VON OSCAR A. H. SCHMITZ
UND irgendeiner kam und liess eine helle heitere Musik über uns ergehen, lustig wie eine Gavotte oder eine Passacaglia des achtzehnten Jahrhunderts. Um uns erstand eine helle Kirche, überall schwebten gutgenährte Amoretten, die Fruchtschnüre von Loge zu Loge trugen: gewundene goldgezierte Säulen umgaben ein blau und rosa Altarbild. Und wie lustig die Herzoginnen davor knieten! Wie das nach Puder roch; und alle lachten über den famosen Priester, der sie mit richtigen Taschenspieler-Kunststücken unterhielt. Ich bat den Sakristan, der an mir vorüber wollte, um Erklärung. Liebenswürdig wie ein weltgewandter Jesuit nannte er mir die Namen aller Anwesenden. Der Priester war der berühmte Graf von Saint-Germain, die am prächtigsten gekleidete Dame die Herzogin von Chartres. Wie war ich nur hierher gekommen und was sollte ich an einem Orte tun, wo ich keinen Menschen kannte? (ob ich mich gleich deutlich erinnerte, den Grafen schon einmal auf einem Kupferstich gesehen zu haben). Da fiel mir ein, dass ich ja noch heute mit ihm gespeist hatte, dass er mich irgendwohin mitnehmen wollte, zu Freunden. Ich ärgerte mich, dass er mich nun allein liess.
„Alta-Carrara!“ rief ich gereizt.
„Pst, pst,“ flüsterte der Sakristan begütigend, „verraten Sie ihn doch nicht, warum denn immer gleich Namen nennen? Hier heisst er Graf von Saint-Germain. Sie müssen ihn im neunzehnten Jahrhundert getroffen haben. Dort nennt er sich Alta-Carrara. Neulich war eine Dame aus dem vierzehnten Jahrhundert hier, die nannte ihn Buonaccorso Pitti, Sie sehen, alles ist relativ,“ sagte er pfiffig.
„Und du, unausstehlicher Schwätzer,“ fragte ich, „welchem Jahrhundert bildest du dir denn ein, anzugehören?“
„Ich?“ fragte er stolz, „natürlich dem achtzehnten, Sie hingegen sind so unhöflich, dass Sie nur in das neunzehnte passen. Ich schreibe heute — mit Vergunst — den 15. September 1768.“
Mit einer überaus gezierten Bewegung verliess er mich. Ich hatte eine unbezwingliche Wut auf Alta-Carrara, der noch immer seine Kunststücke vor dem Altare machte. Ich beschloss, einen günstigen Augenblick abzuwarten, um ihn zur Rede zu stellen. Einstweilen zog ich einen langen gewundenen Schnörkel von einer Säule, machte eine Schlinge daraus und stellte mich an der Kirchentür auf. Es dauerte nicht lange, bis der Graf mit einer Verbeugung seinen Zuschauerinnen anzeigte, dass die Vorstellung zu Ende sei. Mit selbstzufriedenem Lächeln durchschritt er die Kirche, von den bewundernden Blicken der Herzoginnen verfolgt. Eben wollte er auf die Strasse treten, als ich ihm meine Schlinge über den Kopf warf. Er wusste nicht recht, was mit ihm vorging, aber als Mann von Welt lächelte er und sagte mit Ironie:
„Ihrer hübschen Tracht nach müssen Sie aus dem neunzehnten Jahrhundert sein. Kann ich Ihnen mit etwas dienen?“
„Tun Sie nicht, als ob Sie mich nicht kennen,“ erwiderte ich ärgerlich, „Sie versprachen mir . . . .“
„Oh verzeihen Sie, diese Damen hielten mich ein wenig auf. Nun bin ich wieder ganz der Ihre. Wir haben übrigens noch viel Zeit vor uns“ — dabei zog er seine Uhr aus der Tasche — „es sind noch über zwanzig Jahre bis zur Revolution. Wir können uns noch lange unterhalten.“
Mein Ärger wurde plötzlich durch ein rasendes Bedürfnis nach ausgelassenster Lustigkeit abgelöst.
