Leo Tolstoi
Deutsch von August Scholz
Tolstoj plante einen großen Roman, in dem die »Dekabristen« eine Rolle spielen sollten, die »Dezembermänner«, die Führer des Aufstandes, der bald nach dem Tode Alexanders I. in Rußland ausgebrochen war. Bei den Vorarbeiten zu diesem Roman kam er auf den Gedanken, zuerst ein großes Werk über die Zeit der Napoleonischen Kriege zu verfassen; so entstand » Krieg und Frieden«; der Roman » Die Dekabristen« aber blieb unvollendet, wenngleich Tolstoj auch später wieder einige Kapitel davon niederschrieb. Wir geben hier die ersten drei Kapitel in der allerersten Fassung wieder. (Anm. d. Übers.)
I.
Es war vor nicht langer Zeit, während der Regierung Alexanders II., in unserer Zeit der Zivilisation, des Fortschritts, der »Probleme«, der Wiedergeburt Rußlands und so weiter und so weiter, zu der Zeit, als das siegreiche russische Heer zurückkehrte aus Sewastopol, das dem Feinde übergeben werden mußte, zu der Zeit, als ganz Rußland die Vernichtung der Schwarzmeerflotte feierte und das weißsteinige Moskau die Überbleibsel der Mannschaft dieser Flotte begrüßte und zu diesem glücklichen Ereignis beglückwünschte, ihnen nach guter russischer Sitte ein Glas Branntwein und Salz und Brot überreichte und sich tief vor ihnen verbeugte; zu der Zeit, als Rußland in der Person weitsichtiger Neulinge in der Politik die Zerstörung seines Traumes von einem Gottesdienste in der Sophienkathedrale beweinte und den für das Vaterland sehr empfindlichen Verlust zweier großer Männer beklagte, die im Kriege gefallen waren (der eine, beseelt von dem Wunsche, so schnell als möglich den erwähnten Gottesdienst zu feiern, war auf den Feldern der Walachei gefallen, hatte aber dort zwei Schwadronen Husaren zurückgelassen; der andere, ein unschätzbarer Mann, hatte Tee, fremdes Geld und Leintücher an die Verwundeten verteilt und doch weder das eine, noch das andere gestohlen); zu der Zeit, als von allen Seiten, auf allen Gebieten menschlicher Tätigkeit in Rußland die großen Männer wie Pilze aus der Erde schossen – Feldherren, Verwaltungsräte, Volkswirtschaftler, Schriftsteller, Redner und große Männer ohne besonderen Beruf und ohne besonderes Ziel; zu der Zeit, da ein Toast beim Jubiläum eines Moskauer Schauspielers eine öffentliche Meinung hervorbrachte, die alle Verbrecher verurteilte; als gefürchtete Kommissionen aus Petersburg nach dem Süden eilten, um die Kommissariatsverbrecher zu verhaften und hinzurichten; als in allen Städten zu Ehren der Helden von Sewastopol Festessen gegeben und Reden gehalten wurden, und als man ihnen, denen Hände und Füße im Kriege zerschmettert worden waren, auf allen Brücken und an allen Wegen Almosen verabreichte; zu der Zeit, als die Rednertalente sich so schnell im Volke entwickelten, daß ein Beamter überall und bei jeder Gelegenheit so kräftige Reden schrieb, druckte und bei den Festessen auswendig hersagte, daß die Hüter der Ordnung gezwungen waren, Einschränkungsmaßregeln gegen seine Beredsamkeit zu ergreifen; als man im Englischen Klub ein Extrazimmer zur Besprechung der öffentlichen Angelegenheiten einrichtete; als Zeitschriften unter den verschiedensten Flaggen erschienen, – Zeitschriften, die europäische Ideen auf europäischer Grundlage, aber mit russischer Weltanschauung, und Zeitschriften, die ausschließlich russische Ideen auf russischer Grundlage, aber mit europäischer Weltanschauung entwickelten; als plötzlich so viele Zeitschriften auftauchten, daß alle Namen erschöpft zu sein schienen: »Der Bote«, »Das Wort«, »Die Laube«, »Der Beobachter«, »Der Stern«, »Der Adler« und noch viele andere – und trotzdem noch immer wieder und wieder neue zum Vorschein kamen; zu der Zeit, als Plejaden von Schriftstellern und Philosophen auftauchten, die beweisen wollten, daß die Wissenschaft national sei oder daß sie nicht national sei und so weiter, und Plejaden von Schriftsteller-Künstlern, die einen Hain und einen Sonnenaufgang und ein Gewitter und die Liebe der russischen Jungfrau und die Faulheit eines Beamten und die schlechte Aufführung vieler Beamten schilderten; zu der Zeit, als von allen Seiten »Fragen« auftauchten (wie man im Jahre 1856 alle die Komplexe von Umständen nannte, aus denen niemand klug werden konnte): die Fragen der Kadettenschulen, der Universitäten, der Zensur, des mündlichen Gerichtsverfahrens, der Finanzen, Bank-, Polizei- und Emanzipationsfragen und viele andere; als alle sich bemühten, noch neue Fragen zu finden, und als alle sie zu lösen suchten; als alles schrieb, las, redete, Pläne machte, als alles verändert, verbessert oder vernichtet werden sollte und als alle Russen wie ein Mann von unbeschreiblicher Begeisterung ergriffen waren. Ein Zustand, der für Rußland im neunzehnten Jahrhundert zweimal eintrat: das erstemal, als wir im Jahre 1812 Napoleon I. besiegten, und das zweitemal, als im Jahre 1856 Napoleon III. uns besiegte. Große, unvergeßliche Zeit der Wiedergeburt des russischen Volkes! – Wie jener Franzose gesagt: Wer nicht zur Zeit der großen französischen Revolution gelebt hat, hat überhaupt nicht gelebt, so wage ich zu sagen: Wer nicht im Jahre 1856 in Rußland gelebt hat, der weiß nicht, was leben heißt. Schreiber dieses hat nicht nur in jener Zeit gelebt, er war auch einer der mitwirkenden Männer jener Zeit. Nicht nur, daß er selbst einige Wochen in einer der Blindagen Sewastopols gesessen hat, er hat auch über den Krimkrieg ein Werk geschrieben, das ihm großen Ruhm erworben hat, in welchem er klar und ausführlich erzählt, wie die Soldaten von den Bastionen herabfeuerten, wie auf dem Verbandplatz die Verwundeten verbunden und auf dem Friedhof die Toten bestattet wurden. Nach diesen Heldentaten kehrte der Schreiber dieser Zeilen in den Mittelpunkt des Reiches zurück, in das Feuerwerkerinstitut, wo er die Lorbeeren seiner Taten erntete. Er sah die Begeisterung der beiden Hauptstädte und des ganzen Volkes und lernte aus eigener Erfahrung kennen, wie Rußland wahre Verdienste zu belohnen weiß. Alle die Großen dieser Erde suchten seine Bekanntschaft, drückten ihm die Hand, luden ihn zum Diner ein, baten ihn, sie zu besuchen, und erzählten ihm von ihren Empfindungen, um von ihm Einzelheiten über den Krieg zu hören. Daher weiß der Schreiber dieser Zeilen jene große, unvergeßliche Zeit zu schätzen. Aber nicht darum handelt es sich hier!
Eben zu jener Zeit hielten zwei Schlitten vor der Einfahrt eines der besseren Gasthäuser in Moskau. Ein junger Mann lief ins Haus, um nach Zimmern zu fragen. Ein alter Herr saß mit zwei Damen in dem einen Schlitten und sprach davon, wie die Schmiedebrücke zur Franzosenzeit ausgesehen hätte. Es war die Fortsetzung eines Gespräches, das bei der Einfahrt in Moskau begonnen hatte, und das der alte, weißbärtige Herr in dem offenen Pelz jetzt ruhig fortsetzte, als beabsichtige er im Schlitten zu übernachten. Frau und Tochter hörten ihm zu, blickten aber von Zeit zu Zeit ungeduldig nach der Tür. Der junge Mann trat aus der Tür heraus, gefolgt von dem Portier und dem Zimmerkellner.
»Nun, Ssergej, was ist?« fragte die Mutter, indem sie ihr müdes Gesicht in den Schein der Laterne vorstreckte.
Ob aus Gewohnheit oder aber, damit der Portier ihn wegen seines einfachen Pelzrockes nicht am Ende für einen Diener halte, – Ssergej antwortete in französischer Sprache, es seien Zimmer zu haben, und öffnete den Wagenschlag. Der alte Herr sah den Sohn einen Augenblick an und wandte sich dann wieder zurück in das dunkle Innere des Wagens, als ginge alles andere ihn gar nichts an.
»Das Theater stand damals noch nicht.«
»Pierre,« sagte seine Frau, indem sie ihren Mantel raffte, er aber fuhr fort:
»Madame Chalmé wohnte in der Twerstraße –«
Aus dem Innern des Wagens erklang ein junges, frisches Lachen.
»Papa, steig’ doch aus, du bist so ins Gespräch gekommen!«
Der alte Herr schien erst jetzt zu bemerken, daß sie am Ziel waren, und sah sich um.
»Steig’ doch aus!«
Er drückte die Mütze fest in die Stirn und stieg gehorsam aus. Der Portier faßte ihn unter dem Arm, doch sobald er sich überzeugt hatte, daß der alte Herr noch sehr rüstig war, bot er seine Dienste sofort der Dame an. Natalia Nikolajewna, die Gemahlin des alten Herrn, erschien ihm als eine sehr vornehme Dame, sowohl wegen ihres Zobelpelzes als auch wegen der Art, wie sie langsam ausstieg, sich schwer auf seinen Arm stützte und dann, ohne sich umzuschauen, auf den Arm ihres Sohnes gestützt, geradewegs auf den Eingang zuging. Das Fräulein konnte er kaum von den Dienstmädchen unterscheiden, die aus dem zweiten Schlitten stiegen; sie trug ebenso wie diese ein Bündelchen und eine Pfeife und ging hinterdrein; nur an dem Lachen und daran, daß sie den alten Herrn »Vater« nannte, erkannte er sie.
»Nicht dorthin, Papa, nach rechts,« sagte sie, ihn am Ärmel des Pelzes zurückhaltend, »nach rechts!«
Und auf der Treppe ertönte mitten im Lärm der Schritte und Türen und durch das schwere Atmen der alten Dame dasselbe Lachen, das schon im Wagen erklungen war und bei dem jeder, der es hörte, sich denken mußte: Die lacht prächtig, gradezu beneidenswert.
Ssergej, der Sohn, hatte während der Reise die Sorge für das materielle Wohl übernommen und tat seine Pflicht zwar ohne Sachkenntnis, aber mit der Energie und der selbstzufriedenen Geschäftigkeit, die den Fünfundzwanzigjährigen eigen zu sein pflegt. Wenigstens zwanzigmal lief er ohne besonders wichtigen Grund im einfachen Überzieher, zitternd vor Kälte, hinunter zu den Schlitten und wieder hinauf, mit seinen jungen, langen Beinen zwei oder drei Stufen auf einmal nehmend. Natalia Nikolajewna bat ihn, er solle sich doch nicht erkälten, aber er beteuerte, es mache ihm nichts, erteilte beständig Befehle, schlug mit den Türen, ging hin und her, und als mit der Dienerschaft und den Hausknechten alles geordnet war, ging er mehrmals durch alle Zimmer, verschwand durch eine Tür und kam zur andern wieder herein und suchte nach immer neuer Tätigkeit.
»Papa, willst du ein Bad nehmen? Soll ich mich erkundigen?« fragte er.
