Isolde Kurz

Folgendes ist mir von einer Persönlichkeit, die ich wie mich selbst zu kennen glaube, zu freier Verfügung mitgeteilt worden:

Das Erlebnis, das ich erzählen will, wenn es ein Erlebnis genannt werden kann, liegt weit zurück in Jugendtagen. Damit es verständlicher erscheint, muß ich ein paar Worte voranschicken. Ich hatte von jeher, angeborenerweise, meine eigene Vorstellung von der Zeit. Ich konnte mir nie zu eigen machen, daß Vergangenes vergehen könne, ganz und gar nicht mehr sein. Schmerzen und Schrecknisse, die ihren Inhaber längst verloren hatten, waren für mich noch da und suchten nach einer neuen Seele, der sie sich mitteilen konnten. Oft befiel mich am guten Tage, wenn alle froh waren, eine unbeschreibliche Traurigkeit. Ein Schmerz wollte mich zerreißen, von dem ich doch wußte, persönlich geht er mich nichts an. Es gibt soviel herrenlos gewordenen Schmerz auf Erden. All die fürchterliche Grausamkeit früherer Jahrhunderte, die entsetzlichen Kriminalstrafen, die unschuldig Gefolterten und Hingerichteten, die unglückseligen Hexen: davon ist noch immer etwas übrig, das durch den Raum irrt, wenn auch die Opfer seit lange Staub sind. An den Durchschnittsmenschen mit der derben Haut und den kurzen Fühlern können sie nicht heran, sie suchen eine besondere Anlage, an die sie sich heften können. Wenn sie im Umherschweifen zufällig mir begegneten, so nahm ich sie willig auf, denn wie sollen sie jemals zur Ruhe kommen und schlafen gehen, wenn niemand sie anhören und ihnen sein eigenes Herz zur Sühne geben will!

In meiner Heimat findet man zuweilen in Wäldern und auf Kreuzwegen zusammengeknotete farbige Taschentüchlein, die die Neugier der Vorübergehenden anreizen. Laß liegen, sagen die Kindermädchen zu den Kleinen, die sie auseinanderzerren wollen. Laß liegen, man kann nicht wissen, was man da aufhebt. Hat schon manch einer davon die Kränke nach Haus gebracht, der frisch und rotbackig ausgegangen war. – So raffte ich schon von Kindheit an immer ab und zu ein Bündel herrenloser Schmerzen auf.

Zuweilen kamen auch jähe Schrecken von irgendwoher, aus dem leeren Raum, die die Blutwellen aufjagten. Ich meinte dann jedesmal, es seien Hilferufe meiner Lieben aus der Ferne die mich suchten. Aber die häufige Erfahrung, daß in jenen Stunden nichts geschehen war, das mich persönlich anging, ließ mich später vermuten, daß ich aus der unendlichen Weite zufällig Wellen aufgefangen hatte, die ganz anders wohin wollten und nur meine überempfindliche Aufnahmestelle mit berührt hatten. Diese Gabe ist so wenig beneidenswert wie das zweite Gesicht, sie kann schöne Lebenstage in ihr Gegenteil verwandeln.

Besonders hatten es bestimmte Räume auf sich, daß ich sie nicht betreten konnte, ohne von quälender Unruhe befallen zu werden. Und jetzt komme ich zu meiner Geschichte, die vielleicht keine ist.

Es war wie gesagt in den fernen Tagen meiner Jugend, daß ich einmal, von Florenz nach Venedig reisend, gezwungen war, in Ferrara zu nächtigen. Wie das zusammenhing, erinnere ich mich nicht, es mag wegen Störung des Bahnbetriebs oder ähnlichem gewesen sein, jedenfalls lag die Fahrtunterbrechung nicht in meiner Absicht, und da ich die Stadt nicht kannte, wußte ich nicht, wo am späten Abend unterkommen. Ein Lohndiener sagte mir schon am Bahnhof, daß es schwer sein würde, ein Zimmer zu finden, weil ich weiß nicht mehr welches Fest gefeiert wurde, das viele Auswärtige herbeigezogen habe. Auch war ein Teil der Mitreisenden ebenfalls in der Lage, nicht weiter zu können, und diese hatten, soweit sie nicht wie ich durch das Suchen nach ihrem Gepäck aufgehalten waren, vor mir den Vorsprung. Ich wurde demnach in einer Reihe größerer und kleinerer Gasthöfe abgewiesen, bis ein Hotelwirt in einer Winkelgasse, der gleichfalls kein Zimmer mehr frei hatte, mir zu verstehen gab, daß er noch eine Aushilfe zur Verfügung habe, einen alten Palazzo, wo eine Verwandte von ihm Zimmer abgebe und wo er zuweilen, wenn bei ihm alles belegt sei, spät angekommene Gäste hinschicke; ich würde dort so gut untergebracht sein wie in seinem eigenen Hause. Nachdem ich schnell ein paar Bissen zu mir genommen und in heftigem Durst ein Glas Wein getrunken hatte, ließ ich mich von dem Hausknecht nach besagter Unterkunft führen. Wir hatten ziemlich lange zu gehen, trotz der späten Stunde schien die ganze Einwohnerschaft auf den Füßen zu sein, in allen Straßen fluteten zwei nach entgegengesetzten Richtungen strebende Menschenströme aneinander vorüber. Das Haus lag mit der Vorderseite an einer kleinen Piazzetta, wo es trotz der mäßigen Beleuchtung gleichfalls lebhaft herging. Es war von stattlichen Verhältnissen, aber schlecht erhalten, was sich schon von außen erkennen ließ, und machte einen düsteren, unerfreulichen Eindruck. Ich stieg eine lange steile Steintreppe hinauf, die zwischen zwei Wänden schnurgerade emporführte, und wurde oben einer wenig gepflegten alten Dame abgeliefert, die den Hoteldiener entließ und meine Sachen ihrem eigenen Knecht übergab. Ich sagte ihr, daß ich am meisten Wert auf Stille und frische Luft legte, da ich notwendig ein paar Stunden erquicklich schlafen müsse, um am Morgen frühzeitig weiterzufahren. Sie brachte mich in ein geräumiges Zimmer, dessen beide Fenster nach der Piazzetta sahen und das mit allem Nötigen einfach aber anständig ausgestattet war, empfahl mir die Fenster nicht zu öffnen, bevor ich das Licht gelöscht hätte, und versicherte, daß ich hier schlummern würde wie ein König. Ich weiß nicht, ob gute Nachtruhe zu den Sonderrechten der Könige gehört, mir jedenfalls sollte sie in jenem Raume nicht zuteil werden. Denn kaum hatte ich den Kopf in die Kissen sinken lassen, als ich erschrocken wieder in die Höhe fuhr: durch die offenen Fenster drang eine schmetternde Blechmusik, die sich eben auf der Piazzetta eingefunden zu haben schien und deren scharfe Töne Ohren und Hirn zerrissen. Sie spielte die Königshymne, worauf tosender Beifall folgte. Was beginnen? Ich hatte starke Kopfschmerzen, teils von dem Ungemach der Reise in dem überhitzten Eisenbahnwagen, auf den einen ganzen Tag lang die Sonne niedergebrannt hatte, teils von dem erschöpfenden Umherwandern und dem rasch genossenen Wein. Die Fenster schließen kam bei der Hitze nicht in Frage, auch wäre es bei dem durchdringenden Lärm nur eine halbe Maßregel gewesen. Auf das Ende der Volksbelustigung warten war ebenfalls hoffnungslos, denn daß diese sich bis zum Morgengrauen ausdehnen würde, wußte ich aus Erfahrung. Ich aber mußte unbedingt ein paar Stunden vor Abgang des Frühzugs schlafen, wollte ich nicht in ganz mitgenommenem Zustand in Venedig ankommen. Ich stand also wieder auf, fuhr in ein Kleidungsstück und klingelte lange, bis der schlaftrunkene Hausdiener noch einmal erschien und nicht begriff, was ich so spät noch wollte. Ein anderes Zimmer, sagte ich mit großem Nachdruck, denn hier würde mir von dem Lärm der Kopf zerspringen. Er redete mir zu, es doch noch einmal mit dem Schlafen zu versuchen, weil es im ganzen Haus kein so gutes Zimmer mehr gebe wie dieses. Da ich aber auf meinem Willen bestand, entfernte er sich seufzend, um mit der schon schlafengegangenen Padrona zu sprechen, und kam erst nach einer langen Weile, während der die Musik draußen weiterschmetterte, mit seiner Ganglaterne und einem Schlüsselbund zurück, ergriff mein Handgepäck, in das ich schnell meine Siebensachen geworfen hatte, und ging mir durch einen langen Korridor voran, der sich in mehrere Querarme spaltete. Ich merkte in der Dunkelheit, daß dieser Palast weit ansehnlicher war, als es von außen den Anschein hatte, und daß man sich ohne Führer leicht darin verirren konnte. Zuerst waren wir noch an Türen vorbeigekommen, vor denen Schuhe standen, dann ging es durch eine Galerie, die einen Hofraum einfaßte und in der einmal Bilder gehangen haben mußten, bis eine abermalige Biegung uns vor ein weitab gelegenes Zimmer führte, das der Diener aufschloß. Es war stattlich und schön von Maßen, eine aus der Dicke der Außenmauer ausgesparte Fensternische mit einem gemauerten Auftritt ging auf einen stillen dunklen Hofraum. Seltsamerweise war das Fenster in dieser Höhe vergittert. Ich entließ den Diener, nachdem ich mich noch in seiner Gegenwart überzeugt hatte, daß die Tür nach dem Gang verschließbar war und daß die an der Seitenwand befindliche zwar weder Schlüssel noch Riegel hatte, aber in ein Nebengelaß ohne anderen Ausgang führte, in dem nichts stand als ein großer alter Schrank.