„Ich will lachen, schreien, purpurne Visionen haben,“ bemerkte ich aufgeregt. Der Graf erschrak ein wenig.
„Wir werden ja sehen,“ begütigte er.
Wir stiegen in ein Kabriolett, um nach dem Marais zu fahren. Es war Nacht, aber ungemein belebt in den Strassen. Es musste wohl Karneval sein. Bunte Masken begegneten uns und warfen Blumen in den Wagen. Überall herrschte ausgelassenes trunkenes Geschrei.
„Die Leute wissen, dass es nur noch zwanzig Jahre dauert,“ sagte Saint-Germain. „Aber sie stellen es sich schlimmer vor, als es wirklich werden wird. Ich habe ihnen nämlich vorgeschwindelt, die Jakobiner würden ganz Paris niederbrennen und alle, die fortlaufen wollten, erschlagen.“
Saint-Germain konnte sich vor Lachen über diesen Spass kaum halten.
„Warum haben Sie denn das getan?“ fragte ich verständnislos.
„Ganz einfach, um ihre Lustigkeit ins masslose zu steigern. Solche kleine weltgeschichtliche Schauspiele sind das einzige Amüsement meines Lebens. Glauben Sie, ich wolle mich langweilen wie der kleinbürgerliche Ahasver? Das hübscheste, was ich mir leistete, war doch die Geschichte mit den Albigensern. Denen habe ich nämlich eingeredet, sie müssten die Sünde durch die Sünde heilen. Im neunzehnten Jahrhundert nennen sie das — glaube ich — Homöopathie, similia similibus. Die guten Leute bildeten sich in der Tat ein, sie müssten alles Böse mit Gewalt aus sich heraussündigen. Nun, Sie können sich denken, was das für Szenen gab. Aber ich will Sie nicht mit Beschreibungen ermüden, denn Sie sollen heute etwas Ähnliches in Wirklichkeit sehen.“
„Halten Sie nur Wort!“ erwiderte ich etwas ungläubig.
„Ich habe nämlich eine kleine auserlesene Gesellschaft zu einem Fest bei dem Grafen Gilles de Laval eingeladen, den Sie in Deutschland — so viel ich weiss — Ritter Blaubart nennen, aber die Gäste wissen selbst nicht, wo sie sich befinden. Man ahnt nur, dass es einen Hauptspass geben wird; verraten Sie also nichts, denn mein Freund Gilles möchte, als Kapuzinermönch verkleidet, unbekannt bleiben. Er liebt das achtzehnte Jahrhundert nicht sehr.“
Unter solchen Gesprächen kamen wir auf der Place des Vosges an. Wir trieben uns einige Zeit, ohne Aufmerksamkeit zu erwecken, unter den Arkaden umher und liessen uns dann in einer Sänfte an das Guisenpalais im Marais tragen. Nachdem wir uns überzeugt hatten, dass die Träger weit entfernt waren, schlüpften wir in eine kleine Gasse, an deren Ende sich ein sehr armseliges Holzpförtchen befand. Der Graf schlug an die Tür. Ein scheussliches altes Weib öffnete. Wir standen in einem feuchtkalten dunklen Vorraum: ich folgte Saint-Germain durch einige schlecht beleuchtete, unangenehme Gänge, bis er stehen blieb, seinen Mantel abwarf und in reicher Hoftracht dastand. Er strich sich das gepuderte Haar zurecht, betrachtete unter einer Kerze in einem Handspiegel sein Gesicht, das er wie ein seidenes Tuch zusammenzufalten und wieder aufzurollen schien, bis ihm eine Lage gefiel. Ich wurde vor Ungeduld ganz nervös. Schliesslich öffnete er eine Tür. Wir traten in einen gelb und silbernen Vorraum. Vor ungeheueren, kerzenlichtüberströmten Spiegeln bewegten sich reichgekleidete Damen und Kavaliere. Eine breite Treppe führte nach einer an die Decke stossenden Flügeltür hinauf; alle schauten gespannt nach dieser Tür. Mein Bedürfnis nach Lustigkeit wich einem faszinierten Starren vor den Lichtfluten, die mich umwogten, vor den bunten kostbaren Gewändern und den heftigen Blumengerüchen. Gebannt liess ich alles über meine Sinne ergehen. Plötzlich trat ein Auvergnat aus der Tür.