Der Papa war in Gedanken versunken und schien sich noch gar nicht klar darüber zu sein, wo er sich befand. Er antwortete nicht gleich. Er hörte die Worte, verstand sie aber nicht. Plötzlich hatte er begriffen.
»Ja, ja, ja, erkundige dich, bitte. An der Steinernen Brücke ist ein Badehaus.«
Das Familienhaupt durchschritt eilig und aufgeregt die Zimmer und nahm dann in einem Lehnstuhl Platz.
»Na, jetzt müssen wir uns entscheiden, was geschehen soll, wie wir uns einrichten wollen,« sagte er, »helft, Kinder, geschwind! Schnell alles hereingebracht und aufgestellt! Und morgen schicken wir Ssergej mit einem Briefchen zu meiner Schwester Maria Iwanowna, zu Nikitins, oder wir fahren selbst hin. Nicht wahr, Natascha? Jetzt aber müssen wir uns einrichten.«
»Morgen ist Sonntag; ich hoffe, du wirst vor allem zur Messe fahren, Pierre,« sagte die Frau, die vor einem Koffer kniete und ihn aufschloß.
»Ja so, Sonntag! Selbstverständlich fahren wir alle in die Uspenskische Kathedrale. Damit wollen wir unsere Rückkehr beginnen. Mein Gott, wenn ich an den Tag zurückdenke, an dem ich zum letztenmal in der Kathedrale war! Weißt du noch, Natascha? Aber es handelt sich jetzt nicht darum.«
Und das Familienhaupt erhob sich schnell von dem Lehnstuhl, in den es sich eben erst gesetzt hatte.
»Jetzt müssen wir uns einrichten.«
Und ohne etwas zu tun, wanderte er aus einem Zimmer ins andere.
»Sag’, sollen wir Tee trinken? Oder bist du müde, willst du ruhen?«
»Ja, ja,« erwiderte die Frau, und zog etwas aus dem Koffer; »du willst doch ins Bad.«
»Ja, zu meiner Zeit war ein Bad an der Steinernen Brücke. Ssergej, geh doch und frage einmal, ob es noch besteht. Dieses Zimmer nehme ich für mich und Ssergej. Ssergej, wird es dir hier gefallen?« Ssergej war aber schon fort, um sich nach dem Bade zu erkundigen.
»Nein, das alles ist mir noch nicht recht,« fuhr der alte Herr fort, »du hast keinen direkten Eingang zum Salon. Was meinst du, Natascha?«
»Beruhige dich, Pierre, wir werden schon alles machen,« erwiderte Natascha aus dem andern Zimmer, in welches die Hausknechte eben das Gepäck trugen. Aber Pierre befand sich in der begeisterten Stimmung, in welche ihn die Ankunft am Ziele versetzt hatte.
»Paß auf, bring Ssergejs Sachen nicht in Unordnung. Da, seine Schneeschuhe haben sie in den Salon geworfen!«
Und er hob sie selbst auf und lehnte sie mit besonderer Vorsicht, als hänge davon die ganze künftige Ordnung der Wohnung ab, an den Türrahmen. Aber die Schneeschuhe wollten nicht stehen, und kaum war Pierre zurückgetreten, als sie polternd quer vor die Tür fielen. Natalia Nikolajewna zuckte zusammen und runzelte die Stirn. Doch als sie die Ursache des Lärms erkannte, sagte sie nur:
»Ssonja, heb’ sie auf, mein Liebling.«
»Heb’ sie auf, mein Liebling,« wiederholte der Mann, »ich gehe inzwischen zum Wirt, wir werden sonst nie fertig; es muß doch alles mit ihm besprochen werden.«
»Man kann ihn doch holen lassen, Pierre; warum willst du dich bemühen?«
Pierre willigte ein.
»Ssonja, rufe doch den – wie heißt er doch? – Den Monsieur Cavalier, bitte; sag’ ihm, daß wir alles besprechen möchten.«
»Chevalier, Papa,« sagte Ssonja und wollte hinausgehen.
Natalia Nikolajewna, die mit leiser Stimme Befehle gab und mit leisen Schritten aus einem Zimmer ins andere ging, bald eine Schachtel, bald eine Pfeife, bald ein Polster tragend, nahm geräuschlos aus dem Gepäcksberge ein Stück nach dem andern und stellte alles an den rechten Platz; sie flüsterte Ssonja im Vorübergehen zu:
»Geh nicht selbst, schick’ den Diener.«
Während der Diener den Wirt holte, benützte Pierre die Wartezeit, um unter dem Vorwande, seiner Frau zu helfen, eines ihrer Kleider zu zerknittern und über einen leeren Koffer zu stolpern. Sich mit der Hand an der Wand festhaltend, sah der Dekabrist sich lächelnd um. Seine Gattin schien so beschäftigt, daß sie nichts bemerkt hatte; Ssonja aber sah ihn mit so lachenden Augen an, als erwarte sie nur die Erlaubnis zum Loslachen. Er gab ihr gerne diese Erlaubnis, indem er selbst so gutmütig auflachte, daß alle, die im Zimmer waren, von seiner Gattin bis zum Hausknecht und Dienstmädchen, herzlich mitlachten. Dieses Gelächter belebte den alten Herrn noch mehr; er fand, daß der Divan im Zimmer der Damen unbequem stehe, obgleich sie das Gegenteil behaupteten und ihn baten, sich nicht zu beunruhigen. Grade als er eigenhändig mit Hilfe des Hausknechts den Divan umstellen wollte, trat der Wirt, ein Franzose, ins Zimmer.
»Sie wünschen mich zu sprechen,« sagte der Wirt streng und zog zum Zeichen seiner Gleichmütigkeit, wenn nicht gar Geringschätzung, langsam sein Taschentuch, faltete es langsam auseinander und schneuzte sich langsam.
»Ja, mein lieber Freund,« sagte Peter Iwanowitsch, indem er ihm entgegenging, »sehen Sie, wir wissen selbst noch nicht, wie lange wir hier bleiben, meine Frau und ich –« Peter Iwanowitsch, der die Schwäche hatte, in jedem Menschen seinen Nächsten zu sehen, begann seine Verhältnisse und Pläne darzulegen.
Herr Chevalier stand den Menschen gegenüber auf einem andern Standpunkt und interessierte sich gar nicht für die Mitteilungen, die Peter Iwanowitsch ihm machte; aber das gute Französisch, das Peter Iwanowitsch sprach (die Kenntnis des Französischen bedeutet in Rußland bekanntlich so etwas wie einen höheren Rang), und sein vornehmes Wesen brachten ihm eine hohe Meinung von den Ankömmlingen bei.
»Womit kann ich dienen?« fragte er.
Peter Iwanowitsch war um die Antwort nicht verlegen. Er wünschte Zimmer, Tee, einen Ssamowar, Nachtmahl, Mittagessen, Kost für seine Dienerschaft, mit einem Wort alles das, um dessentwillen die Gasthäuser da sind. Und als Herr Chevalier, verwundert über die Naivität des alten Herrn, der zu glauben schien, daß er sich in der turkmenischen Steppe befinde oder daß ihm alle diese Sachen umsonst geliefert werden würden, erklärte, daß alles das zu haben sei, geriet Peter Iwanowitsch in Entzücken.
»Das ist ja wundervoll, sehr gut! So wollen wir es machen! Dann also bitte –« plötzlich wurde es ihm peinlich, immer nur von sich zu sprechen, und er begann Herrn Chevalier nach seiner Familie und seinen Geschäften auszufragen. Ssergej Petrowitsch, der eben wieder in das Zimmer trat, schien mit diesem Benehmen seines Vaters nicht zufrieden zu sein; er bemerkte das Mißbehagen des Wirts und erinnerte den Vater an das Bad. Aber Peter Iwanowitsch interessierte sich jetzt nur noch dafür, wie ein französisches Gasthaus im Jahre 1856 in Moskau gehen konnte und womit Madame Chevalier ihre Zeit verbringe. Endlich verbeugte sich der Wirt und fragte, ob der Herr etwas befehle.
»Wir wollen Tee trinken, Natascha, nicht? Also bitte Tee. Und wir sprechen noch miteinander, mein lieber Monsieur, – welch ein prächtiger Mensch!«
»Und das Bad, Papa?«
»Ach ja, dann also keinen Tee!«
So ging das einzige Resultat der Unterredung mit den neuen Ankömmlingen dem Wirt wieder verloren. Dafür aber war Peter Iwanowitsch jetzt stolz und glücklich über seine Anordnungen. Die Fuhrknechte, die heraufkamen, um ein Trinkgeld zu bitten, hätten ihn beinahe verstimmt, weil Ssergej kein Kleingeld hatte, und er war schon wieder im Begriff, den Wirt holen zu lassen; aber der gute Einfall, daß nicht er allein an diesem Abend glücklich zu sein das Recht habe, brachte ihn aus der Verlegenheit. Er nahm zwei Dreirubelscheine, drückte den einen Schein einem der Kutscher in die Hand und sagte: »Da nehmen Sie!« (Peter Iwanowitsch hatte die Gewohnheit, alle Menschen, mit Ausnahme seiner Familienangehörigen, mit »Sie« anzusprechen) »und das nehmen Sie,« sagte er, indem er dem andern Fuhrknecht den zweiten Schein mit einem Händedruck übergab, etwa so, wie man es macht, wenn man einem Arzt das Honorar für einen Krankenbesuch gibt. Nachdem alles das erledigt war, ließ er sich ins Bad führen.
Ssonja, die auf dem Divan saß, stützte den Kopf in die Hand und lachte auf.
»Ach, wie schön, Mama, ach, wie schön!« Dann zog sie die Beine auf den Divan, streckte sich aus, legte sich zurecht und versank sofort in den festen, ruhigen Schlaf eines gesunden, achtzehnjährigen Mädchens, das eine Reise von anderthalb Monaten hinter sich hatte. Natalia Nikolajewna, die immer noch in ihrem Schlafzimmer beschäftigt war, bemerkte mit dem feinen Gehör der Mutter, daß Ssonja sich nicht rührte, und trat ins Zimmer, um nach ihr zu sehen. Sie nahm ein Kissen, hob mit ihrer großen, weißen Hand den zerzausten, erhitzten Kopf des Mädchens in die Höhe und bettete ihn auf das Kissen. Ssonja seufzte tief, tief auf, bewegte die Schultern und legte den Kopf auf das Kissen, ohne zu danken, als wäre das alles von selbst geschehen.
»Nicht dorthin, nicht dorthin, Gawrilowna, Katja,« sagte Natalia Nikolajewna gleich darauf zu den Dienstmädchen, die das Bett herrichteten, und strich dabei wie im Vorübergehen über die zerzausten Haare der Tochter. Ohne sich zu übereilen, aber auch ohne zu ruhen, räumte Natalia Nikolajewna auf, und als Mann und Sohn zurückkehrten, war alles fertig: die Koffer waren aus den Zimmern entfernt, in Pierres Schlafzimmer war alles so, wie es Jahrzehnte lang in Irkutsk gewesen war: Schlafrock, Tabakspfeife, Tabaksdose, Zuckerwasser, das Evangelium, in welchem er vor dem Einschlafen zu lesen pflegte, und selbst ein kleines Heiligenbildchen hing wie angeklebt über dem Bette an der prächtigen Tapete des Zimmers. Chevalier pflegte diesen Zimmerschmuck sonst nicht zu verwenden. An diesem Abend aber tauchten solche Bildchen in allen Zimmern der dritten Abteilung des Gasthauses auf.