Ich löschte die Kerze, riß beide Fensterflügel weit auf und versuchte zu schlafen.

Aber von Schlaf war keine Rede. Nach kurzem sprang ich wieder auf und tastete mich im Dunkeln gegen das Fenster, das ich zugefallen glaubte. Die frische Nachtluft strömte mir entgegen, es stand weit offen, wie im Augenblick, wo ich mich niederlegte. Merkwürdig, wie lange es braucht, bis die eingesperrte Luft unbewohnter Räume ausgewechselt ist, die der Unverstand der Vermieter fest verschlossen zu halten pflegt, bis zum Augenblick, wo ein Gast einzieht.

Ich legte mich wieder zu Bette und versuchte mir einzureden, daß die Luft mit jeder Minute besser werde. Aber es gelang mir doch nicht einzuschlafen. Im Zimmer hing etwas Unwirkliches, aber namenlos Belastendes wie eine unsichtbare Wolke. Kaum daß ich mir darüber klar geworden, so fiel mich eine Beklemmung an, die jede Möglichkeit des Schlafes vertrieb und mir die Überzeugung gab, daß ich diesen Raum mit etwas Furchtbarem teilte. Nur fort! Nur hinaus! Aber wohin? Den armen Teufel von Hausknecht mochte ich kein zweites Mal wecken, auch sagte ich mir, daß bei der großen Entfernung ein Klingelzug schwerlich soviel Kraft haben würde. Dennoch zündete ich Licht an auf die Gefahr hin, daß sich das ganze Zimmer mit Stechmücken fülle, ich wollte die Klingel wenigstens sehen, um mich an der Gewißheit zu beruhigen, daß ich auf irgendeine Weise mit der Außenwelt zusammenhing. Aber da war keine Klingel. So löschte ich die Kerze wieder, um sie nicht vor der Zeit zu verbrauchen. Und wieder legte ich mich zur Ruhe und begann tief und gleichmäßig zu atmen, um durch völlige Gelassenheit den Schlummer heranzulocken. Von den vier Stunden, auf die ich für mein Schlafbedürfnis gerechnet hatte, war schon eine ungenutzt verstrichen. So durfte es mir nicht weitergehen, ich wollte nunmehr schlafen, um jeden Preis.

Keine Möglichkeit. Eine Angst legte sich auf mich, die mir den Atem wegdrängte. Diesmal kam sie nicht aus dem Unbekannten, sie war an diesen Ort, an dieses Zimmer gebunden. Ich hatte mich ihr ausgeliefert, als ich mich fernab von Menschenstimmen und Menschenohren in diesen Raum einschloß, den sie mit mir teilte. Was hätte ich jetzt um einen Ton der Blechmusik gegeben, vor der ich geflohen war und die gewiß in diesem Augenblick die Piazzetta zu neuem Beifallssturm hinriß. Ich horchte vergeblich, kein Laut von außen drang in diese bange Abgeschiedenheit. Nicht als ob sich in dem Zimmer etwas Spukhaftes geregt hätte: da war kein Seufzen, kein Rasseln noch Schlürfen, der Schrecken hier, der hielt den Atem an. Ich ertrug es am Ende nicht länger, stand nochmals auf und leuchtete mit der Kerze alle Wände ab, durchsuchte jeden Winkel des halbleeren Raumes und betrat unter Widerstreben auch das Nebengelaß, das ehedem mit dem Zimmer einen Raum gebildet haben mußte, denn die Stuckarbeit der Decke setzte sich durch die dünne Zwischenwand hindurch fort. Hier wurde die unbegreifliche unsichtbare Gegenwart noch spürbarer, ich suchte mir aber die vermehrte Beklemmung aus dem Umstand zu erklären, daß das Gelaß nur durch die halb offene Türe Luft erhielt. Am höchsten stieg sie in der Nähe des alten Schrankes. Mit stärkstem Willensaufgebot öffnete ich die Flügeltür des Kastens, der völlig leer war, und schloß ihn eilig wieder zu.

Immer tiefer wurde in mir die Überzeugung, daß ich auf dem Schauplatz tragischer Geschehnisse stand.

Tragisch? Nein, hier war mehr als das. Jeder alte Palazzo in Italien hütet ein tragisches Geheimnis. Sie waren ja alle eines Schlages, diese Herren Este, Malatesta, Bentivoglio oder wie sie sich nennen mochten, wo es um ihren Vorteil oder ihre vermeintliche Ehre ging. Aber hier war mehr. Hier war das schlechtweg Gräßliche geschehen. Das Gräßliche war hier verdichtet, verkörperlicht, es war wohl Jahrhunderte alt, aber noch immer in der letzten dünnsten Ausströmung vorhanden, die an den Wänden hing und auf der Decke schwebte. Was war das mit dem alten Schrank? Aus dem Schranke kam das Grausen, der Schrank blickte fürchterlich.

Ich muß wohl in jener Nacht sehr müde gewesen sein, daß ich am Ende doch wieder im Bette lag und zuletzt auch – es mochte schon gegen Morgen gehen – in einen wüsten, dumpfen Schlummer sank.

Ein hartes Pochen riß mich ganz plötzlich aus dem Schlaf. Es war rauh und polternd, aber es war menschlich. Es brachte keine neuen Schrecken, sondern Erlösung von denen der Nacht. Ich erinnerte mich sogleich, daß ich dem Hausknecht anbefohlen hatte, mich um vier Uhr zu wecken, eher früher als später. Der Zug ging zwar erst um halb sechs, aber ich hasse ein Hasten und Hetzen in der Gottesfrühe, die zu heilig ist, um ohne Übergang gleich in das knarrende Tagesgetriebe hineingerissen zu werden. Lieber eine Stunde Morgenschlaf opfern, aber dem anbrechenden Tag in Weihestimmung entgegentreten. Heute kam mir diese Gewohnheit und mein Auftrag an den Diener zustatten. Der Wecker hatte mehr als seine Pflicht getan, denn es fehlte noch ein ganzes Ende auf vier Uhr. Aber schon dämmerte es in dem Raum, und als ich ans Fenster trat, stieg eben der erste blasse Schein über dem Häusergewinkel auf. Dem Himmel Preis und Dank, es gab noch eine Morgenfrühe. Die kürzeste Nacht des Jahres, die mir die längste schien, war zu Ende, und eine junge Sonne, die noch keine Missetaten gesehen hatte, schickte sich an, eine gleichfalls verjüngte Erde zu küssen.

Ehe ich schied, warf ich noch einen Blick auf den Schrank im Nebenraum. Der stand mit gleichgültigem Gesichte da und sah aus wie irgendein anderer. Was war es eigentlich, das ich erlebt hatte? Ich war übermüdet gewesen, hatte Kopfschmerzen gehabt und in dem zweiten, stillen Zimmer so wenig Ruhe gefunden wie in dem ersten, geräuschvollen. Das war alles. Bald hatte ich die Nacht in Ferrara, in dem düsteren Haus mit dem alten Schrank vergessen.

