Von Ottilie Wildermuth
Es ist eine schöne Sache um die freundlichen Vorstädte, die sich während der langen Friedensjahre um unsere alten Städte und Städtchen herum angesiedelt haben, friedliche Vorposten, die uns sagen, es sei gerade nicht mehr schlimm gemeint mit den finstern Resten von hohen Stadtmauern und festen Thürmen, die noch aus der alten Zeit herüber schauen. – Und doch geht mir erst das Herz auf, wenn ich in den Kern einer alten Stadt eindringe, wo die geschwärzten hohen Häuser mit Resten von abenteuerlichen Bildern und Inschriften, mit Thürmchen und Erkern recht mährchenhaft auf die neue Welt herunter schauen.
So ein neues, hellangestrichenes Haus, mit Dutzenden nach Einem Modell gebaut, mit luftigen, freundlichen Räumen, mit schmalem Flur und gewundener Treppe, in dem jedes Eckchen Raum ausgezirkelt ist, daß ja keines müßig stehe, ein Haus, dessen eigener Besitzer sich in die kleinsten Ecken zusammenkauert, dessen regelmäßige Zimmer einen Miethbewohner nach dem andern gleichgültig sich ansiedeln und wieder ziehen sehen, – was kann es von einem früheren Bewohner anders sagen, als: »er lebte, nahm ein Weib und starb?«
Tretet dagegen ein in den weiten, dunkeln Flur eines alten Hauses, wo da und dort noch geschwärzte Bilder hängen, von denen Niemand weiß, woher sie kommen und wie lange sie da sind, schreitet die breiten Stiegen hinauf in die getäfelten Gemächer, die durch seltsame Treppchen und Gänge getrennt und verbunden sind, und beseht euch die zahlreichen Kammern und die heimlichen Dachböden, in deren Winkel noch Trümmer aus uralten Zeiten verborgen stehen. Nun sagt, ob nicht jedes solche Haus euch eine eigene wundersame Geschichte erzählt, und ob es nicht den Stempel eines bestimmten Geschlechts an sich trägt? – Freilich, wenn dieses untergegangen ist, werden neue, gleichgültige Bewohner von den alten Räumen nur mit schelem Auge angesehen, so daß sich jene nie recht heimisch darin fühlen und allerlei Spuck verspüren: Pantoffeln, die Nachts durch die Zimmer schlürfen, nächtliches Thürklopfen, Kettenrasseln, wenn nicht gar unsichtbare Ohrfeigen, und was sonst noch zum Treiben der Gespenster gehört. – Bewohnen möcht’ ich deßhalb ein solches Haus just nicht, aber einsam es durchstreifen oder darin spielen, wenn ich noch ein Kind wäre. Welch herrliche Tummelplätze zum Haschen, welch köstliche Eckchen zum Verstecken, welch trauliche Nestchen zum Puppenspiel und Erzählen! Was ist dagegen für Kinder ein modernes Logis , wo überall Parkette sind, auf die man nicht treten, Sopha’s, auf die man nicht sitzen, aufgeräumte Plätze, wo man keine Unordnung machen soll!
Aber Eine Gattung alter Häuser gibt es, denen es ganz wohl und behaglich zu sein scheint, daß ein neues lebendiges Menschengeschlecht in sie eingezogen ist: das sind die ehemaligen Klöster. Wie fröhlich sonnen sich die altersgrauen Mauern, von der thurmhohen Umschließung befreit, wie lustig wiederhallen die Wände des Refektoriums von den Tritten spielender Kinder, wie freundlich duften die Blumen im Klostergärtchen jungen, hellaugigen Mädchen entgegen. Sie möchten ihnen wohl sagen, daß ihre Ahnfräulein (wenn Blumen Ahnen zählen), dereinst nur von alten knöchernen Fingern gepflückt worden, oder von bleichen, jungen Händen, die nun und nimmer ein leuchtender Trauring schmücken durfte.
Von all den Häusern in K. ist es nun das Kloster, in das ich den Leser zuerst einführen möchte. Ich weiß keine Klostergeschichte davon zu erzählen, weder à la Sigwart, noch à la Hartmann; ich möchte nur einige der Gestalten vorüberführen, die in neuern Tagen durch das alte Gebäude gegangen sind.
I.
Das Kloster.
Das Kloster in K. hat aus seinen alten Tagen fast nur das Bequeme, Trauliche behalten: die weiten Räume, die bauschigen Gitterfenster, in die man sich ganz hineinlegen, und wie aus einem luftigen Käfig in die sonnenbeschienene Welt hinausschauen konnte. Beinahe alles Grausige, Gespensterhafte war längst durch das geschäftige Treiben jüngerer Geschlechter weggeräumt. Nur in einer ungebrauchten Bodenkammer hing noch das geschwärzte Bild einer Nonne, dessen Original natürlich die Volkssage eingemauert worden sein ließ, und unten, wo es hinter der Treppe so dunkel ist, befindet sich eine eiserne Thür zu einem unterirdischen Gange, der, ich weiß nicht wie weit, sich erstrecken soll. Mit schauerlicher Lust wagten die Kinder des Hauses sich hie und da etwa zehn Schritte in dem Dunkel vorwärts, aber manche Tagesstunde, ja halbe Nächte lang, unterhielten sie sich mit Planen, wie der Klosterschatz, der natürlich hier verscharrt sein mußte, zu heben, und vor allem, wie er zu verwenden sei. Goldene Luftschlösser erhoben sich, wenn sie in nächtlicher Stille flüsternd im Bett darüber plauderten. – Bis heute hat ihn aber noch keiner gehoben. Vor Zeiten waren wirklich Nachgrabungen angestellt worden, man war aber nur bis auf die Spur verschütteter Stufen gekommen. – Der Sohn des Hauses hatte in jüngern Tagen mit seinen Kameraden die Grabung erneuert, das einzige Resultat aber waren beschmutzte Wämser und zerrissene Hosen, weßhalb das Geschäft von Seiten der Eltern niedergelegt wurde. – Von Gespenstern hat man nie viel vernommen. Die obbemeldete eingemauerte Nonne, ein unentbehrliches Requisit eines alten Klosters, soll freilich zur Weihnachtszeit manchmal mit gerungenen Händen sich haben blicken lassen, gesehen hat sie aber Niemand und gefürchtet nur so weit es zu einem behaglichen Grausen gehörte.
Am Eingang des Klosterhofs steht noch das kleine Thorhäuschen, vom Thorwart bewohnt, der da keine Amtsverrichtung. nur die Vergünstigung der freien Wohnung hatte. Es war ein eisgrauer, steinalter Invalid, der ganze sommerlange Tage im Sonnenschein vor seinem Häuschen sitzen konnte. Gesprächig war er gewöhnlich nicht, wenn aber einmal die Schleuse aufging, so wußte er viel zu erzählen von den Kriegsthaten seiner jungen Jahre – er hatte noch unter Friedrich dem Großen gedient – für den gestrigen Tag hatte er kein Gedächtniß mehr. Der Großvater verehrte ihm allmonatlich ein Paket Tabak, das ihm die Kinder überbringen durften. Herzlich leid that’s ihnen, als der alte Stelzfuß begraben war und nur noch sein uralter, kindisch gewordener Pudel sich vor dem Häuschen sonnte.
Das Kloster war seit lange zu einer Beamtenwohnung eingerichtet und der Großvater und die Großmutter wohnten darin. Ich will den Leser nicht lange plagen mit genealogischen Erläuterungen über meine verschiedenen Großeltern väterlicher und mütterlicher Seits. Ist er doch selbst wohl so glücklich, solche zu haben oder gehabt zu haben, und wenn bei dem Namen Großvater und Großmutter eine recht freundliche, trauliche Erinnerung in ihm aufwacht, eine Erinnerung aus der ersten frischen Kindheit an einen Lehnstuhl und eine liebe, ehrwürdige Gestalt darin, an fröhliche Ferien, an Geburts- und Weihnachtsgeschenke, so ist das vollkommen genug.
Der Großvater war, was man einen Mann von altem Schrot und Korn nennt, ungeschliffen im guten Sinne des Worts. Mit den Redensarten hat er’s nie genau genommen, aber er war wohlmeinend in der That und Wahrheit. Die Großmutter – dereinst das Dörtchen von Rebenbach – war eine Frau, wie’ s nicht mehr viele gibt, klein, geschäftig, beweglich, mit hellen Augen und offenem Herzen für alles, was schön und gut ist in der Welt und über die Welt hinaus. Sie konnte ihren eigenen Sinn haben, und der Bereich ihres Hauswesens war ihr unbeschränktes Königreich, in dessen Regierung sie keine Eingriffe duldete. Aber blieb sie unangefochten, so war sie auch eine gnädige Herrin, und so klein sie war, sie verstand sich in Respekt zu setzen. Sie war nun freilich nicht in allen Stücken mit dem Zeitgeist fortgeschritten. Von der Dienstbotenemancipation wollte sie nicht viel wissen: »laßt die Leute an ihrem Platz, haltet sie so, wie sie sich in ihrem Heimwesen dereinst auch machen können, verwöhnt sie nicht unnöthig.« Auch ihr literarischer Geschmack war nicht auf der Höhe der Zeit, und das Lied: »Guter Mond, du gehst so stille &c.,« hat ihr ihr Lebtage besser gefallen, als das damals eben neu auftauchende Lied Göthe’s: »das Wasser rauscht, das Wasser schwoll,« dessen mystische Schönheit ihr niemalen einleuchten wollte. Aber trotz alledem war sie das belebende Element ihres Hauses und zum Segen geschaffen für jede Zeit, in der sie gelebt und gewirkt hätte.
Der Großvater war ein rastlos betriebsamer Geist, der sich immer mit einer neuen Erfindung trug, und das weitläufige Klostergebäude war eben recht für die zahlreichen Versuche, die er anstellte, ohne jemals Chemie, Physik oder Technologie studirt zu haben. Bald erfand er neue Weinschöne, bald entdeckte er Torflager, dann machte er Bauplane, konstruirte Maschinen oder ließ Stahl fabriciren; sogar mit der Alchymie hat er’s versucht und Molche nebst Messingstücken in Schachteln gesperrt, weil er gehört hatte, daß sie dieses Metall verzehren und darauf als Gold von sich geben. Letzterer Versuch scheint keine glänzenden Resultate geliefert zu haben! er wollte später nicht mehr daran erinnert sein. – Auch als Schriftsteller versuchte er sich und schrieb zu seinem Privatvergnügen zahllose politische und volkswirthschaftliche Aufsätze. Sein Styl war zu wenig gehobelt, als daß sie zur Veröffentlichung getaugt hätten, und so vermoderten sie in seinem Schreibtische. Gut, daß sie nun dahin sind. Obgleich er unter dem gar alten Regime und unter der Napoleonischen Herrschaft ein mächtiger Oppositionsmann war, hatte er doch vom Freiheitsschwindel, wie er sich seit den dreißiger Jahren regte, so wenig eine Ahnung, daß der gute Großvater in unsern Tagen für ein Monstrum von Gesinnungsuntüchtigkeit, für den Kaiser aller Heuler erklärt würde.
Weil er sich auf allen Feldern versucht hatte, war ihm auch nichts neu auf der Welt. Nil admirari, das war, wenn auch unausgesprochen, sein steter Wahlspruch. »Hab’s schon lang gewußt – gerade so war’s in den siebenziger Jahrgängen – wird eben so wie selbiges mal« – das waren seine Bemerkungen über alles, gleich dem alten Rabbiner in Gutzkows Acosta. – Sein Herz aber saß auf dem rechten Fleck bei all seinen rauhen Außenseiten. Bei Kranken war er hülfreich wie eine barmherzige Schwester, bei Kindern zärtlich und nachsichtig wie eine Mutter. Obgleich er auch in Ansehung des Geldes etwas konservativer Natur war, so war doch für die Enkel seine Hand stets offen; eigenhändig spickte er um Weihnachten und Ostern die rothen Aepfel mit neuen Sechsern, die Gratulationsgedichte zu Geburtstag und Neujahr wurden anständiger honorirt als die manches Hofpoeten, und seine schlichte Gestalt mit dem schwarzen Käppchen auf dem kahlen Scheitel bleibt für uns der Mittelpunkt einer freudenreichen und sonnigen Kinderzeit.
