ASTRALIA

Alfred Döblin

Herr Götting, Adolf Götting, Privatgelehrter, wohnhaft Albrechtstraße 15, drei Treppen rechts bei Frau Schülke. Er sitzt in seinem Zimmer auf einem Sofa und läßt sich von der Lampe wärmen. Ein gedrücktes Männlein mit verschrumpeltem Gesicht, gelblich, entzündeten Augen und rascher weicher Stimme. Seine Finger spielen mit den Fransen der braunen Wolldecke, welche über seinen dünnen Beinen liegt.

Mit kurzen Handbewegungen belehrt das Männlein seine Frau, ein blasses angenehmes Wesen, welches ihm gegenüber auf einem Stuhl mit gefalteten Händen sitzt, daß Übung die Grundlage der Kultur sei und daß es wisse, was es sage. Auch wirke der Most erfreulich auf Magen und jegliche Schleimheit und werde wahrscheinlich im Darm zu Wein umgewandelt. Die Kraft des Lebens zur Verwandlung sei unermeßlich. Es wisse, was es sage.

Sanft haucht die verblühte Frau etwas über feuchte Herbstwitterung, über Aufregungen einer Sitzung, über vieles Trinken.

Indessen hebt das katarrhalische Männlein langsam mit gespreizten Fingern die Wolldecke von seinen Beinen auf, legt sie neben sich auf das Sofa. Schlurrend, mit geknickten Beinen geht es an das Fenster, öffnet es mit Knarren und sieht in den Nachthimmel.

Seine Stimme klingt geduldig und fromm.

»Ich sollte dich nicht anhören, Elfriede. Du weißt nicht, was du sprichst.

Heut ist Neumond. Du verstehst mich.«

Er sagt das: »Heut ist Neumond« ganz einfach, ohne Pathos.

»Das Gemüt, das Gemüt. Wenn wir das Gemüt bereit halten, haben wir alles getan. Heute ist Neumond. Von innen heraus werde ich alles überwinden. Wie ich schon manche Bedrängnis überwunden habe. Und der Most« — mit einmal schlägt ein Entzücken in seiner Stimme auf und Feierlichkeit —, »siehst du es nicht? Das Gemüt wird geölt durch ihn; es wird behende gemacht, und dann kann es frei springen, in die Luft, wo es frei ist. Da kann es hin springen. Oder auf die Felder oder in die Kartoffeln — das ist ganz egal. Und noch anderes, ja Elfriede: es kann zwitschern, das Gemüt, für alle Ohren zirpen, zwitschern, glaubwürdig singen.«

Das Licht flackert, die Lampe blakt.

Aber als die bekümmerte blasse Frau ins Licht sieht, seufzt das Männlein.

Das sanfte Wesen weht auf das Männlein zu, bindet ihm einen braunen, schwarzgestopften Strumpf um den Hals.

»Zieh dich warm an, lieber Adolf. Nimm dir auch eine Leibbinde um; sie liegt auf deinem Bett. Ach, das lange Ausbleiben nachts. Nein.«

Das aufgeschwemmte liebevolle Nichts läßt sich von dem Männlein die Hände drücken und verschwindet aus dem Zimmer.

Herr Götting, Adolf Götting, Privatgelehrter, wohnhaft Albrechtstraße 15, drei Treppen hoch, bei Frau Schülke. Verfasser einer Geschichte der hauptsächlichen Fehler im menschlichen Handeln seit dem Sündenfall bis zur Gegenwart, Verlag Schultze & Velhagen, Berlin, neunzehnhundertunddrei, dreihundertundsiebenzig Quartseiten, gebunden vier Mark, Mitglied mehrerer frommer Vereine. Gründete die freie Brüderschaft: »Astralia«, arbeitet augenblicklich über »Das innere Leben und seine körperliche Darstellung«. Er geht jetzt im dicksten Dunkel, schweren Nebel auf dem Wall der Stadt. Er geht spazieren, weil er Denker ist. Er weiß, daß er Denker ist: seine Frau weiß es nicht.