Jahre, Jahrzehnte vergingen. Die Welt hatte sich gewandelt: Automobile und Flugzeuge gaben der Landschaft ein anderes Mienenspiel, das elektrische Licht raubte der Nacht ihre Heimlichkeit, aber auch ihr Alpdrücken. Da führte mich eines Tags der Reisezufall nach einer der schönsten Villen am Lago Maggiore, und es fügte sich, daß ich mich ein paar Tage dort festhalten ließ. Der altertümliche schloßähnliche Bau rührte aus verschiedenen Epochen her, die Einrichtung desgleichen, aber beides zusammen bildete eine sehr vollkommene Einheit. Nur stammten die schönen Hausgeräte zum kleinsten Teil von dem Ort, wo sie standen, das meiste war aus herabgekommenen oberitalienischen Villen und Schlössern zusammengekauft. Unter letzteren Stücken befand sich ein großer eigenartig geformter Tisch mit vielen Schubladen; er sollte aus dem Schlosse von Urbino stammen, das ja seinerseits gleichfalls die ursprüngliche Einrichtung eingebüßt hat. In der Tat bewies ein in das Holz geschnitztes Wappen mit dem Eichbaum, daß er aus dem Besitz der Rovere herkam. Die Gastfreundin zeigte mir mit listigem Gesicht ein von ihr entdecktes, äußerst künstlich verborgenes Geheimfach, das der Spürnase des Althändlers, der den Kauf vermittelt hatte, entgangen war. Sie zog es durch einen Druck heraus: es enthielt ein kleines Aktenbündel, das unzweifelhaft aus dem Schloßarchiv von Urbino stammte, sorgfältig numeriert und mit Verzeichnis versehen. Irgend jemand mußte es zu irgendeiner, vielleicht viel späteren Zeit, aus irgendeinem persönlichen Zweck von da entnommen, in dem Geheimfach verborgen und später vergessen haben. Wer weiß, wie oft das Geräte seitdem den Besitzer gewechselt hatte, ohne daß der Fund zutage trat. Die Besitzerin war neugierig, etwas über den Inhalt des Bündels zu erfahren, der größtenteils aus Briefen bestand; sie hatte sich schon selber darum bemüht, aber so gut wie nichts entziffern können. Solche alte Zeugnisse sind für Unkundige schwer zu lesen, nicht nur wegen der von den heutigen stark abweichenden und immer gleichmäßig fortlaufenden Schriftzüge mit den mangelnden Satzzeichen, sondern mehr noch wegen der nicht mehr gebräuchlichen Abkürzungen ungebräuchlich gewordener und zum Teil noch lateinischer Ausdrücke.

Um der Gastfreundin gefällig zu sein, nahm ich das Bündel Briefe mit mir auf mein Zimmer und erfuhr daraus zunächst, daß sie an Francesco Maria della Rovere, Herzog von Urbino, gerichtet waren und die Unterschrift eines Matteo Milani trugen, der sich großspurig ›Oratore‹ – was damals soviel wie Gesandter bedeutete – Seiner Herzoglichen Durchlaucht nannte. Seine Wirksamkeit war aber keine politische, denn es ergab sich aus den Briefen, daß er eine zwischen den Häusern Este und della Rovere schwebende Geld- und Rechtsfrage auf gütlichem Wege zu vergleichen hatte und nebenbei, wie es der Brauch der Zeit mit sich brachte, seine Herrschaft mit tragischen oder schlüpfrigen Anekdoten, die er am Hofe auflas, zu versorgen. Denn diese Herren ›Oratoren‹ mußten nicht nur gute Redner, sondern ebenso gute Aufhorcher sein, ein Amt, das sowohl dem Unterhaltungsbedürfnis der großen Herren wie auch der Erweiterung ihrer Menschenkenntnis diente. Es war da verschiedentlich von einem Herrn Azzo d’Este die Rede, einem hochgebildeten Mann und weitläufigen Verwandten des Herrscherhauses, der einen äußerst sehenswerten Palast voll erlesener Malereien besaß. Er stand bei Hofe in großer Gunst und wurde seiner hervorragenden Kennerschaft wegen bei jedem Ankauf neuer Kunstwerke zu Rate gezogen. Der Briefschreiber war von ihm aufgefordert worden, seine Kunstschätze zu besichtigen und hatte sich beeilt, der Einladung Folge zu leisten. Über mehrere Seiten verbreitete sich die Beschreibung der dort gesehenen Gemälde. Wenn auch jener Zeit noch durchweg die Fähigkeit abging, den lebendigen Eindruck eines Kunstwerks durch Worte zu übermitteln, so bewiesen doch die überschwenglichen Eigenschaftswörter und ihre immer wiederkehrenden Steigerungsformen, daß unter den Schätzen des Herrn Azzo sich Werke von seltenem Wert befanden und daß eine echte Ergriffenheit sich um den Ausdruck dafür mühte. Die Begeisterung des Besuchers mußte dem Sammler und Eigentümer geschmeichelt haben, wenn es nicht etwa ein anderer Grund war, der ihn bewog, unsern Gewährsmann zur Mahlzeit zurückzubehalten. Jetzt aber muß ich diesem selber das Wort lassen.

›Gegen Mittag,‹ so schreibt er, ›erschien ein Schwager des edlen Wirtes, ein Herr Bentivoglio, aus jenem Zweig der Familie, der sich nach der Einnahme von Bologna im Ferraresischen niedergelassen hat und große Güter zwischen Perotto und Torre di Fondo am Reno besitzt. Als wir uns zu Tische begaben, öffnete ein Diener die Seitentür und herein trat eine lebendige Leiche in schwarzen, aber kostbaren Gewändern. Meine Gemahlin, sagte der Hausherr kurz bei ihrem Erscheinen. Sie machte schweigend eine ehrfurchtsvolle Verbeugung vor ihrem Gebieter, dann eine nicht minder tiefe vor dem edlen Gast, ihrem Bruder, und eine ebensolche vor mir. Die Leiche ließ sich auf ihrem Stuhle nieder, den ihr der Diener rückte, und saß über die ganze Mahlzeit schweigend, während die Gespräche an ihr vorübergingen, als ob sie gar nicht vorhanden wäre. Auch hatte keiner der Herren ihren Gruß erwidert. Unter diesen Umständen hielt ich es für geraten, mich gleichfalls mit einer Anrede zurückzuhalten, nur als ihr ein Tüchlein entfiel, hob ich es ehrerbietig auf. Die Leiche ist noch schön durch die edle Bildung ihrer Züge, wenn man ein so dem Tode zugehöriges Gesicht schön nennen kann. Auf ihr Haar, das noch glänzend schwarze Stellen zeigt, ist Asche gefallen, Gesicht und Hände sind gleichfalls aschfahl. Sie bewegte zwar die Finger, als ob sie äße, aber ich bemerkte deutlich, daß sie keinen Bissen zu sich nahm. Als der letzte Gang abgetragen war, erhob sie sich sogleich und verabschiedete sich stumm der Reihe nach unter den gleichen Verbeugungen; es war nur als ob ein leisester Luftzug durch die Tür striche. Brennend gerne hätte ich gewußt, was die Unglückliche verbrochen hat, um sich eine Strafe zuzuziehen, die sie unter allen äußeren Zeichen der Ehrfurcht vor ihrer Abstammung langsam dem Tode zuzuführen scheint und in der offensichtlich Gatte und Bruder einig sind, denn beider Angesicht war Stein, solange sie sich in der Nähe befand. Niemals wurde vorher oder nachher in der Unterhaltung ihrer mit einer Silbe gedacht. Als ich einige Tage später die empfangene Gastfreundschaft mit dem Aufwand, den ich Euren herzoglichen Gnaden schuldig bin, erwiderte, erschien Herr Azzo allein und entschuldigte Madonna Dejaniras Fernbleiben, weil sie leidend sei. Es war das einzige Mal, daß in unserem Verkehr der Name der Unglücklichen genannt wurde. Als ich später einmal wagte, ihrer eine flüchtige Erwähnung zu tun, antwortete mir ein eisiges Darüberhingleiten.‹

Dieses Eheverhältnis schien die Neugier des hohen Briefempfängers gereizt zu haben, denn in dem nächsten Schreiben des Herrn Orators heißt es nach den üblichen geschäftlichen Mitteilungen weiter:

›Ich würde fürchten, meine Pflicht gegen Eure herzogliche Durchlaucht zu versäumen, wenn ich mir nicht alle Mühe gegeben hätte, Derselben die von Ihr gewünschten näheren Angaben über das häusliche Leben des edlen Herrn Azzo, das Hochderen Aufmerksamkeit erregt hat, zu liefern. Es war dies insoferne nicht leicht, als das verwandtschaftliche Verhältnis des besagten Herrn Azzo zum Hofe allen denjenigen, die daselbst verkehren, in bezug auf Dinge, die seine Ehre angehen, Zurückhaltung auferlegt. Auch die städtische Bevölkerung ist beflissen, nicht durch Verbreitung mißliebiger Reden Anstoß zu erregen, wie es ja immer am schwersten ist, Auskunft über solche Dinge zu erhalten, von denen nicht gesprochen wird, weil jedermann sie kennt. Durch meinen urbinatischen Kammerdiener, der sich mit den weiblichen Bediensteten des Hofes gut zu stellen gewußt hat, gelang es mir aber doch, Erkundigungen einzuziehen, an Hand deren es mir möglich wurde, das Geheimnis zu durchdringen, das über dem Haus des Herrn Azzo d’Este ruht. Was ich erfahren habe, ist folgendes:

Es scheint, daß Madonna Dejanira, die, wie ich Eurer Herrlichkeit bereits schrieb, aus dem Hause Bentivoglio stammt, sich in ihren ersten Ehejahren von ihrem edlen Gemahl vernachlässigt fühlte, der allerdings ungemein in Anspruch genommen war, teils durch die damaligen oberitalienischen Wirren, in denen das Herzogspaar sich seiner Vermittlung bediente, teils durch die Reize der auch heute noch ganz ungewöhnlich schönen Eleonora Fontana, die jedes Kind in Ferrara kennt. Die Jungvermählte war gleichfalls schön und stolz auf ihr Äußeres wie auf ihre Abkunft und konnte oder wollte ihr heißes Blut nicht beherrschen. Sie glaubte, die Unselige, aller menschlichen und göttlichen Satzung zuwider, daß Untreue des Gatten mit Untreue der Gattin beantwortet werden dürfe; und sie begann sich nach einem Ersatz für die ihr entgehenden ehelichen Zärtlichkeiten umzusehen.

Herr Azzo hatte einen Schreiber mit Vornamen Antonio, einen hübschen und gewandten Menschen, der ihm den ganzen brieflichen Verkehr besorgte und sonst noch zu allerlei anderen Diensten zu gebrauchen war, daher sein Gebieter viel auf ihn hielt und ihn vor dem ganzen übrigen Hausgesinde auszeichnete. Auf diesen, der zu seinen sonstigen Vorzügen auch eine angenehme Stimme und eine gewisse Kunstfertigkeit auf der Laute besaß, wandte Donna Dejanira ihr Wohlgefallen. Sie richtete es ein, daß sie unter dem Vorwand, ihre Briefschaften von ihm ordnen zu lassen, des öfteren und des längeren mit ihm zusammenbleiben konnte, und als der junge Mann das versteckte Feuer gewahr wurde, brannte er an wie ein Strohwisch und vergaß Ehrfurcht und Dankbarkeit, die er seinem Gebieter schuldig war. Unter dem Druck des beiderseitigen Verlangens schwand bald jeder Rest von Zurückhaltung, und ihr böses Schicksal, das doch nichts anderes war als die böse Begierde, riß die zwei Verliebten ohne Widerstand zusammen. Eine Zofe, die neben der Herrin schlief, war so ruchlos und so verwegen, so oft der Herr verreiste, was häufig geschah, den Buhlen des Nachts in das Schlafgemach der Herrin einzuschwärzen. Ihre Leidenschaft für den Sänger und Lautenschläger wurde so heftig, daß sie ihn oft erst im Morgengrauen von sich ließ. Wenn der Herr unangemeldet von der Reise zurückkam und in dem Zimmer seiner Gemahlin Einlaß begehrte, so verschwand der Liebhaber in dem großen Schrank, worin sie die besten ihrer Kleider aufbewahrte. Dieser Schrank hatte einen Spalt, den die zwei Missetäter für solche Fälle heimlich erweiterten, daß er Luft genug durchließ, um darin atmen zu können. Obwohl die Dienerschaft bald auf das nächtliche Huschen und Schleichen aufmerksam wurde und untereinander zu flüstern begann, hätte die Buhlschaft doch noch lange dauern können, ohne daß der Herr davon erfuhr, weil Donna Dejanira sich durch Gunstbezeigungen und Geschenke wie auch durch ein leutseliges Betragen die Anhänglichkeit der Hausgenossen zu sichern gewußt hatte, wäre Marchetto nicht gewesen, der Hausverschließer, ein gewalttätiger Mensch aus der Romagna, der dem Herrn auf Tod und Leben anhängt, weil ihn dieser einmal nach einem von ihm begangenen Totschlag mit knapper Not vom Galgen gerettet hat. Der Romagnole war dem Antonio gram, da er sich durch ihn aus der Gunst des Herrn gedrängt glaubte, er beobachtete und umhorchte das ihm verdächtige Paar, bis er die sicheren Beweise ihrer Schuld hatte. Dann setzte er den Herrn von dem schweren, an seiner Ehre begangenen Verbrechen, sowie auch von der Heimlichkeit des Schrankes in Kenntnis. Mancher andere wäre auf eine solche Mitteilung hin in jähe Wut geraten und hätte die zwei Schuldigen ohne weiteres mit dem Degen durchrannt. Aber Herr Azzo bewies in diesem traurigen Fall die Überlegenheit eines wahrhaft reifen und hochgebildeten Geistes. Er stellte sich, als wüßte er von nichts, und teilte seiner Gattin mit, daß er sie leider aufs neue verlassen müsse, weil er in Angelegenheiten des Herrschers auf längere Zeit nach Mailand verschickt werde und daß er, um mit besserem Anstand aufzutreten, den größten Teil des Hausgesindes mit sich zu nehmen gezwungen sei. Er könne ihr zur Betreuung und Pflege ihrer Person nur den zuverlässigen Antonio und ihre Zofe, die geschickte Sempronia, zurücklassen, außerdem zur Bewachung des Hauses den Marchetto, der für ihre Sicherheit sorgen werde.

Ihr mögt Euch vorstellen, gnädigster Herr, wie das frevlerische Paar innerlich jauchzte, so unbeschränkt und ungefährdet auf lange Zeit hinaus seiner sträflichen Leidenschaft leben zu können. Aber es kam anders. Nachdem die Reisenden ein paar Meilen zurückgelegt hatten, sandte Herr Azzo das Gefolge voraus auf dem Weg nach Mailand. Er selber bog nach Torre di Fondo, dem Wohnsitz seines Schwagers, ab. Diesen setzte er von den Vorgängen, die die Ehre des Bruders ebensosehr wie die des Gatten beeinträchtigten, in Kenntnis und nahm ihn als Zeugen des Strafgerichts mit sich zurück nach Ferrara. Zu vorgerückter Nachtstunde, als die Buhlen in voller Sicherheit beisammen waren, öffnete Marchetto auf ein leises Zeichen von außen das Tor und ließ die Rächer ein. Der Zofe, die im Vorzimmer schlief und bei dem jähen Lichtschein erwachte, hielt Marchetto den Mund zu und drohte ihr mit augenblicklichem Tode, wenn sie nur einen Laut von sich gebe. Währenddessen stieß Herr Azzo mit einem mächtigen Fußtritt die Tür seiner Gemahlin ein. Der Buhle hatte eben noch Zeit gehabt, mit einem Sprung in dem Schranke zu verschwinden, den Donna Dejanira rasch hinter ihm abschloß, als schon die Tür in Stücke fiel. Aber besser wäre ihm gewesen, er hätte sich dem bloßen Degen des verratenen Herrn gestellt und so gleich den verdienten Lohn von seiner Hand empfangen, als was er sich selbst durch sein Versteckenspiel im Kasten bereitete. Denn der edle Herr Azzo, als er seine Gemahlin allein im Zimmer sah und den Vogel sicher im Bauer wußte, brach in ein sardonisches Gelächter aus und sagte, indem er seinen hochgeborenen Schwager herbeirief: Wir haben uns vor Eurer edlen Schwester zu entschuldigen, daß wir im Eifer unserer Ergebenheit sie zur Unzeit aus dem Schlummer rissen. Die Eile unseres Geschäfts muß unsere Zudringlichkeit rechtfertigen. Wir bitten Euch, Madonna, daß Ihr Euch sogleich reisefertig macht, denn Seine Herrlichkeit Euer Bruder findet es Eurem Rufe abträglich, daß eine junge Frau, und sei sie noch so ehrbar, allein, ohne Aufsicht des Gatten in einer Stadt wie dieser zurückbleibt. Wir haben daher beschlossen, daß er Euch unverzüglich in das Kloster der Karmeliterinnen, nahe seinem Wohnsitz, verbringt, wo er Euer Wohlergehen überwachen kann. Der Palast bleibt unterdessen leer und abgeschlossen. Habt nun die Güte, Euch auf der Stelle anzukleiden, Gepäck braucht Ihr keines mitzunehmen, denn im Kloster wird kein Anlaß zu weltlicher Entfaltung sein, nur zu geistlicher Einkehr und Buße. Wenn es Euch jedoch lüstet, das eine oder das andere Eurer Kleidungsstücke aus diesem Schranke mitzunehmen, so soll es Euch unverwehrt sein, nur müßt Ihr Euch hier vor unsern Augen beeilen. Andernfalls werde ich diesen künstlich gearbeiteten Schlüssel jetzt abziehen und bei mir behalten bis zu meiner Rückkehr übers Jahr, damit nicht etwa Diebe, die in dem leerstehenden Hause eindringen möchten, den Schrank seines kostbaren Inhalts berauben.