Als Natalia Nikolajewna Ordnung gemacht hatte, zupfte sie ihre trotz der langen Reise sauberen Stulpen und den Kragen zurecht, frisierte sich und setzte sich an den Tisch. Ihre schönen, schwarzen Augen waren in die Ferne gerichtet. Sie sah vor sich hin und ruhte aus. Sie schien nicht nur von dem Auspacken auszuruhen, nicht nur von der langen Reise, nicht nur von den schweren Jahren, – sondern von dem ganzen Leben, und die Ferne, in welche sie blickte und in welcher vor ihrem geistigen Auge lebende, geliebte Personen auftauchten, war eben die Ruhe, die sie wünschte. War es die Liebestat, die sie für ihren Mann vollbracht hatte, war es die Liebe, die sie für ihre Kinder durchlebt hatte, als sie noch klein waren, war es ein schwerer Verlust oder war es eine Eigentümlichkeit ihres Charakters, – jeder, der diese Frau ansah, mußte verstehen, daß sie nichts mehr zu geben hatte, daß sie schon längst ihr ganzes Ich hingeopfert hatte, und daß von diesem Ich nichts mehr zurückgeblieben war. Nur etwas Schönes und Schwermütiges, das der Verehrung würdig war, schien zurückgeblieben, wie eine Erinnerung, wie der Schein des Mondes. Man konnte sie sich nicht anders vorstellen, als von Achtung und allen Bequemlichkeiten des Daseins umgeben. Daß sie hungrig wäre und gierig äße, oder daß sie unsaubere Wäsche trüge, oder daß sie stolperte oder vergessen hätte, sich zu schneuzen, – so etwas konnte man sich nicht vorstellen. Es war physisch unmöglich. Warum es so war, weiß ich nicht, aber jede ihrer Bewegungen war Hoheit, Anmut, Liebe zu allen, die sich ihres Anblickes erfreuen durften.
Sie flechten und weben
Himmlische Rosen ins irdische Leben.
Sie kannte diesen Vers und liebte ihn, ohne sich besonders nach ihm zu richten, denn ihre ganze Natur war der Ausdruck dieses Gedankens, ihr ganzes Leben war nichts als das unbewußte Einflechten unsichtbarer Rosen in das Leben aller Menschen, denen sie begegnete. Sie hatte ihren Mann nach Sibirien begleitet, nur weil sie ihn liebte; sie dachte nicht an das, was sie für ihn tun könnte, sie tat es unwillkürlich, als müsse es so sein. Sie machte ihm sein Bett, ordnete seine Sachen, bereitete das Mittagessen und den Tee und vor allem, sie war immer dort, wo er war, und keine Frau hätte ihren Mann reicher beglücken können, als sie es tat.
Im Salon brodelte der Ssamowar auf dem runden Tisch, und davor saß Natalia Nikolajewna. Ssonja verzog das Gesicht und lächelte unter der Hand der Mutter, die sie kitzelte, als der Gatte und der Sohn ins Zimmer traten; ihre Fingerspitzen waren runzelig, Wangen und Stirn glänzten (ganz besonders glänzte die Glatze des Vaters), die weißen wie die schwarzen Haare waren verwühlt, und die Gesichter strahlten.
»Es ist heller geworden, da ihr hereinkamt,« sagte Natalia Nikolajewna, »Väterchen, wie weiß du bist!« So sprach sie seit Jahrzehnten an jedem Samstag, und an jedem Samstag empfand Pierre dabei eine gewisse Verlegenheit und zugleich Befriedigung. Sie setzten sich an den Tisch; bald duftete es nach Tee und nach der Tabakspfeife; die Stimmen der Eltern, der Kinder und der Dienerschaft, die in demselben Zimmer ihren Tee bekam, wurden laut. Man erinnerte sich an alles Komische, was man unterwegs erlebt hatte, amüsierte sich über Ssonjas Frisur und lachte. Geographisch waren sie alle um fünftausend Werst in eine ganz andere, fremde Umwelt versetzt, dem Geiste nach aber waren sie an diesem Abend noch zu Hause, noch ganz die Menschen, zu denen sie ihr eigentümliches, langes, einsames Familienleben gemacht hatte. Morgen mußte das alles anders werden. – Peter Iwanowitsch setzte sich an den Ssamowar und zündete seine Pfeife an. Er war wehmütig gestimmt.
»So wären wir denn also angekommen,« sagte er, »und ich bin froh, daß wir heute niemand mehr sehen werden; diesen letzten Abend wollen wir noch unter uns verbringen.« Und er spülte diese Worte mit einem großen Schluck Tee hinunter.
»Warum letzten Abend, Pierre?«
»Warum? Weil die jungen Adler flügge geworden sind; sie müssen nun selbst ihr Nest bauen und werden von hier davonfliegen, jeder nach seiner Seite.«
»So ein Unsinn,« sagte Ssonja, indem sie sein Glas nahm und lächelte, wie sie immer zu lächeln pflegte, »das alte Nest ist vortrefflich.«
»Das alte Nest ist ein trauriges Nest; der Alte hat nicht verstanden, es zu bauen, – er ist in den Käfig geraten, im Käfig hat er seine Jungen erzogen. Und als man ihn befreite, da hatten seine Schwingen ihre Kraft verloren. Nein, die jungen Adler müssen ihr Nest höher und glücklicher bauen, näher zur Sonne; sie sind ja seine Kinder, um an seinem Beispiel zu lernen. Und der Alte wird ihnen zuschauen, solange er das Augenlicht hat; wenn er aber erblindet, wird er ihnen zuhören. – Gieß mir Rum ein, noch, noch, – genug.«
»Wir wollen sehen, wer den andern verläßt,« erwiderte Ssonja mit einem flüchtigen Blick auf die Mutter, als schäme sie sich, in ihrer Gegenwart zu sprechen, »wollen sehen, wer den andern verläßt,« wiederholte sie, »meiner selbst bin ich sicher und Ssergejs auch.« (Ssergej ging im Zimmer auf und nieder und überlegte, wie er sich morgen einen Anzug bestellen sollte: ob er selbst hingehen oder den Schneider holen lassen sollte; Ssonjas Gespräch mit dem Vater interessierte ihn nicht.) Ssonja lachte.
»Was hast du, was?« fragte der Vater.
»Du bist jünger als wir, Papa, wirklich viel jünger,« sagte sie und lachte wieder.
»Oho,« entgegnete der Greis, und seine strengen Falten zogen sich zu einem zärtlichen und zugleich geringschätzigen Lächeln zusammen.
Natalia Nikolajewna beugte sich hinter dem Ssamowar vor, der sie hinderte, ihren Mann zu sehen.
»Ssonja hat recht, du bist noch immer wie ein Sechzehnjähriger, Pierre. Ssergej ist jünger an Gefühlen, aber deine Seele ist jünger als seine. Was er tun wird, kann ich vorhersehen: du aber kannst mich noch in Erstaunen setzen.«
Ob der alte Herr die Richtigkeit dieser Behauptung zugab oder ob er sich geschmeichelt fühlte und keine Antwort fand, – er rauchte schweigend weiter und trank seinen Tee, seine Augen aber glänzten. Ssergej, der mit dem Egoismus der Jugend jetzt erst Interesse fand an dem, was man von ihm sagte, mischte sich nun auch in das Gespräch und behauptete, er sei tatsächlich alt. Die Ankunft in Moskau und das neue Leben, das sich vor ihm auftat, freue ihn nicht im geringsten. Er überlege ruhig die Zukunft.
»Und es ist doch der letzte Abend,« wiederholte Peter Iwanowitsch, »morgen wird alles anders sein.«
Er schüttete noch Rum in seinen Tee. Und lange noch saß er am Teetisch mit einer Miene, als wollte er noch vieles sagen, als fehlte es ihm aber an Zuhörern. Er hatte die Rumflasche näher zu sich gezogen, aber die Tochter trug sie still beiseite.
II.
Als Herr Chevalier von oben zurückkam und seiner Lebensgefährtin, die im spitzenbesetzten Seidenkleide nach Pariser Art an der Kasse saß, seine Beobachtungen über die neuen Gäste mitteilte, saßen im selben Zimmer einige Stammgäste des Gasthauses. Ssergej hatte, als er unten gewesen war, dieses Zimmer und diese Stammgäste bemerkt. Wenn Sie schon öfter in Moskau waren, so kennen Sie das Zimmer wahrscheinlich auch.
Wenn Sie ein bescheidener Mensch sind, der Moskau nicht kennt, und wenn Sie sich zu einem Diner, zu dem Sie geladen waren, verspätet haben, oder wenn Sie darauf gerechnet haben, daß die gastfreundlichen Moskauer Sie einladen werden und das nicht geschehen ist, oder aber, wenn Sie auch nur in einem besseren Gasthause speisen wollen, so treten Sie in das Vorzimmer dieses Gasthauses ein. Drei oder vier Bediente springen auf; einer von ihnen nimmt Ihnen den Pelz ab und gratuliert Ihnen zum neuen Jahr, zur Fastnacht, zur Ankunft, oder er macht nur die Bemerkung, daß Sie lange nicht dagewesen seien, wenn Sie auch noch nie in diesem Lokal waren. Sie treten ein, und das erste, was Ihnen in die Augen fällt, ist ein gedeckter Tisch, der – wie Sie im ersten Moment glauben – mit einer Menge appetitlicher Speisen bedeckt ist. Aber das ist nur optische Täuschung, denn den größten Raum auf diesem Tische nehmen gefiederte Fasanen, ungekochte Seekrebse, Körbchen mit Parfüms und Pomaden und Glasbüchschen mit Schönheitsmitteln oder Konfekt ein. Nur ganz am Tischrande finden Sie bei aufmerksamem Suchen ein Schnäpschen und mit Fisch belegte Butterbrote, durch eine Drahtglocke vor Fliegen geschützt, – eine Vorsichtsmaßregel, die in Moskau im Dezember gar keinen Zweck hat, aber dafür ist diese Drahtglocke genau so, wie man sie in Paris zu haben pflegt. Jenseits des Tisches erblicken Sie ein zweites Zimmer, in dem eine Französin von großer Häßlichkeit, aber in den saubersten Stulpenärmeln und in wunderschönem, modernem Kleide an der Kasse sitzt. Neben der Französin bemerken Sie gewiß einen Offizier in aufgeknöpfter Uniform, der einen Schnaps und einen Imbiß nimmt, einen Zivilisten, der die Zeitung liest, und ein paar Offiziers- oder Zivilistenbeine, die auf einem Sammetsessel liegen, Sie hören französisches Geplauder und mehr oder weniger natürliches, lautes Lachen. Wenn Sie erfahren wollen, was in dem Zimmer vorgeht, so rate ich Ihnen, nicht hineinzugehen, sondern nur hineinzublicken, – so im Vorübergehen, als ob Sie nur ein Butterbrötchen nehmen wollten. Sonst würden Sie dem fragenden Schweigen und den erstaunten Blicken der Stammgäste dieses Zimmers nicht ausweichen können und müßten wohl verlegen zu einem der Tische im großen Saal oder im Wintergarten fliehen. Niemand wird Sie daran hindern. Diese Tische dürfen von jedem benützt werden, und dort in der Einsamkeit dürfen Sie den Jean getrost Kellner nennen und so viel Trüffeln bestellen, als Sie nur wollen. Das Zimmer mit der Französin aber existiert nur für die auserlesene »goldene« Jugend Moskaus, und es ist nicht so leicht, wie Sie vielleicht glauben, in die Zahl dieser Auserwählten aufgenommen zu werden.
Als Herr Chevalier also in dieses Zimmer zurückkehrte, sagte er zu seiner Gattin, der alte Herr aus Sibirien sei langweilig, sein Sohn und seine Tochter aber seien so prächtige Menschenkinder, wie sie nur in Sibirien gedeihen.