Der Charakter seiner Bewohner brachte es mit sich, daß das Kloster, wie in der baulichen Einrichtung, so auch in der Bestimmung von den alten Tagen nur das beste und freundlichste Theil übrigbehalten hatte: das, eine Herberge der Verlaufenen, eine Zuflucht der Heimathlosen zu sein. Nicht daß es just eine verwahrloste Kinderanstalt geworden wäre, oder ein Blindenasyl, oder ein Gutleuthaus; nein, es trug einen heiteren Charakter. Es gibt Verlassene, für die Niemand sammelt und Feste hält und Häuser baut, und solche nahm das Kloster auf.
Da kam das einemal die arme Frau Base Klenker sammt ihrem Hündchen und ihrer Schnupftabaksdose und siedelte sich beim Herrn Vetter an, um ein paar Monate Licht und Feuerung zu ersparen; dann kam in tiefer Nacht eine ehemalige Nachbarin, eine unglückliche Kaufmannsfrau sammt Kind und Habe, die ihrem rauhen Mann entlaufen war. Ein andermal war’s die Jungfer Hannebiene (ihr Verwandtschaftsgrad konnte niemals ausgemittelt werden), die eben kein Unterkommen als Hausjungfer hatte und die nun mittlerweile ihre Kochkünste im Kloster producirte. Jetzt mußte Raum geschafft werden für die arme Pfarrwittwe, deren Habe verbrannt war, bis sie wieder ein Obdach hatte; dann zog ein armer Forstwart ab, bei dessen elf Kindern die Großmutter Pathin war; da mußten zur Erleichterung der Eltern sechs bis sieben Päthchen beherbergt werden, und so ging’s fort. Dabei werde nicht gedacht der unzähligen kürzern Besuche von bestimmungslosen Vettern, ehemaligen Schreibern, ausgedienten Mägden u. dgl.
Auch ergötzlichere Gäste suchten das Kloster heim. So der Onkel von P., der die Rolle des gutmüthigen Polterers übernommen hatte, fluchte wie ein Heide, daneben aber ein erzguter Mann war und alle Taschen voll Geschenke für die Kinder mitbrachte. Wenn man ihn und den Großvater zusammen sprechen hörte, so meinte man, die zwei Brüder haben grimmige Händel, waren aber die besten Freunde von der Welt. Den Kindern fast noch willkommener war’s, wenn der dünne Herr Pater von N. in der schwarzen Kutte auf seinem zahmen Rößlein einhergeritten kam, gefolgt von der dicken freundlichen Marieliese, seiner Köchin, um sich seine Renten vom Großvater ausbezahlen zu lassen. Der Herr Pater hatte stets rührende Klosterbilder für die Kleinen, worauf eine heilige Theresia war mit Augen wie Pflugräder, die zum Himmel starrten, oder ein heil. Sebastian, mit klafterlangen Pfeilen gespickt. Der Herr Pater hatte keinerlei Verrichtungen in dem ganz protestantischen Dorfe N.; er lebte als der letzte Pensionär in einem alten Stifte dort und ließ sich’s unter der Pflege seiner Marieliese recht wohl sein, war auch höchst tolerant und allenthalben gern gesehen. Alljährlich hielt er ein großes Fest, wenn der Karpfensee abgelassen wurde; das war der Marielise Ehrentag; sie lief ganz strahlend und glitzernd umher wie der fetteste geschmorte Karpfen. – Der Herr Pater pflegte sie vielfach mit einem Geschichtchen aus der Anfangszeit ihrer Küchenlaufbahn zu necken. Sie machte in der Küche eines Prälaten zu R. ihre ersten Studien und hatte bei einer großen Festlichkeit ein Spanferkel zu bereiten. Die Oberköchin sagte ihr: »Marieliese, wenn Du das Spanferkel aufträgst, so thu’ auch Lorbeerblätter hinter die Ohren und eine Citrone in’s Maul.« Welche Heiterkeit verbreitete sich im Saal, als die gute Marieliese mit dem Spanferkel eintrat, Lorbeerbüschel hinter ihren Ohren und eine Citrone im weitaufgesperrten Mund!
Einige der jeweiligen Insaßen des Klosters verdienen näher in’s Auge gefaßt zu werden. Der erste derselben ist:
Der Emigré
Als der Großvater noch vor seiner Bedienstung in K. als Beamter im kleinen Grenzstädtchen U. wohnte, war daselbst bei Nacht und Nebel ein ehrbar aussehender Franzose angekommen, begleitet von einer Mademoiselle, deren eigentliche Stellung zweifelhaft war. Mit Hülfe der Mademoiselle, die deutsch verstand, gab sich der Fremde als einen Monsieur Meuret zu erkennen, den die Stürme der Revolution von Haus und Amt vertrieben. Er war zwar kein Vicomte oder Marquis, aber doch der Anhängsel eines solchen, bei dem er als Beamter oder Verwalter angestellt gewesen war. Monsieur Meuret, der keine andern Schätze gerettet hatte, als die Mademoiselle, deren wirklicher Werth schwer anzugeben gewesen wäre, ließ sich in besagtem Grenzorte als französischer Sprachlehrer nieder, weil ihm zum Weiterkommen Rath und Mittel fehlten. Nun war aber U. eine kleine Stadt, wo außer Erbsen und Linsen wenig gelesen wurde; daher fanden sich wenige Schüler, so daß der arme Emigré kaum das notdürftigste Auskommen fand. – Als nun der Großvater in K. eingerichtet war, glaubte er, daß hier, in einer kleinen Residenz, ein französischer Maitre Bedürfniß sei; darum verschrieb er Herrn Meuret, dessen traurige Lage ihm bekannt war, und bot ihm sein Haus als Heimath an, bis er sich eine eigene Wohnung verschaffen könnte.
Nur Ein Bedenken war dabei. Im Hause der Großeltern wurde streng auf Zucht und Sitte gehalten. Der Großvater hatte, als ihm während der französischen Einquartierung die bonne amie eines Generals in’s Quartier zugewiesen wurde, diese mit großer Energie ausgetrieben, und obgleich ihm kein Französisch zu Gebot stand, als der Ausruf: »Marsch, Madame!« so hatte sie’s doch wohl verstanden. Nun war zu fürchten, Monsieur Meuret möchte nicht ohne die Mademoiselle kommen; das wollte der Großmutter gar nicht munden, und doch mochte man deßhalb nicht die Gelegenheit versäumen, dem Heimathlosen eine Heimath zu bieten. Endlich entschloß man sich, Herrn Meuret ohne Bedingungen und Klauseln einzuladen. Siehe da, es kam alsbald eine Art von Kutschenwagen mit äußerst wenig Gepäck; darauf thronte Monsieur Meuret, und allerdings die Mademoiselle, die er aber sogleich als Madame Meuret vorstellte. In Betracht ihrer erlebten Drangsale und ihrer hülflosen Lage drückte man ein Auge über die Vergangenheit zu und Monsieur und Madame wurden im Kloster untergebracht.
Monsieur Meuret eröffnete sogleich einen Lehrkursus, der von der aufblühenden Jugend, sowohl aus dem hohen Adel als dem verehrten Publikum recht zahlreich besucht wurde, Madame gründete eine französische Strickschule, und so fanden sie sich bald, wenigstens im Vergleich mit ihrem letzten Aufenthalt in recht erträglichen Umständen. Die Kenntnisse, die man sich bei Madame erwarb, beschränkten sich freilich auf ein paar Phrasen: Madame, s’il vous plait, examinez mon ouvrage, Madame, s’il vous plait, laissez moi sortir, u. dgl., aber doch war’s immerhin französisch und darum ein ganz anderes Ding als eine deutsche Strickschule.
Monsieur Meuret bewegte sich in äußerst gemessenen, zierlichen Formen und schien das dreifache Maß seines äußerlich verlorenen Ranges innerlich in sich aufgenommen zu haben. Madame befliß sich minderer Feinheit, und das eheliche Verhältniß des edlen Paares, das sich so spät und nach so langer Bekanntschaft verbunden, schien eben nicht das zärtlichste zu sein. Madame Meuret, eine geborene Elsäßerin, hatte als deutsches Stammgut nichts behalten als deutsche Schimpfwörter, die sie in unglaublicher Anzahl vorräthig hatte und an ihren Eheliebsten so wie an ihre Zöglinge verschwendete, über welch letztere sie hie und da noch ein fühlbareres Regiment mit der Elle führte. Alle Thiernamen standen ihr zu Gebot, und sie stellte sie auf eine Weise zusammen, daß Linné und Buffon in Verlegenheit gewesen wären, die Geschöpfe zu klassificiren, z. B. du Stockfischgans, du Kalbsluckel, du bist mit Spühlwasser getauft! &c. &c. Die Tugend der Unparteilichkeit mußte man ihr lassen, da sie die Töchterlein ihres Protektors höchstens mit noch stärkeren Ehrentiteln und häufigeren Ellmeßberührungen heimsuchte.
Das liebste Gesprächsthema des Ehepaars war wie natürlich ihre verlorene Herrlichkeit, die wie es zu gehen pflegt, in der Erinnerung beträchtlich erhöht und verklärt wurde. Besonders gründlich war Monsieur Meuret in der Schilderung seiner reichen Garderobe, die den kleinen Mädchen, denen er sie beschrieb, ganz fabelhaft erschien. Er hoffte auch immer noch wieder in den Besitz wenigstens dieses Theils seiner Habe zu kommen, den er, bereits in Kisten gepackt, auf der Flucht irgendwo deponirt habe. Da aber eben nichts kam, ward die Geschichte von Herrn Meurets Kleidern allmählig zum Mythus.
Welcher Triumph war es nun für den verkannten Edeln, als eines Morgens durch’s Städtchen die Kunde erscholl, Monsieur Meurets Kleider seien angekommen! Die Schülerinnen, wohl auch die Mütter, eilten herbei, den Schatz in Augenschein zu nehmen. Ja, da war die ganze Herrlichkeit! der unwiderlegliche Beweis, daß Monsieur Meuret daheim ein Mann comme il faut gewesen. Da lag ein geblümtes Sammetkleid, ein rother, ein apfelgrüner Frack, ein Staatsdegen, ein galonirter dreieckiger Staatshut, kurze Inexpressibles mit silbernen Knieschnallen, seidene Strümpfe, Schnallenschuhe, und über das Alles noch ein Ludwigskreuz! Für welches Verdienst Monsieur Meuret letzteres bekommen, da er, so viel bekannt, nichts gethan hatte, als daß er davon gegangen war, das wurde nie sicher erhärtet, wie es so oft bei Orden der Fall ist. Genug, der Orden war da und Monsieur Meuret trug ihn von Stunde an, zusammt dem geblümten Sammtkleid, Degen und Staatshut, obgleich alle diese Kleiderpracht zehn Jahre im Dunkel gelegen und gänzlich außer Kurs gekommen war. Hat jemals das Kleid den Mann gemacht, so war das hier der Fall; Meuret machte, gerade wegen der Seltenheit seines Costüms, eine höchst respektable Figur, und er war in den Augen des ganzen Städtchens um viele Procent gestiegen; ja, Madame selbst bekam ein Gefühl ihrer Würde, ihre Ausdrücke wurden feiner und ihr Putz, der früher keineswegs französische Eleganz verrathen hatte, wurde gewählter.
Außer der Garderobe mußte Herr Meuret nicht viel Besitzthümer zurückgelassen haben, denn auch nach der Restauration bezeigte er kein Verlangen nach der Heimkehr; es scheint, der Vicomte hat sich nicht restaurirt. Dagegen aber ging dem würdigen Mann noch am Lebensabend ein anderer Glücksstern auf; er wurde durch Vermittlung eines adeligen Gönners als Professor der französischen Sprache an die Landesuniversität berufen, eine Stelle, auf die er ungefähr so viel Ansprüche hatte, als auf den Orden. – Gleichviel, er war’s einmal und trug die Bürde dieser neuen Würde mit allerhöchstem Anstand. Madame schaffte sich augenblicklich ein neues schwarzes Seidenkleid an und nannte ihn von Stund an › mon cher‹. Monsieur und Madame Meuret reisten ab und überließen es ihren theuern Schülerinnen, Französisch, Bildung und Fransenstricken zu lernen wo sie wollten. – Ob und wie weit er seine neue Stelle ausgefüllt, ob das geblümte Sammtkleid bis an sein Lebensende ausgehalten, ob Madame das mon cher nicht wieder verlernt hat, darüber ist mir nicht viel zu Ohren gekommen. Aber der Großvater dachte sein Leben lang mit Vergnügen daran, wie er durch die Berufung des Emigré nach K. den Grund zu dessen Glück gelegt.