„Ah Castel-Bajac,“ rief man.
„Alles ist bereit,“ sagte Castel-Bajac mit dem pfiffigen Gesicht eines Kochs, der einen neuen Leckerbissen erfunden hat. Er öffnete die beiden Flügel nach der Galerie eines grossen Saales. In höchster Aufregung stiegen nun alle diese eleganten Leute die Treppe hinauf und traten durch die Tür. Ich mischte mich unter sie. Wir nahmen auf der Galerie Platz und blickten in den leeren Saal hinab. Während oben alles um uns her in dem hellen prunkenden Gold- und Spiegelgeschmack des achtzehnten Jahrhunderts gehalten war, dem auch die lustigen reichen Gewänder entsprachen, schien der Saal selbst einen Ausblick in fremde düstere Vergangenheit zu gewähren, in eine ausschweifende sinnlose Gotik voll zitternder wilder Schlinggewächse und Schlangen um die spitzbogigen Fenster, in die finstere unbändige Phantastik des sterbenden Mittelalters voll wüster, henkerhafter Lustigkeit. Der Saal, in dem zahllose lange Kirchenkerzen ein unbestimmtes gelbes Licht verbreiteten, war ganz menschenleer. In der Mitte stand eine lange reiche Tafel, deren Goldgeschirr aus der Kirche genommen schien. Die verblüffendsten Gläserformen ragten zwischen seltenen traumhaften Pflanzen heraus. Ich war erstaunt, dass meine erlauchte Umgebung nicht unten an der Tafel Platz nahm, sondern sie nur von der hellen Galerie aus betrachtete. Plötzlich hörte man draussen Stimmen, die sich dem Saale zu nähern schienen. Zwei weite Türen taten sich auseinander und eine Schar auvergnatischer Bauern in steifem Sonntagsstaat trat schüchtern und verwundert unter der Führung Castel-Bajacs herein. Sie liessen sich mit ihren Weibern um die prachtvollen Tafeln Plätze anweisen und wagten kaum zu reden, während sie bisweilen schüchterne Blicke auf die Galerie warfen, wo man aufgeregt ihnen vertraulich und ermutigend zuwinkte. Man schien ein Hauptvergnügen von ihnen zu erwarten. Es war in der Tat sehr unterhaltend, wie diese steifen Menschen, teils ernste würdige Gestalten, teils plumpe ungeschlachte Lümmel allmählich unbefangener und kühner wurden, je mehr Nahrung sie in sich aufnahmen. Diener reichten ihnen schweigend und würdevoll die Speisen umher und bald schien es ihnen gar nicht mehr seltsam vorzukommen, dass sie sich hier befanden. Jeder hielt sich in seinem Innern von Rechts wegen zu dem Leben eines Grandseigneur bestimmt.
„Sie sind entzückend, diese Leute . . .“ sagte eine kleine Marquise.
„Wenn man bedenkt, dass uns ihre Kinder in zwanzig Jahren alle totschlagen werden,“ fügte Saint-Germain hinzu.
„Demain donnons au diable
un monde turbulent“
trällerte die Marquise nervös. Die Leute auf der Galerie wurden ungeduldig. Man schien auf etwas zu warten, was zu lange ausblieb. Die Bauern überliessen sich indes einer derben aber unterdrückten, pfiffigen Heiterkeit. Da traten sechs Diener in den Saal und brachten in schmalen, sehr langen Karaffen einen dunklen Wein, der als Lieblingsgetränk des schwelgerischen Königs Karls VII. angekündigt wurde. In diesem Augenblick verstummten alle die nervösen, ungeduldigen, witzelnden Bemerkungen auf der Galerie. Es bemächtigte sich aller eine grenzenlose Erregung. Sie blickten sich wie in geheimem Einverständnis an. Die Augen, besonders die der Frauen, schienen ekstatisch zu glänzen. Es war, als ob alle von einer mir unsichtbaren Vision geblendet wurden. Überall um mich her stumme wogende Erregung. Wenn diese Menschen, die irgend etwas Scheussliches verabredet haben mussten, jetzt mit Dolchen übereinander hergefallen wären, hätte ich es noch nicht für das schlimmste gehalten. Es mussten sich viel fürchterlichere Dinge vorbereiten. Diese durch das Vergnügen abgestumpften Leute schienen zu wissen, dass nun etwas selbst für ihre Sinne Unerhörtes kommen würde. Nur der Graf von Saint-Germain hatte seine Ruhe bewahrt. Lächelnd trat er an mich heran.