Madonna Dejanira zitterte so, daß sie mit dem Ankleiden nicht zurecht kommen konnte, denn was sie anfaßte, entfiel ihren kraftlosen Händen. Deshalb sagte Herr Azzo, der immer mit dem Rücken gegen den Kasten stand, in grimmigem Hohne: Es tut mir leid, daß Ihr Euch heute ohne die gewohnte Bedienung behelfen müßt: Eure vielgewandte Zofe Sempronia ist soeben am Schlagfluß verschieden.

Sie setzten die unglückliche Frau halb bewußtlos aufs Pferd, dessen Zügel der gleichfalls berittene Marchetto in die Hand nehmen mußte, und sie wäre ohne Zweifel gleich ohnmächtig herabgeglitten, wenn man sie nicht im Sattel festgebunden hätte. So wurde sie in das Kloster der Karmeliterinnen gebracht, dessen Äbtissin weit bekannt ist für ihre Strenge und Heiligkeit. Dort schrie sie Nacht und Tag wie in Sinnesverwirrung und suchte sich den Kopf an der Wand zu zerschlagen, daß man sie binden mußte. Nach etlichen Monden aber gebar sie einen toten Knaben, die Frucht ihrer Sünden, den ihr Gott hinwegnahm, und blieb danach lange so krank, daß man glaubte, sie würde sterben. Sie genas jedoch, wenn auch nur halb und vom Tode gezeichnet, und nach Jahresfrist holte Herr Azzo, nachdem er seine Geschäfte beendet hatte, sie zu fernerer, noch strengerer Buße in sein Haus zurück. Denn er brachte sie in die alten Räume, die sie in der Zeit ihrer Üppigkeit bewohnt hatte, und gab ihr auch den Schrankschlüssel wieder, den er in der verhängnisvollen Nacht an sich genommen. Seitdem aber richtete er nie wieder ein Wort an sie, obgleich sie auf seinen Befehl täglich wie ehedem bei der Mahlzeit erscheint. Sonst lebt sie auf dem Schauplatz ihres Vergehens eingeschlossen und sogar ihr Fenster wurde vergittert, weil sie einmal versucht hat, sich hinabzustürzen. Was der Schrank verbirgt und ob sie jemals gewagt hat, ihn zu öffnen, weiß man nicht, aber sie soll Tag und Nacht daneben auf den Knien liegen und um den Tod beten. In der Nachbarschaft erzählt man sich, der Buhle stehe noch immer aufrecht als weißes Gerippe in dem Schrank, aber kein Vernünftiger kann es glauben, denn die Luft im Hause ist jetzt völlig gesund und rein, weil Marchetto die ganze Sache besorgt hat.

Hier in der Stadt ist nur eine Stimme des Lobens und Rühmens über die hohe Moderatio und Humanitas, die der edle Herr Azzo in dieser für seine Ehre so empfindlichen Angelegenheit bewiesen hat. Er wäre vollauf berechtigt gewesen, die Sünderin zu ihrem Buhlen in den Kasten zu sperren, aber er enthielt sich dieser Maßregel aus Schonung für die edle Familie, aus der sie stammt und die auch seine Milde zu schätzen weiß. Und wenn Ihr es recht bedenkt, so ist das Lob verdient: Herr Azzo hat als ein wahrer Christ keinen Tropfen Blut vergossen, er hat auch den treulosen Knecht und Ehebrecher nicht in den Schrank gesperrt, er tat gar nichts, als ihn am Orte lassen, den dieser sich selber ausgewählt hat. Auch findet man allgemein die Buße, die er über die Ehebrecherin verhängte, ebenso sinnreich wie gottesfürchtig: die Gegenwart des Schrankes, der das Grab ihres Buhlen geworden, inmitten des Schlafzimmers, das der Schauplatz ihres Vergehens war, soll sie nicht nur stündlich zur Bereuung jener heißen Stunden ermahnen, sondern ihr auch als Memento mori den Weg zum Himmel weisen. Wer Donna Dejanira gesehen hat, der kann nicht zweifeln, daß ihr Bußpfad nunmehr bald beendet und der Platz frei sein wird für eine würdigere Nachfolgerin. Mit dieser Frage ist Herr Azzo, wie ich bemerken konnte, jetzt schon innerlich beschäftigt, denn er erkundigte sich mit Vorsicht, und ohne daß es so scheinen sollte, nach der weiblichen Nachkommenschaft des Hauses Rovere, wobei er durchblicken ließ, daß er eine nähere oder fernere verwandtschaftliche Verbindung mit Eurer Herzoglichen Durchlaucht für den Gipfel des Glückes ansieht, den ein Mann ersteigen kann. Als ich ihm, ganz nebenbei, erzählte, daß Eure Gnaden, zwar entfernt vom Hofe, aber unter Hochdero Augen, die holde Frucht eines neben der Ehe erblühten Glückes aufziehen lassen, die binnen kurzem das mannbare Alter erreicht haben wird, äußerte er lebhafte Teilnahme. Auf einen deutlicheren Vorstoß, der wohl nicht lange auf sich warten lassen wird, würde ich nicht wagen zu antworten, bevor ich von der Gesinnung Eurer durchlauchtigen Herrlichkeit unterrichtet bin, die ich mir indes nicht anders als einer so wertvollen Verschwägerung günstig zu denken vermag.‹

So weit der Oratore, der ohne Zweifel sicher war, daß er zu einer gleichempfindenden Seele sprach. Ich fühlte kein Bedürfnis in mir, dem Erfolg der Werbung weiter nachzugehen. Aber nach allem, was man von dem Geiste des Jahrhunderts und von dem des Briefempfängers weiß, bezweifle ich nicht, daß Francesco Maria, falls nicht Zweckmäßigkeitsgründe entgegenstanden, dem Antrag eines so hochansehnlichen und reichen Mannes, der eine so mißliche häusliche Angelegenheit mit soviel Feinheit, Takt und ›Humanitas‹ zu erledigen wußte, ein geneigtes Gehör geliehen haben wird. Wie ich auch gewiß bin, daß vorkommendenfalls die edelsten Künstler und Dichter jener Zeit keine Scheu getragen haben werden, den Kenner und Gönner aller schönen Künste, trotz den Gerüchten, die über seine Rachetat im Umlauf waren, durch ihre Werke zu verherrlichen.

Ich legte die Blätter zusammen, um das Bündel wieder zu verknoten. Der Silbersand, womit der Schreiber nicht gekargt hatte, glitzerte und knisterte, als ob die Briefe noch ganz frisch wären. Das jagte mir einen Schauer um den andern den Rücken hinunter. Der Silbersand, der hob die Jahrhunderte, die dazwischen lagen, auf. Ich mußte sämtliche in dem großen Saal verteilten Lampen andrehen, um nach dem Lesen einen späten, vom Alpdruck heimgesuchten Schlaf zu finden. Da schien es mir plötzlich, als läge ich wieder in jenem düstern Zimmer in Ferrara, wo aus dem großen Schrank das Grausen stieg. Die Angstbeklemmung weckte mich, im Zimmer war es hell wie am Tage, alle Lampen brannten beruhigend. Das brachte mich in die Wirklichkeit zurück.