»Wenn Sie die Tochter sehen würden, – ein Rosenknöspchen!«
»O, darin ist er Kenner, dieser Alte!« sagte einer der Gäste. (Das Gespräch wurde natürlich französisch geführt, ich gebe es aber in unserer Sprache wieder, wie ich’s im Verlauf dieser Geschichte immer machen werde.)
»O gewiß!« antwortete Chevalier, »die Frauen sind meine Leidenschaft. Wollen Sie mir’s glauben?«
»Hören Sie doch, Madame Chevalier!« schrie ein dicker Kosakenoffizier, der dem Wirt viel Geld schuldig war und gern mit ihm plauderte; »und ist diese Sibirierin wirklich so schön?«
Chevalier legte seine Fingerspitzen aneinander und küßte sie.
Dann entspann sich ein vertrauliches, sehr lustiges Gespräch, das den Dicken betraf; er hörte lächelnd zu, was man von ihm sagte. Obwohl Madame Clarisse nicht jeden Witz verstand, brach sie hinter ihrem Pult in so silbernes Lachen aus, als ihre schlechten Zähne und ihr vorgerücktes Alter es ihr erlaubten.
»Wer sind diese Sibirier eigentlich? Bergwerksbesitzer oder Kaufleute?«
»Nikita, frage die Herrschaften, die angekommen find, nach ihrem Reisepaß,« sagte Monsieur Chevalier.
»Wir, Alexander, Selbstherrscher –« begann Chevalier den Paß, der ihm gebracht wurde, vorzulesen, aber der Kosakenoffizier riß ihm das Papier aus der Hand, und sein Gesicht nahm plötzlich den Ausdruck des Erstaunens an.
»Nun raten Sie, wer es ist,« sagte er, »Sie kennen ihn alle, wenn auch nur vom Hörensagen.«
»Wie soll man das erraten? Zeig doch her! Vielleicht Abd el Kader – hahaha – oder Kagliostro – oder Peter III. – hahaha!«
»Nun, so lies doch.«
Der Kosakenoffizier entfaltete das Papier und las: Der ehemalige Fürst Peter Iwanowitsch – dann kam einer jener russischen Familiennamen, die jeder kennt und mit einer gewissen Achtung und Befriedigung ausspricht, wenn er von einer Persönlichkeit spricht, die diesen Namen trägt. Wir wollen ihn Labasow nennen. Der Kosakenoffizier erinnerte sich dunkel, daß dieser Peter Labasow im Jahre 1825 durch irgend etwas berühmt geworden und zur Zwangsarbeit verurteilt worden war; wodurch er sich aber berühmt gemacht hatte, wußte er nicht recht. Die andern aber wußten nicht einmal das und antworteten: »Aha, ja, der bekannte,« – so wie sie gesagt hätten: »Natürlich, der bekannte Shakespeare, der die Äneïde geschrieben hat.« Genaueres erfuhren sie erst dann, als der Dicke ihnen erklärte, er sei der Bruder des Fürsten Iwan, der Onkel der Tschikins, der Gräfin Pruck, kurz der bekannte –!
»Er muß sehr reich sein, wenn er der Bruder des Fürsten Iwan ist,« bemerkte einer der jungen Herren, »falls man ihm sein Vermögen zurückgegeben hat. Einigen hat man es ja zurückgegeben.«
»Wie viele von diesen Verschickten jetzt zurückkommen,« bemerkte ein anderer; »ich glaube wirklich, es sind weniger verbannt worden als jetzt zurückkehren. Du, Schikinskij, erzähl’ doch die Geschichte vom 18.,« wandte er sich an einen Offizier des Schützenregiments, der als Meister im Erzählen bekannt war.
»Nun, erzähl’ doch!«
»Es ist eine wahre Begebenheit, die hier im großen Saal bei Chevalier passiert ist. Drei Dekabristen kommen herein, um zu speisen. Sie setzen sich an einen Tisch, essen, trinken, plaudern. Ihnen gegenüber nimmt ein Herr von würdigem Aussehen Platz, ungefähr im selben Alter wie sie, und hört aufmerksam zu, als sie von Sibirien sprechen. Er stellt eine Frage, ein Wort gibt das andere, sie geraten in ein Gespräch, und es stellt sich heraus, daß er ebenfalls aus Sibirien kommt. – ›Kennen Sie auch Nertschinsk?‹ – ›Gewiß, dort hab’ ich gewohnt.‹ – ›Kennen Sie auch Tatjana Iwanowna?‹ – ›Wie sollte ich die nicht kennen!‹ – ›Gestatten Sie die Frage, waren Sie auch verschickt?‹ – ›Ja, ich hatte das Unglück, und Sie?‹ – ›Wir alle sind Verbannte vom 14. Dezember. Merkwürdig, daß wir Sie nicht kennen, wenn Sie ebenfalls wegen des 14. verbannt wurden. Wie ist der werte Name?‹ – ›Feodorow.‹ – ›Auch wegen des 14.?‹ – ›Nein, wegen des 18.‹ – ›Wieso wegen des 18.?‹ – ›Wegen des 18. September, wegen einer goldenen Uhr. Ich war verleumdet worden, als hätte ich die Uhr gestohlen, und habe unschuldig gelitten‹.«
Alle schüttelten sich vor Lachen, mit Ausnahme des Erzählers, der mit der ernstesten Miene im Kreise umhersah und beteuerte, es sei eine wahre Geschichte.
Bald nach der Erzählung erhob sich ein junger Mann der jeunesse dorée und fuhr in den Klub. Er ging durch die Säle, in welchen alte Herren an den Spieltischen saßen, schritt weiter in das Zimmer, wo der schon berühmte »Putschin« eine Partie gegen eine »Kompagnie« begonnen hatte, stand einige Zeit an einem Billard, an welchem ein vornehmer, alter Herr, auf den Rand gestützt, sich bemühte, seinen Ball zu treffen, blickte in das Bibliothekszimmer, wo ein General, würdevoll über die Brille hinwegsehend, eine Zeitung las, die er weit von sich hielt, und ein neues Mitglied, ein Jüngling, unter Vermeidung jedes Geräusches alle Zeitschriften der Reihe nach durchblätterte; dann setzte er sich im Billardzimmer auf einen Divan zu anderen »vergoldeten« jungen Leuten seiner Art. Es war der Tag des gemeinsamen Diners und viele Herren, die den Klub regelmäßig besuchten, waren da, darunter auch Iwan Pawlowitsch Pachtin, ein Mann in den Vierzigern, mittelgroß, weiß, voll, mit breiten Schultern, kahlköpfig und mit einem glänzenden, glücklichen, rasierten Gesicht. Er spielte nicht, sondern saß untätig neben dem Fürsten D., zu dem er du sagte, und hatte das Glas Champagner, das dieser ihm anbot, nicht abgelehnt. Er hatte sich so bequem zurechtgesetzt, nachdem er unbemerkt die Hosenschnalle im Rücken gelockert hatte, daß es schien, als wolle er eine Ewigkeit so sitzen bleiben, die Zigarre im Munde, das Champagnerglas vor sich, und in nächster Nähe von Fürsten, Grafen und Ministerssöhnen. Die Nachricht von der Rückkehr der Labasows störte seine Ruhe.
»Wohin willst du, Pachtin?« fragte einer der Ministerssöhne, als er während des Spiels bemerkte, daß Pachtin sich erhob, seine Weste zurecht zupfte und mit einem langen Zuge sein Champagnerglas leerte.
»Ssewernikow hat mich gerufen,« antwortete Pachtin, der eine gewisse Unruhe in seinen Beinen verspürte.
Lächelnd ging er in den Glassaal zu Ssewernikow, der ihn gar nicht gerufen hatte, dem er aber vor allen andern die Nachricht von der Rückkehr Labasows mitzuteilen für nötig hielt. Ssewernikow war in die Ereignisse des 14. Dezembers ein wenig verwickelt gewesen und mit allen Dekabristen befreundet.
»Wie geht es der Gräfin?«
Das Befinden der Gräfin hatte sich gebessert, und Pachtin äußerte seine Freude darüber.
»Wissen Sie schon, die Labasows sind heute angekommen und bei Chevalier abgestiegen.«
»Was Sie sagen! Wir sind ja alte Freunde. Wie mich das freut! Der Arme wird wohl recht alt geworden sein, denke ich. Seine Frau hat meiner Frau geschrieben –«
Aber Ssewernikow konnte nicht zu Ende sprechen, denn seine Partner, die eine Partie ohne Trumpf spielten, hatten irgend einen Fehler gemacht. Während er mit Iwan Pawlowitsch sprach, schielte er immer zu ihnen hinüber; jetzt warf er sich plötzlich mit dem ganzen Oberkörper auf den Tisch, schlug mit der Faust darauf und bewies ihnen, daß sie die Sieben hätten ausspielen müssen. Iwan Pawlowitsch erhob sich, trat an einen andern Tisch und verkündete im Gespräch einem andern würdevollen Herrn seine Neuigkeit, dann ging er weiter und tat dasselbe an einem dritten Tisch. Alle die würdevollen Männer waren sehr erfreut über Labasows Rückkehr, so daß Iwan Pawlowitsch, der anfangs nicht recht gewußt hatte, ob man sich über diese Rückkehr freuen müsse oder nicht, bei seinem Zurückkommen in das Billardzimmer sein Gespräch nicht mehr mit dem Ball oder dem Leitartikel des »Boten«, den Phrasen über das Befinden oder das Wetter einleitete, sondern ohne weiteres voller Begeisterung allen von der glücklichen Rückkehr des berühmten Dekabristen Mitteilung machte.
Der alte Herr, der sich immer noch vergeblich bemühte, mit seinem Queue die weiße Kugel zu treffen, mußte nach Pachtins Ansicht ganz besonders erfreut über diese Mitteilung sein. Er trat an ihn heran.
»Spielen Sie mit Glück, Exzellenz?« fragte er grade, als der alte Herr mit seinem Queue an die rote Weste des Markeurs tippte, wodurch er den Wunsch nach Ankreidung ausdrücken wollte.
»Exzellenz« sagte er nicht etwa aus Liebedienerei, wie der Leser vielleicht glaubt (nein, das war im Jahre 1856 nicht Mode). Iwan Pawlowitsch pflegte den alten Herrn einfach mit Namen und Vatersnamen anzureden und gebrauchte den Titel teils, um sich über die lustig zu machen, die so zu sagen pflegten, teils um anzudeuten, er wisse, mit wem er spreche, und wage trotzdem einen Scherz; kurz, es war sehr witzig von ihm.
»Ich habe soeben erfahren, daß Peter Labasow zurückgekehrt ist. Er ist mit seiner ganzen Familie direkt aus Sibirien gekommen.« Pachtin sagte das gerade in dem Moment, als der alte Herr wieder einen Fehlstoß tat, und das war sein Unglück.
»Wenn er als derselbe Tollkopf zurückkehrt, als der er hingefahren ist, so liegt kein Grund vor, sich zu freuen.« entgegnete der alte Herr mürrisch, aufgeregt über sein unbegreifliches Mißgeschick.