„Was geht hier vor?“ fragte ich, „wohin haben Sie mich geführt? Ist es schon die Revolution?“
„Noch lange nicht,“ sagte er milde, „man gibt den guten Leuten nur ein wenig Aroph zu trinken.“
Indessen war unten im Saal das schwarze Getränk in Gläser gegossen worden. Einige der Bauern hatten schon getrunken. Ihre Augen begannen zu blitzen. Sie schauten sich anfangs etwas unsicher an, als glaubten sie ihren eigenen Empfindungen nicht. Dann schienen sie sich gegenseitig zu irgend etwas zu ermutigen. Man zögerte noch, aber in jedem Augenblick konnte die Wut ausbrechen.
„Das ist die Revolution!“ rief ich entsetzt. „Diese Bauern werden uns töten. Saint-Germain macht sich über uns lustig, er will uns alle auf der Guillotine sehen.“
Empört und mit unsäglicher Verachtung blickte man sich nach mir um, wie nach einem, der die erregende Vorstellung einer Tragödie durch Nüsseknacken stört.
„Das ist die Revolution!“ rief ich wiederholt.
„Und wenn auch,“ sagte die Marquise, der mein Geschrei nun doch zu viel wurde.
„Damit machen Sie ihnen keine Angst,“ bemerkte der Graf, „übrigens ist es nicht die Revolution.“
Plötzlich packte einer der Bauern seinen Nachbar am Arm, der in ein lautes sinnliches Gelächter ausbrach. Auf dieses Zeichen schienen alle gewartet zu haben. Die vorsichtigen, plumpen Leute schlugen ein brüllendes, johlendes Lachen an. Man schien zu merken, dass sich bisher jeder im geheimen allein für die niedrigste Bestie gehalten und nun freudig überrascht war, die andern genau ebenso zu finden. Jeder trug plötzlich zum grössten Erstaunen seiner Nachbarn die wohlbekannten, von der Kirche verbotenen Begierden auf der Stirn geschrieben. Sie schienen sich auf einmal gegenseitig in ihrer Tierheit zu entdecken. Einer drückte sich gierig an den andern, wobei vorläufig das Geschlecht gar keine Rolle spielte.
„Du Mordskerl . . . . Du Luder . . . .“ riefen sie und schlugen sich gegenseitig auf den Bauch.
„Sie sehen, dass das für uns ganz ungefährlich ist,“ flüsterte mir der Graf lächelnd zu.
„Ich muss mich entblössen,“ rief ein junges Bauernweib.
Viele Männerhände streckten sich nach ihr und entrissen ihr die Kleider.
„Ich auch . . . mir auch!“ riefen sie durcheinander.
Alle verliessen ihre Plätze, die Stühle fielen um, das Tafelgerät flog umher, ein irrsinniges Geschrei erhob sich aus dem Menschengewühl. Auf der Galerie konnte man sich vor Entzücken nicht mehr halten. Die Damen riefen erregt zu den Männern hinunter, so wie man Stierkämpfer in der Arena zu ermutigen pflegt. Einige von den Kavalieren auf der Galerie hatten ihre Degen gezogen und warfen sie unter dem Ruf „Blut . . . Blut“ hinab. Mitten in diese allgemeine Erregung der Galerie drängte sich plötzlich ein schwarzbärtiger Kapuzinermönch, der sich atemlos bis an die Brüstung Bahn brach.