Ich habe mir die Geschichte vom Herzen heruntergeschrieben und sie damit zunichte gemacht. Nun bin ich frei, und der Himmel behüte mich, zu meiner Pein Zusammenhänge zu suchen, wo jede tatsächliche Unterlage fehlt.

Ich habe einmal in einem alten, schlecht gelüfteten Hause, das ich nach heißer Fahrt mit Kopfschmerz betrat, schlecht geschlafen, und in dem alten Hause stand ein alter Schrank. Das ist alles, was sich mit Sicherheit sagen läßt. Was hat es mit dem Silbersand jenes ›Oratore‹ zu schaffen! Geister, verschwindet!

Fluchgold

Isolde Kurz

Der blasse Mann hinter dem Rednerpult war am Schlusse seines Vortrags angekommen. Die Hörer saßen verdutzt und wie benommen. Man befand sich zur Zeit mitten im Weltkrieg, und der Ausrufer hatte sie zu einer vaterländischen Werberede für Goldablieferung herbeschieden, sie waren aber, wie ihnen schien, in einen Vortrag über Spiritismus geraten. Denn statt von der wirtschaftlichen Notwendigkeit der Vermehrung des Goldbestandes der Reichsbank zu sprechen, die ihnen schon allsonntäglich von der Kanzel herab ans Herz gelegt wurde, hatte der Redner die Sagen aller Völker herangezogen, um auf den Fluch, der dem Golde im Einzelbesitz anhaftet, ja geradezu auf eine innewohnende Dämonie des gelben Metalles hinzuweisen, das sich diesem auf seinem Weg durch Lasterhöhlen und Verbrecherhände anhefte und aus der dem jeweiligen neuen Besitzer ein dunkles Verhängnis erwachsen könne. Denn diejenigen, die um des Goldes willen ihr Leben verloren hätten, so führte er aus, der gerichtete Verbrecher so gut wie sein Opfer, könnten auch in der jenseitigen Welt vom Anblick ihres Schatzes nicht lassen, sie zögen ihm ins Haus seines neuen Herrn nach und lockten, um nicht allein die Geprellten zu sein, durch innere Zuflüsterungen einen neuen Missetäter auf seine Spur. Diese unsichtbare Verführung wußte er so anschaulich zu schildern, daß auch die Freigeister unter den Zuhörern sich einer Gänsehaut nicht erwehren konnten. Besonders als er sich zu der Behauptung verstieg, daß es bisweilen ganz reinen schuldlosen Wesen gegeben sei, die Gegenwart solcher unreinen Geister zu spüren. Und er hatte mit der dringenden Mahnung geschlossen, wer von den Versammelten in diesen schweren Zeiten solch einen unheiligen Schatz in der Wohnung bewahre, der möge ihn ohne Zeitverlust dahin tragen, wo er durch den höheren vaterländischen Zweck entsühnt und gereinigt werde.

Der Vortragende war ein hochaufgeschossener hohlwangiger Mann mit glühenden Augen, dem sich das dunkle Haar über der Stirne bäumte, und er wirkte stark, weil man ihm ansah, daß er glaubte, was er sagte. Als er sich mit einer Verbeugung verabschiedet hatte, ließ er sich keinen Augenblick länger aufhalten, sondern fuhr mit Sturmesschnelle zum Bahnhof, als ob er die allerhöchste Eile hätte, auch anderswo die Menschen rechtzeitig zu warnen und aufzuklären.

Mißmutig schob sich der alte Strobel durch die Menge nach dem Ausgang. Phantastereien waren ihm gründlich zuwider. Er war in den Vortrag gegangen, um seine vaterländische Gesinnung zu bekunden und weil der Eintritt frei war. Es hätte ja auch auffallen können, wenn er weggeblieben wäre. Von den guten Freunden am Stammtisch hatte ohnehin einer den andern im Verdacht des Goldhamsterns. Und ihn, den alten Strobel nahmen sie am liebsten aufs Korn, obgleich er nichts getan hatte, was nicht die andern ebenso gerne getan hätten, wenn es ihnen nur zur rechten Zeit eingefallen wäre. Es hatte ihnen aber an der richtigen Voraussicht gefehlt, und jetzt waren sie ihm aufsässig, weil er der Klügere war. Er hatte bei Kriegsausbruch die Zeitlage verstanden und gleich am Mobilmachungstage sämtliche Futtersäcke aufgekauft, die im weiten Umkreis zu haben waren, um sie der Heeresverwaltung um das Zehnfache weiterzuverkaufen. Die Einnahmen verwendete er zu neuen Geschäften im gleichen Sinne, und wäre er nur im Besitze großer Kapitalien gewesen, so könnte er heute ein schwerreicher Mann sein. Immerhin hatte er ein stattliches Vermögen zusammengebracht. Zu seinem Goldschatz war er aber auf besondere Weise gekommen, indem seine Mitbürger ihm als ihrem Vertrauensmann bei seinen häufigen Fahrten in die Stadt das gesammelte Hartgeld für die Reichsbank mitgaben. Er hatte jedesmal redlich den Gegenwert in Scheinen zurückgebracht, die er jedoch nicht der Bank, sondern seiner eigenen Brieftasche entnahm, während er das Gold bei sich zu Hause aufspeicherte. Er sah zwar im ganzen wohl ein, daß es eine staatliche Notwendigkeit war, das Gold der Reichsbank zuzuführen, aber wo sich’s um solche Riesensummen handelte, da kam das bißchen Gold, das in seiner Gegend aufgebracht wurde, wirklich nicht in Betracht. Und wenn er auch an allen Ecken und Enden versichern hörte und es sogar selbst versicherte, daß die Bankscheine ebensoviel wert seien wie das Hartgeld, – Gold war eben Gold, und niemand konnte wissen, wie das noch gehen würde. Und auch der heutige Redner würde ihn mit seinen Spukgeschichten nicht erschüttert haben, wäre da nicht das Seltsame gewesen, das mit der Emma, worauf er sich keinen Vers machen konnte.

Die Emma war sein Patenkind aus der Stadt, das er zu sich genommen hatte, damit sie sich besser nähren und ihm den kleinen Junggesellenhaushalt führen konnte, nachdem ihm die Magd Knall und Fall in die Munitionsfabrik entlaufen war. Die Kleine stellte sich auch mit ihren vierzehn Jahren ganz geschickt und willig an, aber sie ging scheu und gedrückt herum und magerte trotz der besseren Kost sichtlich ab. Auf die Frage, ob sie Heimweh habe, antwortete sie nur: Ich fürchte mich.

Der Pate hatte geglaubt, sie fürchte sich so allein in der Küche, und wollte ihr deshalb gern erlauben, des Abends neben ihm in der durchwärmten Stube zu sitzen, aber gerade da hielt sie es vor Beklemmung nicht aus. Er hatte sich nicht weiter darum gekümmert, weil er im übrigen mit ihr zufrieden war und weil sie immer ihre Eigenheiten gehabt hatte. Jetzt aber beim Nachhausegehen drängte sich ihm die Frage auf, ob das Kind wohl die Nähe seines Schatzes spüre. Doch er schob den Gedanken mit Ärger zurück: das Mädchen fürchtete sich, weil es blutarm und bleichsüchtig war und zum erstenmal in einem fremden Hause lebte. Das freilich hatte ihm die Emma nie gesagt, wie schrecklich es war in seiner Stube. Wenn sie beim Kehren und Staubwischen war, so wisperte und raunte es aus allen Ecken. Mitunter war es, als ob das alte Bild über der Tür spräche, und vor diesem fürchtete sie sich ganz besonders, obwohl eigentlich gar nichts daran zum Fürchten war. Es stellte einen behäbigen Mann in mittleren Jahren vor, der die feisten Hände um einen Stock über dem runden Bauch gefaltet hielt. Der Emma war es nichts Neues, solche Stimmen zu hören: von klein auf hatte sie mehr wahrgenommen als andere, Dinge, worüber sie niemals sprach. Die Stimmen aber, die sie bei dem Herrn Paten hörte, waren das Unheimlichste, das ihr jemals vorgekommen. Sie hatten k[unleserlich] Emma konnte sie doch vernehmen [unleserlich] warteten sie auf einen, der [unleserlich] unter gaben sie wochenlang Ruhe, dann wurde der Spuk plötzlich wieder lebendig. Und das Kind hatte nur noch den einen Wunsch im Herzen, wieder nach Hause zu dürfen. Aber der Herr Pate stand ihrer Mutter bei, die seine entfernte Verwandte war, und beriet sie während der langen Abwesenheit ihres Vaters, so wagte sie nicht, ihm wegzulaufen. Und dem Herrn Paten erklären, weshalb sie fort wollte, war ihr ganz und gar unmöglich.