Diese Antwort verwirrte Iwan Pawlowitsch, der nun wieder nicht wußte, ob man sich über Labasows Rückkehr freuen sollte oder nicht, und um seine Zweifel endgültig zu lösen, lenkte er seine Schritte in das Zimmer, wo die gescheiten Leute, die die Bedeutung und den Wert jedes Dinges kannten, kurz, die alles wußten, sich zu versammeln pflegten. Iwan Pawlowitsch stand mit diesen gescheiten Leuten in demselben angenehmen Verkehr wie mit der goldenen Jugend und den würdevollen Standespersonen. Er hatte zwar in dem Zimmer der Gescheiten keinen eigenen Platz, aber niemand verwunderte sich, als er eintrat und sich auf den Divan setzte. Es war grade die Rede davon, in welchem Jahr und aus welchem Grunde ein gewisser Streit zwischen zwei russischen Journalisten ausgebrochen war. Während einer kleinen Pause im Gespräch teilte Iwan Pawlowitsch seine Neuigkeit mit, weder als Freudenbotschaft, noch als unbedeutendes Ereignis, sondern gleichsam so nebenbei im Gespräch. Aber schon daraus, wie die Gescheiten die Neuigkeit aufnahmen und beurteilten, schloß Iwan Pawlowitsch, daß diese Neuigkeit eben hierher gehörte und nur hier die Fassung bekommen konnte, in der man sie weiter verbreiten mußte, und wo man erfahren konnte, à quoi s’en tenir.
»Nur Labasow fehlte noch,« sagte einer der Gescheiten; »jetzt sind von den noch lebenden Dekabristen alle wieder nach Rußland zurückgekehrt.«
»Er war ein Mann aus der berühmten Schar,« sagte Pachtin noch ein wenig vorsichtig, bereit, dieses Zitat entweder als Scherz oder als Ernst gelten zu lassen.
»Gewiß, Labasow war einer der bedeutendsten Männer jener Zeit,« begann ein Gescheiter, »im Jahre 1819 war er Fähnrich im Ssemjonowschen Regiment und wurde mit Depeschen an den Herzog S. ins Ausland geschickt. Dann kam er zurück und wurde 1824 in die erste Freimaurerloge aufgenommen. Alle Freimaurer jener Zeit versammelten sich bei D. oder bei ihm. Er war ja sehr reich. Fürst S., Feodor D., Iwan P. waren seine nächsten Freunde. Sein Onkel aber, der Fürst Wissarion, versetzte ihn nach Moskau, um ihn aus dieser Gesellschaft zu reißen.«
»Entschuldigen Sie, Nikolaj Stepanowitsch,« unterbrach ihn ein anderer der Gescheiten, »mir scheint, das war im Jahre 23, denn Wissarion Labasow wurde im Jahre 24 zum Kommandierenden des dritten Korps ernannt und war in Warschau. Er wollte seinen Neffen zu seinem Adjutanten machen, und erst nach dessen Weigerung versetzte er ihn. Übrigens entschuldigen Sie, bitte, daß ich Sie unterbrochen habe.«
»Ach nein, bitte sehr!«
»Nein, bitte.«
»Nein, haben Sie die Güte, Sie müssen das ja besser wissen als ich, und außerdem haben sich Ihre Kenntnisse und Ihr Gedächtnis hier oft genug bewährt.«
»In Moskau nahm er gegen den Wunsch des Onkels seinen Abschied,« erzählte der, dessen Kenntnisse und Gedächtnis sich bewährt hatten, nun weiter; »und da bildete sich um ihn eine andere Gesellschaft, deren Häuptling und Seele er war, wenn man sich so ausdrücken darf. Er war reich, von angenehmem Äußern, klug, gebildet und, wie man sagt, von erstaunlicher Liebenswürdigkeit. Meine Tante hat mir oft erzählt, sie habe nie einen Mann gekannt, der bezaubernder gewesen wäre. Wenige Monate vor der Verschwörung heiratete er hier eine Krinskij.«
»Die Tochter von Nikolaj Krinskij, von dem, der bei Borodino – natürlich, der bekannte!« rief jemand dazwischen.
»Nun ja. Ihr großes Vermögen ist ihm zugefallen, sein eigenes ging auf den jüngeren Bruder, den Fürsten Iwan, über, der jetzt Oberhofkammermeister (er sagte so etwas Ähnliches) ist und früher Minister war.«
»Sehr schön war sein Verhalten gegen seinen Bruder,« fuhr der Erzähler fort; »als man ihn verhaftete, konnte er nur noch eines vernichten: die Briefe und Papiere seines Bruders.«
»War denn der Bruder mit verwickelt?«
Der Erzähler sagte nicht ja, preßte aber die Lippen zusammen und blinzelte bedeutungsvoll mit den Augen.
»Bei allen Verhören leugnete Peter Labasow hartnäckig alles, was den Bruder betraf, und mußte dafür mehr leiden als die andern. Das Gelungenste aber ist, daß Fürst Iwan das ganze Vermögen erhielt und dem Bruder auch nicht einen Groschen schickte.«
»Man sagte damals, Peter Labasow habe selbst verzichtet,« bemerkte einer der Zuhörer.
»Ja, aber er verzichtete nur, weil Fürst Iwan ihm vor der Krönung schrieb und sich entschuldigte, daß er das Vermögen nur deshalb genommen habe, weil es sonst konfisziert worden wäre; er habe Kinder und Schulden und sei jetzt nicht imstande, etwas zurückzugeben. Peter Labasow antwortete in zwei Zeilen: Weder ich noch meine Erben haben den geringsten Anspruch auf das Vermögen, das Ihnen durch das Gesetz zugesprochen wurde, und wir wollen auch keinen Anspruch darauf haben. – Kein Wort mehr. Wie finden Sie das? Und Fürst Iwan schluckte das hinunter, schloß dieses Dokument voller Freude zu den Wechseln in seine Schatulle und zeigte es niemand.«
Es war eine der Eigentümlichkeiten der Gescheiten, daß sie, wenn sie nur wollten, alles wußten, was in der Welt geschah, mochte es noch so heimlich geschehen.
»Es ist übrigens noch die Frage,« sagte ein neuer Sprecher, »ob es gerecht wäre, den Kindern des Fürsten Iwan das Vermögen zu nehmen, mit dem sie aufgewachsen und erzogen sind, und auf das sie ein Anrecht zu haben glaubten.«
So wurde das Gespräch in abstrakte Gebiete hinübergeleitet, die für Pachtin kein Interesse hatten.
Er empfand das Bedürfnis, wieder anderen Leuten die Neuigkeit zu überbringen, erhob sich und schritt langsam, bald rechts, bald links ein paar Worte wechselnd, durch die Säle. Einer seiner Kollegen hielt ihn an, um ihm von der Ankunft der Labasows Mitteilung zu machen.
»Wer wüßte das nicht!« antwortete Iwan Pawlowitsch mit ruhigem Lächeln und wandte sich dem Ausgange zu. Die Neuigkeit hatte schon die Runde gemacht und war wieder zu ihm zurückgekehrt. Er hatte also im Klub nichts mehr zu tun und ging zu einer Abendgesellschaft.
Es war keine geladene Gesellschaft, sondern ein Salon, in dem man täglich empfing. Es waren acht Damen und ein alter Oberst da, und man langweilte sich furchtbar. Doch schon das sichere Auftreten und das lächelnde Gesicht Pachtins wirkten erheiternd auf die Damen. Und die Neuigkeit, die er brachte, kam um so mehr zu rechter Zeit, als die alte Gräfin Fuchs nebst Tochter da waren. Als Pachtin fast wörtlich erzählte, was er im Zimmer der Gescheiten gehört hatte, begann die Gräfin kopfschüttelnd und sich über ihr Alter wundernd ihre Erinnerungen auszukramen: wie sie mit Natascha Krinskij, der jetzigen Frau Labasow, in die Welt geführt worden war.
»Ihre Heirat ist eine sehr romantische Geschichte, und all das hat sich vor meinen Augen abgespielt. Natascha war schon so gut wie verlobt mit Mjatlin, der später im Duell mit Deber gefallen ist. Da kommt Fürst Peter nach Moskau, verliebt sich in sie und hält um sie an. Aber ihr Vater, der Mjatlin sehr gern zum Schwiegersohn gehabt hätte – übrigens fürchtete man sich allgemein vor Labasow, weil er Freimaurer war, – ihr Vater also wies ihn ab. Der junge Mann aber trifft sie immer wieder auf Bällen und überall, befreundet sich mit Mjatlin und bittet ihn, zu verzichten. Mjatlin geht darauf ein, und nun überredet er sie, mit ihm zu fliehen. Sie willigt ein, aber eine letzte Anwandlung von Reue zwingt sie, zum Vater zu gehen und ihm zu sagen, alles sei zur Flucht bereit, sie könne ihn verlassen, sie hoffe aber auf seine Großmut. Und der Vater verzeiht in der Tat – alle baten für sie – und gibt seine Einwilligung. So kam die Hochzeit zustande, und es war eine fröhliche Hochzeit! Wer von uns hätte damals gedacht, daß sie ein Jahr später ihm nach Sibirien folgen würde! Sie, die einzige Tochter, das reichste und schönste Mädchen jener Zeit? Kaiser Alexander hatte sie stets auf den Bällen ausgezeichnet und oft mit ihr getanzt. Bei Gräfin G. war ein Kostümball – ich weiß es noch, als wärs heute erst gewesen! – und sie erschien als Neapolitanerin; ganz entzückend! Wenn er später nach Moskau kam, fragte er jedesmal: Que fait la belle Napolitaine? Und diese Frau – noch gar in dieser Lage (sie wurde unterwegs entbunden) – bedachte sich keinen Augenblick, machte keinerlei Vorbereitungen, packte nicht einmal ihre Sachen, sondern fuhr so, wie sie war, als man ihn verhaftete, fünftausend Werst weit hinter ihm her!«
»O, eine bewundernswerte Frau!« rief die Dame des Hauses.
»Sowohl sie als er waren seltene Menschen,« sagte eine andere Dame; »man hat mir erzählt, – ich weiß nicht, ob es wahr ist, – daß sie in Sibirien überall, wo sie in den Minen oder wie man das nennt, arbeiteten, auf die Sträflinge, die dort waren, veredelnd eingewirkt haben.«
»Sie hat aber nie in den Minen gearbeitet,« korrigierte Pachtin.
Was das Jahr 1856 doch bedeutete! Noch vor drei Jahren dachte kein Mensch an die Labasows, und wenn man sich ihrer erinnerte, so geschah es mit jenem unwillkürlichen Bangigkeitsgefühl, mit dem man von kürzlich Verstorbenen spricht. Und wie lebhaft erinnerte man sich jetzt aller früheren Beziehungen, aller schönen Eigenschaften der Zurückgekehrten! Jede der Damen schmiedete schon Pläne, wie sie das Monopol über die Labasows bekommen und diese den anderen Gästen vorsetzen könnte.
»Sohn und Tochter sind mit ihnen gekommen,« sagte Pachtin.
»Wenn sie nur auch so hübsch sind, wie die Mutter war,« meinte die Gräfin Fuchs, »übrigens, auch der Vater war sehr, sehr hübsch.«
»Wie haben sie wohl dort ihre Kinder erziehen können?« fragte die Dame des Hauses.
»Ausgezeichnet, sagt man. Es heißt, der junge Mann soll so nett, liebenswürdig und gebildet sein, als wäre er in Paris aufgewachsen.«
»Ich prophezeie dem jungen Mädchen einen großen Erfolg,« sagte eine häßliche junge Dame; »alle diese Sibirierinnen haben so etwas angenehm Triviales, und das gefällt.«
»Ja, ja,« bestätigte eine andere junge Dame.
»Also eine reiche Heiratskandidatin mehr,« sagte eine dritte.