Der Maler.
Wie viel gebetene und ungebetene Gäste auch das Kloster heimsuchten, ein Zimmer wurde stets freigehalten und blieb sogar bei den hohen Wasch- und Putzfesten verschont: des Malers Stube. – Der Maler war so recht der Stammgast des Hauses; man wußte fast nicht mehr, wann er zuerst gekommen war. Seine Ankunft wurde stets ohne Ceremonie angekündigt durch einen großen, langen Korb, der, mit einem Tuche bedeckt, sein Malergeräthe enthielt. Seine übrige fahrende Habe war leicht transportabel, da sich seine Garderobe mehr durch Qualität, als durch Quantität auszeichnete. – Der Maler, der in der Residenz eine bescheidene Miethwohnung inne hatte, war den größten Theil des Jahrs der Gast irgend einer befreundeten Familie, um diese und die ganze Umgegend mit den Produkten seiner Kunst zu beglücken.
Er machte eine recht anständige Figur, der Maler; er war nicht groß, aber wohlgeformt und abgerundet, jeder Zeit höchst proper und zierlich gekleidet, im Frack, Schuhen, und seidenen Strümpfen, die er eigenhändig zu stopfen pflegte. Somit machte er in seinem Aeußern keinen Anspruch auf Genialität. Wie würde er sich entsetzt haben, wenn ihm ein Kunstgenosse aus unsern Tagen zu Gesicht gekommen wäre, mit Waldungen von Schnurr-, Backen- und Knebelbärten, einer Haarwildniß und einem Paar düstern, rollenden Augen, während ihn ein Stäubchen auf den blankgewichsten Schuhen unglücklich machen konnte. Nur in einem Stück erhob sich sein Künstlergeschmack über die Herrschaft der Mode: inmitten des Zeitalters der Zöpfe und Zöpfchen, Buckeln und Haarbeutel, Puderköpfe und Perücken trug er unverändert seine eigenen, halblang geschnittenen Haare, wodurch er noch in spätern Jahren ein gewisses jugendliches Aussehen erhielt.
Im Kloster war er daheim wie im eigenen Hause. Er kommandierte die Mägde, die seiner unendlichen Pünktlichkeit nie Genüge thun konnten; er schulte die Kinder herum, ohne die Vermittlung der elterlichen Oberbehörde zu suchen; er kritisirte die Speisen und machte den Küchenzettel; denn er war ein ziemlicher Gourmand und hatte Kenntnisse in der Kochkunst, die die selige Verfasserin des schwäbischen Kochbuchs beschämt hätten. Wegen all dieser Eingriffe in ihr Gebiet lebte er denn auch in beständigem kleinen Krieg mit der Großmutter, obgleich sie es von Herzen gut mit ihm meinte und er großen Respekt vor ihr hatte. Desto besser stand er mit dem Großvater, mit dem er immer zu kleinen Schutz- und Trutzbündnissen gegen die Frauenwelt verbunden war.
Der Beginn seiner Laufbahn war ein sehr vielversprechender gewesen, insofern sie, wie die so vieler großer Männer, zu allerunterst angefangen hatte. Er war der Sohn eines armen Kupferschmieds in U. Karl, Herzog zu Württemberg, bemerkte die wunderschöne Stimme des Buben, als er zufällig durch die Stadt ritt. Aeußerst begierig, jedes aufkeimende Talent in seiner Akademie zu hegen, welches Treibhaus damals in der Blüthe seines Gedeihens stand, nahm er den Knaben alsbald in die Anstalt auf. Die Singstimme bildete sich mit der Entwicklung des Knaben nicht so glänzend aus, als man gehofft, dagegen schien bei ihm Geschmack und Talent für die Malerei vorherrschend zu sein. Der Herzog, der sich sonst fast göttliche Rechte anmaßte und wenn nicht die Herzen, so doch den Willen und die Gaben der Menschen lenken wollte wie Wasserbäche, ließ dießmal einen Menschen seinen eigenen Weg gehen. Zuviel scheint er sich nie vom Maler versprochen zu haben, denn er verlor ihn aus dem Auge und that nichts dafür, sein Talent durch Reisen u. dgl. zu heben. – Der Maler hat auch die Akademie keineswegs als großer Künstler verlassen; er hat sich nicht einmal in Versuchen höher als zum Porträt aufgeschwungen, und es schien nicht, als ob er seine Kunst für etwas anderes ansehe, als für einen recht anständigen Nahrungszweig. Seine Bilder haben aber fast alle den Vorzug großer Treue. Auf’s Idealisiren ließ er sich höchst selten ein; seine Porträts sind keine vergeistigte Wiedergeburt der Natur, wohl aber eine genaue Kopie derselben, und die Warze auf der Nase des Herrn Stadtschreibers durfte so wenig wegbleiben, als der kleine Auswuchs am Halse der Frau Decanin, obgleich diese solche Treue sehr übel vermerkte. Er war unermüdet fleißig. und da er sehr wohlfeil malte und daneben ein angenehmer Hausgenosse war, so läßt sich erklären, wie in jener sparsamen Zeit ganze Generationen sich durch seinen Pinsel verewigen ließen. Durch ganz Schwaben, das Land auf und ab, finden sich in Zimmern oder Rumpelkammern noch Bilder, die ohne Malerzeichen unverkennbar den Stempel seiner Hand tragen.
Die Familie im Kloster malte er in allen Formaten und Lebensaltern, rothwangige Kinder, Jungfrauen mit kurzer Taille und Spickelkleidern, Papa, Mama und Großmama. Die Großmutter wollte mit ihren Bildnissen nie zufrieden sein, sie wäre gern hübscher gewesen und hätte eine kleinere Nase gewünscht. Doch wie gesagt, Verschönern war nicht des Malers Sache. Er behandelte die Rockknöpfe und Halskrausen gerade mit derselben Aufmerksamkeit, wie das »gesegnete Menschenantlitz,« und fühlte sich noch geschmeichelt, als die Magd bei einem seiner Porträts nichts zu bewundern wußte, als: »Ach, wie sind des Herrn Buchhalters Weste so gut getroffen.« Für Schönheit hatte er aber doch ein lebendiges Auge und war ein großer Freund und platonischer Verehrer des schönen Geschlechts. Unter seinen zahlreichen Freundinnen hatte er immer noch besonders bevorzugte, die er mit Auszeichnung »meine Auguste,« »meine Karoline« nannte; nie aber hörte man, daß seine Vorliebe auch in jungen Jahren den Grad einer ruhigen, freundschaftlichen Zuneigung überschritten hätte. Diese seine Erwählten pflegte er dann auch unentgeltich und sogar in etwas idealer Gestalt zu malen, etwa mit einem Blumenkranz oder nach damaligem Zeitgeschmack mit fliegenden Haaren an einem Altare stehend. Solche Bilder stehen auch wirklich in Auffassung und Ausführung ziemlich über seinen übrigen.
Ein lästiger Gast wurde der Maler nie, obgleich er ein sehr dauerhafter war. Ohne seiner Würde zu vergeben, machte er sich nützlich durch allerlei kleine häusliche Dienstleistungen, zu denen er eine geschickte Hand hatte. Er malte nicht, wie ein moderner Maler, nur in einem absonderlich zubereiteten Atelier, in dem er aufgesucht werden muß. Was er bedurfte an Licht und Schatten, das war durch einen geschlossenen Fensterladen, durch einen aufgezogenen Vorhang leicht hervorgebracht, und so zog er denn mit seiner Staffelei und seinem Korb in jedes Haus, wo er eben malte, und war den ganzen Tag über der Gast desselben. Dadurch trat er mit den Gegenständen seiner Darstellung in ein recht vertrautes gemüthliches Verhältniß, was gewiß viel zu dem natürlichen, hausbackenen Charakter seiner Bilder beitrug, die gar nicht expreß liebenswürdige oder schalkhafte Gesichter machen wie die Porträts in unsern Kunstausstellungen. – Alle, auch die mechanischen Vorrichtungen, die zu seiner Kunst gehörten, vollbrachte er allein; im Hof grundirte er seine Leinwand, rieb selbst seine Farben und brauchte so keine Art von Gehülfen.
Er war ein recht unterhaltender Gesellschafter und widmete sich unermüdet in Abendunterhaltungen im Familienkreis durch Vorlesen, durch Gesang – seine Stimme war immer noch schön – durch Theilnahme an dem damals im Schwange gehenden Pfänderspiele. Hatte ihn die Karlsakademie nicht zum großen Manne gemacht, so hatte sie ihm doch eine zugleich feine und gründliche Bildung mitgetheilt, so daß sein Umgang wirklich von Werth für die Jugend war, zumal in einem Landstädtchen, dessen Schulunterricht sich nicht weit über’s Buchstabiren und Dividiren erhob. Nur trug die gute Großmutter Sorge, ob er nicht den jungen Leuten etwas von den freigeistigen Ansichten mittheilte, die er, wie so Viele seiner Zeit, als notwendiges Erforderniß seiner Bildung und als Zeichen eines guten Kopfes sich angeeignet hatte. Sein im Grunde doch heimathloses Leben, das ihm tiefere Erregungen ferne hielt, war es wohl auch, was das Glaubensbedürfniß in seiner Seele nicht recht erwachen ließ. – Dieser Mangel an innerer Glaubens- und Lebenswärme ließ nun auch Raum in seiner Seele für einen stillen Trübsinn, der ihn bei der heitersten Außenseite mit zunehmenden Jahren beschlich. Seine Sehkraft fing an abzunehmen, mit den Augen verfiel sein einziges Unterhaltsmittel, und für die Zukunft hatte er nie vorgesorgt. Er hatte kein geniales Künstlerleben geführt, nicht in Einer tollen Champagnernacht lange Hungertage zu vergessen gesucht, aber ein anständiger Wohlstand, ein gewisser Comfort in Nahrung und Kleidung war ihm Bedürfniß. Dabei hatte er eine freigebige Hand, sowohl ein Scherflein der Armuth, als auch ein Ehrengeschenk der Freundschaft zu bieten. Der Nothpfennig für die alten Tage fehlte ihm, und seinem ehrenhaften Sinn widerstrebte es, sich als unnützes Mitglied in der Gesellschaft von fremder Milde erhalten zu lassen. Ganz im Stillen mochte ihn wohl auch schmerzlich das Bewußtsein erfüllen, daß er nur in dem Vorhof seiner herrlichen Kunst stehen geblieben und nie in ihr Heiligthum eingedrungen war. – So sah er bei kräftigem Körper mit den verdunkelten Augen in eine öde Zukunft. Zu der Höhe des Bewußtseins konnte er sich nicht erheben, sich als Kind des großen Vaterhauses, als Diener des unendlich reichen Hausherrn zu fühlen, in dessen Dienst keine Hand müßig gehen darf, wenn wir nur zu verstehen wissen, zu welchem Werke er uns wirbt.
In des Malers sonst so ruhiger Seele reifte ein Entschluß, den niemand bei dem heitern, gleichmütigen Manne vermuthet hätte. Er beschloß, sein Leben selbst zu enden. Ganz im Verborgnen, anscheinend mit vollkommener Seelenruhe, bereitete er die Ausführung des dunkeln Gedankens vor und brachte alle seine zeitlichen Angelegenheiten in Ordnung mit der skrupulösen Pünktlichkeit, die lebenslänglich ein Charakterzug an ihm gewesen war. – Aber nie wurde wohl der eigenmächtige Beschluß eines Menschenwillens in so wunderbarer und trauriger Weise verhindert und befördert zugleich, als der Vorsatz des Malers.