„O das Leben, das prächtige Leben!“ rief er wie verzückt, „ich will baden im Leben!“
Mit diesen Worten riss er sein braunes härenes Kleid ab. Einen Augenblick sah man auf der Balustrade seine nackte, nervige Gestalt, die sich mit schnellem Schwung hinab in das Gewühl schwang. Eine namenlose Wut hatte sich der Bauern bemächtigt. Nur noch Fetzen von Kleidern hingen um die blutenden Körper; die Adern der Männer waren gereckt, die Frauen, die dem Ansturm erlagen, krallten unersättlich die Finger in die neben ihnen liegenden Körper. Manche heulten nach dem Tod, der sie von ihrer unstillbaren Raserei heilen sollte; sie griffen nach den Scherben von Glas und Porzellan, um sich oder andere in wahnsinnigem Lachen zu blenden oder zu töten. Auf der Galerie wusste man vor Vergnügen nicht mehr, was man erfinden sollte: man warf hinunter, was erreichbar war, Wandspiegel, Champagnergläser, Stühle, man riss sogar Portieren herab, schleuderte brennende Kerzen. Nur der Graf von Saint-Germain stand heiter lächelnd dazwischen. Manchmal wollte er reden:
„In London habe ich im vierzehnten Jahrhundert viel amüsantere Sachen gesehen.“
Aber niemand hörte ihm zu.
„Wer hat den Mut, mich hinabzuschleudern?“ rief die kleine Marquise, „meine Liebe dem, der es wagt!“
Keiner der Kavaliere schien das für ernst zu nehmen. Plötzlich erhoben sich aus dem Gewoge des Saales die Arme des Kapuziners.
„Kommen Sie, kleine Marquise, Ihre Urahnin war meine erste Geliebte . . .“
„Gilles de Laval,“ rief die Marquise ausser sich. „Ich erkenne dich . . . ganz das abscheuliche Porträt . . .“
Sie riss sich die Kleider ab, sprang hinunter und verschwand mit Gilles de Laval wie unter den Wellen des Meeres.
Gilles de Laval . . .! Der Name wirkte faszinierend auf die Frauen. Plötzlich wollten es alle der Marquise gleichtun und schrien, man solle sie hinunterwerfen. Wie von fremder Gewalt getrieben, ergriff einer nach dem andern fast feierlich seine Nachbarin und schleuderte sie über die Brüstung; wenige Sekunden lang konnte man Herzoginnen und Marquisen, die Trägerinnen der schönsten Namen Frankreichs, nackt durch die Luft fliegen sehen.
Mit zerschlagenen Gliedern kamen die Damen unten an. Schwindlig suchten sie sich zu erheben und hinkten ein wenig umher. Ringsum schien indessen das Feuer wie erloschen zu sein. Ein wenig verlegen blickten sie über die Haufen von Gliedmassen und zerschlagenen Geräten. Sie wussten gar nichts damit anzufangen. Und eben hatte man doch noch so ein mutiges Gefühl gehabt. Es ging doch etwas ganz Tolles vor, wo man sich hatte hineinstürzen wollen; und nun, als man unten ankam, war alles aus. Wie gern hätten diese Damen einige kleine Freuden der Grausamkeit genossen! Der Mut war ihnen aber wohl zu spät gekommen. Manchmal krallte sich oder stach noch eine Hand im Todeskrampf nach diesen zarten weissen Körpern, die wie Miniaturwalküren auf dem Schlachtfeld umherwandelten. Bisweilen brachte ihnen sogar ein Finger noch eine mittelmässige Wunde bei und da stiessen sie nette, kleine, verzückte Schreie aus, wie gut gezogene Kinder, die mit kaltem Wasser gewaschen werden und schlotternd rufen: „Hu . . . wie warm.“ Die Damen sahen traurig ein, dass sie zu spät gekommen waren, und nun traten gar schon Diener mit Schaufeln in den Saal. Die nackten Marquisen drückten sich verschämt in die Ecken und hielten die Hände über Brust und Schoss. Die Diener öffneten die Fenster und schaufelten die Überreste dieser Feierlichkeit hinaus. Unten im Hofe sah man im ersten Morgenlicht bleiches Menschengebein, das von früheren ausgelassenen Stunden des Grafen Gilles de Laval zeugte. Die Marquisen aber schlichen betrübt und verschämt durch ein Seitenpförtchen hinaus. Sie bereuten, sich ungeschickt benommen zu haben. Die armen Damen hatten sich umsonst entblösst.