Der alte Oberst, der deutscher Abkunft und vor drei Jahren nach Moskau gekommen war, um eine reiche Braut zu suchen, beschloß, daß er sich sobald als möglich, solange die jungen Leute noch nichts erfahren hatten, ihr vorstellen und einen Antrag machen werde. Die jungen Mädchen ihrerseits dachten etwas ganz Ähnliches in Bezug auf den jungen Mann. »Gewiß ist das der, den mir das Schicksal bestimmt hat!« dachte ein Fräulein, das bereits seit acht Jahren vergebens alle Gesellschaften mitmachte. »Es war vielleicht zu meinem Besten, daß dieser dumme Gardekavallerist nicht um mich angehalten hat; er hätte mich gewiß unglücklich gemacht.« – »Na, sie werden sich wieder alle die Gelbsucht anärgern, wenn sich auch der noch in mich verliebt!« dachte eine hübsche junge Dame. – Man spricht von dem Kleinstädtertum der Provinzstädte, aber es gibt kein ärgeres Kleinstädtertum als das der höheren Gesellschaftskreise. In der Provinzstadt gibt es keine neuen Erscheinungen, aber die Gesellschaft ist gern bereit, sie aufzunehmen, wenn sie sich nur zeigen wollten; hier aber werden die neuen Erscheinungen selten, sehr selten, wie jetzt die Labasows, als zur Gesellschaft gehörig anerkannt, und die Sensation, die sie erregen, ist größer als in der Provinzstadt.
III.
»Moskau, o Moskau! weißsteiniges Mütterchen Moskau!« sagte Peter Iwanowitsch, als er sich am andern Morgen die Augen wach rieb und dem Geläute der Glocken lauschte. Nichts läßt die Vergangenheit so deutlich vor uns auferstehen als Töne; und diese Moskauer Glocken im Verein mit dem Anblick der weißen Mauer vor dem Fenster und dem Gerassel der Räder auf den Straßen erinnerten ihn so lebhaft nicht nur an das Moskau, das er vor fünfunddreißig Jahren gekannt hatte, sondern auch an das Moskau mit dem Kreml, den Glockentürmen, Mauern und so weiter, das er in seinem Herzen trug, und er empfand eine gradezu kindische Freude darüber, daß er ein Russe und daß er in Moskau war.
Da war der bucharische Schlafrock, der die breite Brust im Kattunhemd unbedeckt ließ, da die Pfeife mit dem Bernsteinmundstück, der Diener mit den geräuschlosen Bewegungen, der Tee, der Tabaksduft; dann ertönte eine laute, heftige Männerstimme in den Zimmern Chevaliers: die Stimmen des Sohnes und der Tochter und frische Morgenküsse klangen von nebenan, und der Dekabrist fühlte sich ebenso zu Hause, wie er sich in Irkutsk zu Hause gefühlt hatte, und wie er es auch in Neuyork oder Paris getan hätte.
So gern ich meinen Lesern den alten Helden aus der Dekabristenzeit über alle Schwächen erhaben schildern möchte, so muß ich doch der Wahrheit zuliebe gestehen, daß Peter Iwanowitsch sich heute mit besonderer Sorgfalt rasierte, kämmte und im Spiegel betrachtete. Er war unzufrieden mit seinem Anzuge, der in Sibirien nicht allzu schön gemacht worden war, und knöpfte den Rock ein paarmal zu und wieder auf. Natalia Nikolajewna aber rauschte in einem schwarzen Moirékleide in den Salon, die Stulpenärmel und die Haubenbänder waren zwar nicht ganz nach der neuesten Mode, aber so geschmackvoll geordnet, daß es nicht nur nicht ridicule, sondern im Gegenteil distingué wirkte. Für so etwas haben die Frauen einen sechsten Sinn und einen mit nichts zu vergleichenden Scharfblick. Auch Ssonja war so gekleidet, daß nichts an ihrer Toilette auszusetzen war, obgleich sie um zwei Jahre hinter der Mode zurückstand. Die Mutter dunkel und schlicht, die Tochter hell und heiter. – Ssergej war eben erst aufgewacht, und sie fuhren ohne ihn zur Kirche: Vater und Mutter im Fond, die Tochter ihnen gegenüber, Wassilij auf dem Bock; so brachte die Mietskutsche sie zum Kreml. Als sie aus der Kutsche stiegen, zupften die Damen ihre Kleider zurecht, dann reichte Peter Iwanowitsch seiner Natalia Nikolajewna den Arm, warf den Kopf in den Nacken und schritt auf die Kirchentür zu. Viele der Anwesenden – Kaufleute, Offiziere und allerlei Volk – wußten nicht recht, welcher Art Menschen das sein konnten. Wer war dieser offenbar seit vielen, vielen Jahren sonngebräunte alte Herr mit den eigentümlichen, derben, geraden Furchen im Gesicht, die nichts gemein hatten mit den Furchen, die man im Englischen Klub bekam, mit dem schneeweißen Haar und Bart, dem gütigen und doch stolzen Blick und den energischen Bewegungen? Wer war diese hochgewachsene Frau mit der vornehmen Haltung und den müden, gleichsam erloschenen, großen und schönen Augen? Wer war dieses frische, schlanke, kräftige junge Mädchen, das trotz der unmodernen Kleidung durchaus nicht schüchtern auftrat. Sie glichen nicht gerade Kaufleuten, auch nicht Deutschen; waren es vornehme Herrschaften? Auch darnach sahen sie nicht eigentlich aus, jedenfalls aber waren es Leute von Stand. So dachten alle, die sie in der Kirche sahen, und machten ihnen unwillkürlich bereitwilliger Platz als den Herren mit dicken Epaulettes. Peter Iwanowitsch hielt sich die ganze Zeit so hoheitsvoll wie beim Eintritt und betete still, ernst, ohne die Haltung zu verlieren. Natalia Nikolajewna kniete voller Würde nieder, zog ihr Taschentuch und weinte viel während des Gottesdienstes. Ssonja schien sich zum Beten zwingen zu müssen. Die Andacht wollte nicht kommen, aber sie sah sich nicht um und machte fleißig das Kreuzeszeichen.
Ssergej war daheim geblieben, teils weil er sich verschlafen hatte, teils weil ihm das Stehen in der Kirche schwer fiel; seine Füße starben ab, und er begriff nie, warum es für ihn eine Kleinigkeit war, vierzig Werst auf Schneeschuhen zurückzulegen, während es ihm die größte körperliche Qual bedeutete, ein Evangelium lang zu stehen; der Hauptgrund für sein Zurückbleiben aber war der, daß er vor allem andern einen neuen Anzug haben wollte. Er zog sich an und ging zur Schmiedebrücke. An Geld fehlte es ihm nicht. Der Vater hatte es sich zur Regel gemacht, dem Sohn von dessen einundzwanzigstem Jahre an soviel Geld zu geben, als er haben wollte. Es stand in der Macht des jungen Mannes, Vater und Mutter völlig mittellos zu machen.
Wie schade um die zweihundertfünfzig Rubel, die in dem Kleiderladen Kunz unnütz verausgabt wurden! Jeder der Herren, denen Ssergej begegnete, hätte ihm gern einen Rat erteilt und sich glücklich geschätzt, ihm bei der Bestellung eines Anzuges behilflich zu sein; aber wie das immer zu sein pflegt: er war einsam inmitten der Menschenmenge, und wie er so über die Schmiedebrücke dahinschlenderte, ohne die Läden zu beachten, gelangte er bis ans Ende, öffnete eine Tür – und kam in einem braunen, enganliegenden Frack heraus (und man trug jetzt weite Fracks), in schwarzen, weiten Beinkleidern (und man trug jetzt enganliegende) und in einer geblümten Atlasweste, die keiner der Herren, die bei Chevalier im Extrazimmer saßen, auch nur seinem Diener zu tragen erlaubt hätte. Noch vieles andere hatte Ssergej gekauft; dafür aber war Kunz über die schlanke Taille des jungen Mannes in Entzücken geraten und hatte ihm – wie er das jedem Käufer zu sagen pflegte – erklärt, daß er eine ähnliche noch nie gesehen. Ssergej wußte selbst, daß er eine hübsche Taille habe, aber das Lob eines fremden Menschen, wie Kunz es war, schmeichelte ihm sehr. Er trat um zweihundertfünfzig Rubel ärmer aus dem Laden und war dabei miserabel gekleidet, so miserabel, daß der Anzug nach zwei Tagen in Wassilijs Besitz überging und für Ssergej auf immer eine peinliche Erinnerung blieb.
Zu Hause angelangt, ging Ssergej nach unten, setzte sich ins große Zimmer, warf einen Blick ins Heiligtum und bestellte sich zum Frühstück so merkwürdige Speisen, daß der Kellner in der Küche lachen mußte. Er verlangte auch eine Zeitung und tat, als lese er. Als aber der Kellner, ermutigt durch die Unerfahrenheit des Jünglings, ihn auszufragen begann, sagte Ssergej: »Geh auf deinen Platz!« und errötete. Aber er sagte es in so stolzem Tone, daß der Kellner gehorchte. – Als Mutter, Vater und Schwester heimkehrten, fanden sie seinen Anzug ebenfalls wunderschön.
Erinnert ihr euch noch des frohen Gefühls aus der Kinderzeit, wenn man euch am Namenstage schön angezogen und in die Kirche geführt hatte, und ihr dann bei der Heimkehr – festlich gekleidet, festlich aussehend und festlich gestimmt – zu Hause Gäste und Spielsachen vorfandet? Ihr wußtet, heut’ gab’s keine Unterrichtsstunden, selbst die Großen feierten, fürs ganze Haus war’s ein Ausnahmetag, ein Tag des Vergnügens; ihr wußtet, daß ihr allein die Ursache dieser Festlichkeit seid, und daß man alles verzeihen würde, was ihr heute auch anstelltet, und ihr wundertet euch nur, daß die Leute auf der Straße nicht ebenso feierten wie eure Hausgenossen; alle Klänge waren voller, alle Farben heller, mit einem Wort: Namenstagsstimmung! In solcher Stimmung war Peter Iwanowitsch, als er aus der Kirche heimkehrte.
Pachtins gestrige Bemühungen waren nicht umsonst gewesen: statt der Spielsachen fand Peter Iwanowitsch zu Hause schon ein paar Visitenkarten vornehmer Moskauer, die es im Jahre 1856 für ihre unabweisbare Pflicht hielten, dem berühmten Verbannten, den sie noch vor drei Jahren um keinen Preis der Welt hätten empfangen mögen, jede mögliche Aufmerksamkeit zu erweisen.
In den Augen Chevaliers, des Portiers und der Dienstboten im Gasthause hatte das Erscheinen der vielen Kutschen, deren Insassen nach Peter Iwanowitsch fragten, an dem einen Morgen die Hochachtung und Dienstwilligkeit für die Ankömmlinge verzehnfacht.
Alles das waren Namenstagsgeschenke für Peter Iwanowitsch. Soviel der Mensch auch erlebt hat, so klug er auch sein mag, Achtungsbezeigungen von Personen, die von den meisten Menschen geachtet werden, sind immer angenehm. Peter Iwanowitsch war in bester Laune, als Chevalier ihm unter Verbeugungen vorschlug, die Räume zu wechseln, und ihn bat, nur zu befehlen, sobald er etwas wünsche; er versicherte, daß er Peter Iwanowitschs Besuch als ein Glück betrachte. Als Peter Iwanowitsch die Visitenkarten durchsah und, während er sie in die Schale zurückwarf, die Namen des Grafen S., des Fürsten D. und so weiter nannte, sagte Natalia Nikolajewna, sie wolle niemand empfangen und gleich zu Maria Iwanowna fahren. Peter Iwanowitsch war damit einverstanden, obgleich er gern mit vielen der Besucher geplaudert hätte. Nur einem Gast glückte es, vorzukommen, bevor der Befehl der Abweisung erteilt worden war. Das war Pachtin. Wenn man diesen Mann gefragt hätte, warum er gekommen sei, so hätte er keinen andern Vorwand nennen können außer dem, daß er alles Neue und Interessante liebe, und daher gekommen sei, um Peter Iwanowitsch wie eine Kuriosität zu betrachten. Man sollte meinen, daß ein solcher Grund, einen fremden Menschen zu besuchen, den Gast verlegen machen müsse. Aber das Gegenteil stellte sich heraus: Peter Iwanowitsch und sein Sohn und Sophia Petrowna waren verlegen; Natalia Nikolajewna war zu sehr grande dame, als daß sie durch irgend etwas in Verlegenheit zu setzen wäre. Der müde Blick ihrer schönen, schwarzen Augen richtete sich ruhig auf Pachtin. Pachtin aber war frisch, selbstzufrieden und von heiterer Liebenswürdigkeit wie immer. Er war ein Freund von Maria Iwanowna.