Er war schon längere Zeit vom Hause des Großvaters fern gewesen, als eines Tags statt des erwarteten Korbs ein Brief von ihm kam nebst seiner goldenen Taschenuhr. Neben sonst ganz gleichgültigem Inhalt des Briefes bat er den Großvater, die Uhr als Vergütung für ein kleines Darlehen anzunehmen. Der Großvater war ärgerlich und gekränkt über dieses Verfahren eines Freundes, den er nie gemahnt hatte; noch aber stieg keine Ahnung des wirklichen Grundes in ihm auf. – Wenige Tage nachher kam ihm die Kunde zu, daß in Berg am Neckarufer ein fast unkenntlicher Leichnam gefunden worden sei. Jetzt erst ging ihm ein Licht auf über das Geschick seines unglücklichen Freundes. Er eilte hin und erkannte die durch schwere Wunden und langes Liegen im Wasser sehr entstellte Leiche weniger an den Zügen, als an des Malers Lieblingsdose, die sich noch bei ihm fand. Aber ein dunkles Räthsel schien auf dem Tode des Mannes zu liegen. Daß er beabsichtigt, sich selbst zu tödten, das stellte sich durch tausend kleine Umstände seiner letzten Lebenstage unzweifelhaft heraus, und doch trug die Leiche Wunden, die eben so wenig durch seine eigene Hand, als durch das lange Umhertreiben des Körpers im Wasser entstanden sein konnten. Woher nun diese? Der Maler war der friedfertigste Mensch von der Welt gewesen; wer konnte seiner eigenen Hand auf solche Weise vorgegriffen haben?
Erst einer Untersuchung späterer Jahre, die aus ganz andern Gründen geführt wurde, war es vorbehalten, dieses Geheimniß an’s Licht zu ziehen. – Es lebte in der Nähe von B. ein Wirth, der eine so wunderbare Aehnlichkeit mit dem Maler hatte, daß er oft mit ihm verwechselt wurde, so wenig sonst Verwandtes war zwischen dem anständigen, gesitteten Maler und dem rohen, jähzornigen Wirth. Dieser hatte wenige Tage vor dem Ende des Malers mit ein Paar Schiffern von H., gleichfalls rohen und wüsten Gesellen, einen heftigen Streit gehabt, der damit endete, daß er sie zum Haus hinaus werfen ließ, worauf sie ihm blutige Rache schworen. – Am Morgen des Tages, wo der Maler vor Sonnenaufgang hinaus ging, um sich selbst zu Grabe zu tragen, traf er am Neckarstrand die Schiffer, die mit wilder Gier auf ihn, als den vermeinten Gegenstand ihres wüthenden Hasses, losstürzten. Ob sie in ihrer Wuth nicht achteten, was sie über ihren Irrthum hätte belehren können, ob der Maler, froh daß ihm die eigene That erspart war, sich selbst enthielt, sie zu enttäuschen, das weiß Niemand. So ist dem friedlichen Künstler ein dunkles und blutiges Ende geworden. Möge er einen milden Richter gefunden haben an dem, der Herzen und Nieren prüft und der nicht gewollt, daß ihn der eigene Schritt vor der Zeit zum Tode führen sollte! – In der Familie des Klosters ward ihm ein freundliches Andenken bewahrt, und in manchem schwäbischen Hause wird bei diesem Umriß, der Wahrheit gibt, keine Dichtung, die Erinnerung an den gemüthlichen heimischen Künstler wieder aufleben. Mir sei vergönnt, mit seiner traurigen Geschichte das Kloster zu schließen und euch hineinschauen zu lassen in ein Paar andere alte Häuser von K.
II.
Das stille Haus.
Philemon 15.
In einer stillen Seitenstraße der sonst sehr lebendigen kleinen Stadt stand ein unscheinbares Haus, das man für unbewohnt hätte halten können, so wenig Bewegung und Geräusch wurde darin vernommen, wenn man nicht an der Hinterseite desselben, welche die Aussicht auf das weite Thal und die grüne Alb bot, helle Fenster mit Gardinen und Blumen geschmückt und hinter diesen manchmal eine weibliche Gestalt erblickt hätte.
Die anspruchlose Wohnung war die Heimath einer stillen Jungfrau, die eigentlich einem sehr lauten Familienkreise angehörte. Außer diesem Kreise war sie nur Wenigen bekannt, den Armen, den Kranken und bekümmerten Herzen. In der Welt und mit der Welt lebte sie nicht; die mancherlei kleinen Interessen, die Tagesneuigkeiten, welche die Bewohner kleiner und großer Städte in Bewegung erhalten, waren nicht für sie vorhanden, aber Freude und Leid theilte sie mit den Ihrigen herzlich und warm, und obwohl ihre Weise still und gelassen war, so konnte sie doch recht kindlich froh sein mit den Jungen und Frohen.
Am liebsten war sie freilich allein in ihren stillen Zimmern, durch die der Geist der Ordnung und des Friedens wehte, und ließ ihre müden Augen ausruhen auf dem schönen, frischen Grün des Thales. Doch nahm sie es auch freundlich auf, wenn das stille Jungfernstübchen sich belebte von kleinen und großen Nichten und Neffen, die gar zu gern den Schauplatz aller Familienfeste hierher verlegten, zu der freundlichen Tante, die alle Jugendlust so gerne gewähren ließ, und die nachher mit aller Ruhe und Heiterkeit ihr kleines Anwesen wieder in Ordnung brachte, wenn die wilde Schaar das Unterste zu oberst gekehrt hatte.
Im Mai war der Tante Marie Geburtstag und auf diesen Tag wußte man schon, daß sie keine Besuche aus der Familie brauchen konnte; da kam alle Jahre ein stattlicher Mann am ersten Gasthof zu K. mit Extrapost angefahren. Von da aus verfügte er sich sogleich zur Tante Marie, und brachte die wenigen Tage, die er im Städtchen verweilte, von Morgen bis Abend bei ihr zu. Sie machten große Spaziergänge, lasen zusammen und schienen bis zur Abschiedsstunde nicht fertig werden zu können mit eifrigen Gesprächen.
Nach diesen Besuchen war die stille Marie eine Zeit lang noch stiller, ihre Geschwister wußten wohl, daß man sie jetzt allein lassen mußte, bis sie selbst wieder einmal in einem der Familienkreise mit der alten, heitern, anspruchlosen Miene erschien.
Die Besuche des ansehnlichen fremden Herrn bei der alten Jungfer, die für eine Pietistin galt, obgleich sie nicht gewöhnlich die Versammlungen derselben besuchte, machten Anfangs großes Aufsehen in K., allmählig gewöhnte man sich daran. Der Fremde war Professor an der Universität eines Nachbarstaates und ein gekannter Schriftsteller. Alle seine Werke kamen zuerst in das stille Jungfernstübchen der Tante Marie, die in ununterbrochen brieflichem Verkehr mit ihm stand. Die Bewohner von K. waren längst an den räthselhaften Gast gewöhnt, die jungen halberwachsenen Nichten und Neffen, hauptsächlich aber die erstern, plagten sie und die Eltern unablässig mit Fragen und Vermuthungen, ob er denn ein Verwandter von ihr sei? – aber dann wäre er ja auch einer von ihnen; – oder ein Freund? aber solche Freunde hatte man doch gewöhnlich nicht; . . . die Eltern jedoch blieben still und das Räthsel blieb ungelöst.
Ob Tante Marie einmal schön gewesen, war gleichfalls ein Gegenstand häufiger Berathungen. Neben ihrem Freund, der, obwohl einige Jahre älter, doch in der Fülle und Kraft des Mannesalters stand, sah sie freilich recht verblüht aus, aber es war eine milde Anmuth über ihr ganzes Wesen ausgegossen, ein Hauch des Friedens, der höher ist als alle junge Schönheit, weil er über dem Wechsel der Zeit steht.
Marie war von äußerst zarter Gesundheit. und lange vor der Zeit fühlte sie ihre Lebenskraft abnehmen. Sie hatte bis jetzt meist eine ihrer Nichten um sich gehabt, und diese hatten ihrem stillen Einfluß den größten Theil ihrer innern Bildung zu danken; – nun aber bat sie ihre älteste Schwester, ihre Hermine, die ihr stets die liebste der Nichten gewesen war, für den Rest ihres Lebens ganz zu überlassen.
Sehr gern folgte die junge Hermine dem Wunsch der verehrten Tante, obgleich sie sie im Stillen gar nicht so für krank hielt. »Aber Mutter, ehe ich jetzt ganz zur Tante gehe, mußt Du mir sagen, wie es denn ist mit dem Professor, ich weiß ja gar nicht, wie ich daran bin, wenn er kommt.«
»Nun ja, Kind,« meinte die Mutter, »Du hast nicht unrecht und bist alt genug dazu; was ich weiß, will ich Dir gern sagen, aber das ist nicht viel; es ist eine kuriose Geschichte.
»Du weißt, daß Marie das jüngste von uns Geschwistern ist, auch war sie daheim das Nesthäckchen und der Liebling, so lang unsere selige Mutter noch lebte; wir zwei älteren Schwestern waren schon verheirathet und Marie noch nicht ganz vierzehn, als die Mutter starb. Sie war eine vortreffliche, fromme Frau gewesen und ihr Tod war uns allen ein tiefes Leid, die Marie aber war ganz trostlos. Von nun an hatte sie wenig Freude mehr daheim, unser Vater war ein wenig mittheilender, heftiger Mann, der ihrem Herzen nie nah gekommen war, nach kurzer Zeit verheirathete er sich wieder, und jetzt kann ich Dir’s schon sagen, daß wir Alle die zweite Mutter nie recht lieb gewannen. Sie war gar nicht bös, aber launig und oberflächlich; in den ersten Wochen zehrte sie die Marie fast auf vor Liebe, nachher ließ sie sie gehen, that ihr nichts zu Lieb oder zu Leid mehr, und so wurde das Mädchen immer stiller und außer ihrem Religionslehrer verkehrte sie am liebsten mit ihren Blumen und Büchern, doch konnte sie recht heiter sein, und sie war ein sehr hübsches Mädchen, so wenig sie auf sich machte.«
»Seh ich ihr gleich, Mama?«
»Du, bewahre! Du bist nicht halb so hübsch, und kannst Dich nicht so nett und einfach kleiden wie Marie. Nun, der Doktor R., eben der jetzige Professor, lernte die Marie kennen auf einem Ferienbesuch, den er hier machte, sie fanden beide Gefallen an einander, Niemand hatte etwas einzuwenden, wir hieltens alle für ein rechtes Glück, daß sich Marie in ihrem achtzehnten Jahre mit ihm verlobte. Jetzt lebte die Marie recht auf und ward eine Person von Bedeutung in der Familie, dem Vater, dem Bruder und den Schwägern schienen erst die Augen aufzugehen über ihre Liebenswürdigkeit, ihren Verstand und die Bildung, die sie sich in aller Stille erworben hatte. Die Mutter bekam einen heftigen Anfall von mütterlicher Zärtlichkeit und besorgte mit Eifer die Ausstattung.
»Die Marie blühte wie ein Röslein; mit ihrem Geschmack an Büchern, und Lesen und Studiren war sie bei dem Doktor ganz an den Rechten gekommen, die zwei wurden viel geplagt mit ihren Studien und gelehrten Gesprächen, sie schrieben einander ganze Pferdslasten von Briefen, der alte Stadtbote mußte noch einmal öfter in der Woche auf’s Postamt fahren, – mitunter waren sie freilich auch recht kindisch zusammen; es war Alles recht und gut, doch fiel mir’s auf, als ich längere Zeit hier war, daß Marie gar selten mehr den Stadtpfarrer besuchte und so äußerst still und schüchtern in seiner Gegenwart war.
»Etwa ein halb Jahr waren sie versprochen, als R. einen Ruf auf die Professorsstelle in *** bekam, da war nun der Jubel vollkommen, und der Hochzeittag ward festgesetzt. Marie freute sich wie ein Kind auf ihr eignes neues Hauswesen, das Hochzeitkleid war fertig und das Aufgebot bestellt.
»Da kam der Professor, um vor seinem Abzug noch einen Besuch bei der Braut zu machen, ehe er käme, um sie heimzuführen. Marie war wie immer heiter und zärtlich. Der Professor mußte in der Nacht mit dem Eilwagen abreisen, und das Brautpaar machte Abends noch einen langen Spaziergang zusammen, ich glaube, es war auf den Kirchhof, wohin sie auch sonst gern gingen. Marie kam ganz lebendig und aufgeregt heim von ihrem eifrigen Gespräch und sie nahmen einen so zärtlichen, liebevollen Abschied wie immer.