Der gedrückte kleine Herr geht unter den schwarzen Ulmen und preßt sein Taschentuch gegen Mund und Nase. Er ist kein Spaßdenker, mehr als ein Denker, ein Verkünder, ein Seher, der seine Zeit abwartet. Er schlendert behaglich und froh, mit einer gewissen Sehnsucht; er nimmt mit seinen kleinen Augen Gedanken von den Bäumen herunter wie Äpfel. Die Jahre sind ja vorbei, wo etwas Bitteres, Schwarzes neben den Ulmen hier kroch, abends, und die Hände ausstreckte. Man war still, wenn er redete, aber bald kicherte man und stieß sich an. Und das Gucken und Quietschen und unterdrückte Gelächter, wenn das Alräunchen eintönig seine Lehre hersang, seine Bußsalbadereien, mit den langen Armen fuchtelte, plötzlich abbrach und starr in den Lärm hineinhörte. Zu Hause versteckte es sich dann und sann über das Gebahren der Leute nach. Das verdüsterte Alräunchen konnte die Menschen dann hassen, drohte ihnen, aber erschrak bald über seinen Rachedurst und weinte verzweifelt, weil ihm doch die Kraft nicht gegeben war.

Eines Tages aber wird ein Wunder geschehen, darum schleicht es jetzt sehnsüchtig unter den Ulmen in der Sturmwindnacht; da werden sie glauben und nicht spötteln. An einem angststarren Abend ist ihm das zur Gewißheit geworden. Von innen heraus wird es ihn ergreifen, berühren, wenn das Gemüt sich hoch genug gestaut hat; es wird ihn verwandeln, er weiß selbst nicht wie. Seine Arme werden nicht mehr dünn, lang wie Affenarme sein; seine Stimme nicht mehr krächzen. Ein Heiligenschein wird über seinem Kopfe stehen.

»Halloh, der Segen Gottes mit dir und alle guten Geister.« Die kleine Brüderschaft, ehrbare dicke und dünne Männer, erhebt sich vor ihrem Vorsitzenden in der niedrigen Schenke am Wall.

Sie trinken Most aus Holzbechern, preisen die unsterbliche Seele. Eins spricht nach dem andern. Alle Güter müssen geteilt werden, und das Töten von Tieren ist Mord, und wenn man nicht bald in sich geht, steht der Weltuntergang bevor.

Sie trinken Most. In den plumpen schmutzigen Händen halten sie blaugeheftete Gebete, singen »ich weiß, daß mein Erlöser lebt«, und er ist nahe, mit einer Fußsohle steht er schon auf der Erde.

Sie rauchen aus langen schwarzen Pfeifen mit Totenköpfen, qualmen heftig.

Ein gedrücktes Männlein mit verschrumpeltem gelben Gesicht, entzündeten Augen und rascher, weicher Stimme steht an einer Ecke des Tisches auf, mit geröteten Wangen.

Es ruft in das erregte Gläserklirren hinein; daß der Prophet nahe sei, daß der erwartete die Ungläubigen niederstürzen werde, Völker und Könige und Brüder. Er müsse kommen bald. Der süße Trank beselige es. Im Stillen habe das Zukünftige sich vorbereitet, gleichsam wie das Kind in einer Schwangeren; wer wisse, in welchem Leid. Es versichere die Brüder, es sei so. Der große Krieg werde ausbrechen, in dem die Menschen sich gegenseitig vernichten; schon sei die Spannung auf Erden nicht mehr zu steigern, schon starre die Welt in Rüstung, und nur die Friedfertigen blieben übrig. In den Wolken stünde schon der Heiland, bereit, sein Werk zu vollenden, in den Wolken, welches seine eigenen Worte sind.

Sie trinken Most. Sie öffnen der Neumondnacht die kleine Tür der Schenke.

Auf einmal verstummen alle.

Einer steht mit wirren Worten auf.

Sie erschrecken.

Es geschehen heimliche Dinge. —

Am nächsten Morgen schurrt etwas Verhutzeltes mit dünnen Beinen aus der Tür der Schenke.

Erst taumelt es, und die Hände suchen, greifen nach jedem Festen, Pfahl, Baum, Gartenzaun. Dann geht es gerade und fest. Den Kopf auf die linke Schulter gefallen; geblähte Nüstern; wässrige, starre, halboffne Augen. Es geht halbnackt; in bloßen Hemdärmeln ohne Stiefel und Hut. Es wirft die Beine bei jedem Schritt weit nach vorn, preßt die Arme vor die Brust aneinander. Als die Menschen oben auf der Ulmenallee stehen bleiben, ein kleines Milchmädchen mit ihrer Blechkanne und zwei Straßenkehrer, verschlafene weiße Gesichter, fährt der Verhutzelte zusammen.

Man sieht es an. Es muß gerade gehen, jawohl, gerade gehen.

Es singt vor sich hin . . . .