»Ah,« sagte Natalia Nikolajewna.
»Nicht grade Freund – das ist bei unserem Alter nicht das rechte Wort –, aber sie war immer sehr gütig gegen mich.«
Pachtin war ferner ein alter Verehrer von Peter Iwanowitsch, er hatte seine Genossen gekannt. Er hoffte, den Ankömmlingen nützlich sein zu können. Er wäre schon gestern abend gekommen, habe aber nicht die Zeit dazu gehabt und bitte deshalb um Entschuldigung. Und er setzte sich und plauderte lange.
»Ja, ich muß Ihnen gestehen, ich habe in Rußland vieles verändert gefunden seit jener Zeit,« sagte Peter Iwanowitsch als Antwort auf eine Frage. Man muß gesehen haben, mit welch ehrfurchtsvoller Aufmerksamkeit Pachtin jedes Wort aufnahm, das aus dem Munde des vornehmen Greises kam, und wie er nach jedem Satz oder gar nach jedem Wort durch ein Kopfnicken, ein Lächeln oder einen Blick zu verstehen gab, daß er den denkwürdigen Satz oder das denkwürdige Wort verstanden habe und zu schätzen wisse. Der müde Blick ermunterte ihn noch zu diesem Manöver. Ssergej Petrowitsch schien zu fürchten, die Worte seines Vaters könnten zu unbedeutend sein für diesen aufmerksamen Zuhörer. Sophia Petrowna dagegen lächelte jenes kaum merkliche, selbstgefällige Lächeln, das Leuten eigen ist, welche die lächerliche Seite eines Menschen entdeckt haben. Es schien ihr, daß man von dem nicht viel zu erwarten habe, daß er ein »Nichts« sei, wie sie und der Bruder eine gewisse Sorte von Menschen zu bezeichnen pflegten.
Peter Iwanowitsch erklärte, er habe unterwegs große Veränderungen bemerkt, die ihn erfreut hätten.
»Das Volk, der Bauer hat sich unvergleichlich gehoben, hat viel mehr Bewußtsein der eigenen Würde bekommen,« sagte er, gleichsam alte Phrasen wiederholend, »und ich muß sagen, das Volk ist es, das mich vor allem andern interessiert hat und noch interessiert; ich bin der Meinung, die Kraft Rußlands liegt nicht in uns, sondern im Volk,« und so weiter. Peter Iwanowitsch entwickelte mit dem ihm eigenen Feuer seine mehr oder weniger originellen Gedanken über verschiedene wichtige Angelegenheiten. Wir werden sie später noch in allen Einzelheiten kennen lernen. Pachtin verging vor Entzücken und stimmte allem vollkommen bei.
»Sie müssen unbedingt mit Akßatows bekannt werden! Sie werden mir doch gestatten, Fürst, sie Ihnen vorzustellen? Sie wissen, er hat jetzt die Erlaubnis zu seiner Publikation erhalten; es heißt, morgen soll die erste Nummer erscheinen. Ich habe auch seinen bewundernswerten Artikel über die Folgerichtigkeit der wissenschaftlichen Theorie in der Abstraktion gelesen. Ungemein interessant! Dann ist da noch ein Aufsatz: Die Geschichte Serbiens im elften Jahrhundert von dem berühmten Wojwoden Karbowanez; auch sehr interessant. Überhaupt ein Riesenschritt vorwärts!«
»Ah so,« sagte Peter Iwanowitsch; aber alle diese Nachrichten interessierten ihn offenbar nicht. Er kannte nicht einmal die Namen und die Verdienste dieser Menschen, welche Pachtin als allgemein bekannt erwähnte. Natalia Nikolajewna, welche die Notwendigkeit, diese Menschen und Verhältnisse zu kennen, nicht leugnete, bemerkte zur Entschuldigung ihres Mannes, Pierre habe die Zeitschriften immer sehr spät bekommen; er lese aber sehr viel.
»Papa, werden wir zur Tante fahren?« fragte Ssonja, ins Zimmer tretend.
»Gewiß, aber zuerst müssen wir frühstücken. Ist Ihnen nicht etwas gefällig?«
Pachtin lehnte natürlich ab, aber Peter Iwanowitsch bestand mit der jedem Russen im allgemeinen und ihm selbst im besonderen eigenen Gastfreundschaft darauf, daß Pachtin etwas esse und trinke. Er selbst trank ein Gläschen Schnaps und ein Glas Bordeaux. Pachtin bemerkte, daß Natalia Nikolajewna in dem Augenblick, als er den Wein einschenkte, sich abwandte, während der Sohn aufmerksam die Hände des Vaters betrachtete. Nachdem er getrunken hatte, antwortete Peter Iwanowitsch auf Pachtins Fragen nach seinen Ansichten über die neue Literatur, die neue Richtung, über Krieg und Frieden (Pachtin verstand es, die verschiedenartigsten Dinge zu einem nicht grade geistreichen, aber fließenden Geplauder zu vereinigen). Auf alle diese Fragen antwortete Peter Iwanowitsch mit einer allgemeinen profession de foi, – war es der Wein oder das Gesprächsthema – er geriet so in Eifer, daß ihm die Tränen in die Augen traten und daß Pachtin in Entzücken geriet, ebenfalls zu weinen begann und ohne jede Zurückhaltung seine Überzeugung aussprach, daß Peter Iwanowitsch jetzt alle führenden Persönlichkeiten überrage und an die Spitze aller Parteien treten müsse. Pierres Augen glänzten, denn er glaubte, was Pachtin ihm sagte. Und er hätte noch lange weiter gesprochen, wenn Sophia Petrowna die Mutter nicht angestiftet hätte, ihre Mantille umzunehmen, und wenn sie nicht selbst gekommen wäre, um Peter Iwanowitsch zum Aufbruch zu veranlassen. Er schüttete sich den letzten Wein ins Glas, aber Sophia Petrowna trank ihn aus.
»Was machst du?«
»Ich hatte noch nichts getrunken, Papa, verzeih.«
Er lächelte.
»Nun wollen wir zu Maria Iwanowna fahren. Entschuldigen Sie, Monsieur Pachtin.«
Und stolz erhobenen Hauptes schritt Peter Iwanowitsch hinaus. Im Flur begegnete er einem General, der den alten Bekannten hatte besuchen wollen. Sie hatten sich fünfunddreißig Jahre nicht gesehen. Der General war schon zahnlos und kahlköpfig.
»Aber du, wie du noch frisch bist,« sagte er, »man sieht, Sibirien ist bekömmlicher als Petersburg. Das sind die Deinen? Stell’ mich vor. Was für ein prächtiger Bursche, dein Sohn! Also morgen zum Diner?«
»Ja, ja, unbedingt.«
Auf der Stiege kam ihm der berühmte Tschichajew entgegen, ebenfalls ein alter Bekannter.
»Wie haben Sie denn erfahren, daß ich angekommen bin?«
»Eine Schande wär’s für Moskau, wenn es das nicht wissen sollte; eine Schande ist’s, daß man Sie nicht schon beim Schlagbaum empfangen hat. Wo speisen Sie? Wahrscheinlich bei Ihrer Schwester Maria Iwanowna? Ausgezeichnet, ich werde auch hinkommen.«
Peter Iwanowitsch machte stets einen stolzen Eindruck auf diejenigen, die hinter der äußeren Erscheinung die unaussprechliche Güte und den Gefühlsreichtum nicht sehen konnten. Jetzt aber hatte sogar Natalia Nikolajewna ihre Freude an seiner ungewöhnlichen Hoheit, und Sophia Petrownas Augen lachten, wenn sie ihn ansah.
Sie kamen zu Maria Iwanowna, die Pierres Taufpatin und zehn Jahre älter als er war. Sie war ein altes Fräulein. Warum sie nicht geheiratet hatte, und wie sie ihre Jugend verlebt hatte, werde ich später einmal erzählen.
Seit vierzig Jahren lebte sie in Moskau, ohne es zu verlassen. Sie war weder sehr klug, noch sehr reich. An vornehmen Verbindungen lag ihr nichts, im Gegenteil. Und doch gab es keinen Menschen, der sie nicht hochschätzte. Sie war so überzeugt von der allgemeinen Hochschätzung, daß man gar nicht anders konnte, als eben sie hochschätzen. Es gab zwar einige junge Liberale, die eben erst von der Universität kamen und ihre Macht nicht anerkennen wollten, aber diese Herren frondierten nur in ihrer Abwesenheit. Sie brauchte nur mit ihrer königlichen Haltung ins Zimmer zu treten, in ihrer ruhigen Art ein Gespräch zu beginnen, sich mit ihrem freundlichen Lächeln umzuschauen, und sie unterwarfen sich. Ihr Gesellschaftskreis bestand aus – allen. Sie betrachtete und behandelte alle Moskauer wie ihre Hausgenossen. Am häufigsten besuchten sie junge Leute und geistreiche Männer; Frauen liebte sie nicht. Es gab in ihrem Haus auch männliche und weibliche Schmarotzer, welche unsere Literatur mit gleicher Verachtung zu behandeln pflegt wie die Wengerka und die Generale; aber Maria Iwanowna war der Ansicht, Skopin, der sein Vermögen im Spiel verloren hatte, und Frau Beschew, die von ihrem Manne fortgeschickt worden war, hätten es bei ihr besser als in Armut und Not, und daher behielt sie sie in ihrem Haus. Aber die zwei stärksten Gefühle in Maria Iwanownas jetzigem Leben gehörten ihren beiden Brüdern: Peter Iwanowitsch war ihr Abgott, Iwan Iwanowitsch ihr Haß. –
Sie wußte nicht, daß Peter Iwanowitsch angekommen war; sie war in der Messe gewesen und hatte eben erst gefrühstückt. Ein Moskauer Vikar, Frau Beschew und Skopin saßen um ihren Tisch. Maria Iwanowna erzählte ihnen von dem jungen Grafen W., der eben aus Sewastopol zurückgekehrt war und für den sie schwärmte. (Sie hatte beständig irgend eine Schwärmerei.) Heute sollte er bei ihr zu Mittag speisen. Der Vikar erhob sich und verabschiedete sich, und Maria Iwanowna hielt ihn nicht zurück.
»Geben Sie, bitte, den Auftrag, lieber Freund, niemand vorzulassen,« sagte sie, »ich will an Pierre schreiben; ich weiß gar nicht, warum er noch nicht kommt. Wahrscheinlich ist Natalia Nikolajewna krank.«
Maria Iwanowna lebte in der Überzeugung, daß Natalia Nikolajewna sie nicht liebte und ihr feindlich gesinnt war. Sie konnte es nicht verzeihen, daß nicht sie, die Schwester, ihm ihr Vermögen geopfert und nach Sibirien gefolgt war, sondern daß Natalia Nikolajewna das getan hatte, und daß ihr Bruder entschieden dagegen gewesen war, als auch sie hinreisen wollte. Jetzt nach fünfunddreißig Jahren begann sie ihrem Bruder zu glauben, daß Natalia Nikolajewna die beste Frau der Welt und sein Schutzengel sei; aber sie beneidete die Schwägerin, und es wollte ihr immer wieder scheinen, als sei sie eine schlechte Frau.