»Am andern Morgen, ich war damals auf Besuch beim Vater kam die Marie so bleich zum Frühstück, daß wir Alle erschraken, obgleich wir es der Trennung zuschrieben. Die Mutter wollte sie aufheitern und sagte: »Morgen, Marie, wollen wir nach S. fahren, um Deine Sachen vollends zu besorgen, wir haben nur noch vier Wochen bis zur Hochzeit.« Da sagte die Marie ruhig, aber mit leiser Stimme: »Sie werden keine Mühe mehr haben, Mutter, ich werde gar nicht Hochzeit haben.«
»Da saßen wir Alle und starrten sie an mit offenem Mund, wir hätten sie für verrückt gehalten, wenn sie nicht so gar sanft und ruhig den ganzen Sturm von Fragen und Vorwürfen ausgehalten hätte, der über sie losbrach. »Und der Ludwig?« fragte ich endlich. »Dem habe ich schon heut früh geschrieben.« Das war ihre einzige Antwort, mehr konnten wir nicht herausbringen.
»Der Professor kam schon am zweiten Tag in heftiger Bewegung, wir hatten ihn alle mit Schmerzen erwartet, und hofften Alles von seiner Gegenwart. Was es an jenem Abend zwischen ihnen gegeben, darüber rückte er auch nicht heraus. »Setzen Sie dem Mädchen den Kopf zurecht, Herr Tochtermann,« sagte der Vater, »oder ich werde selbst noch toll.« Marie empfing ihn ruhig, still und schüchtern. Sie gingen in den Garten, da saßen sie in der Laube, in der sie sich verlobt hatten, weiß Gott wie lange, immer im eifrigsten Gespräch. Wir waren voll der besten Hoffnung, da kamen sie endlich herauf, alle zwei bleich wie der Tod, der Professor sagte dem Vater, daß er sich in Mariens Willen fügen müsse und auf ihren Besitz verzichte, gab uns Allen die Hand, auch der Marie, küßte sie auf die eiskalte Stirn und fuhr davon.
»So wenig ich Marie begreifen konnte, so dauerte sie mich doch viel zu sehr, als daß ich ihr hätte Vorwürfe machen können, der Vater aber, der war furchtbar böse und bei der Stiefmutter war der Zärtlichkeitsanfall radical vorbei. Ich nahm Marie auf eine Zeit lang mit mir, sie war so angegriffen, daß ich alles fürchtete, und sie erholte sich nur nach und nach in der Stille und Ruhe, die ich ihr ließ.
»Es war gar nicht wie sonst bei einem Brautpaar, das sich aufgegeben, keine Briefe, keine Geschenke und Portraits wurden zurückgegeben, im Gegentheil, die Korrespondenz fing wieder an, wenn auch nicht so eifrig wie zuvor, und Marie las die Briefe mit so ängstlicher Spannung, als ob sie von jedem ihr Lebensheil erwarte. Ich konnte nicht glauben, daß es bei den Zwei aus sein sollte, und erschöpfte all meine Beredsamkeit, als Marie wieder gesunder war, ihren Sinn zu ändern, oder doch zu erfahren, warum sie es denn so gewollt. So sanft und nachgiebig sie sonst ist, so fest blieb sie hier. Aber das muß ich sagen, daß sie noch viel lieber und besser wurde als vorher. Sie schien gar nimmer an sich selbst zu denken, so fromm, so fleißig, so gut gegen Arme, – wie ein wahrer Engel war sie. Als der erste Aerger des Vaters verraucht war, kam sie wieder heim; man gewöhnt sich an Alles: wo die Zeit nicht Rosen bringen kann, da nimmt sie doch Dornen. Der Vater sagte nichts mehr, er schien es auch zu fühlen, daß mit dem bleichen Kinde ein Engel unter sein Dach eingezogen war.
»Von Jahr zu Jahr hofften wir, es solle anders werden, es blieb aber dasselbe. Acht Jahre nach jenem Tag starb der Vater, die Mutter zog zu entfernten Verwandten. Wir Alle hätten die Marie gern bei uns gehabt, da fiel uns aber um diese Zeit das alte Haus in K. als Erbschaft eines Herrn Vetters zu, und Marie bat uns, da es ohnehin nicht leicht verkäuflich war, es ihr zum Wohnsitz zu überlassen. Das geschah, und seither ist Alles geblieben, wie es jetzt ist, Marie und der Professor schreiben sich fortwährend, er besucht sie jeden Geburtstag, er schickt ihr all seine Bücher; – aber keines von uns hat jemals erfahren, was sie getrennt hat.« – – – – – – – – – – – – – – – – –
Das war Alles, was Hermine über die Lebensgeschichte der Tante hörte, und es steigerte nur ihre Neugierde, das eigentliche Wort des Räthsels zu wissen. Diese Neugierde verklärte sich zu einem Gefühl des tiefsten innigsten Antheils, als sie in der unmittelbaren Nähe der Tante, unter dem Einfluß dieses ruhigen, klaren, innig frommen Gemüthes stand; nie aber hätte sie eine Frage gewagt.
Tante Marie hatte übrigens ihren Zustand richtig beurtheilt, ihre Gesundheit war gebrochen, ihr Leben einer langsamen Zehrkrankheit verfallen. Bald wurde ihre Schwäche so groß, daß sie das Bett nicht mehr verlassen konnte. Hermine ließ sich das ihr liebe und heilige Amt der Pflege nimmer abnehmen; das Verhältniß zwischen Tante und Nichte wurde immer inniger, das Muttergefühl, das Marien versagt war, schien in ihr für dies junge Mädchen erwacht zu sein.
Es war in der Zeit des beginnenden Herbstes, die so leicht Kranke dieser Art hinrafft; – eine recht stille Abendstunde, Hermine saß an dem Bett der Kranken, lautlos ihre Züge beobachtend, da schlug Marie die halbgeschlossenen Augen auf: »Kind, hast Du an den Professor geschrieben?« »Ja, Tante, gleich nachdem Sie es gewünscht.« »Es ist gut, ich glaube, er kommt bald,« sagte sie mit sanftem Lächeln. Herminen stiegen die Thränen in’s Auge, ihr Herz war zum Ueberfließen voll; zum ersten Mal wagte sie ein weiteres Wort: »Tante, liebe Tante, wenn Sie sich so freuen auf ihn, warum? o warum? – o, Sie hätten ihn gewiß recht glücklich gemacht!«
Marie legte sanft ihre Hand auf die des weinenden Mädchens. »Liebes Kind, ich lebe nicht mehr lang, Du hast mich so lieb gehabt, Du sollst mich nicht für launig, für seltsam halten, ich will Dir sagen, was ich Niemand noch gesagt; – rück’ näher, Kind, ich kann nicht lang und nicht laut reden, – schiebe die Lampe zurück.« –
»Hermine, ich war jünger als Du, noch ein Kind, als ich so an meiner Mutter Sterbebett saß, wie Du hier an meinem. Aber mir starb mit der Mutter mein Alles, ich war außer mir vor Schmerz, ich glaubte sie dem Himmel abringen zu können mit meinem Gebet. Die Mutter allein hatte noch die Macht, mich zu beruhigen. In jener Nacht sprach sie recht lang und herzlich mit mir, und wies mich auf den festen, tiefen, innigen Glauben hin, der ihres Lebens Glück und Trost gewesen war, aber mein Schmerz brach immer wieder aus: ›Mutter, o liebe Mutter,‹ rief ich, ›wie soll ich fromm bleiben, wie gut werden ohne Dich, versprich mir, daß Du wieder zu mir kommen willst auch noch vom Himmel.‹ ›Kind,‹ sprach sie ernst, ›Du weißt nicht, was Du bittest, das liegt nicht in Gottes Willen, Gott hat uns Licht genug gelassen für unsern Weg. Aber ich verspreche Dir,‹ sagte sie mit wunderbar klarer, heller Stimme; ›wenn Gott es zuläßt, so komme ich zu Dir, wenn Deine Seele in Gefahr ist!‹ – Das waren ihre letzten Worte.«
Die Kranke ruhte längere Zeit, dann begann sie wieder in kürzern Pausen: »Hermine, ich habe den Ludwig unbeschreiblich lieb gehabt, – mehr als ich sagen kann. – Ich wußte, daß er meinen Glauben nicht ganz theile; – das that mir wehe, aber ich dachte nicht daran, ihn darum aufzugeben; – er war ein edler Mann, – ich vertraute auf die Macht der Liebe, – Gott werde ihn durch mich wieder zum Glauben führen. Aber Kind, das ist schwerer als man glaubt. Ludwig ist ein glänzender, reich gebildeter Geist; die Ansichten eines geliebten Mannes sind wunderbar hinreißend; – ich vermied die Besprechungen über diesen heiligsten Gegenstand nicht, ich wollte ihn ja bekehren. – Allmählig schlichen sich diese Ideen, ›der Geist des Christentums‹, wie er es nannte, in meine Seele, – ich glaubte Ludwig, so lang ich ihn hörte, – war ich allein, so fühlte ich, daß das nicht Wahrheit war, – aber den Stern, der mir seither geleuchtet, fand ich nimmer, – ich konnte nicht mehr aufblicken wie das Kind zum Vater; ich war oft innerlich unglücklich, – aber ich dachte nicht daran, Ludwig aufzugeben. – An jenem Abend sagte ich ihm Alles, was mein Herz bekümmerte und bewegte, er war dadurch nicht angefochten; er zeigte und bewies mir klar, auf welchem Standpunkt ich noch stehe, – das sei nur ein Uebergang zur Wahrheit. Auf’s Neue legte er mir das ganze glänzende Gebäude seiner Ideen vor Augen. – Ich weiß nicht mehr alles; ich war hingerissen; – überzeugt, glaubte ich; er warb mich für ein neues Leben im Dienste des ewigen Geistes. Erhoben, neubelebt glaubte ich heimzukehren. In meinem stillen Stübchen war es noch nicht anders. – In jener Nacht; was ich gesehen, soll nicht über meine Lippen, – Hermine, meine Mutter hat Wort gehalten. – Von nun an wußte ich, was ich thun mußte, als sein Weib hätte ich ihm nicht widerstehen können; und ich löste das Band, – er sagte mir viel: – nicht mit einer Sylbe wolle er meinen Glauben antasten; ach ich wußte wohl, daß ein absichtliches Schweigen oft mehr thut als ein Angriff, gegen den man sich waffnet. Mein Weg war mir klar und Gott ist sehr gnädig gegen mich gewesen. – Von allen Bitten, die ich seitdem zu Gott schickte, ist nur Eine, meine erste und letzte, meine heißeste noch nicht erfüllt; wir sind noch nicht Eins in Allem, –Ludwig ist wahr gegen mich wie gegen sich selbst, wenn sich der Himmel mit einer Lüge erkaufen ließe, er würde es nicht thun. – Und nun, gute Nacht, Kind.«
Am folgenden Tag kam ein Brief, – Marie las ihn mit leuchtenden Augen, »er hat Deinen Brief noch nicht, Hermine, aber er kommt bald.« Die Schwestern kamen noch, um Marie zu besuchen, sie nahm herzlichen Abschied von ihnen, wünschte aber nicht, daß Eine bleibe. Sie lag still und ruhig wie in froher Erwartung. Endlich fuhr ein Wagen vor; der Professor stürzte heraus: »lebt sie noch?« rief er athemlos Herminen entgegen. »Gott sei Dank,« rief er auf ihre bejahende Antwort und eilte zur Kranken. Eine Vorbereitung war hier nicht nöthig. Lange, lange waren die Beiden allein beisammen, bis Hermine wagte, wieder einzutreten. Ludwig saß dicht bei Marien, die, aufgerichtet im Bett, ihr Haupt an seine Brust gelehnt hatte und ihm mit seligen, strahlenden Blicken in’s Aug sah. Beider Hände ruhten ineinander gelegt auf Mariens Bibel, dem liebsten Erbtheil von ihrer seligen Mutter.
Hermine wollte sich schüchtern zurückziehen, Marie winkte ihr freundlich und sagte leise: »Danke Gott, Kind, mein Gebet ist erhört, mein Opfer war kein vergebliches.« Sie sprach nicht mehr viel, aber sie trennte sich nimmer von ihm, von dem sie so lange getrennt gewesen war. Vereint genossen sie das Abendmahl, das letzte, was über Mariens Lippen ging; – sie starb mit seligem Lächeln. Ihr Bild im Tode war wie verklärt, fast so lieblich wie einst das der jungen Braut, nur etwas bleicher.