Als der alte Strobel jenes Abends seine Wohnung betrat, die im ersten Stock eines von mehreren Parteien bewohnten Hauses lag, war die Kleine schon im Bett; er hörte ihren ruhigen Atem aus der Kammer.

Der Alte drehte die Lampe an und sah sich in seinen vier Wänden um. Das Feuer brannte hell im Ofen, und sein Bett im Alkoven war abgedeckt. Alles in schönster Ordnung und nichts Spukhaftes um den Weg. Er lachte innerlich über sich selber, daß er sich beinahe von dem blassen Geisterriecher hatte ins Bockshorn jagen lassen. Nein, seinen Schatz gab er nicht her, den [unleserlich]hm der da oben mit den feisten Händen bisher [unleserlich]nd sollte ihn nur weiter hüten. Ein Ver[unleserlich] Pate Anblick der schönen gelben Münzen, [unleserlich]mal hatte abjagen wollen, über[unleserlich] herab, ein feiner Spalt in der Tapete wurde sichtbar, er nahm aus der Westentasche einen Schlüssel, den er in ein durch das Tapetenmuster verborgenes Schlüsselloch steckte, das niedere Türchen ging auf, und aus der tiefen Höhlung zog er ein feuerfestes Zinkkästchen hervor, das er befriedigt in der Hand wog, bevor er es auf den Tisch setzte und den Deckel aufklappte. Da fiel sein Blick zufällig in den Spiegel, der gegenüberhing, und er erschrak, denn hinter seiner Gestalt, so kam es ihm vor, waren auf einen kurzen Augenblick die schattenhaften Umrisse einer anderen aufgetaucht, und ehe er sie ins Auge fassen konnte, verschwunden.

Wer ist hier? fragte er laut, aber nur das Feuer im Ofen knisterte zur Antwort. Er stellte das Kästchen weg und durchsuchte alle Winkel, aber da war außer ihm nichts Lebendiges in der Stube. Das kam davon, wenn man auf Narrenhäusler hörte, die konnten den festesten Kopf aus dem Gleichgewicht bringen. Die Freude an seinem Schatz war ihm für heute verleidet, er stellte das Kästchen wieder an seinen Platz, schloß den Wandschrank und hängte das Bild darüber. Dann löschte er das Licht und legte sich schlafen.

In dieser Nacht hatte das Kind einen schrecklichen Alptraum. Sie meinte wach in ihrem Bette zu liegen und von der Straße her den Schritt eines Mannes zu vernehmen, dem sie sogleich anfühlte, daß er Übles wollte. Jetzt war er am Hause. Emma schien es, daß der Schlüssel leise umgedreht würde, dann knackten in kurzen Pausen die Treppenstufen. Und jetzt geschah das Entsetzliche, von ihr gleich Geahnte: an dem einzigen auf die Treppe gehenden Fensterchen ihrer halbdunklen Kammer erschien ein Kopf, er drängte sich auf eine ihr unbegreifliche Weise durch die Gitterstäbe. Sie konnte sich nicht regen, nicht schreien, der Alpdruck lähmte sie mit grauenvoller Angst. Schon hatte sich ein Körper durch die Fensteröffnung nachgeschoben, und im nächsten Augenblick stand der Einbrecher in ihrer Kammer. Er ging an ihrem Bett vorüber ohne auf sie zu achten und glitt durch die Tür über den Gang nach der gegenüberliegenden des Herrn Paten.

Ich kann ihm nicht helfen! Gott sei ihm gnädig! dachte das vor Schreck halbtote Kind. Drüben blieb eine Zeitlang alles ruhig, dann vernahm sie ein Geräusch, dem ein dumpfes Stöhnen folgte. Ihr Herz stand still, dann fing es zum Zerspringen zu klopfen an. Sie wartete, daß jetzt die Reihe an sie komme, aber es regte sich nichts mehr. So lag sie, lautlos und halb irrsinnig, bis der Morgenschein durch das Fensterchen dämmerte und es im Hause lebendig wurde. Schlotternd stand sie auf, um nach Hilfe zu gehen. Da räusperte sich der Herr Pate in seiner Stube und begann wie allmorgendlich mit Wasser zu plätschern. Nun erst begriff sie, daß kein Verbrechen geschehen und daß alles beim alten war.

Als sie dem Herrn Paten das Frühstück brachte, konnte sie kaum auf den Füßen stehen und bat mit leiser Stimme um ihre Entlassung, sie könne keine Nacht mehr im Hause schlafen. Der Alte sah, daß das Kind bleich war wie eine Tote. Mit Mühe preßte er den nächtlichen Spuk aus ihr heraus. Er wollte ihr die Furcht ausreden.

Du hast geträumt. In diesem Hause ist noch nie etwas vorgekommen. Hier braucht man sich nicht zu fürchten.

O, sagte das Mädchen, den Menschen gibt’s, ich weiß nicht, wer er ist, aber ich bin ihm schon auf der Straße begegnet.

Wie willst du denn in deiner dunklen Kammer ein Gesicht erkannt haben?

Das konnte die Emma nicht erklären, aber sie blieb bei ihrer Behauptung. Der Alte, der nicht gern in seiner Bequemlichkeit gestört war, legte sich aufs Verhandeln. In drei Tagen sei Ostern, sagte er, da dürfe sie ohnehin für eine Woche nach Hause, so lange solle sie noch Geduld haben. Aber das Kind ließ sich auf keine Beschwichtigung ein, sie wiederholte nur immer: Ich will fort! Ich will fort!

Da begriff er, daß es kein Mittel mehr gab sie zu halten, und er versprach, mit einigem Brummen über ihre Dummheit, sie noch mit dem Nachmittagszug in Person, wie er sie abgeholt hatte, in die nahe Oberamtsstadt, wo ihre Mutter wohnte, zurückzubringen.

Die Emma packte zitternd ihre paar Sachen in ein Tuch, der Alte schob ihr in einer Anwandlung von Großmut noch einen Zehnmarkschein in die Tasche, denn sie hatte ohne Lohn gedient. Dann bat er die Witfrau, die im oberen Stockwerk wohnte, daß sie ihm für die nächsten Tage aushelfe, bis er eine Neue habe.

Beim Mittagessen, als ihn die Emma zum letztenmal bediente, erwog er ernstlich, ob er nicht jetzt, da er doch zur Stadt fuhr, lieber sein Gold mitnehmen und auf der Bankfiliale umwechseln solle. Dann konnte er es gleich in Papieren anlegen, die Zinsen trugen, das war vielleicht doch das Gescheitere. Freilich müßte er in der Stadt übernachten und das Geschäft des andern Tages besorgen, denn heute nachmittag war die Bank geschlossen. Warum auch nicht? Er hatte ja Zeit, und im Gasthaus gab es gutes Essen und ein gutes Bett. Aber das Geldausgeben reute den Strobel. Und wenn er sich dann vorstellte, wie er sein schönes Gold Stück für Stück dem Kassierer hinzählen sollte, um keins davon wiederzusehen, fühlte er, daß er das nicht übers Herz brachte. Und er schob mit einer Handbewegung den schon halb gereiften Entschluß zurück, wie wenn er das Kästchen wieder in den Wandschrank schöbe.

In diesem Augenblick fuhr die Emma so zusammen, daß es ihr die Platte aus der Hand schlug, denn das Bild über ihr hatte wieder so seltsam lautlos gelacht.

Da soll doch – schrie der Alte wütend, und enthielt sich nur mit Mühe, ihr eine Ohrfeige zu geben, als er das schöne Stück Porzellan am Boden sah. Gut, daß die mondsüchtige Närrin fortkam, wer weiß, was sie noch für Schaden angestellt hätte!