Auf der Galerie waren die Zurückgebliebenen in ermattetes Schweigen versunken. Man kam langsam wieder zu Atem. Einige mahnten zum Aufbruch und erhoben sich, Händedrücke wurden getauscht, Verabredungen für den folgenden Tag gemacht. Einige Unermüdliche wollten noch soupieren gehen. Der Graf von Saint-Germain, den man unter keinen Umständen losgeben wollte, entschuldigte sich lächelnd. Er müsse nach Hause fahren, da er noch in dieser Nacht einige Kapitel aus dem Akshara Para Brahma Yog übersetzen wolle. Gegen solche Gründe des gelehrten Grafen pflegte man niemals Einwände zu machen und so verabschiedeten wir uns von diesen höflichen Leuten.
„Haben Sie etwas bemerkt?“ fragte mich der Graf, als wir auf der Strasse waren.
„Sehr viel,“ erwiderte ich.
„Ich meine, haben Sie bemerkt, dass ich selbst Gilles de Laval bin? So heisse ich im fünfzehnten Jahrhundert.“ Triumphierend blickte er mich an.
„Unmöglich; Sie waren doch die ganze Zeit auf der Galerie, Sie sprachen von London . . .“
„Einen Augenblick allerdings; können Sie sich aber erinnern, Gilles und mich nur eine Sekunde lang gleichzeitig gesehen zu haben?“
„Das nicht, aber . . .“
„Nun sehen Sie. Nächstens lade ich Sie zu einem Flagellantenzug nach Italien ein.“
Er half mir in einen Wagen, wo ich sofort einschlief.
***
Als ich wieder erwachte, — ich glaubte länger geschlafen zu haben, als vorher mein ganzes Leben gedauert hatte — stand eine Schale mit Früchten vor mir, die ich äusserst heftig begehrte, ohne die Kraft zu finden, danach zu greifen. Tränen traten mir in die Augen. Ich fühlte Abscheu vor meinem eigenen Leben, dessen trost- und gedankenlosem Wirbel ich wie durch ein Wunder entronnen zu sein geglaubt hatte. Diese unerreichbaren Früchte würden mir Gesundung bringen, reine, leicht zu erfüllende Wünsche an Stelle fieberhafter Gelüste. Es hatte mich jemand wohlmeinend, aber etwas derb von einem Abgrund gerissen, vor dem ich nichtsahnend stand.
„Wissen Sie nun, wo Sie sind?“ fragte lächelnd Alta-Carrara, der mir gegenüber gleich wie ich auf einem Diwan lag.
In dem Zimmer unterhielten sich mehrere Herren. Einige fragten nach meinem Befinden und gaben mir Ratschläge.
„Sie waren dabei,“ dachte ich, „als ich mein Leben zwecklos in künstlichen Sensationen vergeudete.“ Dennoch freute ich mich, ganz unbekannte Gefühle in mir zu entdecken, etwas wie Reue. Ich fühlte einen bitteren Geschmack, wenn ich an mein Leben dachte, das sich auf eine glühende Einbildungskraft und einen fieberhaft zerlegenden Verstand gegründet hatte.
Es musste jemand meinen Wunsch erraten haben, denn ich fühlte die kühle Herbheit eines Apfels dicht an meinen Lippen. Ich biss hinein und mir war, als witterte ich junge Morgenwinde um mich her. Ich erkannte die Notwendigkeit eines neuen Lebens — ohne den verhassten Rausch, der noch in mir war. Ich verlangte schwere Aufgaben; Leiden müsste ich erdulden, sie unumwunden vom Schicksal fordern, das mich dadurch um das Beste im Leben betrogen hatte, dass es mir keine Leiden sandte. Ich schämte mich fast. Und doch freute ich mich über die Seltenheit einer solchen Empfindung in einer Seele wie der meinigen.
Alta-Carrara aber begann mit halblauter Stimme zu erzählen:
KARNEVAL