Das stille Haus hat sich geschlossen, – vielleicht um später ein lautes zu werden; nur für die Wenigen, denen sie angehörte, ist es geweiht durch das fromme sanfte Bild der Tante Marie.
III.
Der Freihof.
Der Freihof ist ein altes, hochgelegenes, ziemlich unansehnliches, burgähnliches Gebäude, das früher nur weibliche Insaßen hatte. Das Innere des Hauses hatte aber für Alt und Jung einen eigentümlichen Reiz, und besonders für die Kinder war ein Gang zum Fräulein vom Freihof fast ein eben so großes Fest als eine Einladung zur Frau Fürstin, von der ich später zu sprechen habe. Eine seltsame, längst verschollene Welt schien sich aufzuthun, wenn das hohe Hofthor geöffnet wurde von der uralten Dienerin, Kammerfrau, Gesellschafterin und Haushofmeisterin in Einer Person, die mit Hülfe einer jungen, sechzigjährigen Tochter das Hauswesen besorgte und die Person des Fräuleins bediente. Zwei verhältnißmäßig gleich alte Hundeveteranen folgten dieser auf allen Schritten.
Hier schien wie in Dornröschens Schlosse durch einen Zauberschlag die Zeit festgebannt worden zu sein. Die Zimmer waren zierlich eingerichtet mit prächtig bemalten Hautelissetapeten, Tabourets, Causeusen und all den alten Herrlichkeiten, welche erst die Mode der letzten Jahre wieder zu Ehren gebracht hat. Daneben gab es noch allerlei merkwürdige Kunstwerke, die den Kindern wie wahre Zaubereien erschienen, besonders das kleine Bergwerk in einem Glase, mit zahllosen arbeitenden Bergmännchen, das durch laufenden Sand in Bewegung gesetzt wurde. Herrlich war der große Schloßgarten mit verschnittenen Taxushecken, Springbrunnen mit Meerfräulein und kunstreich verschnörkelten Gängen und Blumenrabatten, wie sie jetzt ein Gärtner schwerlich mehr zu Stande brächte. – Inmitten dieser alten Pracht schaltete und waltete das Fräulein, gleich ihrer Dienerin ganz unverändert in die Tracht ihrer Jugend gekleidet, mit hochfrisirten, gepuderten Haaren, Poschen und Kontuschen, Schönpflästerchen auf den geschminkten Wangen, recht als wäre sie leibhaftig aus dem Rahmen des lebensgroßen Bildes herausgetreten, das in ihrem Prunkzimmer hing.
Die unvergängliche Schönheit der schlafenden Königstochter schien nun freilich dem Fräulein nicht verliehen zu sein; sie konnte ihre neunzig Jahre nicht verleugnen. Indessen trug sie die Last ihres Alters leicht und trippelte auf ihren hohen Absätzen noch flinker umher als das »Mädchen,« wie die sechzigjährige Tochter der Kammerfrau von ihr und von dieser genannt wurde.
Ihr Geschick hatte in Wahrheit einige Aehnlichkeit mit dem des Dornröschens. Ihre Altersgenossin und Lebensgefährtin, die Kammerfrau, hat es der Großmutter einstmals im Vertrauen erzählt, als diese das jugendliche Bild des Fräuleins betrachtete, dem dieses jetzt noch auf ein Haar glich, die Schönheit abgerechnet. – »Sie werden sich wundern,« sprach die Alte, »daß mein Fräulein, die noch schöner war als ihr Bildniß, und so reich dazu, sich nicht verheirathet hat. Ich sage Ihnen, Freier hat sie gehabt mehr als Tage im Jahr, schöne darunter und vornehme und reiche, und Alle hat sie fortgeschickt. – Damit hat es aber seine eigene Bewandtniß, was Niemand weiß außer mir, und Ihnen will ich’s sagen. – Es ist, ich weiß nicht mehr wie lang her, ich war dazumal ungefähr fünfzehn und mein Fräulein sechzehn Jahre alt, da hab’ ich sie nach dem Befehl der hochseligen Frau Mutter auf einer Promenade begleitet. Wir waren weit ab vom Hause gekommen und die Dämmerung brach schon herein, da begegnete uns eine alte schwarze Zigeunerin, die als Wahrsagerin bekannt war. Mein Fräulein bekam auf einmal Lust, ihre Zukunft zu erfahren, und streckte der Alten die Hand hin zum Wahrsagen. Obgleich sie etwas abseits gingen, konnte ich doch die Worte gar wohl verstehen: »Hüt’ dich wohl, schönes Jungfräulein, einem geringen Freier zu folgen; kein anderer als ein Kaiser wird dich heimführen. Laß dich das Warten nicht verdrießen, kommt er auch spät, so kommt er doch gewiß.«
»Auf dem Heimweg war das Fräulein sehr nachdenklich; sie erzählte mir, wie diese Prophezeiung zusammentrete mit einem wunderbaren Traum, den sie unlängst gehabt; sie verbot mir aber, irgend einer Seele ein Wörtlein von allem zu sagen. Von Stund an zog sie sich ab von allen Mannspersonen, die in ihres Herrn Vaters Haus kamen; keiner konnte ihr Herz bewegen, einen um den andern ließ sie abfahren. Dabei war sie aber nicht stolz und hoffärtig, sondern freundlich und leutselig gegen Jedermann, nur nicht gegen das Mannsvolk. Ein Jahr verging nach dem andern, ein Freier um den andern blieb weg, Papa und Mama drohten und baten, am Ende aber sagten sie nichts mehr. Ob das Fräulein ihnen ihr Herz geöffnet hat, weiß ich nicht. Zuletzt starben Vater und Mutter und das Fräulein blieb allein mit mir und Deinem seligen Mann, dem Hausverwalter. Ihre ganze prächtige Aussteuer und ein wunderschönes Brautkleid nebst Schmuck hat sie verschlossen. Sie ist allezeit getrost geblieben, und jedes Jahr an ihrem Geburtstag sagte sie zu mir ganz ruhig: »Kommt er auch spät, so kommt er doch.« Seit zwanzig Jahren aber sagt sie nichts mehr, und mir thut es doch oft weh, daß sie all die schönen Herren so fortgeschickt hat. Wenn er jetzt auch noch käme, so wäre es doch fast zu spät: meinen Sie nicht auch?«
Das Fräulein konnte sich in der Kunst des Wartens gehörig üben, der Tod selbst schien zu zögern, um dem hohen Freier Zeit zu lassen – vergeblich. Am Ende hatten das Fräulein, ihre Kammerfrau, deren Tochter und die zwei Hunde zusammen ein Alter von dreihundert und zwanzig Jahren erreicht; da war die Kammerfrau zum erstenmal in ihrem Leben so keck, ihrer Herrin voranzugehen – in’s Grab, und das Fräulein folgte ihr bald nach. – Armes Fräulein vom Freihof! Als nun die Tochter der Kammerfrau, »das Mädchen,« mit zitternden Händen die achtundneunzigjährige Braut bekleidet hatte mit dem köstlichen Brautgeschmeide, noch würdig einer Kaisersbraut, so alt und vergilbt es war, und als nun der Leichenkutscher Kaiser mit seinem lahmen Rappen die Anhöhe herauffuhr, dich heim zu führen in die enge Klause, da haben deine blassen Lippen sich nicht mehr bewegt, nicht zum Lächeln, nicht zum Weinen, du hast den Hohn des Schicksals nicht mehr gefühlt, der jene Weissagung auf so schnöde Weise in Erfüllung gehen ließ.
Armes Fräulein vom Freihof! Hätte der Tod nur noch vierzig Jahre gezögert, wer weiß, ob nicht noch der Befreier die verzauberte Schöne gefunden hätte, wenn auch nicht ein Königssohn, so doch vielleicht ein Fünftelskaiser, der sich der reichen Erbin erbarmt hätte, selbst wenn sie in Poschen und Schönpflästerchen angetreten wäre und von weitem schon nach der alten Aristokratie gerochen hätte. – Gutes Fräulein vom Freihof! ob du dein Schicksal und deine Bestimmung auch mißverstanden, du hast in Ehren ausgehalten. Mit demüthigem Herzen hast du geharrt auf deine stolze Zukunft, kein Wort der Klage kam auf deine Lippen, kein bitterer Gedanke in deine Seele. Von den Vorrechten des Herrscherstandes hast du dir keines zum voraus angemaßt, außer das schönste: die Erste zu sein im Segnen und Wohlthun. Mögest du würdig erfunden worden sein einer edleren Krone als die, auf die du hienieden vergeblich gehofft!
IV.
Der Herrenbau.
Der Herrenbau sah nicht so wundersam und mährchenhaft aus, wie der Freihof, doch war wenigstens ein Theil seines Innern noch viel geheimnißvoller und unergründeter.
So wie ich mir’s denken kann, ist es ein altes stattliches Gebäude mit eingeschlossenem Hofraum, auf einer Seite von hohen Bäumen beschattet, so dicht, daß fast kein Tagesstrahl hereindringen konnte. Der untere Theil war gleichgültig, prosaisch, der wurde vermiethet an Jedermann, oben aber da hauste der düstre geheimnißvolle Freiherr mit seinem alten Diener, und dem war es eben recht, daß kein Sonnenlicht eindrang.
Eine eigene räthselhafte Region begann in dem obern Stock, wo nie ein anderer Tritt als der des Freiherrn und seines Johann gehört wurde; Jahr aus, Jahr ein waren Tag und Nacht Fenster, Läden und Vorhänge dicht verschlossen, Jahr aus, Jahr ein brannte Licht in den Zimmern des alten Herrn.
Man wußte gar wenig von dem Freiherrn, nur Ein Zug von ihm war der bekannteste: seine entschiedene Frauenfeindschaft. Kein weiblicher Dienstbote, keine Frauensperson unter irgend welchem Vorwand durfte je die Treppe betreten, rasch und scheu schritt der Freiherr vorüber, wenn ihm eine der Hausbewohnerinnen vom untern Stock begegnete. Der Johann verrichtete mit ängstlicher Genauigkeit alle Dienste, die sonst von Frauenhänden geleistet werden, und mit schadenfrohem Hohnlachen sahen die Mägde der Nachbarschaft zu, wie die steife Figur in der Livree und gepuderten Haaren mühselig, aber mit großem Anstand, den Wassereimer die Treppen herauf schleppte, den Vorplatz kehrte, oder Gemüse für die Küche wusch.
Als getreuer Diener seines Herrn hielt sich der Johann für höchlich verpflichtet, den Frauenhaß desselben zu theilen, obgleich er dessen Gründe nicht kannte, und keine eigenen dafür hatte. Die Wäsche des Herrn, zu deren Reinigung er sich doch nicht selbst verstehen konnte, stellte er der Wäscherin in’s Haus, und nahm sie mit möglichst gedrängter Kürze in Empfang, wenn sie fertig war; hatte er Einkäufe auf dem Markt oder in Läden zu machen, so besprach er sie am liebsten mit dem männlichen Personal. Dafür mußte er aber von dem beleidigten Frauengeschlecht, den Mägden am Brunnen und den Marktweibern manche spitzige Redensart hören: »ein Wunder, Herr Johann, daß er seinem Herrn nicht auch Ochsenmilch und Gockelseier verschafft!« – »Er hätte gar nicht nöthig, so kostbar zu thun, solche wie Ihn gibts noch genug, wenn der Markt verlaufen ist!« u. s. w. – Johann nahm alle dergleichen Sticheleien mit ruhiger Verachtung hin, er wurde ganz vergnügt, daß er nun doch einen Grund für seinen Weiberhaß bekam, und es that ihm nur leid, daß er sich gegen keine gleichfühlende Seele darüber aussprechen konnte. Denn der Freiherr war kein Freund von Worten, und als der Johann ein einzigmal unaufgefordert eine vertrauliche Bemerkung wagte, mit der er gewiß Glück zu machen hoffte, und im Ton militärischen Respekts gegen den Freiherrn äußerte: »aber, gnädiger Herr, die Weibsleut sind doch ganz grausig unverschämt!« hatte ihn der mit so seltsamen Augen angeschaut, daß das die letzte blieb.