Auf dem Wege zum Bahnhof, der außerhalb des Städtchens lag, kam ihnen ein junger Mensch von der Fabrik her entgegen und ging mit raschem Gruß vorbei.

Das ist er! schrie die Emma leise auf und klammerte sich schlotternd vor Angst an den Arm des Paten, der sie kaum mehr vorwärts brachte.

Unsinn! sagte der Strobel, das ist ein braver Bursch, der Bräutigam der Lene.

Emmas Mutter, eine Kriegersfrau, die noch für vier andere Kinder zu sorgen hatte, wunderte sich nicht, als der Herr Pate so ungemeldet mit der Emma ankam; sie schien schon darauf gefaßt zu sein.

Ja, die Emma war immer eine Besondere, sie soll eben wieder daheim bleiben, war alles, was sie sagte.

Da ihr Zimmerherr verreist war, wollte sie den Herrn Paten über Nacht behalten, und dieser wäre nun auch gerne geblieben, aber sein Schatz ließ ihm keine Ruhe, er mochte ihn nicht unbewacht in dem leeren Hause wissen.

Das war das letztemal, daß der alte Strobel lebend gesehen wurde. Als die Witfrau vom oberen Stock des anderen Morgens nicht in seine Wohnung eingelassen wurde, nahm sie an, er sei bei seinen Verwandten geblieben, und wunderte sich auch nicht, als sie die Wohnung noch den nächsten Tag verschlossen fand. Am dritten wurde die Polizei verständigt und die Tür aufgebrochen. Da lag der alte Strobel wie schlafend in seinem Bett. Die Wohnung war unversehrt und an dem Toten keine Spur von Gewalttat, auch fand man im Schreibschrank die unberührten Wertpapiere. So nahm man eine natürliche Todesursache an, und der alte Mann wurde begraben. Beim Aufräumen der Wohnung entdeckte und öffnete man die geheime Wandnische, worin sich nichts fand als ein leeres Zinkkästchen mit etlichen Papierschnitzeln.

Auf des alten Strobels Grab wuchs schon das Gras, als eine junge Fabrikarbeiterin, die früher bei ihm als Magd gedient hatte, im nahen Wäldchen erstochen aufgefunden wurde. Sie lag unter einer hohen Tanne an wenig begangener Stelle mit dem Kopf auf dem gebogenen Arm wie in friedlichem Schlummer ruhend. Auf dem Gesicht lagen frische Waldblumen, und auch die Brust war mit Blumen bestreut, die das aus der Wunde gequollene Blut verbargen. Ihren Anzug hatte eine sorgliche Hand geordnet und zurecht gezogen. Als mutmaßlicher Mörder wurde ein junger Bursche verhaftet, der sich seit dem gestrigen Tag unter verdächtigen Anzeichen in der Nähe des Tatorts umtrieb. Man erkannte in ihm einen besseren Arbeiter aus der Munitionsfabrik, der wegen seiner Anstelligkeit und seines zuverlässigen Charakters allgemein geschätzt war und der für den Geliebten des erstochenen Mädchens galt. Der Mensch gab die Tat unumwunden zu und ließ sich ohne Widerstand verhaften, nur bat er dringend, daß man ihm gestatte, die Tote noch einmal zu sehen. Dies wurde ihm nicht bewilligt, worauf er in einen Wutanfall geriet und nur mit Mühe überwältigt und fortgebracht werden konnte. Sein seltsames Verhalten gegen die Ermordete hatte zur Folge, daß er zunächst auf seinen Geisteszustand beobachtet wurde. Unterdessen fand man aber in seinem Zimmer eine große Menge Goldes, die auch in früheren Jahren hingereicht haben würde, einen Mann seines Standes schwer zu verdächtigen, um wieviel mehr zu einer Zeit, wo das Gold schon fast gänzlich aus dem Privatbesitz verschwunden war.

Ins Verhör genommen, legte er ein williges Geständnis ab.

Er hatte es mit dem Mädchen, der Lene, gehabt, als sie noch bei dem alten Strobel diente, und war öfters des Nachts bei ihr in der Kammer gewesen. Um den Verkehr zu erleichtern, hatten sie aus dem Kammerfenster, das nach der Treppe ging, ein paar Gitterstäbe gelöst und sie durch angestrichene hölzerne ersetzt, die aus- und eingeschaltet werden konnten; auch einen Nachschlüssel für die Haustür hatte er sich als geschickter Mechaniker, der er war, verfertigt. Zu seinem Unheil erfuhr er durch die Magd, die den alten Strobel belauscht hatte, von dem Vorhandensein eines Goldschatzes. Seitdem hatte er keine Ruhe mehr, der verborgene Schatz verfolgte ihn Tag und Nacht, und fort und fort riefen ihm Stimmen aus dem Unsichtbaren zu, sich das Gold, das niemand nützte und das der Alte auch nicht mit sauberen Händen erworben haben konnte, zu holen. Die Magd hatte gleich Gewissensbisse bekommen und wollte mit der Sache nichts zu tun haben, deshalb war sie aus dem Dienst gegangen. Und den ganzen Winter hatte der Bursch mit der Versuchung gerungen: es tat ihm leid um die blasse kleine Emma, die er auf dem Weg zu ihrem Herrn zuvor hätte still machen müssen. Als er sie mit ihrem Päckchen an der Seite des Alten zur Bahn gehen und beide abfahren sah, war sein Entschluß für die nächste Nacht gefaßt. Er stieg auf dem bekannten Weg in die vermeintlich leere Wohnung. Aber beim Schein seines Taschenlämpchens regte sich der Alte im Alkoven, ohne doch ganz zu erwachen, denn er hatte am Abend aus starkem Durst mehr getrunken als gewöhnlich. Er mochte in seiner Benommenheit glauben, daß die Emma in nachtwandlerischem Zustand mit Licht hereingetreten sei, denn er murrte etwas Unverständliches von ›dummem Geschleich‹ und ›Licht löschen!‹ Jetzt konnte der Eindringling nicht mehr zurück: bevor der Alte sich ganz ermunterte, hatte er ihn mit einem kurzen Schlag seines kleinen schweren Hammers auf den Kopf getroffen, daß er sich nicht mehr regte. Es ging so rasch, daß das Opfer gar keine Gefahr geahnt haben konnte, als es schon jeder irdischen Gefahr für immer entrückt war. Sein dichtes bürstenartiges Haar verbarg oberflächlicher Schau die Spur des Hammers.

Jedoch der Mörder wurde des Goldes nicht froh, er durfte nicht wagen, es wechseln zu lassen, und als er der Lene ein Geschmeide brachte, das er selber in seinen Freistunden mit großer Geschicklichkeit aus zusammengesetzten Goldstücken für sie verfertigt hatte, drehte ihm diese mit Abscheu den Rücken. Er aber, dessen Verliebtheit mit ihrem Widerstand wuchs, fuhr fort, sie zu bedrängen, bis sie ihm mit Anzeige drohte. Unbegreiflicherweise ließ sie sich gleichwohl noch einmal zu einem Stelldichein in das Wäldchen locken, und als sie bei ihrem Nein verharrte, riß er sie gewaltsam an sich und erstach sie in seinen Armen. Auch das hatte die Stimme, die ihm immer in den Ohren lag, ihn geheißen. Doch auch von der Toten konnte seine Leidenschaft nicht lassen. Er brachte sie in die natürliche Stellung, die sie im Schlafen einzunehmen pflegte, ordnete ihr zärtlich Kleid und Haare wie einer Lebenden und umschweifte bis zum Augenblick der Entdeckung die Stelle, wo sie lag, um ihr Tiere fernzuhalten und sie mit frischen Blumen zu schmücken. In diesem irren Tun war er der Gerechtigkeit in die Hände gelaufen.

Bevor es zum zweiten Verhöre kam, fand man ihn in der Zelle an seinem Leibgurt erhängt: aus Furcht, er könnte als unzurechnungsfähig dem Todesurteil entzogen werden, hatte er sich selbst gerichtet. So blieb die von vielen aufgeworfene Frage unbeantwortet: War er vielleicht schon in der Nacht, die seinem Verbrechen an dem alten Strobel voranging, in dessen Wohnung eingestiegen und unschlüssig wieder umgekehrt? Oder hatte die Emma wirklich einen Vorspuk gesehen?