Es geht langsam seines Weges fürbaß, so selig, leidvoll, getragen von einer schweren, dunklen Wolke. In den Wolken steht es, in den Wolken, welches seine eigenen Worte sind.

Ein heißer Schauer fährt plötzlich über das Männlein. Wenn es geschehen wäre, das Unglaubliche, die Verwandlung, heut über Nacht!

Die beiden Straßenkehrer hatten es angestarrt. Es reckt sich und hebt den Kopf, läßt ihn wieder fallen. Es war die heilige Neumondnacht. Und von ihm ginge etwas aus, eine Scheu, ein Schein, von seiner Stirne, von seinen Haaren. Besteche, bezwinge die Menschen. Es konnte ja nicht möglich sein.

Summend, mit stillem Singen und Träumen geht es weiter.

In den engen Straßen unten stoßen sich die Barbiere, die Rolljungen, die Bäcker an; sie treten zusammen und zischeln. Ein offenes gemeines Lachen hört Herr Götting plötzlich, wie er es nie gehört. Und nun entsetzt er sich tief und in glücklichem Graus: es ist geschehen, das Wunder hat sich vollzogen, der Herr hat es vollzogen. Laß, laß sie fluchen und speien! Und fester Boden liegt unter seinen Füßen, er träumt nicht, atmet die kühle Morgenluft. Mit beiden Sohlen steht er auf der Erde.

Während er in die Hauptstraße einbiegt, in der eben die Geschäfte geöffnet werden, laufen ihm die Schuljungen in Rotten nach, stoßen sich an, gröhlen laut, springen ängstlich beiseite.

Das Leid aller Jahre ist vergessen; oh, Dankbarkeit dem, der alles lenkt. Hosianah Dir, Herr!

Das Männlein steigt die Treppen zu seiner Wohnung hinauf, Albrechtstraße 15. Im Hausflur verstummen die Menschen wie mit einem Schlage, als sein Blick sie trifft. Dann hebt ein langes Geraune hinter seinem Rücken an und tönt noch, als die Glocke gezogen wird. Mit Lächeln geht das Männlein über die Schwelle. Das seltsame sieht dem schwermütigen dicken Geschöpf in die Augen, das in das Zimmer huscht, wo das Verhutzelte steht, den Kopf auf die linke Schulter gefallen, die Arme gegen die Brust gepreßt, und Liebe um den Mund und die wässrigen, verkniffenen Augen. Seine beiden Hände strecken sich nach ihr aus. Überströmt von Süße und Ernst sagt es mit weicher Stimme:

»Siehst du — siehst du; oh, ich wußte es, Elfriede. Nun bin ich wieder gekommen.«

Sie hält sich am Fensterbrett fest, sieht auf das Männlein, schreit auf: »Adolf!«

»Ja, Elfriede. Ich habe mich in allen Nöten für ihn bereit gehalten, ich habe so lange geharrt. So bitteres drum erduldet. Aber freut euch, die mit mir gewartet haben!«

»Bist du so gegangen, Adolf? Den ganzen Weg, sag, Adolf, bist du so gegangen? Du hast ja gar keine Jacke an und gar keine Stiefel und gar keinen Hut.«

Die Augen ihr gegenüber halten still; ein Gesicht erkaltet, eine Stimme antwortet ihr, die sich jäh zu Erz erhärtet hat:

»Du, ich sagte es schon, bist auch du von der Rotte Korah? Heb dich von mir, auf daß ich nicht unrein an dir werde.«

Das gelle unflätige Gelächter aus dem Hausflur und von der Treppe schallt ins Zimmer.

»Adolf, was ist geschehen? Wo hast du deine Sachen gelassen?«

Das Männlein sieht starr auf seine Füße, die Hände flackern auf der Brust, der Kopf fällt langsam nach vorn über.

»Die Stiefel. Die Rotte Korah. Ja, was meint das Weib damit? Was will das Weib in diesem Zimmer damit gesagt haben?«

Und dann brüllt es mit eherner Stimme, hervorquellenden Augen gegen die Tür:

»Nicht lachen, nicht lachen! Hier gibt es nichts zu lachen!«

Und glüht mit einmal auf, läuft an das Bett, versteckt den Kopf unter die Decke, stammelt: »Oh, nicht lachen . . . Bitte, bitte, nicht lachen. Oh, ich bitte euch, ich flehe, ich fle—he—«

Da hat sie nur das zitternde halbnackte Männlein zu halten.