Aufs tiefste empört war der Johann, als sich Herr Meuret in das Parterre des Bau’s einquartirt hatte, und Madame Meuret ihre Strickschule mit kleinen Mädchen da errichtete, dießmal konnte er nicht schweigen. »Wissen der gnädige Herr, daß die französische Madame ein ganzes Rudel kleiner Mädchen hereinbringt? befehlen der gnädige Herr nicht, daß man sie fortjagt?« Der Freiherr schüttelte den Kopf und begnügte sich, dem Kinderschwarm auszuweichen, allemal wenn er anrückte; einmal aber geschah es, daß er eines der Mädchen, das sich verspätet, auf die Achsel klopfte und ihm ein uraltes Bonbon schenkte, eine Begebenheit, die lang Epoche machte in der Strickschule.
Der Ton der Klingel, der des Sommers und Winters früh um sechs Uhr auf des Freiherrn Zimmern ertönte, war der einzige, der die tiefe Morgenstille unterbrach; mit der feierlich ausgesprochenen Frage: »Wie haben der gnädige Herr geschlafen?« trat der Johann mit zwei Kerzen ein und löschte das Nachtlicht des Freiherrn. »Erträglich, Johann,« war die stehende Antwort, nach welcher Johann begann, die Toilette seines Herrn zu machen, mit einer Zierlichkeit und Sorgfalt, als ob es auf die Eroberung von einer ganzen Damenschaar abgesehen gewesen wäre. Dann begab sich, mit dem Schlag sieben, der Freiherr in’s Nebenzimmer, wo Johann das Frühstück, hinter seinem Stuhl stehend, servirte. Von acht bis elf Uhr brachte der Freiherr in seiner Bibliothek zu, schwerlich immer mit Lektüre beschäftigt. Diese ganze Bibliothek bestand aus den Werken alter französischer Romandichter und Philosophen; – den Romanen aber hatte er, zugleich mit den Frauen, Lebewohl gesagt; wenn ihm nun nichts blieb als die Philosophen, so läßt sich leicht denken, wie sein inneres Leben, gleich seinem äußern, immer dürrer und verödeter wurde.
Nachmittags machte der Freiherr feierlichen Schrittes seine Promenade auf dem, durch eine Kastanienallee eingefaßten Stadtgraben, gefolgt von seinem Johann, bis er, nach einer Stunde, wieder in seiner dunklen Behausung verschwand.
Vor mehreren Jahren hatte er noch viel stiller und zurückgezogener in seinen verdunkelten Mauern gelebt, damals war er von auswärtigen Hofdiensten zurückgekehrt in die kleine Stadt K., zu dem alten Haus, an dessen Bewohnung er ein Familienrecht hatte. Seit seinem Einzug überschritt er aber viele Jahre lang die Schwelle nicht mehr, nur das Aus- und Eingehen des Johann gab den unten Wohnenden Kunde, daß der stille Bewohner oben noch am Leben sei.
Eine tödtliche Krankheit, die Folge dieser licht- und luftlosen Lebensweise hatte endlich einen Arzt ins Haus gerufen, der durch einen Machtspruch die Aenderung derselben gebot. Der Freiherr aber wollte davon nichts wissen, und schüttelte schweigend den Kopf.
Da vernahm die Frau Herzogin von der Krankheit und dem Eigensinn des Freiherrn, und fand sich bewogen, bei ihm vorzufahren, und in eigener Person nach seinem Befinden zu fragen. Der angestammte und angewöhnte Respekt vor Standespersonen überwand bei Herrn und Diener die Frauenscheu, die Frau Herzogin wurde eingeführt, und die sanfte, gewinnende Persönlichkeit der alten Dame bewirkte mehr als der Ausspruch des Doktors.
Der Freiherr genas und machte von nun an seine tägliche Promenade, auch alljährlich zwei Aufwartungen im Schloß, am Neujahr und am Geburtstage der Herzogin. Wie die Mägde und Marktweiber bei Johann, so hätten die paar Hofdamen gern diese einzige Gelegenheit benützt, seinen Frauenhaß durch süße Blicke zu brechen, oder durch spitze Worte zu rächen, aber alle Versuche glitten ab an der äußersten Gleichgültigkeit, mit der er die schönste, wie die häßlichste Gestalt gleich entschieden ignorirte und seine feierliche Höflichkeit allein der Frau Herzogin zuwandte.
Auch die Kirche fing er seit jener Zeit an zu besuchen und erregte das Erstaunen und Ergötzen der Schuljugend durch den großen Muff, mit dem er sich zur Winterzeit gegen die Kälte schützte. Niemand in der Stadt B. hatte ihn jung gesehen, er hatte schon das Ansehen eines bejahrten Mannes, als er seine Einsiedelei zum erstenmal verlassen.
Nur Ein Band gab es, das den scheuen Freiherrn noch mit den Menschen verband, nur Eine Freude, der er nicht entsagt hatte – die des Wohlthuns. Wo er eine bekannte oder verborgene Noth erfuhr, da war seine Hand stets offen, natürlich so still und verborgen als möglich. Viel Freude konnte nun freilich auch nicht dabei sein, da er fast nie den Dank aus eines Armen Munde selbst empfing, aber doch ist wohl manch stilles Gebet für ihn emporgestiegen, und hat einen Friedenshauch in sein verdüstertes Dasein gebracht, ohne daß er wußte, woher er ihm gekommen.
Außer den Armen war ihm wohl Niemand so gewogen wie die Lichterzieher, die gern der halben Bevölkerung zu Gunsten ihres Gewerbes eine so misanthropische Laune gewünscht hätten; wie es denn überhaupt eine tröstliche, und daneben eine höchst leidige Eigenschaft des Menschenlebens ist, daß jedes Misere des Einen für den Andern eine Lichtseite hat. – Wir sind ein Raubvogelgeschlecht, wo vom Generalfeldmarschall bis zum Todtengräber sich jeder von einem Stückchen menschlicher Vergänglichkeit oder menschlichen Jammers nährt. Ich hörte eine Frau Apothekerin einst ganz ärgerlich sagen: »jetzt kommt d’Cholera erst nicht!« Hagelwetter und Katzenmusiken sind die Blüthezeit der Glaser, bei der »herannahenden Saison der Rheumatismen« preisen die »wollenen Waarenhändler« vergnügt ihre Waaren an, die zerrissenen Stiefel, die den Jungen Schläge und Schelte eintragen, helfen den Kindern des armen Schusters zu ihrem täglichen Brod; – und so war das verstörte Gemüth des Freiherrn, das ihm das Tageslicht verhaßt machte, ein rechtes Labsal für seinen Nachbar Seifensieder, der sonst die gutmüthigste Seele von der Welt war.
Alle Lichter brennen auf, so auch das Lebenslicht des alten Freiherrn. An einem kühlen, klaren Herbstmorgen öffneten sich zum erstenmal die Fenster und Läden im Herrenbau, zum erstenmal fiel das Sonnenlicht auf das Lager des alten Herrn, als die Leichenschau es umstand, um sich von seinem Tode durch Schlagfluß zu überzeugen. Ein entfernter Vetter wurde herbeigerufen, um des Freiherrn Erbe in Besitz zu nehmen, das man nach seinen Spenden an die Armuth für viel größer gehalten als sich nun zeigte.
Der junge Baron hatte seinen Vetter im Leben nicht gekannt, aber im Tod interessirte er sich sehr für ihn; er hatte Sinn für’s Romantische, und hätte gar zu gern gewußt, was denn den alten Herrn zu solch einem verfehlten Dasein voll Nacht und Trübsal gebracht. Der Freiherr aber hat sein Geheimniß mit in das Grab genommen; den Johann hatte er erst kurz vor seiner Ankunft in K. gedingt, und so war Niemand, der Aufschluß geben konnte.
Nur das Bild einer wunderschönen Dame, das sich im verborgensten Fach eines Schreibtisches gefunden, soll Kunde gegeben haben, daß der Freiherr wohl nicht sein Leben lang so tiefen Abscheu vor Frauen gehegt. – Ein unverbürgtes Gerücht sagt, daß der junge Erbe an dem Hofe, wo der Freiherr seine Jugend verlebt, einiges erfahren, was das Räthsel lösen konnte: eine alte leidige Geschichte, wie sie bei dem frühern Leben an Höfen wohl nicht die erste war und nicht die letzte blieb; die Geschichte von einem lebensfrischen jungen Pagen, der jahrelang mit der reinen Gluth einer jungen Seele, mit stiller hoffnungsloser Treue zu einer stolzen Schönheit aufgeschaut, und der endlich durch ein fürstliches Fürwort mit Einem Schlag an das Ziel seiner Wünsche gekommen war.
Was es aber gewesen, das die schöne Braut, deren Stolz sich in demüthige Liebe verwandelt, am Hochzeitmorgen dem überseligen Bräutigam anvertraut, das ist nicht mehr über seine Lippen gekommen. Ein Dunkles Geheimniß muß es gewesen sein, daß es ihn an demselben Tag fortgetrieben von Braut und Hochzeitfreude, fortgetrieben für all sein Leben lang von dem klaren Sonnenlicht und dem holdseligen Frauenantlitz, von aller Liebe und häuslichen Freude.
Des Freiherrn altes Wappenschild ist glänzend und fleckenlos auf seiner Bahre gelegen, von dem Geschick jener schönen Braut aber, von ihrer Schuld und ihrem Leid hat man nichts mehr vernommen.
Bald fünfzig Jahre sind verflossen, seit man die Leiche des Freiherrn aus dem Herrenbau getragen. Mancherlei Bewohner sind indeß in dem alten Gebäude aus- und eingezogen, bis es nun frisch gelüftet und gereinigt zu neuem Zwecke hergestellt wurde. Und zu welchem! Hat sich der Geist des alten Freiherrn nicht zürnend aus seiner Gruft erhoben? Schreitet des Johann’s Gespenst nicht mit würdevoller Alteration durch die entweihten Gemächer? Chaise an Chaise hält vor dem Bau und eine Frauengestalt um die andere tritt in die alten Räume: ernste, stille Jungfrauen, heitere gesprächige darunter, und
Sie sinnen und träumen,
Sie ordnen und räumen
Mit fleißigen Händen
An Ecken und Enden.
Sind es Nonnen? ach nein, zu mannigfach, zu modisch dazu ist ihre Tracht. Frauen sind es und Jungfrauen, die ein stilles Asyl hier suchen vor Stürmen und Unbilden des Lebens, einen Trost für Herzenseinsamkeit in freundlichem, friedlichem Beisammenleben, einen Wirkungskreis für eine noch rüstige Kraft. Der alte Herrenbau ist zum Frauenstift geworden.
Nun gute Nacht, Dunkel und Schweigen! Ist’s kein rosiges Morgenlicht, so sei es doch eine freundliche Abendsonne, die über dem alten Herrenbau leuchtet!
Und wenn der Geist des alten Freiherrn sich’s doch einfallen ließe, Umschau zu halten in seiner ehemaligen Heimath, so möge er lernen, daß auch Herzen, denen das Leben nicht viel Rosen getragen, etwas Besseres thun können, als sich in Finsterniß begraben und den Frauen davon laufen!
V.
Das herzogliche Schloß.
Von Rechtswegen und der Rangordnung nach hätte ich unter den alten Häusern von K. zuerst das fürstliche Schloß oder Schlößchen vorführen sollen! aber die Familientraditionen des Klosters haben gar zu heimathlich dahin gewinkt, und dann erfordert es ja bei manchem Aufzug das Ceremoniel, daß das vornehmste zuletzt kommt.
Von dem Schlosse ist in architektonischer Beziehung nicht viel zu berichten; es hat weder die anmuthige Eleganz neuer, noch die feierliche Pracht oder den mährchenhaften Zauber alter Schlösser. Nur die hohen Kastanien, die schattigen Gänge des Schloßgartens sind von einem poetischen Hauch durchweht. Es zeigt so eine Art von Zopfstil, obwohl seine Erbauung eigentlich noch vor die Zopfperiode fällt. Auch die historischen Notizen über seine Erbauer und Bewohner will ich vaterländischen Chronisten überlassen. Zur Zeit, aus der meine Bilder genommen sind, am Anfang unsres Jahrhunderts war es Wittwensitz und bewohnt von der Frau Herzogin, dem Mittelpunkte, der Sonne des Städtchens. – Eine müde Sonne war es nun freilich, nahe am Untergehen; gerade darum aber ließ sich’s leichter hineinschauen, und kein Auge konnte geblendet, keines verletzt werden von dem höchst bescheidnen Glanze, der sie umgab.
