an:

»Wisse« — spricht er — »deine Brech- und Abführmittel, mische dich aber nicht in das, was nicht deine Sache ist — in Rußland gibt es dafür Generäle.«

Dem Kaiser hat man es so auch nicht gesagt, und diese Reinigung der Gewehre ward fortgesetzt bis zum Krimkriege. Als man damals die Gewehre lud, wackelten die Kugeln in ihnen hin und her, weil die Läufe mit Ziegel gereinigt waren. Da erinnerte Martyn-Solskij den Tschernyschow an den Linkser. Graf Tschernyschow aber spricht:

»Geh zum Teufel, ‚Plesirspitze‘, mische dich nicht in das, was nicht deine Sache ist, sonst werde ich ableugnen, daß ich von dir hierüber hörte — dann wirst du selber hereinfallen.«

Martyn-Solskij dachte nach: in der Tat wird er ableugnen, und so schwieg er auch.

Hätte man aber die Worte des Linksers zu seiner Zeit dem Kaiser hinterbracht, so hätte der Kampf mit dem Feinde in der Krim eine ganz andere Wendung genommen.