Sie erhob sich, durchschritt den Saal und wollte sich in ihr Schreibzimmer begeben, als sich die Tür öffnete und das runzelige, alte Gesicht der Frau Beschew mit dem Ausdruck freudigen Schreckens in der Tür erschien.
»Maria Iwanowna, machen Sie sich gefaßt –« sagte sie.
»Ein Brief?«
»Nein, mehr – Aber sie hatte noch nicht zu Ende gesprochen, als im Vorzimmer eine laute Männerstimme ertönte:
»Wo ist sie denn? Geh du, Natascha.«
»Er!« rief Maria Iwanowna und ging mit großen, festen Schritten dem Bruder entgegen. Sie begrüßte die Verwandten, als hätten sie sich erst gestern zum letztenmal gesehen.
»Wann bist du angekommen? Wo seid ihr abgestiegen? Seid ihr in einer Kutsche hergefahren?« Das waren die Fragen, welche Maria Iwanowna stellte, während sie mit ihnen in den Salon ging; sie wartete die Antworten gar nicht ab und blickte mit großen Augen bald den einen, bald den andern an. Frau Beschew wunderte sich über diese Ruhe oder gar Gleichgültigkeit und billigte sie nicht. Alle lächelten, das Gespräch verstummte, schweigend und ernst betrachtete Maria Iwanowna ihren Bruder.
»Wie geht es Ihnen?« fragte Peter Iwanowitsch, indem er lächelnd ihre Hand ergriff. Er sagte zu ihr Sie und sie zu ihm du. Maria Iwanowna blickte noch einmal auf seinen grauen Bart, die Glatze, die Zähne, die Runzeln, die Augen, das sonnverbrannte Gesicht – und sie erkannte alles.
»Das ist meine Ssonja.«
Aber sie sah sich nicht um.
»Was bist du für ein Dumm –« ihre Stimme versagte, sie faßte mit ihren großen, weißen Händen den kahlen Kopf des Bruders. »Was bist du für ein Dummkopf,« hatte sie sagen wollen, »daß du mich nicht vorbereitet hast.« Aber ihre Schultern und ihre Brust begannen zu zittern, das alte Gesicht verzog sich, und sie schluchzte auf, während sie immer wieder seinen Kopf an ihre Brust drückte und wiederholte: »Was bist du für ein Dummkopf, daß du mich nicht vorbereitet hast!«
Peter Iwanowitsch kam sich nicht mehr als ein so großer Mann, als eine so wichtige Persönlichkeit vor, wie auf Chevaliers Stiege. Er saß auf dem Lehnstuhl, seinen Kopf aber hielt die Schwester in ihren Händen, es kitzelte ihn in der Nase, seine Haare waren verwühlt, und in seinen Augen standen Tränen. Aber er fühlte sich wohl. – Als dieser Ausbruch von Freudentränen vorüber war, begann Maria Iwanowna zu verstehen und zu glauben, was geschehen war. Sie betrachtete alle. Aber noch mehrmals im Laufe des Tages, sobald sie daran dachte, wie er einst gewesen und wie sie damals gewesen war und wie sie beide jetzt waren, und sobald dies alles wieder lebhaft in ihre Erinnerung trat: das Unglück, die Freude und die Liebe von damals, so übermannte es sie, sie erhob sich und sagte wieder: »Was bist du für ein Dummkopf, Petruscha, was für ein Dummkopf, daß du mich nicht vorbereitet hast!«
»Warum seid ihr nicht direkt zu mir gekommen? Ich hätte euch untergebracht,« sagte Maria Iwanowna, »jetzt werdet ihr doch wenigstens bei mir Mittag essen? Du wirst dich bei mir nicht langweilen, Ssergej, bei mir speist ein junger Held von Sewastopol. Und kennst du Nikolaj Michailowitsch den Sohn? Er ist Schriftsteller, soll irgend etwas Gutes geschrieben haben. Ich hab’s nicht gelesen, aber man lobt es sehr, und er ist ein lieber Bursche; ich werde auch ihn einladen. Auch Tschichajew wollte kommen. Na, das ist ein Schwätzer, den mag ich nicht. War er schon bei dir? Und hast du Nikita schon gesehen? Na, das ist ja alles Unsinn. Was beabsichtigst du zu unternehmen? Und Sie. Natalia, wie steht es mit Ihrem Befinden? Was werden wir mit diesem jungen Mann und dieser jungen Schönheit anfangen?«
Aber das Gespräch wollte immer noch nicht recht in Gang kommen.
Vor dem Diner fuhren Natalia Nikolajewna und die Kinder zu einer alten Tante, und Bruder und Schwester blieben allein; nun begann er von seinen Plänen zu sprechen.
»Ssonja ist erwachsen und muß in die Gesellschaft eingeführt werden, folglich werden wir in Moskau wohnen,« sagte Maria Iwanowna.
»Auf keinen Fall.«
»Ssergej muß dienen.«
»Auf keinen Fall.«
»Du bist noch immer so verrückt wie früher!« Aber trotzdem liebte sie diesen Verrückten.
»Wir müssen hier bleiben, dann aufs Land fahren und den Kindern alles zeigen.«
»Mein Grundsatz ist, mich nicht in Familienangelegenheiten zu mischen,« sagte Maria Iwanowna, als sie sich von der Aufregung etwas erholt hatte, »und keine Ratschläge zu erteilen. Ein junger Mann muß dienen, das habe ich stets gedacht und denke es auch heute. Und heutzutage mehr als je. Du weißt nicht, wie die Jugend heute ist, Petruscha. Ich kenne sie. Der Sohn des Fürsten Dmitrij zum Beispiel ist ganz zugrunde gegangen. Und sie sind selbst daran schuld. Ich fürchte ja niemand, ich bin eine alte Frau. Aber es ist schlimm.« Und sie begann von der Regierung zu sprechen. Sie war mit ihr unzufrieden, da sie allen zu viel Freiheit gab. »Nur ein Gutes hat sie gemacht, daß sie euch freigelassen hat. Das ist gut.«
Petruscha wollte die Regierung verteidigen, aber mit Maria Iwanowna ging es ihm nicht so wie mit Pachtin; sie ließ ihn gar nicht zu Ende sprechen und rief ärgerlich:
»Was verteidigst du sie? Hast du Grund, sie zu verteidigen? Ich sehe, du bist immer noch so unvernünftig.«
Peter Iwanowitsch schwieg und lächelte fein, als wolle er sagen, daß er sich nicht ergebe, aber mit Maria Iwanowna nicht streiten wolle.
»Du lächelst. Ich kenne das. Du willst mit einem Weibe nicht streiten,« sagte sie heiter und freundlich und sah den Bruder dabei so fein und klug an, wie man es von ihrem alten Gesicht mit den derben Zügen gar nicht erwartet hätte. »Mit mir wirst du nicht fertig, Freundchen! Vergiß nicht, daß ich mein siebentes Jahrzehnt bald beendet habe. Ich habe auch nicht in den Tag hinein gelebt, hab’ manches gesehen und begriffen. Neue Bücher habe ich zwar nicht gelesen und werde sie auch nicht lesen. Die Bücher enthalten nichts als Unsinn.«
»Nun, wie gefallen Ihnen meine Kinder? Ssergej?« fragte Peter Iwanowitsch mit demselben Lächeln.
»Na, na,« antwortete sie, mit dem Finger drohend; »lenk’ nicht ab auf deine Kinder, von denen sprechen wir schon noch. Aber ich wollte dir folgendes sagen: du warst und bist ein unvernünftiger Mensch, ich seh’s dir an den Augen an. Man wird dich jetzt auf den Händen tragen. Das ist so Mode. Ihr seid jetzt alle in Mode. Ja, ja, ich seh’s dir an den Augen an, du bist noch ebenso unvernünftig, wie du warst!« fügte sie hinzu, als Antwort auf sein Lächeln; »um Christi willen, halte dich fern von all den heutigen Liberalen! Weiß der liebe Himmel, was die treiben. Aber ein gutes Ende wird das nicht nehmen. Und unsere Regierung schweigt vorläufig, dann aber wird sie die Krallen zeigen müssen. Denk an meine Worte! Ich fürchte, daß du wieder hineinverwickelt wirst. Laß das, es ist ja dummes Zeug! Du hast Kinder.«
»Man sieht, daß Sie mich nicht kennen, Maria Iwanowna,« sagte der Bruder.
»Na, gut, gut, wir werden schon sehen, ob ich dich nicht kenne, oder ob du selbst dich nicht kennst. Ich habe ausgesprochen, was ich auf dem Herzen hatte; folgst du mir – gut. Jetzt können wir auch von Ssergej sprechen. Wie ist er denn?« – Er hat mir nicht sehr gefallen, wollte sie sagen, aber sie sagte nur: »Er gleicht der Mutter sehr, wie ein Tropfen Wasser dem andern. Deine Ssonja hat mir sehr gefallen, sehr. Sie hat so etwas Liebes, Offenes. Ein liebes Ding. Wo ist sie? Ja so, ich habe vergessen.«
»Was soll ich Ihnen sagen? Ssonja wird eine gute Frau und Mutter werden, mein Ssergej aber ist gescheit, sehr gescheit. Das wird ihm niemand nehmen. Er hat ausgezeichnet gelernt, wenn er auch ein wenig faul war. Er hat eine besondere Neigung für die Naturwissenschaften. Wir waren so glücklich, einen prächtigen Lehrer zu finden. Hier möchte er die Universität besuchen und Vorlesungen über Naturgeschichte und Chemie hören.«
Maria Iwanowna hörte kaum zu, als der Bruder von den Naturwissenschaften zu sprechen anfing. Sie schien plötzlich traurig zu werden, besonders als von der Chemie die Rede war. Sie seufzte tief auf und antwortete unmittelbar auf die Gedankenreihe, welche die Naturwissenschaften in ihr angeregt hatten:
»Wenn du wüßtest, wie sie mir leid tun, Petruscha!« sagte sie mit aufrichtiger, stiller, ergebungsvoller Trauer; »so leid, so leid! Das ganze Leben liegt noch vor ihnen! Was werden sie alles noch zu erdulden haben!«
»Nun, wir wollen hoffen, daß ihr Leben sich glücklicher gestalten wird als das unsere.«
»Gott geb’s, Gott geb’s! Aber das Leben ist schwer, Petruscha. Folge mir nur in einem, mein Lieber: philosophiere nicht. Was bist du für ein Dummkopf, Petruscha, ach, was für ein Dummkopf! Aber ich muß meine Anordnungen treffen. Ich habe die Leute eingeladen, aber womit werd’ ich sie denn füttern?« Sie wandte sich ab und läutete. »Taraß soll kommen.«
»Ist der Alte noch immer im Haus?« fragte der Bruder.
»Gewiß, und warum auch nicht? Er ist ja noch ein Knabe im Vergleich zu mir.«
Taraß war ein wenig ärgerlich, machte sich aber gleich an die Arbeit.
Bald darauf traten, strahlend vor Glück und vor Kälte und mit den Kleidern rauschend, Natalia Nikolajewna und Ssonja ins Zimmer; Ssergej war noch zurückgeblieben, um Einkäufe zu machen.
»Laßt mich sie betrachten!« Und Maria Iwanowna nahm Ssonjas Köpfchen zwischen ihre beiden Hände. Natalia Nikolajewna begann zu erzählen.