Das Leben dieser Frau gehört der Geschichte Schwabens an, und ihre romantische Jugendgeschichte ist schon vielfach zum Thema für Dichter und Schriftsteller geworden, darum möge sie hier ruhen. – Sie hatte den Glanz ihrer frühern Jahre theuer erkauft mit schweren innern Kämpfen und – mit Vaterfluch. – Ihr Vater war ein alter, ehrenfester Edelmann, dem in sehr gesunkenen Verhältnissen seine ritterliche Ehre der letzte Schild und Trost war. Er hatte es für keinen Flecken dieser Ritterehre gehalten, seine Tochter, als Opfer dieser Verhältnisse, in blühender Jugend einem rohen Gatten hinzugeben; aber daß sie gewagt, selbst ihre Bande zu lösen, daß sie die Freundin ihres Fürsten geworden, noch ehe sie seine Gemahlin ward vor Gott und der Welt – das konnte er ihr bis in seinen Tod nicht vergeben. Erst nach diesem war es ihrer Mutter vergönnt, ihr geliebtes Kind zu besuchen, und auch sie hatte solches Grauen vor dem Weg, auf dem ihre Tochter zu dieser Höhe gestiegen war, daß sie nie mit den Titeln von ihr sprach, die ihr nun mit Recht zustanden, nie von den Vorrechten ihres hohen Standes, der fürstlichen Equipage u. dgl. Gebrauch machte. Sie kam nie anders als in einer einfachen Miethkutsche zu ihrer Tochter, so daß einmal der Kutscher, als der Herzog mit glänzendem Gefolge vorüberritt, diesem zutraulich zurief: »Eur’ Durchlaucht, d’Schwieger hab ich gestern gut heimbracht.«
Doch, wie gesagt, die Jugendgeschichte der Herzogin mit ihren Licht- und Schattenseiten möge hier ruhen. In K. war sie nur die wohltätige Fee des Städtchens, hier gedachte man ihrer nur als des guten Engels ihres Landes und ihres Gatten, der Gefährtin seiner besten Lebensperiode; hier verlebte sie im Stillen den Rest ihrer Tage, »eine rechte Wittwe« in stetem, treuen Andenken an ihren geliebten Herrn.
So wenig ihr aber auch von dem Lärm und Pomp geblieben war, der die Tage ihres Glanzes umgeben, ein Hof mußte dennoch gehalten werden. Die steifen Formen ihrer Zeit waren ihr so sehr zur andern Natur geworden, daß sie sich nimmer ohne dieselben bewegen konnte; auch mochte es ihr wohl thun, sich bis zu ihrem Tode unverändert in der würdevollen Stellung zu erhalten, in der nicht ihr Stolz nur, nein auch ihr innerstes weibliches Gefühl allein wieder seine Befriedigung gefunden hatte. So ging sie nie zu Fuß in das Städtchen; aber sie fuhr täglich aus, gezogen von vier Schimmeln von so ehrwürdigem Alter, daß ihnen die gegenseitige Assistenz wohl zu gönnen war, und die, trotz dem, daß ihrer vier waren, so sachte trabten, daß der Läufer, der stets dem Wagen vorausging, sich nie außer Athem rennen durfte und ganz fett wurde bei seinem beweglichen Metier.
Selbst die Ergüsse ihrer liebsten Herzensneigungen waren in das Zwangsmieder fürstlicher Würde eingezwängt. So war sie eine große, herzliche Kinderfreundin; nicht aber daß sie je in ein Haus gekommen wäre, wo sich ein munteres Völkchen tummelte, oder daß sie auf der Straße ein hübsches Kind abgeküßt hätte; wie gesagt, sie ging nie zu Fuß aus. Sie ließ die Kleinen zu sich bescheiden, und ein Fest war es für die Kinderwelt, wenn der galonirte Hoflakai in sämmtlichen Honoratiorenhäusern die Runde machte, um die Söhne und Töchter in’s Schloß einzuladen. Da wurde denn der beste Putz hervorgesucht, um die hoffnungsvolle Jugend nach Kräften hoffähig zu machen. Im Schlosse angekommen, schritten sie in regelrechtem Zug unter ehrfurchtsvollen Schauern durch den langen Corridor und die Vorzimmer bis in das innere Gemach, das ihnen als Inbegriff aller Herrlichkeit erschien, wo die Frau Herzogin im grauseidenen Kleide saß. Sie trug seit ihres Gemahls Tod beständig Trauerkleider.
Sie war eine freundliche kleine Frau von anmuthigem Benehmen; von den Reizen ihrer Jugend zeigten sich wenige Spuren mehr, nur die blonden Locken unter der Wittwenhaube trugen noch die schöne Farbe der reichen Flechten, die einst zu den Hauptzierden der jugendlichen Schönheit gehört hatten. Den Kindern war die Hofetikette streng eingeschärft worden, zuerst nach dem Kleid der Dame zu greifen, um es zu küssen, was diese dann eilig durch einen Kuß auf den Mund des kleinen Höflings verhinderte. Nun besah sie sich die Kinder der Reihe nach und sprach mit jedem ein Paar freundliche Worte, die jene auswendig wußten: »Ei, wie du gewachsen bist!« »Ist deine Mutter gesund?« &c. Dann aber gab sie ihrer Kammerfrau einen Wink, auf den diese sich entfernte und ein Kästchen mit vielen Fächern der durchlauchtigen Dame überbrachte. Das war der große Augenblick, auf den sich die Kinder leise, mit ahnungsvollem Nicken aufmerksam machten. Nun beschenkte sie die Herzogin der Reihe nach mit allerlei zierlichen Kleinigkeiten: vergoldeten Ringlein, Herzchen zum Anhängen, Ohrglöckchen u. dgl., die mit verlegen gestammeltem Dank angenommen wurden. Die Hand der Geberin verlieh den an sich unbedeutenden Sachen den höchsten Werth in den Augen der Kinder, die sich sodann nach ehrfurchtsvoller Verbeugung wieder in Reih und Glied entfernten, und der langeingedämmten Jugendlust in dem schönen schattigen Schloßgarten freien Lauf ließen. Solche Einladungen erfolgten mehrmals im Jahre, unfehlbar aber um Ostern, wo die etwas reicheren Gaben im Schloßgarten versteckt und von den Kindern aufgesucht wurden.
Sämmtliche Frauen des Städtchens wurden von Zeit zu Zeit zur Kaffeevisite geladen. Auch hier ging es ziemlich ceremoniös her. Die Frauen saßen im Kreis um den Sopha der Frau Herzogin und tranken Kaffee aus kleinen Meißner Tassen; die Unterhaltung bestand meist aus durchlauchtigen Fragen und unterthänigen Antworten, falls nicht hie und da die Herzogin etwas mehr in Fluß kam, wenn sie von ihrem seligen Herrn erzählte. Endlich erhob sich die Dame mit höflichen Worten zum Zeichen der Entlassung. So ein Galatag war aber eine große Begebenheit; die Großmutter hatte sich eigens dazu ein seidenes Band mit Gold gestickt und steckte den kolossalen Ring mit des Großvaters Bildniß an, der ihre halbe Hand bedeckte.
Die Männer wurden hin und wieder zur herzoglichen Tafel gezogen. Solche Einladungen waren dem Großvater kein absonderliches Vergnügen. Obgleich er in angestammtem Respekt vor hohen Standespersonen auferzogen war und es ihm nicht einfiel, der Herzogin absichtlich etwas von der schuldigen Ehrerbietung zu entziehen, so konnte er sich doch sein Lebtage in die steifen Hofsitten nicht finden. Seine Formlosigkeit gereichte manchmal dem Hofpersonal zu geheimem Entsetzen, der Durchlaucht aber zu herzlichem Ergötzen. Die Einladungen zum Diner kamen meist spät, und so traf sich’s, daß der Großvater einmal vom eigenen Mittagstisch weg sich in den Staatsfrack werfen mußte, um an der Tafel zu erscheinen. Er aß wenig, da die französische Küche ohnehin nicht nach seinem Geschmack war. »Warum speisen Sie so wenig, Herr Klosterhofmeister?« fragte besorgt die Herzogin über die Tafel herüber. »Mag’ nichts mehr, Ew. Durchlaucht, hab’ schon daheim Leberknöpf’ gegessen.« – Ein andermal, als bei einer Morgenaufwartung wie gewöhnlich fremder Wein in kleinen Kelchen servirt wurde, nahm er keinen an. »Herr Klosterhofmeister, warum trinken Sie nicht?« fragte die höfliche Herzogin. – »Ew. Durchlaucht, die Dinger da sind so klein; ich fürchte, das Kelchle schlupfe mit nunter.« Von nun an bekam er ein größeres Glas.
Zahlreich waren die adeligen Familien, welche diesem Reste eines Hofes nachzogen, von den stattlichen Kavalieren, den ehrwürdigen Hofdamen uralten Geschlechts an bis hinab zu etlichen obskuren gnädigen Frauen, die an hungrigem Vornehmthun den herabgekommenen Raubadel in Spindlers Juden noch übertrafen, die von der Wohlthätigkeit der Herzogin lebten und vor einer Fête bei Hof acht Tage lang zu flicken hatten. – Durch diesen Adel, hohen und niedern, bekam die ganze Geselligkeit des Städtchens eine von andern Städten seiner Größe verschiedene Tournüre; Theegesellschaften waren dazumal schon häufig, während man sonst im Land nur Thee trank, wenn man krank war. Die adeligen Damen erließen Einladungen zu Soirées, deren Hauptunterhaltung im Spielen bestand, vom l’Hombre bis hinab zu Mariage und Hopsen, also daß sogar die liebe Jugend sich mit den ausgedienten Karten und alten Spielmarken amüsirte. – Diese Unsitte war nun freilich kein Gewinn für die bürgerlichen Tugenden der Stadt K., wurde aber doch mit Maß betrieben. Hatte etwa eine der Hausfrauen einen Gulden verspielt, so war das schon großes Malheur und ward durch vermehrte Sparsamkeit eingebracht. Habe auch nicht vernommen, daß unter der Jugend dieses Gift nachhaltig gewirkt hätte und daß aus den Stadtkindern von K. irgend ein rasender Spieler hervorgegangen wäre.
Glänzende Feste, Bälle u. dgl. waren verbannt, wie sich’s am Hof einer Wittwe ziemt. Die einzige Abwechslung bestand in einer jährlichen Reise auf das Schloß zu S. zum Sommeraufenthalt, in den obenerwähnten Einladungen und abendlichen Spielpartien. So brachte der Hof in recht anständiger Langeweile seine Existenz hin. Winters jedoch erschien meist eine Schauspielergesellschaft, die durch Aufführung Kotzebue’scher Lustspiele und Iffland’scher Rührstücke das Publikum von K. höchlich ergötzte. Einmal verstiegen sie sich bis zum Donauweibchen, wo ein ungeheures Stück zusammengepapptes Zuckerhutpapier, das auf der Bühne hin und her gezogen wurde, das Meer vorstellte.
Die Herzogin war äußerst sanften Charakters, freundlich und nachsichtig gegen ihre Umgebung und dankbar für jede »Attention,« die ihr in ihrer einsamen Lage zu Theil wurde. Den Schauplatz ihrer glänzenden Vergangenheit hat sie nicht wieder besucht. – So schloß sich ein reiches, vielbewegtes Leben still, beinahe vergessen außerhalb des kleinen Kreises, in dem sich die gute Frau bewegte. Warum ihr nicht vergönnt war, sich an der Seite ihres seligen Herrn zur letzten Ruhe zu legen, weiß ich nicht; sie wurde mit fürstlichem Prunk in der alten Gruft zu K. beigesetzt, die für sie nach langen, langen Jahren zum erstenmal wieder eröffnet wurde. Das Schloß hat seine Bestimmung beibehalten, ein Sitz für vereinsamte Frauen hohen Standes zu sein, und auch die freundlichen Engel des Wohlthuns und der Milde haben fortwährend ihre Heimath dort gefunden.
Heirathsgeschichten.
Dem wächst ein geschickter Sohn,
Dem ein’ edle Tochter zu,
Eines ist des andern Kron’,
Eines ist des andern Ruh,
Eines ist des andern Licht,
Wissens aber Beide nicht.
Bis, sobald es dem beliebt,
Der die Welt im Schooße hält,
Daß er jedem Zeugniß gibt,
Wann und wie es ihm gefällt,
Da erscheint in Werk und That,
Der so tief verborgne Rath.